{"id":14662,"date":"2022-10-10T08:20:33","date_gmt":"2022-10-10T08:20:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=14662"},"modified":"2022-10-15T12:08:06","modified_gmt":"2022-10-15T12:08:06","slug":"was-man-fuer-das-leben-braucht-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=14662","title":{"rendered":"Was man f\u00fcr das Leben braucht 2"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts14662&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts14662&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p style=\"text-align: right;\"><em>Nicht so schnell! Kennen Sie schon\u00a0<u><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=14658\">Teil 1<\/a><\/u>? Dies ist die Fortsetzung.<\/em><\/p>\n<p>Diese Erkenntnis sa\u00df so tief, dass ich mich schlussendlich f\u00fcr den Lehrberuf B\u00fcrokaufmann\/-frau entschied und eine solche Lehrstelle bei einem Gemeindebetrieb in Wien bekam, bei dem meine erste Aufgabe in der Abteilung der Rechnungspr\u00fcfung darin bestand, mit einem Taschenrechner und einem handschriftlichen Zettel (das war im Jahr 2005), die ebenfalls handschriftlich eingereichten und zusammengerechneten Tagesfahrten der Au\u00dfendienstmitarbeiter*innen auf deren Richtigkeit zu \u00fcberpr\u00fcfen. Als ich vorschlug, die jeweiligen Kilometer der Fahrten doch einfach im Excel statt auf einem handschriftlichen Zettel zu f\u00fchren, und die zauberhafte Wirkung des Summe-Buttons vorf\u00fchrte, wurde ich als neues Genie gehandelt und mit leuchtenden Augen von der IT-Abteilung angefordert, mit dem Argument, dass gerade in diesem Bereich innovative junge Leute wie ich gesucht wurden, die die Arbeitswelt schon in ihrer ersten Woche revolutionierten.<\/p>\n<p>Erinnerungen an meine Volksschulzeit wurden wach, w\u00e4hrend ich mich zwang, nicht dar\u00fcber nachzudenken, wie es sein konnte, dass Menschen, die zwischen 30 und 40 Jahre in diesem Unternehmen arbeiteten, nicht von selbst auf eine Idee kamen, die ein sechzehnj\u00e4hriger Lehrling in seiner ersten Arbeitswoche hatte.<\/p>\n<p>In der IT-Abteilung wurden mir innerhalb k\u00fcrzester Zeit s\u00e4mtliche Aufgaben meiner Kolleginnen und Kollegen \u00fcbertragen, die fortan um 07:30 Uhr an ihrem Schreibtisch ihre Sachen ablegten, das B\u00fcro verlie\u00dfen, sich kurz vor der Mittagspause um 11:00 Uhr im B\u00fcro trafen und gegen 14:45 Uhr ihre Sachen im B\u00fcro wieder abholten, weil um 15:30 Uhr bekanntlich Dienstschluss war.<br \/>\nAn richtig heftigen Stresstagen war ich mit all den \u00fcbertragenen Aufgaben in etwa einer Stunde fertig und erfuhr, dass in der Abteilung der Rechnungspr\u00fcfung die \u00dcberpr\u00fcfung der Tagesfahrten der Au\u00dfendienstmitarbeiter*innen doch wieder handschriftlich durchgef\u00fchrt wurde, weil der Hauptabteilungsleiter kritisierte, dass er nicht argumentieren konnte, dass acht Leute in diesem Referat sitzen mussten, wenn er einfach gar nichts in die T\u00e4tigkeitsbeschreibung schreiben konnte, da die Excellisten ja bereits von den Au\u00dfendienstmitarbeiter*innen bef\u00fcllt und summiert wurden.