{"id":1520,"date":"2014-07-26T12:52:48","date_gmt":"2014-07-26T12:52:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1520"},"modified":"2014-07-28T08:40:54","modified_gmt":"2014-07-28T08:40:54","slug":"einschneidend","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1520","title":{"rendered":"Einschneidend"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1520&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1520&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Sieben Meter ma\u00df der Salon der L\u00e4nge nach. In etwa. Genau w\u00fcrde es nur ein Blick auf den Grundrissplan oder ein Ausmessen ergeben. Gesch\u00e4tzte sieben Meter also, denn die Schritte konnte er nicht hintereinander in einer Geraden setzen, nur in drei Tangenten, die er nacheinander an die drei der sechs schweren Kundensessel legte. Drei Schritte von der offenstehenden Eingangst\u00fcr zum ersten Sessel auf der rechten Seite, dann mit den zwei n\u00e4chsten zum mittleren Stuhl auf der gegen\u00fcberliegenden Seite und die zwei letzten endeten schlie\u00dflich am dritten rechtsseitig gelegenen Kundensitz, auf dem gerade eine Frau, eine kleine Person mit dunkelblondem Pagenkopf \u2013 er kannte sie nicht \u2013 Platz genommen hatte.<br \/>\nMarietta begann mit der Kundenberatung und warf ihm einen beschw\u00f6renden Blick zu, doch Marco durchma\u00df seinen Salon weiter mit ausladenden nerv\u00f6sen Schritten, riss dann und wann scheinbar unmotiviert seine Arme in Richtung Himmel, gegen den er auch leise Fl\u00fcche richtete und erweckte alles in allem den Eindruck eines verst\u00f6rten Mannes, dessen Ungl\u00fcck mehr Raum beanspruchen w\u00fcrde als er hier imstande war ihm zu geben.<br \/>\n\u201eMarco, die Signora m\u00f6chte von dir bedient werden, w\u00fcrdest du bitte \u2026\u201c Marietta wandte sich entschlossen mit lauter Stimme an ihren Mann, der irritiert sein Umhergehen stoppte, sich zusammenriss und h\u00f6flich der Kundin zuwandte.<br \/>\n\u201eIch w\u00fcrde gerne meine Haare k\u00fcrzen lassen, stufig. Sehr wichtig ist mir, dass die Frisur keineswegs wie frisch geschnitten aussehen darf. Die Haare sollen locker fallen und nat\u00fcrlich wirken.\u201c<br \/>\nMarco griff von hinten in das volle Haar der Kundin, hob es von unten an, f\u00fchlte die Schwere und erwog das erforderliche Ma\u00df des Ausd\u00fcnnens, um den Stand am Hinterkopf ad\u00e4quat zu gew\u00e4hrleisten. Er sah der Frau \u00fcber den Spiegel kurz in die Augen und nickte ihr zu. Das Prada-Schild in ihrer Bluse im Nacken bemerkte er und wunderte sich, warum eine so elegant und teuer gekleidete Frau gerade seinen in die Jahre gekommenen und an der Peripherie Roms gelegenen Salon angesteuert hatte. Es musste ein Zufall sein. Ein Notfall quasi, denn Frauen sind in der Wahl ihres Friseurs naturgem\u00e4\u00df eigen und heikel.<\/p>\n<p>Seine Gedanken wandten sich wieder Laura zu. Seiner kleinen Laura. Die Ereignisse hatten sich in einer nie f\u00fcr m\u00f6glich gehaltenen lauten Weise \u00fcberschlagen. Seine Tochter Laura hatte ihm und seiner Frau gestern nach dem Fr\u00fchst\u00fcck mit holprigen S\u00e4tzen und mit sichtlich schlechtem Gewissen mitgeteilt, dass sie am Vortag ihren Freund Enzo geheiratet h\u00e4tte, dass sie ein Kind erwarteten und die junge Familie f\u00fcr einige Jahre in die USA nach Boston ziehen w\u00fcrde. Abflug noch am gleichen Tag! Die Dunkelheit des Gedankens dr\u00fcckte ihm die Luft ab. Etwas derart Schlagartiges und Absolutes hatte noch nie erlebt. Da war nichts Verhandelbares. Der Abgrund lag also neben jedem Fr\u00fchst\u00fcckstisch. Das wusste er jetzt.<\/p>\n<p>\u201eIch m\u00f6chte mit der neuen Frisur kompetent wirken, vielleicht sogar ein wenig streng, aber keinesfalls maskulin, Sie verstehen doch, was ich meine, Signore?\u201c<br \/>\nErst jetzt bemerkte Marco, dass die Kundin mit einem m\u00e4nnlichen Begleiter gekommen war, der neben der Eingangst\u00fcr stand und seinen Blick unverwandt nach drau\u00dfen richtete. Der Friseur deutete mit einer Bewegung seines Kopfes seiner Frau Marietta an, dem Mann einen Sitzplatz anzubieten. Diese sch\u00fcttelte nur achselzuckend ihren Kopf. Anscheinend wusste der Gute nicht, dass Haareschneiden bei Frauen nicht so mir nichts dir nichts abgehandelt war.<\/p>\n<p>Jetzt war Laura also schon auf halber Strecke \u00fcber dem Atlantik, mit seinem Enkelkind im Bauch. Mit einem Ehemann, den er sympathisch fand, aber in Wahrheit kaum kannte. Erst vor einem halben Jahr hatten sich die beiden kennengelernt. Und er hatte bei der Heirat den Familiennamen Lauras angenommen! Was f\u00fcr eine Absurdit\u00e4t, stammte dieser Enzo \u2013 sein Schwiegersohn! \u2013 doch aus einer angesehenen Juristenfamilie Roms. Marco sch\u00fcttelte den Kopf.