{"id":15502,"date":"2023-02-18T08:46:18","date_gmt":"2023-02-18T08:46:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=15502"},"modified":"2023-02-18T15:07:32","modified_gmt":"2023-02-18T15:07:32","slug":"die-neue","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=15502","title":{"rendered":"Die Neue"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts15502&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts15502&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Als der Chef ank\u00fcndigte, wir w\u00fcrden eine neue Kollegin bekommen, erwachte ich aus meinem D\u00e4mmerschlaf. Er brabbelte von ihrem ausgezeichneten Medien-Studium an der FH und ihrer bisherigen T\u00e4tigkeit im Marketing eines Skigebiets und ich wartete ungeduldig darauf, dass er aufh\u00f6rte zu sprechen, damit ich sie in aller Ruhe googeln konnte. Endlich bekamen wir jemand Neuen. Meine Kolleginnen langweilten mich.<\/p>\n<p>Sie hie\u00df Sophia, postete Fotos von sich in Santorin und vor dem Isl\u00e4nder Gullfoss und teilte vegetarische Rezepte mit Kichererbsen. Ich r\u00fcmpfte die Nase. Vielleicht hatte ich die falsche Sophia.<\/p>\n<p>Ich hatte nicht die falsche Sophia. Am Tag ihres Arbeitsbeginns kam sie mit \u00fcbergro\u00dfer Brille, ros\u00e9goldenen Ketten und einem Spalt zwischen den Vorderz\u00e4hnen ins B\u00fcro und stellte sich strahlend bei uns vor, machte mir ein Kompliment zu meinem Tattoo am Handgelenk und lachte \u00fcber die ausgelutschte Warnung einer Kollegin vor der Kaffeemaschine. Sie war nett bis zum Wegd\u00f6sen. Ich verkr\u00fcmelte mich schmollend auf meinen Platz.<\/p>\n<p>In den n\u00e4chsten Tagen beobachtete ich sie. Durch die Glasw\u00e4nde ihres B\u00fcros sah ich, wie sie beim Telefonieren brav l\u00e4chelte, wie sie ihre Einstandsblumen fotografierte, wie sie auf dem iPhone mit zersprungenem Display herumtippte und wie sie ihre platten Wangenknochen vor Kundenterminen mit Rouge best\u00e4ubte. So selbstbewusst, wie sie herumlief, k\u00f6nnte man meinen, sie w\u00e4re l\u00e4nger hier als ich.<\/p>\n<p>Ich suchte das Gespr\u00e4ch mit ihr. Bereitwillig erz\u00e4hlte sie, dass sie am Land aufgewachsen und lange Zeit bei der Landjugend und der Musikkapelle aktiv gewesen war. Ich verkniff mir das Augenrollen. Gleich w\u00fcrde sie ihren Freund erw\u00e4hnen, der bei der Feuerwehr war und im IT-Bereich arbeitete. Stattdessen sagte sie, dass sie am Wings-for-Life-Run im Mai teilnehmen wollte. Ich sah schon die Instagram-Story von ihrem verschwitzten Grinsen und ihren neuen Adidas-Laufschuhen neben all den anderen Instagram-Storys von verschwitztem Grinsen und neuen Adidas-Laufschuhen. Ich beendete das Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>Irgendwann, als wir gleichzeitig Feierabend machten, unterhielten wir uns f\u00fcr ein paar Minuten drau\u00dfen vor der T\u00fcr. Sie erz\u00e4hlte mir, dass ihre Schwester an Depressionen litt. Ich horchte auf. So etwas machte die Leute immer interessanter. Sie fragte mich, was ich so triebe in meiner Freizeit. Vorsichtig erw\u00e4hnte ich die Comic Cons, auf die ich gern ging, meine Versuche im Fluid Painting und das Geigenspielen. Sie h\u00f6rte mir zu und stellte Fragen. Ich sch\u00f6pfte Hoffnung.<\/p>\n<p>\u201eEs glauben alle, sie sind lesbisch\u201c, brummte eine Kollegin. \u201eNur, weil das jetzt cool ist. Woher wollen die \u00fcberhaupt wissen, dass sie nichts von M\u00e4nnern wollen, wenn sie es nie probieren?\u201c Sophia nickte. Ich spielte mit dem Regenbogenanh\u00e4nger an meinem Schl\u00fcsselbund und ignorierte sie nachher in der K\u00fcche.<\/p>\n<p>An einem Montag fragte sie mich, ob ich mit ihr und zwei anderen Kolleginnen mittagessen wollte. Skeptisch stimmte ich zu. Als wir zu viert durchs B\u00fcro gingen, sp\u00fcrte ich diverse hochgezogene Augenbrauen in meinem R\u00fccken.