{"id":14027,"date":"2022-04-01T07:35:52","date_gmt":"2022-04-01T07:35:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=14027"},"modified":"2022-04-09T15:15:27","modified_gmt":"2022-04-09T15:15:27","slug":"wild","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=14027","title":{"rendered":"Wild"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts14027&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts14027&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>St. P\u00f6lten, 21. August 2011<\/p>\n<p>Liebe Natalia!<\/p>\n<p>Wenn man sich eine Vorgeschichte ausdenken wollte, die immerhin gut genug sein sollte, um als glaubw\u00fcrdige Wahrheit durchgehen zu k\u00f6nnen, so m\u00fcsste man zuallererst deutbare Fakten aus der Vergangenheit finden, an denen man die eigenen Theorien festmachen k\u00f6nnte. Steige ich wie Orpheus hinab in das Vorherige? In das Leere, Unbedachte? Geschichtslose und Existenzlose? Die Geschichte vom Goldenen Zeitalter, vom Garten Eden? Darauf gehe ich nicht ein! Es ist irgendetwas Verst\u00f6rendes geschehen und eine Oktave tiefer beginnt wieder alles\u00a0von Neuem:<\/p>\n<p>Wir sa\u00dfen zu zweit abends beim Chinesen vor einer Landschaftsmalerei, und es h\u00e4tte sich gerade in diesem Zusammenhang etwas auftun m\u00fcssen: dass das Bild in seiner Einfachheit, in seiner Selbstverst\u00e4ndlichkeit alles, ja wirklich alles wiedergibt, was von Relevanz f\u00fcr uns ist. Damals war alles so schwer, so naiv, so erdlastig. Es war so furchtbar. Jedenfalls nicht alles. Aber der ganze Kontext. So wie alle Farben gemischt irgend entweder Wei\u00df oder etwas \u00c4hnliches wie Kackbraun ergeben.<\/p>\n<p>Die doppelte Unsch\u00e4rfe zwischen dem Erhabenen und dem Niederen. Zwischen dem verbrennenden und dem w\u00e4rmenden Feuer, zwischen der holden und der vernichtenden Natur. Das wievielte chinesische Sprichwort war das schon wieder? Die Stadt kannst du wechseln, den Brunnen nicht!<\/p>\n<p>Da k\u00f6nnte ich schon einmal nachhaken: Wo genau soll sich eine solche Landschaft befinden: China? Taiwan? Korea? Hat das innere Auge des Zeichners sich diese f\u00fcr uns ausgedacht und wenn ja, was waren die Gr\u00fcnde daf\u00fcr?<\/p>\n<p>Du, ich habe da eine sch\u00f6ne Idee, was das darstellen k\u00f6nnte nicht. Und vergiss bitte mal den Schrott mit der Naturmimesis. Mir ist, als ob dieses Bild \u2013 und wahrscheinlich g\u00e4be es eine viel bessere Vorlage eines bekannteren Meisters \u2013, mir ist so, als w\u00e4re dies eine Drohung. Als ob die Berge, der Fluss die Wolken irgendetwas Schlimmes verbergen w\u00fcrden, das man nicht sehen kann. (Sollten wir sicherheitshalber den Restaurantchef fragen, ob er es woanders hinh\u00e4ngen k\u00f6nnte.) Also mir macht das Angst. Ich f\u00fchre das aber nicht mehr weiter aus. Berge sind \u00fcbrigens Schei\u00dfe. Das Sch\u00f6ne ist nicht des Furchtbaren Anfang und selbst Rilke h\u00e4tte dieser Kitsch nicht gefallen, da bin ich mir aber sowas von sicher. Bach und Agricola und Arsen. Das Feuer brennt, aber es kann f\u00fcr einen Moment nichts passieren. Du hast fremden Menschen gegen\u00fcber immer ein Messer in der Tasche dabei und du w\u00fcrdest es \u2013 ich wei\u00df es \u2013 auch mir gegen\u00fcber einsetzen.<\/p>\n<p>Wenn es denn tats\u00e4chlich ein fr\u00fcheres Leben gegeben haben k\u00f6nnte, dort in \u2013 sagen wir mal: Sichuan \u2013, dann w\u00e4re es auch der Grund, warum ausgerechnet dieser verdammte Platz unter diesem verdammten Landschaftsbild unser beider Stammplatz geworden w\u00e4re. Das Bild war uns nat\u00fcrlich noch nie so richtig aufgefallen, der gewohnte China-Kitsch eben.<\/p>\n<p>Die Orientierung im Raum. Wir h\u00e4tten jetzt einen Walzer anfangen k\u00f6nnen und die Bilder h\u00e4tten uns geholfen, dass uns nicht schwindlig geworden w\u00e4re. Das Chop-Suey w\u00e4re uns gerade recht gewesen, unsere K\u00f6rper zu besudeln, warm, animalisch und s\u00fc\u00df-sauer. Du h\u00e4ttest\u00a0mir die Brust geben k\u00f6nnen.