<br \/>\n\u201eGibt es denn ein Problem mit meinen Vorstellungen, Signore?\u201c erkundigte sich die Kundin mit hochgezogenen Augenbrauen.<br \/>\n\u201eNein, nein, Signora, ich musste nur gerade an meine Tochter denken, die zur Zeit nichts als Unsinn im Kopf hat, entschuldigen Sie bitte. Ich mache mich dann ans Werk, Sie werden zufrieden sein. Darf ich mir die Frage erlauben, warum Sie meinen kleinen Friseursalon ausgew\u00e4hlt haben, Sie sind doch bestimmt nicht aus diesem Stadtbezirk?\u201c<br \/>\n\u201eAch, ich war gerade in der Gegend und bin auch irgendwie in Eile. Ihr Salon wirkte vertrauenerweckend. Auch mein Sohn macht mir \u00fcbrigens gerade Sorgen. Oder sollte ich besser sagen, ich ihm? Jedenfalls ist er von zu Hause ausgezogen. Mehr oder weniger im Streit. Was soll man da machen als Mutter? Ich kann in meinen Entscheidungen nicht immer auf ihn R\u00fccksicht nehmen, er ist schlie\u00dflich erwachsen.\u201c<br \/>\n\u201eJa, diese Eltern-Kinder-Probleme kennen wir doch alle. Meine Tochter ist praktisch \u00fcber Nacht ausgewandert nach Amerika! Das muss ich erst noch verdauen.\u201c<\/p>\n<p>Marco bemerkte die in F\u00fcnf-Minuten-Abst\u00e4nden erfolgenden kurzen Blickkontakte zwischen seiner Kundin und ihrem Begleiter mit nachfolgendem best\u00e4tigendem Nicken.<\/p>\n<p>\u201eOh, wissen Sie Signore, die jungen Leute treffen ihre eigenen Entscheidungen, die wohl \u00fcberlegt sind. Wir d\u00fcrfen ihnen schon Urteilsverm\u00f6gen zutrauen, auch wenn es an Erfahrungen noch mangelt. Mein Sohn jedenfalls hatte allen Grund wegzuziehen. Er hat gerade eine Familie gegr\u00fcndet und der m\u00f6chte er eine Lebensgrundlage bieten, einen sicheren Ort, wo sein Kind in Ruhe aufwachsen kann. Ohne diese permanente Angst, die ein Leben in Rom b\u00f6te.\u201c<br \/>\n\u201eAlso hier kann man doch gut leben! Ich wei\u00df nicht, was Sie haben, Sie sprechen ja wie meine Tochter, die sagte auch etwas von st\u00e4ndiger Angst hier in der Stadt. Wie soll ich das verstehen? Ich habe mich noch nie f\u00fcrchten m\u00fcssen. Meine Kinder sind hier auch in Sicherheit gro\u00df geworden.\u201c<br \/>\n\u201eManchmal entstehen Situationen, die Angst machen, ganz pl\u00f6tzlich. Wie aus dem Nichts. Durch Umst\u00e4nde, die man nicht beeinflussen kann, oder Gegebenheiten, die jemand herbeif\u00fchrt. Aus Egoismus, Karrieredenken, aus der Midlife-Krise heraus. So hat mein Sohn mir das jedenfalls vorgeworfen. Nicht ganz unrichtig, ja, aber ich wusste nichts von dem Kind, das die beiden erwarten. Ich wusste davon nichts. Ich habe zugesagt, als das Angebot kam. Alea iacta est. Es war mir so ein Anliegen, dieses Jobangebot anzunehmen, ein langgehegter Traum. Mit all dem Wagnis, das damit verbunden ist. Jetzt allerdings noch zus\u00e4tzlich mit dem Alptraum, mein Enkelkind nicht sehen zu k\u00f6nnen. Das ganze sorgf\u00e4ltig kuratierte Leben ist pl\u00f6tzlich Vergangenheit.\u201c<br \/>\n\u201eWie gef\u00e4llt Ihnen die L\u00e4nge \u00fcber den Ohren?\u201c<br \/>\n\u201eJa, das passt genau so, vielen Dank, Signore. Genau so m\u00f6chte ich heute Abend aussehen.\u201c<\/p>\n<p>Marco rief seiner Kundin, die dicht hinter ihrem Begleiter den Salon verlie\u00df, ein zufriedenes \u201eDanke\u201c nach sowie ein \u201eViel Erfolg f\u00fcr Ihre neue Aufgabe!\u201c<br \/>\nDiese drehte sich in der T\u00fcr nochmals um und sah ihm ernst in die Augen: \u201eIhre Frisur bekommen Sie \u00fcbrigens heute Abend im Fernsehen zu sehen. Auf allen Sendern. Und Sie m\u00fcssen mir glauben, von der Schwangerschaft Lauras wusste ich nichts, das h\u00e4tte alles ge\u00e4ndert.\u201c<\/p>\n<p>Am Abend erfuhren Marietta und Marco aus den Medien von der Ernennung ihrer Kundin zur Richterin im anstehenden aufsehenerregenden Anti-Mafia-Prozess.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michaela Swoboda<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 14058<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sieben Meter ma\u00df der Salon der L\u00e4nge nach. In etwa. Genau w\u00fcrde es nur ein Blick auf den Grundrissplan oder ein Ausmessen ergeben. Gesch\u00e4tzte sieben Meter also, denn die Schritte konnte er nicht hintereinander in einer Geraden setzen, nur in drei Tangenten, die er nacheinander an die drei der sechs schweren Kundensessel legte. 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