{"id":15485,"date":"2023-02-16T16:07:03","date_gmt":"2023-02-16T16:07:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=15485"},"modified":"2023-02-25T13:26:39","modified_gmt":"2023-02-25T13:26:39","slug":"laute-stille","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=15485","title":{"rendered":"Laute Stille!"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts15485&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts15485&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es ist f\u00fcnf Uhr fr\u00fch, leise \u00f6ffnet sich die angelehnte T\u00fcr, du schl\u00fcpfst hindurch und wir h\u00f6ren deine Pfotentritte auf dem Parkettboden des Schlafzimmers. Ich muss schmunzeln, denn es ist immer sehr spannend, welche Bettseite du w\u00e4hlen wirst, wo du dann die Nase auflegen wirst und in die scheinbar schlafenden Gesichter schaust. Heute bin ich an der Reihe, du hast mich ausgew\u00e4hlt, dir die Verandat\u00fcr zu \u00f6ffnen, damit du in den Garten kannst.<\/p>\n<p>Ich betrachte den Sonnenaufgang am Horizont und warte, bis du mit deinem Fr\u00fchmorgengesch\u00e4ft fertig bist. Du l\u00e4ufst an mir vorbei zur Wassersch\u00fcssel, ich streichle dein weiches Fell und lege mich nochmals hin. Wir h\u00f6ren dich immer zufrieden seufzen, wenn du es dir dann im Hundebett in der Garderobe gem\u00fctlich machst. Ein heimeliges, freundliches, gl\u00fcckliches Durchatmen eines frohen Hundes.<\/p>\n<p>Gesch\u00e4ftiges Treiben dann sp\u00e4ter in der K\u00fcche, wenn alle Hausbewohner zum Tagwerk \u00fcbergehen. Die Kaffeemaschine rattert, der Wasserhahn l\u00e4uft, die K\u00fchlschrankt\u00fcr wird ge\u00f6ffnet. Das ist immer dein Code \u2013 K\u00fchlschrankt\u00fcr! Nun bist du mittendrin, wuselst zwischen unseren Beinen hin und her und kannst es kaum erwarten, bis ich deine Futtersch\u00fcssel mit Fr\u00fchst\u00fcck bef\u00fclle. Mit Eifer und Appetit verschlingst du deine Ration, die Emailsch\u00fcssel klappert und klirrt auf dem Fliesenboden, ein Ger\u00e4usch, das unseren Tag einl\u00e4utet. Ich streichle \u00fcber dein weiches, wohlriechendes Fell.<\/p>\n<p>Wenn ich im Sommer anschlie\u00dfend das Gem\u00fcsebeet gie\u00dfe, kommst du immer mit in den Garten, bellst und wedelst mit dem Schweif an meiner Seite und h\u00fcpfst durch die Pferdekoppel, ganz wichtig bist du und unheimlich gesch\u00e4ftig. Ein paar Jahre sp\u00e4ter wirst du nur mehr still an meiner Seite stehen und warten, bis ich fertig bin.<\/p>\n<p>In deinen jungen Jahren rast du anschlie\u00dfend \u00fcber die Holztreppe in den Keller und l\u00e4ufst mit in den Pferdestall, kontrollierst unsere Arbeit, wie ein Vorarbeiter nimmst du alles unter die Lupe, damit wir ja nichts vergessen. Ich streichle \u00fcber dein sonnenwarmes Fell.<\/p>\n<p>Wom\u00f6glich landet bei der F\u00fctterung der Pferde auch etwas Kraftfutter am Boden, das verleibst du dir nat\u00fcrlich sofort ein. Einige Jahre sp\u00e4ter willst du lieber im Haus bleiben und dich wieder hinlegen.