{"id":1467,"date":"2014-07-11T13:57:28","date_gmt":"2014-07-11T13:57:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1467"},"modified":"2018-08-12T11:48:56","modified_gmt":"2018-08-12T11:48:56","slug":"vorbereitung-auf-ein-neues-leben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1467","title":{"rendered":"Vorbereitung auf ein neues Leben"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1467&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1467&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>&#8222;Und dann gehe ich in die Bank. Du liegst da schon am Boden oder f\u00e4llst gerade hin. Timing ist alles bei dieser Sache, sonst geht es schief. Und schiefgehen darf da gar nichts. Du musst genau checken, wann ich hereinkommen kann!&#8220;<br \/>\nDie blasse Frau sieht ihn fragend an, sagt aber nichts,\u00a0legt nur die rechte Hand auf ihren gew\u00f6lbten Bauch.<br \/>\n&#8222;Hast du verstanden?&#8220; Sein Ton ist ungeduldig. Sie antwortet z\u00f6gernd und leise:<br \/>\n&#8222;Das ist nicht so einfach. Wie stellst du dir das vor? Und das Fallen, wenn da was passiert? Immerhin bin ich im achten Monat.&#8220;<br \/>\n&#8222;Das ist ja das Tolle. Darum wird ja ein Wirbel entstehen. Niemand l\u00e4sst eine Hochschwangere einfach unbeachtet liegen. Wenn wir Gl\u00fcck haben, wird sogar die Polizei noch von der Ambulanz behindert. Die Rettung hat immer Vorfahrt! Und bei den engen Gassen &#8230;&#8220;<br \/>\nSie unterbricht ihn jetzt: &#8222;Ich rede von dem Baby. Was ist, wenn ich ungl\u00fccklich hinfalle? So einfach ist das nicht.&#8220;<br \/>\n&#8222;Keine Sorge, das habe ich alles bedacht. Du wartest, bis die Bank richtig voll ist. Viele Menschen, Pensionisten, die sich das Geld am Monatsbeginn bar auszahlen lassen wollen, da geht das am besten. Je mehr Leute in der Bank, desto besser. Und du stellst dich ganz hinten an, wartest ein bisschen, bis dich jemand vor l\u00e4sst oder sich ein paar Leute in der Schlange hinter dir angestellt haben. Und dann, wenn drinnen alles okay ist,\u00a0schickst du mir das SMS. Ich bin gleich um die Ecke und warte darauf. Sobald du mich bei der T\u00fcr siehst, f\u00e4llst du, es f\u00e4ngt dich garantiert jemand auf. Und gleichzeitig komme ich rein,\u00a0rase schnurstracks auf den Schalter zu, z\u00fccke die Waffe und schwupps! bin ich mit dem Geld wieder drau\u00dfen. Du wirst mit der Rettung abtransportiert. Keiner wird dich mit mir in Verbindung bringen.&#8220;<br \/>\nDie Frau knetet ihre H\u00e4nde im Scho\u00df, r\u00fcckt mit ihrem Stuhl ein St\u00fcckchen in seine Richtung, schl\u00e4gt die Beine \u00fcbereinander, schl\u00e4gt sie wieder auseinander, wagt schlie\u00dflich einen Einwand: &#8222;Und wenn sie mich fragen, warum ich gerade zu dem Zeitpunkt ohnm\u00e4chtig geworden bin, als ein Bankr\u00e4uber das Geb\u00e4ude betreten hat?&#8220;<br \/>\n&#8222;Schwangere sind doch st\u00e4ndig schwindlig, der Kreislauf, das brauche ich dir ja nicht zu sagen. Au\u00dferdem wird es hei\u00df n\u00e4chste Woche, du hast geschwollene Beine, das Stehen, &#8230; Und wenn alle Stricke rei\u00dfen, sagst du einfach, du h\u00e4ttest mich gesehen, meine Waffe, und dich so erschrocken, dass du umgefallen bist. Oder nein, das ist verd\u00e4chtig, die Waffe ziehe ich ja erst beim Schalter. Sag einfach, du wei\u00dft nichts mehr. Das hat auch Vorteile: Vom \u00dcberfall selbst bekommst du\u00a0nat\u00fcrlich auch nichts mit. Du bist dann keine brauchbare Zeugin oder so.