<br \/>\nDazu sei gesagt, dass selbst bei handschriftlicher Bearbeitung eine einzige Person bis allersp\u00e4testens zur Mittagspause mit der gesamten Arbeit fertig gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Als ich erkannte, dass sich an diesem Stresslevel auch in der IT-Abteilung so schnell nichts \u00e4ndern w\u00fcrde, war das Problem nicht mehr die Arbeit, sondern die Zeit, die so gar nicht vergehen wollte. Anfangs fragte ich meinen Chef nach neuen T\u00e4tigkeiten bzw. \u00fcbernahm als unl\u00f6sbar geltende Aufgaben, die in der Regel in ganz schlimmen F\u00e4llen ein wenig die Komplexit\u00e4t des Excelvorschlags \u00fcberschritten, und erarbeitete mir so einen Ruf als Probleml\u00f6ser f\u00fcr die unl\u00f6sbar scheinenden F\u00e4lle.<br \/>\nDennoch blieben durchschnittlich sieben Stunden t\u00e4glich \u00fcbrig, die vergehen mussten. Ich las B\u00fccher, surfte im Internet, traf mich mehrere Stunden am Tag mit anderen Lehrlingen, bis ich begann, vorerst einmal nur die organisatorischen Dinge, die f\u00fcr die Aus\u00fcbung meiner Hobbys notwendig waren, in die Arbeitszeit zu verlegen, wodurch ich ein paar Stunden Dienstzeit mehr sinnvoll nutzen konnte bzw. ich meine Freizeit mit derartig viel spannenden, spa\u00dfigen Besch\u00e4ftigungen verplanen konnte, dass ich mich in der Dienstzeit von meiner Freizeit erholte. Ich konnte mir also durch die Erholung von meinen Hobbys selbige finanzieren und so zogen einige gl\u00fcckliche Jahre ins Land.<\/p>\n<p>Nach dem Bundesheer kam ich zur\u00fcck zu meiner Dienststelle und mein Chef suchte das Gespr\u00e4ch. Er teilte mir mit, dass sehr dringend EDV-Techniker*innen gesucht wurden und man mit der Bezahlung, so ich einverstanden w\u00e4re, durchaus etwas machen k\u00f6nne, da der Abteilungsleiter ihn darauf angesprochen hatte, wie es sein konnte, dass die Arbeit, seit der Lehrling beim Bundesheer ist, von niemandem erledigt wurde, obwohl mehr als genug Leute da w\u00e4ren, die daf\u00fcr zust\u00e4ndig w\u00e4ren. Dadurch wurden die pragmatisierten Kolleginnen und Kollegen zur Pflicht gerufen und festgestellt, dass selbst f\u00fcr eine einzige Person zu wenig Arbeit da w\u00e4re, w\u00e4hrend EDV-Techniker*innen dringend gesucht wurden.<\/p>\n<p>Da mein Chef meine Anpassungsf\u00e4higkeit an einen ver\u00e4nderten Arbeitsalltag im Vergleich zu meinen pragmatisierten Kolleginnen und Kollegen v\u00f6llig \u00fcberraschend h\u00f6her einsch\u00e4tzte, war ich, ohne einer einzigen offiziellen Ausbildung f\u00fcr diesen Beruf, pl\u00f6tzlich EDV-Techniker und beging, bei einer B\u00fcro\u00fcbersiedlung, bei der s\u00e4mtliches EDV-Equipment demontiert und in einem neuen B\u00fcro wieder aufgebaut und angeschlossen werden sollte, den klassischen Anf\u00e4ngerfehler, n\u00e4mlich an einem Tag bis zur Mittagspause fertig zu sein. Ich wurde also ins Chefb\u00fcro zitiert und nach meinem geistigen Gesundheitszustand befragt, weil f\u00fcr die von mir durchgef\u00fchrte T\u00e4tigkeit zwei Wochen Bearbeitungszeit veranschlagt worden waren und jetzt alle Fachabteilungen erwarten w\u00fcrden, dass s\u00e4mtliche \u00dcbersiedlungen innerhalb eines Vormittags erledigt w\u00fcrden. Ich entschuldigte mich dem\u00fctig f\u00fcr mein Fehlverhalten, passte mein Arbeitspensum den Vorgaben an und konnte mich somit, bei deutlich besserem Gehalt, weiterhin in der Dienstzeit von meiner Freizeit erholen. Weitere gl\u00fcckliche Jahre zogen ins Land.