{"id":14697,"date":"2022-10-25T15:29:20","date_gmt":"2022-10-25T15:29:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=14697"},"modified":"2022-11-28T07:38:28","modified_gmt":"2022-11-28T07:38:28","slug":"tag-der-wunder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=14697","title":{"rendered":"Tag der Wunder"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts14697&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts14697&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es war schw\u00fcl, ein Unwetter k\u00fcndigte sich an, mein Kopf schickte mir Vorboten um Vorboten. Und noch dazu sollten wir an jenem Tag meine Gro\u00dfmutter begraben.<br \/>\nOder zumindest bei einem Gottesdienst verabschieden, es w\u00fcrde sp\u00e4ter eine Urnenbestattung geben. Ich war mit meinen beiden Br\u00fcdern unterwegs nach Tirol, wo unsere Oma so viele Jahre gelebt hatte, das Gef\u00fchl war mulmig, die Familie unserer Gro\u00dfmutter chronisch zerstritten, mal diese Schwester mit jener, mal redete der Sohn nicht mit der Mutter, mal sie nicht mit ihrer Tochter. Es war eine Art Dauerzustand beim in Tirol ans\u00e4ssigen Teil der Familie, es fiel im Normalbetrieb nicht mehr gro\u00df auf. Sie waren laut, sie debattierten gern und leidenschaftlich, auch und vor allem, wie Au\u00dfenstehenden schien, \u00fcber Dinge, von denen sie zu wenig wussten. Aber eine Meinung dazu hatten sie gewiss. Und die von anderen gelten zu lassen, galt kaum als verfolgenswertes Ziel. Hauptsache, lautstark zum Ausdruck bringen, was man davon h\u00e4lt, dass der andere \u00fcberhaupt etwas Abweichendes meinen k\u00f6nnte. Wer mit der h\u00f6chsten Dezibelanzahl am l\u00e4ngsten durchh\u00e4lt, ist der Gewinner, so kannten wir die Diskussionen im Hause unserer Gro\u00dfmutter.<\/p>\n<p>Und nun war sie nicht mehr.<\/p>\n<p>Spannend blieb, wie sich das Treffen mit unserem Vater und seiner zweiten Frau gestalten w\u00fcrde, wir hatten einander zu diesem speziellen Zeitpunkt Jahre nicht gesehen. Und auch die drei Tanten waren uns nicht wirklich vertraut, zu gro\u00df der Abstand, r\u00e4umlich (eine in Deutschland, zwei in Tirol), zeitlich, emotional.\u00a0 Unseren Onkel hatten wir einmal vor ein paar Jahren besucht, er und seine Frau begr\u00fc\u00dften uns freundlich, andere Friedhofsg\u00e4ste blieben im Hintergrund. Unser Vater und seine Frau hielten vor der Aufbahrungshalle Smalltalk mit uns Geschwistern, er fragte mich scherzhaft (?), ob ich denn wieder Nachwuchs erwarte. Ich verwies aufs Wohlstandsb\u00e4uchlein und Freude am Essen und lie\u00df die Sache gut sein.<\/p>\n<p>\u00dcber dem Friedhof selbst braute sich etwas zusammen, schwarz wie die Nacht ballte sich die Wolkenfaust. Wir waren froh, in die Kirche zu kommen, bevor das Gewitter \u00fcber uns hereinbrechen sollte. Im Gotteshaus selbst erleuchtete ein Kerzenkranz den Sarg, ein Foto unserer Gro\u00dfmutter war davor aufgestellt, sie schien uns anzusehen, oder machte das das Flackern der Kerzen?<\/p>\n<p>Die Gedenkmesse verlief, was das Wort Gottes betraf, recht unauff\u00e4llig, bis auf das laute Donnergrollen und die Blitze, die die bunten Glasfenster von drau\u00dfen schlaglichtartig beleuchteten.<br \/>\nBeides nahm zu, und schlie\u00dflich war es finster: Der Strom war ausgefallen. Nun tauchte nur noch der Kerzenschein die kleine Kirche in schummriges Licht, und stakkatoartig flashten uns die Blitze. Die Anwesenden murmelten, blinzelten, schauten sich um: Es bleib dabei. Altar und Sarg im Kerzenschein, ansonsten Finsternis. Die Zeremonie endete wohl etwas schneller als geplant, denn die Unruhe im Publikum nahm zu.