&#8220;<br \/>\nSie ist noch nicht \u00fcberzeugt, man\u00a0kann ihr die Zweifel am schmalen Gesicht ablesen. &#8222;Und wenn etwas schiefgeht? Wenn Wachen da sind, denen du gleich verd\u00e4chtig vorkommst? Du tr\u00e4gst keine Maske, oder? Wenn sie Kameras haben, dauert es bestimmt nicht lange, bis dein Foto \u00fcberall zu sehen sein wird. Und vermummt kommst du sicher nicht hinein.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich werde sehr schnell sein, ich werde laufen, sobald ich durch die T\u00fcr bin. So gut sind die Kameras hierzulande noch nicht, mit\u00a0scharfen Standbildern werden sie\u00a0Pech haben.\u00a0Meinen Bart rasiere ich schon seit ein paar Tagen nicht mehr, bis dahin wird er schon halbwegs lang sein. Und ich ziehe ein K\u00e4ppi aus meiner Tasche, sobald ich beim Eingang vorbei bin. Ich trage gef\u00e4rbte Kontaktlinsen, dazu\u00a0Brille und Make-up, das alles kommt gleich nach der Flucht herunter, ebenso wie der Bart. Und ich bin in keiner Kartei, sie k\u00f6nnen keine Bilder von mir herzeigen, es kann mich also auch niemand wiedererkennen. Wenn mir die Flucht gelingt, bin ich aus dem Schneider. Und die Flucht gelingt leichter, wenn da eine Schwangere mitten am Boden liegt und Erste Hilfe braucht.&#8220;<br \/>\nDie Frau denkt nach, \u00fcberlegt offensichtlich, was sie entgegnen k\u00f6nnte. Schlie\u00dflich sagt sie recht vers\u00f6hnlich: &#8222;Du hast recht, das meiste Risiko liegt bei dir. Sie k\u00f6nnen mir nichts vorwerfen, au\u00dfer, dass ich zum falschen Zeitpunkt umgefallen bin. Solange niemand draufkommt, dass wir uns kennen, kann mir nicht viel passieren. Ich muss auch an mein Kind denken, das Geld k\u00f6nnen wir gut brauchen. Ich kann auf Monate nicht arbeiten, selbst wenn ich eine Stelle bek\u00e4me, mit dem Baby. Und es soll in einem anderen Land aufwachsen, irgendwo in Mittel- oder Nordeuropa, weit weg von diesen Existenzsorgen, der\u00a0Arbeitslosigkeit und dem st\u00e4ndig drohenden Staatsbankrott. Gut, rauben wir die Bank aus, solange sie noch Geld hat. Es wird schon nichts passieren. Es darf nichts passieren.&#8220;<br \/>\nNach diesen Worten schweigt sie wieder, und ausnahmsweise auch er. Beide scheinen dar\u00fcber nachzudenken, wie das viele Geld ihrer beider (oder dreier) Leben ver\u00e4ndern w\u00fcrde. Schlie\u00dflich erhebt er sich, sieht sie mit fast feierlicher Miene an und bittet sie, auch aufzustehen.<br \/>\n&#8222;Geben wir uns die Hand darauf. Und das Baby ist der j\u00fcngste Komplize der Welt.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Carmen Rosina<br \/>\nSzenisch dargeboten bei <a href=\"http:\/\/www.theaterzeit.at\/\" target=\"_blank\">Theaterzeit Freistadt 2016<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/a> | Inventarnummer: 14053<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Und dann gehe ich in die Bank. Du liegst da schon am Boden oder f\u00e4llst gerade hin. Timing ist alles bei dieser Sache, sonst geht es schief. Und schiefgehen darf da gar nichts. 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