{"id":14003,"date":"2022-03-24T07:25:24","date_gmt":"2022-03-24T07:25:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=14003"},"modified":"2025-02-17T14:00:49","modified_gmt":"2025-02-17T14:00:49","slug":"immer-zurueck-zum-pruth","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=14003","title":{"rendered":"Immer zur\u00fcck zum Pruth"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts14003&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts14003&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><h4>Galizien und die Bukowina: Eine Reise in eine literarische Landschaft an Dnister, Pruth und Sereth<\/h4>\n<p>(Der Titel ist eine Verszeile aus Rose Ausl\u00e4nders Gedicht <em>Pruth<\/em>)<\/p>\n<p>Am 25. Februar 2022 erhielt ich einen Anruf, bei dem das Display meines Handys den Namen Renate zeigte, der mir nicht gleich gel\u00e4ufig war. Als ich das Gespr\u00e4ch entgegennahm, erkannte ich auch die Stimme nicht sofort. Ein paar Augenblicke brauchte ich, dann war mir klar, mit wem ich sprach. Renate war im Sommer 2007 in derselben Reisegruppe wie ich gewesen, die die Westukraine, das fr\u00fchere \u00f6sterreichische Kronland Galizien und die Bukowina, besuchte. Wir hatten nach der Reise regelm\u00e4\u00dfig Kontakt gehabt, uns dann aber aus den Augen verloren. Der Anlass ihres Anrufs sei ein trauriger, sagte sie, gestern habe die Invasion der Ukraine durch russische Truppen begonnen, da sei unser Besuch Galiziens wieder lebendig geworden, verbunden mit der Hoffnung, dass wenigstens der Westen der Ukraine vom Krieg verschont bleibe und der Krieg \u00fcberhaupt ein absehbares Ende f\u00e4nde, wenn diese Hoffnung auch eine sehr schwache sei. Die Ereignisse, so Renate, h\u00e4tten sie betroffen gemacht und sie nach Jahren des Schweigens zwischen uns zum Telefon greifen lassen.<\/p>\n<p>Die Nachrichten vom Krieg hatten mich genauso ergriffen, vielleicht hatte mich anfangs die Illusion, der Krieg betreffe vor allem Osteuropa, get\u00e4uscht, aber Renates Anruf hatte die globale Gegenwart dieses Konflikts deutlich werden lassen und dass er jederzeit auf das Gebiet der EU und der NATO \u00fcbergreifen k\u00f6nnte. Und selbst wenn \u201ewir\u201c von direkten Kampfhandlungen verschont bleiben sollten, Millionen Fl\u00fcchtlinge w\u00fcrden Europa mit den Folgen des Konflikts konfrontieren. Nicht nur die damalige Reise, vor allem die nach wie vor lebende kulturelle und literarische Verbindung mit dem ehemaligen Galizien und der Bukowina verst\u00e4rkten unsere Betroffenheit, machten sie gegen\u00fcber den abstrakt wirkenden st\u00fcndlichen Nachrichten in Radio und Fernsehen und den \u00fcberquellenden kontroversiellen \u00c4u\u00dferungen in den sozialen Medien konkret. Komm nach Wien, sagte Renate, die Geschehnisse verst\u00f6ren und deprimieren uns zwar, aber im Caf\u00e9 Sperl finden wir sicher Zeit, auch \u00fcber Erfreuliches zu reden. Und Reminiszenzen an die gemeinsame Reise d\u00fcrfen wir uns erlauben, sagte sie, gerade dem Krieg zum Trotz. Das sehe ich auch so, sagte ich. Ich komme.