\u00a0Und deine Schuhe, die aussahen, als w\u00e4ren sie nur f\u00fcr Tanzabende gemacht worden, w\u00e4ren mir auch gerade recht gekommen. So etwas tr\u00e4gt man heutzutage im B\u00fcro? Dein Kleid aus China mit den Tigerzeichnungen? Bach und Donau und Flow. Man steigt nur einmal in denselben Fluss.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend des Tanzes zogen wir Linien wie mit dem Pflug, die m\u00e4hlich gerader und gerader werden w\u00fcrden, so dass sie uns mit Fr\u00fcchten beschenkten und erfreuten.<br \/>\nApropos Fruchtbarkeit: Wir verloren uns ein zweites Mal wie beim Tanz in diesen uralten Fluss: Du bist nicht Tanja W. und ich bin es auch nicht. Eine v\u00f6llig unscheinbare Angestellte, ein v\u00f6llig unscheinbarer Angestellter. Aber irgendetwas entstand damals, ein Werdegang, nicht wahr. Es war letztlich deine Idee, das mit dem Import. Nicht f\u00fcr Europ\u00e4er gemacht, nur Exotik. Rosenblattmarmelade aus den Rosenbl\u00fcten vom Fr\u00fchjahr. Sollten wir sie nicht einmal selbst machen?<\/p>\n<p>(Wir k\u00f6nnten im Internet, du, ich habe vorhin im Internet nachgeschaut, wie das gehen m\u00fcsste.)<\/p>\n<p>Auch die eigenartigsten Vergleiche, die du mir entgegenbringen musstest, als Zeichen deiner Liebe. Obst, Gem\u00fcse, B\u00e4ume, Vieh: alles, was in der b\u00e4uerlichen Gesellschaft wertvoll und pr\u00e4chtig erscheinen muss. (Man muss loben k\u00f6nnen und zuv\u00f6rderst den Wein, den Wald und die einfachen Sachen, die uns wichtig sind, das einfache Leben loben.) Meine \u00dcberzeugungskraft war nicht so, wie ich es mir erw\u00fcnscht hatte, aber ein uralter Trieb, der uns zwingt, den Barbaren \u00fcberlegen, aber dennoch neidisch angesichts ihrer Freiheit und ihrer wilden Br\u00e4uche zu sein. Erfanden wir die Marmeladenrevolution, den gemeinsamen Tanz ums Feuer.<\/p>\n<p>Vielleicht sind das letzte wortlose gemeinsame Kochen und Tanzen Bleibendes in unserem kollektiven Ged\u00e4chtnis.<\/p>\n<p>Man war nicht f\u00fcreinander gedacht und bem\u00fchte die angestrengteste Mythologie: Es waren einmal zwei Menschen, in einem fr\u00fcheren Leben ein gl\u00fcckliches Ehepaar, die genau am selben Tag, genau zur selben Minute geboren, an zwei verschiedenen Orten wiedergeboren worden sind, aber nicht voneinander wussten, aber durch die gegenseitigen Ahnungen, die beide voneinander gehabt hatten, h\u00e4tten \u00a0\u2013 wenn sie sich nur ein einziges Mal getroffen, oder voneinander geh\u00f6rt oder das Bild des anderen gesehen h\u00e4tten, sofort erkannt, dass sie f\u00fcr immer und ewig f\u00fcreinander bestimmt gewesen sind. Da das Gl\u00fcck dieser beiden Menschen, sich wiedergefunden zu haben, so gro\u00df gewesen w\u00e4re, dass alle anderen Menschen, die dieses Paar sehen w\u00fcrden oder von ihrem Schicksal erfuhren, auf der Stelle ihren Lebtag lang todungl\u00fccklich werden w\u00fcrden, ist jenes Paar mit dem Fluch belegt worden, sich nie in ihrem Leben auch nur einen Millimeter in den gemeinsamen Wahrnehmungsraum zu geraten und sich geradewegs durch eigenartige Zuf\u00e4lle auf Reisen oder sonstigen Treffen um Haaresbreite zu verpassen. Das Schicksal wollte es, dass beide ihr Leben lang ungl\u00fccklich sein und immer unsympathische Menschen kennenlernen mussten. Sch\u00f6n ist sie aber, ohne Zweifel, die Gleichzeitigkeit: Irgendwo einen ungl\u00fccklichen Zwilling zu besitzen und mit ihm aus derselben Quelle getrunken zu haben. Genauer: Milchverwandte, dieselbe Milch noch trinkend \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Bauer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"spazierensehen\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 22051<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>St. P\u00f6lten, 21. August 2011 Liebe Natalia! Wenn man sich eine Vorgeschichte ausdenken wollte, die immerhin gut genug sein sollte, um als glaubw\u00fcrdige Wahrheit durchgehen zu k\u00f6nnen, so m\u00fcsste man zuallererst deutbare Fakten aus der Vergangenheit finden, an denen man die eigenen Theorien festmachen k\u00f6nnte. Steige ich wie Orpheus hinab in das Vorherige? 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