<\/p>\n<p>Wir sa\u00dfen in einem dieser protzigen Restaurants mit Schauk\u00fcche, spiegelnden Tischplatten und violetten Samtb\u00e4nken, das auf allen Foodblogs gehypt wurde. Sophia a\u00df vegan. Die anderen beiden a\u00dfen vegetarisch. Grantig bestellte ich einen Burger. Es ging um die n\u00e4chsten Urlaubsdestinationen; die eine wollte nach Sardinien, die andere nach Kroatien, Sophia nach San Francisco, weil sie in Europa \u201eschon \u00fcberall gewesen war\u201c. Ich murmelte etwas von zwei Wochen am Bauernhof meiner Oma, wo ich malen wollte, alle taten beeindruckt und fragten mich dann nichts mehr.<\/p>\n<p>Dann ging es um ihre Freunde: Gleich zwei waren im IT-Bereich, der letzte bei einer Spedition. Drei Paar Augen verdrehten sich nach oben, wenn ihre Besitzerinnen jammerten, dass die M\u00e4nner nicht so ordentlich im Haushalt waren, wie sie es gern h\u00e4tten. Ich schaute von einer zur anderen und wartete auf einen Hauch Individualit\u00e4t. Darauf, dass eine von ihnen sagte, sie w\u00e4re in einer offenen Beziehung, sie w\u00fcrde koreanische Gedichte lesen, sie h\u00e4tte ein Jahr in Tansania gelebt. Stattdessen sagte eine nach der anderen, dass sie gern ein Haus in ihrem Heimatdorf haben wollte. Ich fragte mich, ob sie sich auseinanderhalten konnten, wenn sie sich im Spiegel ansahen. Als sie n\u00e4chste Woche wieder zum Mittagessen aufbrachen, luden sie mich nicht ein.<\/p>\n<p>Wenn wir miteinander redeten, redeten Sophia und ich \u00fcber das Pr\u00e4sentationstraining, das der Chef f\u00fcr unser Team geplant hatte. Wir reden \u00fcber Geburtstagsgeschenke f\u00fcr M\u00fctter. Wir redeten \u00fcber Tee mit oder ohne Zucker. Wir redeten \u00fcber unsere Wochenendpl\u00e4ne. Sie wollte eine neue 90-Days-Fitness-Challenge beginnen. Ich behauptete, ich h\u00e4tte nichts vor.<\/p>\n<p>Dann kam die Weihnachtsfeier. Sophia war betrunken. Ich half ihr zu einem abseits gelegenen Tisch, brachte ihr ein Glas Wasser und ein Aspirin, das irgendjemand vorsorglich mitgenommen hatte. Sie bedankte sich. Dann begann sie zu weinen. Sie w\u00fcrde sich in ihrem Leben gefangen f\u00fchlen, h\u00e4tte Angst, dass ihr alles zu schnell ginge, w\u00e4re gestresst von ihren Verpflichtungen und den Erwartungen ihrer Familie. Ich nickte und t\u00e4tschelte ihren Arm und \u00fcberlegte, wann ich wohl davonschleichen k\u00f6nnte. Sogar ihre Probleme waren langweilig.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Montag tat sie so, als w\u00e4re das Gespr\u00e4ch nie passiert. Ich tat es ihr gleich.<\/p>\n<p>Ein paar Wochen sp\u00e4ter, in meinem Fr\u00fchlingsurlaub, las ich beim Fr\u00fchst\u00fcck in den Online-Nachrichten von einer Siebenundzwanzigj\u00e4hrigen, die mit aufgeschnittenen Pulsadern ins Krankenhaus gebracht worden war. Ich a\u00df meine Cornflakes auf und \u00fcberlegte, welche Acrylfarben ich mir kaufen sollte. Als ich wieder zur\u00fcck in die Arbeit kam, fehlte Sophia.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Christina K\u00f6nig<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\"><a href=\"https:\/\/fm4.orf.at\/stories\/3028830\/\" target=\"_blank\">FM4 Wortlaut 2022<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.mosaikzeitschrift.at\/?s=christina+k%C3%B6nig\" target=\"_blank\">Mosaik Literaturzeitschrift<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 23073<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als der Chef ank\u00fcndigte, wir w\u00fcrden eine neue Kollegin bekommen, erwachte ich aus meinem D\u00e4mmerschlaf. Er brabbelte von ihrem ausgezeichneten Medien-Studium an der FH und ihrer bisherigen T\u00e4tigkeit im Marketing eines Skigebiets und ich wartete ungeduldig darauf, dass er aufh\u00f6rte zu sprechen, damit ich sie in aller Ruhe googeln konnte. 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