<\/p>\n<p>Eine Stelle in einem Referat, das f\u00fcr die Entwicklung und Betreuung von Software zur Abwicklung von Gesch\u00e4ftsprozessen im Unternehmen zust\u00e4ndig war, wurde frei und die ersten Gespr\u00e4che mit dessen Chefin waren sehr vielversprechend. Zum ersten Mal hatte ich als Reaktion auf einen Satz, der einen Beistrich enthielt, keinen verwirrten Gesichtsausdruck oder einen leeren, ausdruckslosen Blick, sondern freudige \u00dcberraschung dar\u00fcber, dass es uns beiden tats\u00e4chlich mitten in der Dienstzeit passierte, auf einen angenehm intelligenten, grunds\u00e4tzlich motivierten Menschen getroffen zu sein. Nach zehn Minuten Gespr\u00e4ch hatten wir das Gef\u00fchl, gemeinsam die Macht wieder ins Gleichgewicht bringen bzw. mit einem einfachen \u201eNein\u201c s\u00e4mtliche auf uns gefeuerte Munition stoppen und auf den Boden fallen lassen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das nochmals h\u00f6her angebotene Gehalt inkl. der Versicherung, dass meine Bedenken, f\u00fcr die T\u00e4tigkeit keine offizielle Ausbildung zu haben, unbegr\u00fcndet sein, da alle in diesem Referat inkl. ihr selbst, die gleiche Lehre abgeschlossen hatten wie ich und sich autodidaktisch in die Entwicklung der Systeme hineingearbeitet hatten, beruhigte mich zu Beginn. Beim Kennenlernen der unterschiedlichen Entwicklungen stellte sich heraus, dass die daran beteiligten Leute sich viele Fragen nicht gestellt hatten, die die t\u00e4gliche Arbeit der unterschiedlichen Fachbereiche aber deutlich erleichtert h\u00e4tten. Es stellte sich allerdings auch heraus, in welchem Ausma\u00df auch nur die kleinsten \u00c4nderungen Auswirkungen auf die jeweiligen Fachbereiche hatten, und wie sehr sich all diese Fachbereiche vorerst einmal einig und f\u00fcr \u00c4nderungen offen sein mussten, um Ver\u00e4nderungen \u00fcberhaupt andenken zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Schon als EDV-Techniker wurde ich zu den \u201eschwierigen\u201c, \u201enie zufriedenen\u201c Leuten geschickt, bei denen in den allermeisten F\u00e4llen freundliches, empathisches Zuh\u00f6ren und das Finden einer dementsprechenden L\u00f6sung ausreichte, um sie vollumf\u00e4nglich zufriedenzustellen. Kurzum: Im Team meiner neuen Chefin war ich in meinem Element. Das Erkennen und bis zur letzten Ver\u00e4stelung Durchdenken komplexer Zusammenh\u00e4nge, das Finden einer pragmatischen, f\u00fcr alle Beteiligten besseren L\u00f6sung, und diese L\u00f6sung empathisch den jeweiligen Fachabteilungen vorzutragen, machte mir in einem Ausma\u00df Spa\u00df, das ich beruflich bis dahin nicht erlebt hatte. Zus\u00e4tzlich war das Arbeitspensum dennoch relativ \u00fcberschaubar, wodurch ausreichend Zeit war, um sich mit allen Themen bis ins letzte Detail zu besch\u00e4ftigen und an einer idealen L\u00f6sung zu arbeiten.<\/p>\n<p>Das sollte sich drastisch \u00e4ndern.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Lukas Lachnit<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Ab ins Finale, zu\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=14664\"><u>Teil 3<\/u><\/a>!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"spazierensehen\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 22107<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht so schnell! Kennen Sie schon\u00a0Teil 1? Dies ist die Fortsetzung. 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