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich verlie\u00df der Zug die Kirche und kam vom Regen in die Traufe, sozusagen, die Verabschiedung der Trauerg\u00e4ste untereinander verlief kurz und b\u00fcndig, denn das Unwetter war in vollem Gang. Die Urnenbestattung war f\u00fcr Wochen sp\u00e4ter vorgesehen, und die meisten aus der Trauergemeinde w\u00fcrden sich ja im Gasthaus, unweit des Friedhofes, in wenigen Minuten ohnehin schon wieder treffen.<\/p>\n<p>Doch auch dieses war nicht verschont geblieben von Weltuntergangsstimmung und Stromausfall: Die K\u00fcche war mittlerweile kalt, das Essen halbfertig im oder am Ofen, die G\u00e4ste hungrig und aufgedreht, die Stimmung zwischen Gereiztheit, Resignation und Fatalismus angekommen.<br \/>\nDie Anwesenden sa\u00dfen im Halbdunkel, behalfen sich mit Getr\u00e4nken und waren derma\u00dfen \u00fcberdreht und strapaziert, dass keiner mehr die Kraft hatte, gegen irgendetwas aufzubegehren, was ohnehin nicht zu \u00e4ndern war, und so geschahen mehrere Dinge:<\/p>\n<p>Zwei der drei Tanten, die geschworen hatten, ewig kein Wort mehr miteinander zu wechseln, lagen sich schlie\u00dflich weinend in den Armen. Unser Onkel lie\u00df uns von unserem Vater ausrichten, wir m\u00f6gen uns doch zu ihnen an den Tisch setzen, und tats\u00e4chlich f\u00fchrten wir ein Gespr\u00e4ch miteinander.<br \/>\nIch legte mich kurz in den Nebenraum auf eine Sitzbank, weil meine Kopfschmerzen unertr\u00e4glich geworden waren. Und als ich meine Augen wieder \u00f6ffnete, war der Strom zur\u00fcck. Nach einer weiteren halben Stunde kamen sch\u00f6n langsam die gef\u00fcllten Teller an den Tischen an, man a\u00df, was die K\u00fcche in der Geschwindigkeit hergab, und war schlussendlich zumindest ges\u00e4ttigt. Diese Zehrung hatte ihren Namen wirklich verdient.<\/p>\n<p>Danach ging es ans Verabschieden, ab zum Auto meines Bruders, gl\u00fccklicherweise war das Gewitter inzwischen beinah abgezogen und die Sonne blinzelte schon sch\u00fcchtern vom Himmel. Wir machten uns auf den Weg nach Norden, circa drei Stunden Heimreise lagen vor uns. Da \u00e4u\u00dferte ich die Bitte, doch noch kurz einen Abstecher zum Sportplatz zu machen, dort stand das Haus, in dem unsere Oma in einer kleinen Wohnung ihre sechs Kinder ohne Hilfe eines Mannes oder einer anderen erwachsenen Person mehr schlecht als recht gro\u00dfgezogen und das sie bis vor ihrer Unterbringung in einem Pflegeheim schlie\u00dflich allein bewohnt hatte. Dass ich es sehen wollte, war mir spontan eingefallen, als Abschluss dieses denkw\u00fcrdigen Tages, und es lag beinah am Weg.<\/p>\n<p>Wir nahmen also die kleine Stra\u00dfe dorthin, und was soll ich sagen \u2026 H\u00e4tte ich es erfunden, w\u00fcrde ich mich ein bisschen genieren f\u00fcr dieses Klischeebild, aber nachdem es nun einmal so war:<\/p>\n<p>Direkt \u00fcber dem Haus stand ein pr\u00e4chtiger Regenbogen. Er umrahmte das schmucklose graubeige Geb\u00e4ude auf wundersamste Weise.\u00a0 Wir schauten, staunten, schwiegen und fuhren nach Hause.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Carmen Rosina<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=408\">an Tagen wie diesen &#8230;<\/a> | Inventarnummer: 22110<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war schw\u00fcl, ein Unwetter k\u00fcndigte sich an, mein Kopf schickte mir Vorboten um Vorboten. Und noch dazu sollten wir an jenem Tag meine Gro\u00dfmutter begraben. Oder zumindest bei einem Gottesdienst verabschieden, es w\u00fcrde sp\u00e4ter eine Urnenbestattung geben. 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