<\/p>\n<p>Anfang der 2000er Jahre las ich in der Wochenendausgabe einer Zeitung einen Essay \u00fcber Karl Emil Franzos, den aus Galizien stammenden Schriftsteller und Journalisten. Er, 1848 geboren, ging wie viele seiner j\u00fcdischen Glaubensgenossen aus dem Schtetl des Ostens nach Wien, sp\u00e4ter nach Graz, schloss dort ein Studium der Rechte ab, sah sich aber eher als Schriftsteller denn als Jurist. Er war Redakteur bei der Neuen Freien Presse, gab B\u00fcchners Werke heraus, um sich schlie\u00dflich mit seiner Frau in Berlin als Schriftsteller niederzulassen. Von dort setzte er sich f\u00fcr Juden in Russland ein, deren Lage im Zarenreich immer unsicherer wurde. Er war herzkrank und starb mit 56 Jahren in Berlin. Auf dem wundersch\u00f6nen j\u00fcdischen Friedhof in Berlin-Wei\u00dfensee hat man ihm ein Ehrengrab gewidmet. Die im Essay beschriebene geographisch nahe Landschaft, die historisch doch ferne Zeit, von der ein faszinierender Mythos ausgeht, der Sog, den Wien und das fernere Berlin auf Teile der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung aus\u00fcbten, zogen mich in ihren Bann. Der Essay schilderte eindringlich und dicht die damalige Verbundenheit des \u00f6stlichsten Kronlands der Habsburgermonarchie mit der deutschen und \u00f6sterreichischen Kultur und die Anziehungskraft der Hauptstadt Wien, in der viele der vor allem j\u00fcdischen Zuwanderer den sozialen Aufstieg erhofften.<\/p>\n<p>Ich hatte vorher nichts von Franzos gewusst, vielleicht hatte ich einmal fl\u00fcchtig \u00fcber ihn gelesen, es aber vergessen. Ich sp\u00fcrte eine anwachsende, unruhige Neugier, die unbedingt gestillt werden wollte, und suchte nach Informationen und B\u00fcchern von Schriftstellern aus dieser literarischen Landschaft. Obwohl es die Sowjetunion seit einigen Jahren nicht mehr gab, stellte Galizien, das Teil der Ukrainischen SSR gewesen war und nun in der unabh\u00e4ngig gewordenen Ukraine lag, f\u00fcr mich immer noch ein exotisches, nicht nur durch die Sprache getrenntes Land dar, schwer erreichbar, mit einem Substrat versehen, das zur \u00f6sterreichischen Identit\u00e4t wesentlich beigetragen hatte. Die Vorstellung der Exotik wurzelte in der Unerreichbarkeit hinter dem Eisernen Vorhang w\u00e4hrend des Kalten Krieges, aber in den 1990er Jahren traf sie bald nicht mehr zu. Die imagin\u00e4re Reise mit dem Zug, auf die sich Martin Pollack Mitte der 1980er Jahre in seinem Buch <em>Nach Galizien<\/em> begeben hatte, konnte man nun v\u00f6llig real antreten. Denn Lemberg, die Hauptstadt des fr\u00fcheren Kronlandes Galizien, nur etwa 80 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, ist, was uns angesichts des Krieges im Jahr 2022 deutlich wird und Angst macht, Wien beinahe n\u00e4her als Bregenz, vielleicht nicht nur geographisch, auch, was die Mentalit\u00e4t der Menschen betrifft.<\/p>\n<p>Nach der \u00d6ffnung der ehemaligen Sowjetrepubliken entstand fast eine Reiselust, gepaart mit alt\u00f6sterreichischer Nostalgie. Sie erfasste in literarischer Hinsicht einige Jahre darauf auch mich. Ich hatte nat\u00fcrlich, bevor ich \u00fcber und von Karl Emil Franzos las, fast alles von Joseph Roth gelesen, ich kannte Gedichte von Rose Ausl\u00e4nder und Paul Celan, und Galizien, allein schon der Wohlklang des Namens, hatte f\u00fcr mich eine geistige Aura, einen literarischen Nimbus als ein Quell der genuin \u00f6sterreichischen Literatur, die einen wesentlichen Beitrag zu unserer Identit\u00e4t darstellt. Joseph Roth ist der herausragende Name aus dieser Vielzahl an Pers\u00f6nlichkeiten, und die Auseinandersetzung mit ihnen w\u00fcrde den Umfang dieses Textes sprengen. Vergessen darf nicht werden, dass Roths Frau Friedl, als tragische Komponente von Roths gebrochen verlaufendem Leben, in Hartheim zu Tode kam, um es euphemistisch auszudr\u00fccken.