{"id":14677,"date":"2022-10-13T11:46:42","date_gmt":"2022-10-13T11:46:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=14677"},"modified":"2022-10-15T12:12:12","modified_gmt":"2022-10-15T12:12:12","slug":"windraeder-am-berg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=14677","title":{"rendered":"Windr\u00e4der am Berg"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts14677&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts14677&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Droben auf dem Kamm, da stehen sie. Aufgef\u00e4delt wie auf einer Kette, von Bergkuppe zu Bergkuppe sich schwingend, von Nord nach S\u00fcd sich kontinuierlich ausbreitend. Sie glitzern im Sonnenlicht und sagen: Wir sind da. Vor zw\u00f6lf oder f\u00fcnfzehn Jahren wurden die ersten von ihnen gesichtet. Damals wohnten wir noch in der Stadt, mein Mann und ich, wir kamen gelegentlich auf ein paar Tage bei den Eltern und Schwiegereltern vorbei und zogen wieder von dannen. Eines Sommers erblickten wir drei Exemplare, hohe schlanke Stelen mit gleichf\u00f6rmig rotierenden Fl\u00fcgeln.<\/p>\n<p>Klein und niedlich sahen sie aus, in der Ferne. Hinter der Rundung eines H\u00fcgels schwebten sie \u00fcber dem engen Tal. Man h\u00e4tte meinen k\u00f6nnen, es br\u00e4uchte lediglich einen kleinen Spaziergang h\u00fcgelaufw\u00e4rts, und schon w\u00fcrde man Aug in Aug einem Windrad gegen\u00fcberstehen. Was f\u00fcr eine Illusion! Nat\u00fcrlich wussten wir, dass die Dinger in Wahrheit riesengro\u00df, der Aufstieg durch T\u00e4ler, Schluchten, steile H\u00e4nge hinan, lang und beschwerlich, kurz gesagt, dass alles ganz anders war, als es uns der Augenschein vermittelte. Wie aufregend! Dies waren die ersten Windr\u00e4der, die man in dieser Gegend leibhaftig zu Gesicht bekam. Zwischen zwei beschaulichen T\u00e4lern hatte man sie platziert, auf dem Zug eines Mittelgebirges, sozusagen genau auf des Berges Schneide. Damals fand ich das eine gute Sache. Dort in der H\u00f6he, weit weg, da st\u00f6rten sie niemanden. Wir brauchen die Windkraft, den \u00f6kologischen Strom. So weit alles gut.<\/p>\n<p>Nun steht die Zeit freilich nicht still, auch nicht f\u00fcr Windr\u00e4der. Erst recht nicht f\u00fcr die Windr\u00e4der! Sie m\u00fcssen wachsen, sich vermehren, und so sind zu den ersten drei Setzlingen immer weitere hinzugekommen, St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck. Sie haben sich ausgedehnt droben auf dem Kamm, wo vorher nichts war au\u00dfer Friede und Wald. F\u00fcr den Bau der gewaltigen T\u00fcrme mussten neue Stra\u00dfen angelegt werden, Bagger fra\u00dfen sich durch den Waldboden. Nachdem sie den jeweiligen Bauabschnitt gr\u00fcndlich planiert und plattgewalzt hatten, folgten die n\u00e4chsten Konvois an schweren Maschinen: Sattelschlepper, um die Ringsegmente der T\u00fcrme bergan zu karren, gro\u00dfe Baukr\u00e4ne, um dieselben zu montieren und so weiter. Z\u00fcge von Lastw\u00e4gen qu\u00e4lten sich durch die kleinen Siedlungen im Tal, kletterten die frischgegrabenen Serpentinen hoch, und der Windpark wuchs \u2026 Auf einer Luftaufnahme habe ich eines Tages gesehen, dass mittlerweile eine regelrechte Autobahn \u00fcber den Gebirgskamm verl\u00e4uft, Windrad um Windrad verbindend, zig Kilometer lang. Ein Ende des Ausbaus nicht abzusehen, das ist das Problem, die h\u00f6ren einfach nicht mehr auf damit.<\/p>\n<p>Und noch etwas hat sich ver\u00e4ndert, etwas Wesentliches: Wir n\u00e4mlich leben inzwischen wieder in unserer alten Heimat. Vor einigen Jahren sind wir zur\u00fcckgezogen aufs Land, dorthin, wo wir herkommen. Wir haben jetzt unseren Wohnsitz genommen in dem gr\u00f6\u00dferen der beiden T\u00e4ler. Seitdem ist der Wald gar nicht mehr so weit weg von uns, deshalb ist es auch nicht mehr gleichg\u00fcltig, wie es in ihm aussieht. Wir nehmen wieder Teil an der Natur, seit wir zur\u00fcck sind aus der Stadt. Das war uns ein Herzensanliegen \u2013 wir haben ja als Kinder viel Zeit verbracht im Wald! Jeder f\u00fcr sich, damals noch, jeder auf seiner eigenen Seite des Berges, denn kennengelernt haben wir uns erst etwas sp\u00e4ter. Aber in den Wald gegangen, das sind wir beide sehr gerne:<\/p>\n<p>Mein Mann, der Naturbursch,<\/p>\n<p>das Naturmensch, das bin ich.<\/p>\n<p>Er geht zum Pilzesuchen, ich bevorzuge das Wandern.