{"id":1404,"date":"2014-06-04T11:16:23","date_gmt":"2014-06-04T11:16:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1404"},"modified":"2014-06-05T06:58:02","modified_gmt":"2014-06-05T06:58:02","slug":"augen-auf-bei-der-partnerwahl","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1404","title":{"rendered":"Augen auf bei der Partnerwahl!"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1404&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1404&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>So h\u00e4tte der Tag sich nicht entwickeln sollen. Denke ich und versuche, meinen K\u00f6rper zur Seite zu drehen. Der Schmerz im Bein stellt sich augenblicklich ein und meine Gedanken auf den Kopf. Also drehe ich nur letzteren und da sind sie wieder, die beiden Kugeln im Gras, meinen Augen ein Fokus, meinen Gedanken ein Anker.<br \/>\nDer skulpturale Effekt der roten Kugeln im Gr\u00fcn ist ein unerwarteter. Die g\u00e4nzlich neue Perspektive macht\u2019s. Auf Augenh\u00f6he mit K\u00e4fer und Konsorten. Der Hund winselt mich besorgt an und holt mich aus meinen filigranen \u00dcberlegungen in die Realit\u00e4t. Ich h\u00f6re mich lachen.<\/p>\n<p>Da komme ich vom Flohmarkt heim, in der schweren Handtasche meine Errungenschaften, ein Schn\u00e4ppchen: neun glanzlackierte Kugeln aus Holz, etwa sechs Zentimeter im Durchmesser. Rote und elfenbeinfarbene, auch eine gelbliche. Ohne Ziffern darauf, also keine Billardkugeln. Wozu sie einmal gedient haben, w\u00fcrde eine Recherche erst noch ergeben.<br \/>\nDie offensichtlich alten, aber unbesch\u00e4digten Kugeln w\u00fcrden meine Sammlung erg\u00e4nzen und sich im wahrsten Sinn des Wortes gl\u00e4nzend einordnen in die bisher zusammengetragenen. In meine ausgesuchte Kollektion bestehend aus gedrechselten, unterschiedlich gro\u00dfen Holzkugeln, manche satt mit \u00d6l versiegelt, andere lackiert und aufgrund ihres Alters mit feinen Spr\u00fcngen versehen. Und da sind au\u00dferdem drei alte metallene P\u00e9tanque-Kugeln und mehrere deutlich gr\u00f6\u00dfere, braune und schwarze, Boccia-Kugeln aus Holz, deren Lack \u00fcber die Jahre spr\u00f6de geworden ist.<br \/>\nDie zwei neuen Kugeln in wundersch\u00f6nem sattem Kirschrot habe ich jetzt fest im \u2013 von meinem verdrehten Bein abgewandten \u2013 Blick. Daneben liegt in einiger Distanz eine einzelne gelbe. Runde Skulpturen. Ganz automatisch muss ich an eine \u201eFamilienaufstellung\u201c denken, deren Sinnhaftigkeit sich mir noch nie erschlossen hat. Die Kugeln stellvertretend f\u00fcr Personen, und aus ihrer Anordnung die Beziehung zueinander erkennbar. Lachhaft, ja schon, aber das lenkt mich von meiner Notlage ab.<\/p>\n<p>Ich komme also nach Hause, schlie\u00dfe die Haust\u00fcr auf und lasse sie weit offen stehen. Gleich darauf \u00f6ffne ich im Wohnzimmer die Balkont\u00fcr zum Garten, um die warme Luft so optimal durchziehen und in den Wohnbereich str\u00f6men zu lassen. Ich trage die Eink\u00e4ufe vom Auto ins Haus, bin abgelenkt vom Hund, der mich st\u00fcrmisch begr\u00fc\u00dft und merke deshalb nicht sofort, dass mir eine junge Frau von der Stra\u00dfe ins Haus folgt und pl\u00f6tzlich im Wohnzimmer vor mir steht. Ich habe sie nie zuvor gesehen. Sie ist h\u00fcbsch, sehr schlank, etwa im Alter meiner Tochter. Blond. Und sehr aufgeregt ist sie, rote Flecken tanzen auf ihrem Hals, als sie so dasteht mit leicht verzweifeltem Blick. Ich weiche instinktiv zur\u00fcck auf die Terrasse in Richtung Garten. Sie folgt mir und bleibt in der offenen Balkont\u00fcr stehen. Einen Koffer hat sie neben sich abgestellt.<\/p>\n<p>Da sind also diese gelbliche und hier die zwei rotgl\u00e4nzenden Kugeln zwischen den Grashalmen, den zu langen. Das M\u00e4hen hat mein Mann vor seiner Dienstreise nicht mehr erledigen k\u00f6nnen oder wollen, wie auch immer. Jetzt liegt\u2018s wohl an mir und doch auch wieder nicht, denn ich bin eindeutig au\u00dfer Gefecht gesetzt. Beim nochmaligen Versuch mich aufzurichten, ist die schmerzhafte Erkenntnis deutlich. Dabei ist mir genau jetzt danach, alles kurz und klein zu m\u00e4hen!