<\/p>\n<p>Die deutsche Sprache, das Jiddische, der Sog nach Westen brachten eine ganze Reihe Schriftsteller aus dieser Landschaft hervor, ebenso Schriftstellerinnen. Ich besuchte eines der selten gewordenen reichhaltigen Antiquariate, die es in Linz noch gibt, mit dessen Inhaber ich befreundet war, und fragte ihn, ob er Ausgaben von Karl Emil Franzos hatte. \u201eSelbstverst\u00e4ndlich\u201c, sagte er und f\u00fchrte mich zu einem Regal, in dem nicht nur Werke Franzos\u2019 standen, sondern zahlreiche literarische Namen Galiziens zu lesen waren. Ich konnte mich davon nicht mehr trennen und blieb eine lange Zeit in dem Antiquariat, las bekannte Namen, lernte f\u00fcr mich neue kennen. Pl\u00f6tzlich sah ich mich in Galizien, f\u00fchlte mich dort heimisch und den Literatinnen und Literaten nahe, ich sp\u00fcrte ihre N\u00e4he, sie lebten trotz ihrer verblichenen Physis, und ich geh\u00f6rte, da gab es keinen Zweifel, als ferner Verwandter zu deren Familie, wenigstens als Gast. Zwischendurch gab es Kaffee und ein paar Worte mit dem Antiquar.<\/p>\n<p>Zuhause stie\u00df ich einige Jahre sp\u00e4ter \u2013 ich glaube, in derselben Zeitung, in der ich \u00fcber Franzos gelesen hatte \u2013 auf die Ank\u00fcndigung einer Reise durch das ehemalige Galizien f\u00fcr den Sommer 2007. Ich bin mir sicher, mein Herz schlug schneller. Eine Art Fieber, dem Land nahezukommen, erfasste mich. So entschlussfreudig war ich gewiss noch nie gewesen. Ich meldete mich im Internet f\u00fcr die Reise an, zur Sicherheit griff ich zum Telefon, damit meine Anmeldung ja nicht im Cyberspace verschwand. \u201eWir m\u00fcssen noch abwarten, ob f\u00fcr den gew\u00e4hlten Termin die erforderliche Mindestzahl an Teilnehmerinnen und Teilnehmern zustande kommt\u201c, sagte die Bearbeiterin. \u201eIch nehme auch jeden anderen\u201c, sagte ich. \u201eWarten wir ab\u201c, sagte die Dame, \u201eich melde mich ein paar Tage nach dem Anmeldeschluss.\u201c Eine Zeit unruhiger Erwartung stand vor mir. Aber nach einigen Wochen rief mich das Reiseb\u00fcro an und best\u00e4tigte, dass die Reise zum von mir gew\u00e4hlten Termin zustande komme. Ich war erleichtert und gespannt.<\/p>\n<p>Der Bus fuhr bald in der Fr\u00fch von der damaligen Zentrale des \u00d6sterreichischen Verkehrsb\u00fcros ab, die gegen\u00fcber der Secession lag und heute das Kleine Haus der Kunst beherbergt. Reiseleiter war ein schon lange in Wien lebender, an der hiesigen Universit\u00e4t lehrender deutscher Historiker, der sich w\u00e4hrend der Fahrt durch Wien vorstellte. Er habe sich, sagte er, nicht nur in eine \u00f6sterreichische Frau, mit der er mittlerweile lange verheiratet sei, verliebt, ebenso in die \u00f6sterreichische Literatur und Lebensart. Dieses Gest\u00e4ndnis milderte unsere Zweifel, ob ein deutscher Reiseleiter durch einen Teil Alt\u00f6sterreichs der geeignete sei. Jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer stellte sich vor und skizzierte die Motivation f\u00fcr die Reise. Die Gruppe setzte sich aus historisch und literarisch Interessierten, Lehrerinnen und Lehrern, Pensionistinnen und Pensionisten zusammen. Die vor allem w\u00e4hrend der Monarchie in kultureller Hinsicht prosperierende Landschaft, die mit \u00d6sterreich und der deutschen Sprache verwobene Geschichte, auch famili\u00e4re Wurzeln, was bei Renate zutraf, stellten die Gr\u00fcnde dar. Monarchisten oder Habsburg-Nostalgiker schien es nach meinen ersten Eindr\u00fccken nicht zu geben, zumindest betonte es niemand.