<\/p>\n<p>Nach getaner Stallarbeit gehen wir ins Obergescho\u00df ins B\u00fcro, du folgst uns \u00fcber die Holztreppe, rollst dich unter dem Schreibtisch zu einem Fellkn\u00e4uel zusammen und schl\u00e4fst ein. Wir m\u00fcssen immer gut aufpassen, damit wir dich mit den lauten B\u00fcrosesseln und unseren F\u00fc\u00dfen nicht wecken. Einmal ziehst du den Stromstecker des PC\u2019s, als du dich reckst und streckst unter meinem Tisch. Ansonsten bist du ein ruhiger, angenehmer B\u00fcrokollege und man sp\u00fcrt dich kaum.<\/p>\n<p>Erst zur Mittagszeit, wenn ich in der K\u00fcche Essen zubereite, bist du wieder ganz wichtig bei der Sache. Codewort K\u00fchlschrankt\u00fcr! Jeden Arbeitsgang beobachtest du ganz genau, es besteht ja die M\u00f6glichkeit, dass mir etwas Essbares von der Anrichte f\u00e4llt, auf dem Boden vor deinen Pfoten landet. Ich brauche selten einen Staubsauger nach dem Kochen. Wie eine alte Primaballerina h\u00fcpfe ich an dir vorbei zwischen Herd, Vorratsladen, Geschirrschr\u00e4nken und Sp\u00fcle. Nie ist es in all den Jahren passiert, dass ich aus Versehen \u00fcber dich gestolpert bin. Und manchmal streichle ich zwischendurch \u00fcber dein Fell.<\/p>\n<p>Einige Jahre sp\u00e4ter wirst du nur mehr mitten in der K\u00fcche am Boden liegen, ein wenig d\u00f6sen und abwarten, bis ich fertig bin mit dem Kochen.<\/p>\n<p>An den Wochenenden oder Feiertagen nehmen wir dich am Nachmittag mit zu einem langen Spaziergang. Manchmal bist du auch der Reitbegleithund f\u00fcr meinen Mann, du darfst dann an seiner Seite neben dem Pferd laufen. Das sind immer deine absoluten Highlights, das \u00fcbersteigt sogar noch die K\u00fchlschrankt\u00fcr. Schnauze Richtung Boden, Rute in die H\u00f6he und so ziehen wir durch W\u00e4lder, G\u00fcterwege und Landschaften. Es ist immer unglaublich spannend f\u00fcr dich, egal, wie oft du einen Weg schon gelaufen bist, es gibt immer etwas zu entdecken. In ganz jungen Jahren sind wir am Hundeplatz und auf Agilityturnieren mit dir. Deine Aufregung ist dann besonders gro\u00df und so ein Turniertag mit der zw\u00f6lfj\u00e4hrigen Tochter an deiner Seite eine Riesenfreude. Du lernst ihr sehr viel in diesen Jahren: Geduld, liebevolle Konsequenz, korrekte K\u00f6rpersprache, Verl\u00e4sslichkeit und F\u00fcrsorge. Du wirst ihre Jugendzeit pr\u00e4gen und wir sind unheimlich dankbar daf\u00fcr. Und sehr oft an solchen Tagen streicheln wir dein windzerzaustes Fell. Sp\u00e4ter wirst du keine Turniere mehr laufen, aber du begleitest uns auf Almh\u00fctten in die Nockberge, wanderst ruhig und unaufgeregt \u00fcber sanfte H\u00fcgel mit uns, genie\u00dft den Ausblick beim Lagerfeuer an der H\u00fctte \u00fcber die Berge und vielleicht f\u00e4llt manchmal auch etwas f\u00fcr dich ab vom leckeren Essen, ich denke da an einen vorbereiteten Eierschwammerlstrudel, der auf deiner Schulterh\u00f6he zum Abk\u00fchlen in der Speisekammer gelagert ist. Wir lachen heute noch dar\u00fcber. \u00dcberhaupt eroberst du mit Leichtigkeit und deiner eigenen Art von Humor alle Herzen unserer Freunde, Bekannten und Verwandten im Sturm.