<\/p>\n<p>Als ich wieder zur\u00fcckgekommen bin in die alte Heimat, nahm ich die Wiederentdeckung meiner Kindheit in Angriff. Es war im ersten Fr\u00fchjahr der Pandemie, als es Zeit gab und Mu\u00dfe im \u00dcberfluss. Genauer gesagt, fing ich damit schon im Winter an. Mit den St\u00f6cken bewaffnet, begann ich im Tal auf vergleichsweise bequemen Strecken. Als der Schnee verschwand, zog ich meine Bahnen in die H\u00f6he, die H\u00e4nge werden bei uns schnell einmal recht steil. Mit Genugtuung konstatierte ich, dass sich meine physische Kondition, einigerma\u00dfen, dem Gel\u00e4nde anpasste, so dass meine Touren immer ausgedehnter wurden und die Ausg\u00e4nge l\u00e4nger. Ich tauchte ein in die Stille des Waldes. Von alten, bekannten Pl\u00e4tzen drang ich zu neuen vor, lie\u00df mich treiben und vorw\u00e4rtsziehen von der wachsenden Neugierde. Jede Wegbiegung das Versprechen auf eine neue Entdeckung. Das Schauspiel der wechselnden Landschaften, Hochw\u00e4lder, Jungw\u00e4lder und Brombeerschl\u00e4ge, Wiesen und Sumpf. Der Wandel der Vegetation im Jahreslauf. Immer weiter zog es mich. Nur nach ganz oben \u2013 dorthin wollte ich nicht! Droben auf dem Kamm, das wusste ich ja, da verl\u00e4uft nun diese Autobahn, von Windrad zu Windrad walzt sie sich und sie ist gekommen, um zu bleiben. F\u00fcr die Wartung der Anlagen wird die Stra\u00dfe gebraucht, da w\u00e4chst nichts mehr zu, darf die Natur nicht mehr gn\u00e4dig ihren Mantel \u00fcber die aufgerissenen Wunden breiten. Die stille Magie des Waldes ist verschwunden, ganz oben.<\/p>\n<p>Also suchte ich mir meine Wanderwege in den mittleren Lagen, wo es noch ruhig ist, der L\u00e4rm der Welt schweigt. Nur selten kreuzten andere Wanderer meinen Weg. Im Rucksack hatte ich stets eine zusammengerollte Decke dabei, und wenn es mir an einem lauschigen Pl\u00e4tzchen gefiel, so blieb ich f\u00fcr eine Weile. Einmal legte ich Halt ein auf einem stillgelegten Forstweg, es duftete nach Nadelgeh\u00f6lz und Sommer. Ich breitete das Plaid und mich selbst in der Sonne aus. Nach einer Weile hob aus dem Geb\u00fcsch ein Konzert an, ein fr\u00f6hliches Zwitschern und Tirilieren. Es dauerte ein wenig, bis ich begriff. Der dichte Niederwuchs am Wegrand, er beherbergte Piepm\u00e4tze in Scharen. Kurz waren sie verstummt, meinetwegen. Hatten indes offenbar beschlossen, dass von mir keine Gefahr ausging, und sie setzten ihr munteres Treiben fort. Was f\u00fcr ein herrlicher Sommertag, eingebettet in W\u00e4rme und Licht und Vogelsang \u2026<\/p>\n<p>Die V\u00f6gel<\/p>\n<p>ohne uns Menschen<\/p>\n<p>w\u00e4ren sie besser dran \u2026<\/p>\n<p>Im diesem Sommer sind weitere Windanlagen hinzugekommen. Der Windpark schreitet voran. Dort, wo wir sie zum ersten Mal erblickten, im kleineren der beiden T\u00e4ler, reiht sich nun Rad um Rad, so weit das Auge reicht. Dieses Mal aber ist etwas Ungeheuerliches geschehen. Die Prozession der Windt\u00fcrme \u2013 hat den Kamm \u00fcberquert! Richtig im Geschwader sind sie anger\u00fcckt, fast ein Halbdutzend von diesen glitzernden Unget\u00fcmen ist jetzt da. Sie stehen also auch schon auf unserer Seite. Und auf einmal sehen sie ganz nahe aus, mit ihren riesigen Schwingen.<\/p>\n<p>Gewiss, sage ich mir, ist dies wieder nur optische T\u00e4uschung. In Wahrheit befinden sie sich ein ordentliches St\u00fcck entfernt, irgendwo da hoch oben halt.<\/p>\n<p>Aber nein! ruft mein Mann. Die sind gar nicht mehr weit weg! Da geht er doch hinauf zu seinen Pilzen und auf einmal sieht er sich Aug in Aug mit einem Windrad \u2013 genau dort, wo der gute Pilzplatz war! Ich finde, das geht allm\u00e4hlich zu weit. Ich sage so: nichts gegen die Windr\u00e4der, nur es sollten eben nicht gar so viele sein. Und schon gar nicht dort, wo ich wohne! Irgendwann ist es auch einmal gut. Ist das zu viel verlangt?<\/p>\n<p>Ich laufe an gegen Windm\u00fchlen. Vor allem gegen die eigenen, im Kopf. Ach, w\u00e4re doch nicht alles so schrecklich kompliziert!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Ulla Puntschart<br \/>\n<a href=\"https:\/\/ulla-puntschart.jimdo.com\/\" target=\"_blank\">https:\/\/ulla-puntschart.jimdo.com\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <span style=\"color: #0066cc;\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=14487\">let it grow<\/a><\/span> | Inventarnummer: 22109<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Droben auf dem Kamm, da stehen sie. Aufgef\u00e4delt wie auf einer Kette, von Bergkuppe zu Bergkuppe sich schwingend, von Nord nach S\u00fcd sich kontinuierlich ausbreitend. Sie glitzern im Sonnenlicht und sagen: Wir sind da. Vor zw\u00f6lf oder f\u00fcnfzehn Jahren wurden die ersten von ihnen gesichtet. 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