<\/p>\n<p>Durch M\u00e4hren erreichten wir die tschechisch-polnische Grenze bei Teschen, der Doppelstadt Cesky Tesin\/Cieszyn, und betraten das polnische Westgalizien. Der Reiseleiter wusste eine Menge zu erl\u00e4utern, es war anstrengend, erm\u00fcdend, ein paar Minuten Einhalt lie\u00dfen mich aufatmen. In Krakau stieg er mit uns auf den Wawel, wo wir die Stadt wunderbar \u00fcberblickten. Auf dem Hauptmarkt machte er uns auf die Tuchhallen aufmerksam. Kazimierz, das j\u00fcdische Viertel, hatte sich zu einer Touristenattraktion gewandelt, der Holocaust hatte das Viertel entv\u00f6lkert, und der polnische Antisemitismus hatte sich nicht nur als stiller Beobachter beteiligt. Heute schleust man Reisegruppen durch den Stadtteil, nichtj\u00fcdische Musiker spielen Klezmer, nichtj\u00fcdische K\u00f6che bereiten koschere Mahlzeiten zu, und die Besucher sind von der gespielten Authentizit\u00e4t angetan.<\/p>\n<p>Wir n\u00e4herten uns der Ukraine, und als wir bei Przemysl die polnisch-ukrainische Grenze \u00fcberschritten, betonte der Reiseleiter die Stellung der Stadt als Festung, die in mehreren Kriegen eine wichtige milit\u00e4rische Rolle gespielt hatte. Heute, im M\u00e4rz 2022, fl\u00fcchten wegen des Krieges in der Ukraine t\u00e4glich zahlreiche Menschen \u00fcber diesen Grenzbahnhof nach Polen, der an der Bahnlinie Krakau-Lemberg liegt. Die ukrainischen Grenzbeamten erledigten mit dem Reiseleiter die Formalit\u00e4ten, sie betraten den Bus, nicht, um uns zu kontrollieren, sie begr\u00fc\u00dften uns auf Deutsch und w\u00fcnschten uns einen angenehmen Aufenthalt.<\/p>\n<p>Wir betraten Ostgalizien, das ehemalige Kronland Galizien, das ich nur aus Beschreibungen und \u00fcber die Biographien seiner Autorinnen und Autoren kannte. Die Landschaft, durch die wir in den n\u00e4chsten Tagen reisen sollten, war ein nur kleines Gebiet der Ukraine, des zweitgr\u00f6\u00dften Landes Europas, das gr\u00f6\u00dfte, wenn man es politisch sieht. Meine Neugier lie\u00df mich den Hals recken, aus dem Fenster schauen, um jedes Haus, jeden Bach, jedes Merkmal, auf das der Reiseleiter aufmerksam machte, zu beachten und die Stimmung zun\u00e4chst des Grenzlandes, dann des Landesinneren zu sp\u00fcren, wenigstens zu erahnen. Atmete es noch einen Rest des alten \u00d6sterreich, oder lebte dieses nur in Mythen und in den Werken seiner Dichterinnen und Dichter, in den Biographien seiner Intellektuellen weiter? Wir n\u00e4herten uns den Orten, in denen jene Personen zur Welt kamen oder diese wesentlich formten, die wir f\u00fcr unsere Kultur, unsere Literatur beanspruchen. Ich war voller Erwartung, je n\u00e4her Lemberg kam, Lviv hei\u00dft es auf Ukrainisch, Lwow auf Russisch. Es hatte \u2013 wie \u00fcberhaupt Galizien \u2013 eine bewegte Geschichte mit wechselnder Zugeh\u00f6rigkeit zu \u00d6sterreich-Ungarn, Polen, Russland, dann der UdSSR und Rum\u00e4nien.