{"id":1469,"date":"2014-07-12T14:04:44","date_gmt":"2014-07-12T14:04:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1469"},"modified":"2014-07-13T07:44:29","modified_gmt":"2014-07-13T07:44:29","slug":"ein-geschaeft-mit-traeumen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1469","title":{"rendered":"Carlos"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1469&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1469&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Der Regen goss seit Stunden und doch kam es ihm vor, als ob der Boden hart und trocken bliebe. Als ob die Erde nie genug bek\u00e4me und immer mehr in sich aufsaugen m\u00fcsste. Die M\u00e4nner schafften unerm\u00fcdlich die gro\u00dfen braunen Pakete von der Lagerhalle auf den Lieferwagen. Jedes einzelne fest eingepackt in eine durchsichtige Plastikh\u00fclle, damit der kostbare Inhalt nicht nass werden w\u00fcrde. Wie in einer Endlosschleife vollbrachten die gesichtslosen Arbeiter seit fast zwei Tagen \u00a0dieselben Bewegungen, einer Ameisenstra\u00dfe gleich, ohne Unterlass, ohne Beschwerden, ohne Pause. Als die Wolken aufgezogen waren und der Regen immer st\u00e4rker und unerbittlicher auf sie hinab str\u00f6mte, hatten sie nicht mit der Wimper gezuckt, keinen Moment innegehalten, um den Kragen aufzurichten oder sich gar unterzustellen.<\/p>\n<p>Carlos war wie hypnotisiert von diesem Perpetuum mobile. Er betrachtete die Handlanger mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination. Einige von ihnen w\u00fcrden vermutlich nicht mehr lange leben. W\u00fcrden den k\u00f6rperlichen Anforderungen dieses Jobs nicht mehr standhalten, von Kollegen\u00a0 wegen ein paar Pesos erschlagen oder erstochen werden oder im Kugelhagel der Konkurrenz ihr Leben lassen. Es gab viele M\u00f6glichkeiten, in diesem Land zu sterben. Besonders in diesem Gewerbe. Manchmal spielte Carlos ein kleines Spiel. Welcher w\u00fcrde als n\u00e4chster verschwinden? W\u00fcrde den einen, etwas \u00e4lteren mit ergrautem Bart, das Dengue- oder das Gelbfieber dahinraffen? Oder der Junge, der kaum \u00e4lter als siebzehn wirkte, den fatalen Fehler machen und zu viel Geld unter seiner Matratze verstecken, um es seiner Familie zu schicken? Woraufhin ihm einer seiner compa\u00f1eros in der Nacht die Kehle aufschlitzen w\u00fcrde, um an die ersehnten Scheine zu kommen, die ein besseres Leben versprachen, um letztendlich doch nur beim ans\u00e4ssigen Schwarzbrenner zu landen?<br \/>\nEs war schwer vorstellbar, dass sein Vater einst einer von ihnen gewesen war. Sein Vater, stets in feinsten Zwirn geh\u00fcllt, mit Krawatten passend zu seinen Steckt\u00fcchern und Schuhen, die mehr Geld kosteten, als diese Arbeiter je in ihrem Leben zu Gesicht bekommen w\u00fcrden. So wie diese armen Seelen war sein Vater einst seinem Traum gefolgt. Dem Traum von Arbeit, von Geld, von einem besseren Leben. So voller Hoffnung und Verzweiflung, dass kein Gedanke an die Gefahren oder die Aussichtslosigkeit dieses Vorhabens verschwendet wurde. Doch sein Vater hatte es geschafft. Hatte sich durchgek\u00e4mpft und \u00fcberlebt. Und nicht nur das. Er hatte ein Imperium mit unvorstellbarem Reichtum in die Welt gesetzt und Carlos w\u00fcrde es eines Tages erben. Und so wurde sein Vater niemals m\u00fcde, ihm seine Geschichte zu erz\u00e4hlen. Eindringlich, mit tiefer, sonorer Stimme und mit feurigen Augen malte sein Vater ein blutiges, schlammiges Gem\u00e4lde von seiner Kindheit und Jugend. Von seinen drei Geschwistern, die er sterben sah, weil weder Arzt noch sauberes Wasser eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit in ihrem kleinen Dorf gewesen waren. Vom gewaltt\u00e4tigen Vater, der seinen kargen Verdienst f\u00fcr Schnaps ausgab, von der sanften Mutter, die mit aller Kraft daf\u00fcr gek\u00e4mpft hatte, ihren J\u00fcngsten in die Schule zu schicken. Doch mit zehn Jahren half alles Betteln und Flehen nichts mehr und Carlos Vater musste in der nahegelegenen Kaffeeplantage sein Auskommen finden. Die Arbeit war hart und gef\u00e4hrlich. Manchmal musste er so viele Stunden schuften, dass er zu ersch\u00f6pft war, um nach Hause schlafen zu gehen. Dann rollte er sich in einer Ecke einer Baracke am harten Boden zusammen und betete, dass man ihn in Frieden lie\u00df.