<br \/>\nWas soll ich viel sagen, eine pers\u00f6nliche Katastrophe, die das Leben f\u00fcr viele bereith\u00e4lt, nicht weiter erw\u00e4hnenswert; ein \u00fcberraschend rasantes Finale einer beliebigen Ehe. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Jedenfalls f\u00fcr niemand anderen von Interesse.<br \/>\nDie junge Frau wei\u00df, was sie will. Mir n\u00e4mlich endlich sagen, dass sie meinen Mann liebt, und er sie auch, seit vielen Monaten. Dass sie diese w\u00fcrdelose Situation aber nicht mehr l\u00e4nger ertragen wird. In \u00e4hnlichen Worten. In vielen Worten. Mit einer Dativ-Akkusativ-Unsch\u00e4rfe, die ich ansonsten keinesfalls billige. Diese und ihre einge\u00fcbte, kunstvoll kultivierte Aufgebrachtheit r\u00fchren mich dennoch. Irgendwie.<\/p>\n<p>Meine Lage k\u00f6nnte schlechter sein, es ist sommerlich warm, ein unverletzter K\u00f6rper k\u00f6nnte zufrieden sein, auf der trockenen Wiese zu liegen, unter dem heute so besonders hohen Himmel, unter den pittoresken Haufenwolken. Irgendwie m\u00fcsste ich nur an mein Handy gelangen. Die drei Stufen von der Terrasse in den Garten waren mir zum Verh\u00e4ngnis geworden. Ich war auf dem R\u00fccken zu liegen gekommen und unter meinem verdrehten Bein auf H\u00f6he des Knies meine Handtasche. Ein paar der Kugeln waren herausgerollt. Wenn ich mich erst einmal an den Schmerz gew\u00f6hnt h\u00e4tte, dann w\u00e4re es bestimmt m\u00f6glich, mit dem intakten Fu\u00df die Tasche zu angeln und das Handy zu erwischen. Falls mir das wider Erwarten doch nicht gel\u00e4nge, so w\u00fcrden mich meine Nachbarn h\u00f6ren, das alles war also kein Beinbruch. Oder eben doch einer. Andererseits nichts weiter als ein solcher. Lassen wir die Kirche im Dorf. Solche Dramolette passieren allerorts tagt\u00e4glich. Manchmal ist man eben unter den Hauptdarstellern. Komprimierte Ahnungslosigkeit in Person, ja, durchaus auch mit Gipsfu\u00df.<\/p>\n<p>Das seien die Sachen meines Mannes, sie wolle ihn nicht mehr sehen, meint das blonde Klischee einer Geliebten und schiebt schwungvoll den Koffer in meine Richtung, dreht sich um und l\u00e4uft aus dem Haus. Sie ruft mehr sich selbst als mir noch zu: Augen auf bei der Partnerwahl! Genau in diesem Moment f\u00e4llt mir endlich etwas ein, das zu sagen irgendeinen Sinn erg\u00e4be, doch meine Stimme bleibt weg. Jetzt im Nachhinein gesehen w\u00e4re es ohnehin nur Unn\u00f6tiges gewesen. Und zittrige Knie habe ich anscheinend, denn als der Hund vor dem auf ihn zurollenden Koffer zur\u00fcckweicht und mich einen Schritt zur Seite dr\u00e4ngt, gerate ich in Schieflage und falle. \u00dcber die drei Stufen auf die Wiese mit den zu langen Grashalmen.<br \/>\nDie beiden roten Kugeln im Gras. Und die andere gelbe. Bin ich nun die dritte Person oder noch Teil des Paares? Ungerecht, aber die Chronologie rechtfertigt keinen Anspruch. Die Kugeln halten ihrer zugedachten Rolle in der Dramaturgie nicht lange stand. Und meine W\u00fcrde nicht der Qual. Nicht auszuhalten, dieser Schmerz im Bein. Dieser Aufruhr im Kopf. Mit einer atemlosen, kl\u00e4glichen Unbeherrschtheit, die ich nicht von mir erwartet h\u00e4tte, rufe ich nach den Nachbarn.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michaela Swoboda<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a> | Inventarnummer: 14049<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So h\u00e4tte der Tag sich nicht entwickeln sollen. Denke ich und versuche, meinen K\u00f6rper zur Seite zu drehen. Der Schmerz im Bein stellt sich augenblicklich ein und meine Gedanken auf den Kopf. 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