<\/p>\n<p>Dein Leben auf dem Pferdehof ist ausgeglichen und routiniert, wir k\u00f6nnen die Uhr danach ablesen. Wenn wir mit der abendlichen Stallarbeit besch\u00e4ftigt sind, liegst du in der Wiese vor dem Stall und wartest geduldig, du siehst den Spazierg\u00e4ngern und Reitern auf der Stra\u00dfe zu, beobachtest Schmetterlinge und im Winter spielst du mit den Schneeflocken. Nie, niemals l\u00e4ufst du in den angrenzenden Wald und gehst alleine auf die Pirsch. Du kennst deinen erlaubten Bewegungsradius sehr gut. Manchmal haben wir Besuch im Reiterst\u00fcberl und hier hast du einen Sonderplatz, du darfst auf einer Decke auf der Eckbank liegen. Wir streicheln dann ausgiebig dein weiches Fell. Aber nur hier im St\u00fcberl darfst du auf der Bank schlafen, im Haus ist es nicht erlaubt und du wei\u00dft das von Anfang an. Niemals liegst du auf dem Sofa, du denkst gar nicht dar\u00fcber nach \u2013 okay, ganz selten doch, wenn ein Gewitter tobt oder es st\u00fcrmisch ist, dann w\u00fcrdest du dich doch gern zu uns auf dem Sofa an uns schmiegen. Einige Jahre sp\u00e4ter wirst du nichts mehr h\u00f6ren und dann plagt dich auch das Grollen eines Donners nicht mehr.<\/p>\n<p>Gerne l\u00e4ufst du an solchen Gewittertagen auch \u00fcber die Treppe in den Keller und verkriechst dich, dort ist es nicht gar so laut und bedrohlich. \u00dcberhaupt liegst du oft vor T\u00fcren und Treppen, wenn niemand daheim ist. Das Schweifwedeln f\u00e4llt dann besonders \u00fcppig aus, wenn jemand heimkommt und du nicht mehr alleine bist. Wir streicheln dann extra lobend und liebevoll dein schokobraunes Fell. So herzlich begr\u00fc\u00dft zu werden macht allen Familienmitgliedern Freude. Sp\u00e4ter werden wir Absturzgitter an den Stiegen anbringen, du kannst nicht mehr gut Treppen laufen und wir haben Angst, dass du hinunterst\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Und heute sitze ich da und die Stille im Haus und am Hof ist so laut, dass es in den Ohren schmerzt. Kein zufriedenes Seufzen mehr vom Hundebett, kein klapperndes Emailgeschirr beim Fressen, keine tapsigen Pfotentritte mehr auf Holzb\u00f6den und kein Bellen mehr aus dem Garten. Unglaublich laute Stille!<\/p>\n<p>Vierzehn Jahre hast du uns und unseren Tagesablauf gepr\u00e4gt, unser Leben unheimlich bereichert. Dein weiches Fell fehlt unserer Haut, deine bernsteinfarbenen Augen bleiben unvergessen, deine Herzlichkeit und Fr\u00f6hlichkeit, dein wirbelndes Wesen in jungen Jahren, dein sanftes Gem\u00fct als Senior. Du fehlst so sehr, dass es k\u00f6rperlich weh tut. Du warst unser aller Schatten, Tag f\u00fcr Tag!<\/p>\n<p>Und t\u00e4glich beim \u00d6ffnen der K\u00fchlschrankt\u00fcr muss ich l\u00e4cheln und wenn noch manchmal Hundehaare auf unseren Socken zum Vorschein kommen, freuen wir uns ein bisschen. Und sei gewiss, wir werden dich alle nie vergessen, mein Freund!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Manuela Murauer<br \/>\n<a href=\"http:\/\/waldgefluesteronline.com\/\" target=\"_blank\">waldgefluesteronline.com\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> | Inventarnummer: 23069<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist f\u00fcnf Uhr fr\u00fch, leise \u00f6ffnet sich die angelehnte T\u00fcr, du schl\u00fcpfst hindurch und wir h\u00f6ren deine Pfotentritte auf dem Parkettboden des Schlafzimmers. 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