<\/p>\n<p>Die Felder waren h\u00e4ufig Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen zwischen den Guerilleros aus den Bergen und der Armee. Carlos Vater wusste nicht, worum es dabei ging und es k\u00fcmmerte ihn auch nicht. Das einzige, worauf es ankam, war sich so klein wie m\u00f6glich zu machen, wenn die Sch\u00fcsse \u00fcber die Str\u00e4ucher peitschten. Viele waren zu langsam und fanden wimmernd und flehend ihr Ende auf der fruchtbaren Erde. M\u00e4nner, die nichts anderes erhofft hatten, als Geld zu verdienen, um ihre Familien zu ern\u00e4hren. Die kein Interesse an Krieg oder Politik hatten. \u201eNat\u00fcrliche Auslese\u201c, hatte der alte Vorarbeiter nach dem ersten Vorfall gelallt und dem zitternden Jungen eine Flasche Fusel zur Beruhigung hingehalten. \u201eWenn Du zu dumm und zu lahm bist, ni\u00f1o, dann wirst Du sterben. Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter.\u201c Der Kleine hatte einen tiefen Schluck genommen und sich geschworen, am Leben zu bleiben.<\/p>\n<p>Marihuana nahm ihm die Angst und lie\u00df ihn den harten Job ertragen. Au\u00dferdem machte er Bekanntschaft mit den lokalen Dealern, f\u00fcr die er fortan auch kleine Boteng\u00e4nge erledigte und die ihn mit Gras entlohnten. Seine Geschicklichkeit und Verl\u00e4sslichkeit machten schnell die Runde und so bekam er immer mehr und immer gr\u00f6\u00dfere Aufgaben, f\u00fcr die er bald auch bares Geld verlangte. Nach nicht einmal zwei Jahren k\u00fcndigte er bei der Kaffeeplantage und widmete sich vollends den Machenschaften des ortsans\u00e4ssigen Drogenkartells. Er war kein kr\u00e4ftiger Bursche und auch wenn er zu k\u00e4mpfen wusste, war es f\u00fcr sein Weiterkommen und \u00dcberleben unumg\u00e4nglich, sich Respekt zu verschaffen. Mit dreizehn erstand er seine erste Handfeuerwaffe, mit f\u00fcnfzehn t\u00f6tete er das erste Mal einen Menschen damit. Mit nur 21 Jahren war er zum Kopf einer gef\u00fcrchteten Bande aufgestiegen, die mit Entf\u00fchrungen und Kokainschmuggel von sich reden machte. Nachdem er sich mit 28 Jahren des bis dahin gr\u00f6\u00dften Drogenbarons entledigt hatte, \u00fcbernahm er dessen Gesch\u00e4fte und gr\u00fcndete sein Imperium. Baute Villen und Kokaplantagen, \u00fcbersch\u00fcttete die Bev\u00f6lkerung mit Geschenken, um sie stets an seiner Seite zu wissen.<\/p>\n<p>\u201eDu musstest niemals k\u00e4mpfen, hijo\u201c, dr\u00f6hnte die Stimme seines Vaters an Carlos Ohr und der bauschige Schnurrbart kitzelte dabei an seiner Wange. \u201eDoch du musst wissen woher all das kommt. Wie viel Blut flie\u00dfen musste, damit du nachts in deinem weichen, warmen Bett tr\u00e4umen kannst ohne zu frieren, ohne zu hungern.\u201c Diese Worte hatte Carlos mittlerweile verinnerlicht, so oft hatte er sie geh\u00f6rt. Und er hatte sich geschworen, stark und tapfer zu sein und die Geschichte seines Vaters niemals zu vergessen. Deswegen hatte er auch nicht geweint, als dieser nicht zu seinem Geburtstag erschienen war, auch wenn er es versprochen hatte. Denn er wusste, dass alle Opfer bringen mussten. Er wusste, dass sein Vater gejagt wurde. Von der Regierung, der Konkurrenz, selbst von Verb\u00fcndeten. Nun waren drei Monate seit seinem zw\u00f6lften Geburtstag vergangen und sein Vater war immer noch nicht aufgetaucht. Vor drei Wochen hatte er das letzte Mal mit ihm telefoniert. Seitdem nichts.<\/p>\n<p>Carlos hockte im Stall im warmen Heu und betrachtete die M\u00e4nner, wie sie die Pakete unerm\u00fcdlich in den Lastwagen schafften. Es w\u00fcrden noch zwei oder drei Fuhren sein, dann h\u00e4tten sie ihre Arbeit getan. Manchmal kam sein Vater, um die gro\u00dfen Lieferungen zu \u00fcberwachen. Carlos wartete. Er gab die Hoffnung nicht auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Constanze Scheib<br \/>\nAuszug aus: <a href=\"http:\/\/penartzeitschrift.com\/\" target=\"_blank\">PenArt<\/a>, Ausgabe Fr\u00fchjahr, 2014, &#8222;Ein Gesch\u00e4ft mit Tr\u00e4umen&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=412\">auszugsweise<\/a> | Inventarnummer: 14054<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Regen goss seit Stunden und doch kam es ihm vor, als ob der Boden hart und trocken bliebe. Als ob die Erde nie genug bek\u00e4me und immer mehr in sich aufsaugen m\u00fcsste. Die M\u00e4nner schafften unerm\u00fcdlich die gro\u00dfen braunen Pakete von der Lagerhalle auf den Lieferwagen. 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