<\/p>\n<p>Unsere K\u00f6pfe wandten sich nach links, nach rechts, nach vorne, nach hinten, nichts wollten wir vers\u00e4umen, alles im Auge haben. Wir folgten gebannt der Route des Busses und den Ausf\u00fchrungen des Reiseleiters, wir sahen typische Architektur der Habsburgermonarchie, die von den Zerst\u00f6rungen der Kriege verschont geblieben war. Wir hatten gewisserma\u00dfen eine vertraute Stadt erreicht. Ganz in der N\u00e4he liegt Grodek, das durch Trakls Gedicht in die Literaturgeschichte einging. Trakl l\u00e4sst durch seine Sprache die Verzweiflung, die Zerst\u00f6rung und die Brutalit\u00e4t des Krieges f\u00fchlen. Er war Sanit\u00e4ter und in der Schlacht von Grodek im September 1914 mit den Verwundeten und Toten konfrontiert. Die furchtbare Realit\u00e4t des Krieges verkraftete er nicht und starb nach einer \u00dcberdosis Kokain. Ob er sie absichtlich genommen hatte oder es sich um ein Ungl\u00fcck handelte, ist nicht gekl\u00e4rt, aber der vermutete Selbstmord bef\u00f6rdert den Mythos um Trakls Pers\u00f6nlichkeit. 1925 wurden seine sterblichen \u00dcberreste auf den M\u00fchlauer Friedhof bei Innsbruck \u00fcberf\u00fchrt.<\/p>\n<p>An diesem herrlichen Sommertag hatte Lemberg eine mediterrane Aura, auf den Terrassen sa\u00dfen die Menschen in der Sonne, ich dachte an eine Verwandtschaft mit Triest. Auch Klein-Wien traf die Ausstrahlung der Stadt. Die Leute promenierten auf den Boulevards, fast alle trugen Sonnenbrillen, nicht nur die Frauen waren elegant gekleidet. Wir stiegen im Hotel George ab, das 1901 nach Pl\u00e4nen des Wiener Architekturb\u00fcros Fellner &amp; Helmer im Stil der Neorenaissance errichtet worden war und dessen riesige Halle den Eindruck weckte, wir h\u00e4tten ein sakrales Geb\u00e4ude betreten.<br \/>\nMein Zimmer, eigentlich eine Suite, schien mir gr\u00f6\u00dfer als meine Wohnung zu sein, jedenfalls riefen die Dimensionen, die hohen R\u00e4ume, das erh\u00f6hte, barock wirkende Bett diesen Eindruck hervor. Die M\u00f6bel waren aus dunklem Holz, schwer und von imperialer Eleganz, sodass ich irgendwie die Gegenwart einer fiktiven Obrigkeit sp\u00fcrte, die aus kaiserlichen Zeiten zu kommen und mich als kleinen Untertanen zu betrachten schien.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen in den Caf\u00e9s sa\u00dfen junge Leute, lachten, hatten Spa\u00df. Wir nahmen in einem gegen\u00fcber der Oper, einer kleineren Ausgabe der Wiener Staatsoper, Platz. Die Stadt atmete Lebensfreude, jedenfalls im Zentrum. Solches im M\u00e4rz 2022 angesichts des Krieges, der Lemberg n\u00e4her r\u00fcckt, zu schreiben, schmerzt nicht nur, es stellt sich die Frage, ob die Betonung der Fr\u00f6hlichkeit, die damals an diesen Sommertagen dominierte, der heutigen Situation nicht unw\u00fcrdig ist. Die \u00c4u\u00dferung Adornos, die er sp\u00e4ter anders formulierte, \u201enach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch\u201c gr\u00fcndet auf noch verheerenderen Vorg\u00e4ngen, dennoch kommt sie mir in den Sinn. Andererseits wird die Beschreibung der Lebensfreude, ja der Lebenslust, der Stadt gerecht, die, wie die westliche Ukraine \u00fcberhaupt, in Sachen kultureller Orientierung, politischer Demokratie, sozialer Ausrichtung zur westlichen Lebensweise, zur Europ\u00e4ischen Union tendiert.<br \/>\nAls wir gegen\u00fcber der Oper sa\u00dfen, das Hotel George, die Parkanlagen und zahlreiche repr\u00e4sentative Geb\u00e4ude im Blick, bedurfte es keines Alkoholgenusses, um der Gem\u00fctlichkeit zu fr\u00f6nen und sich zu fragen, ob wir \u00d6sterreich \u00fcberhaupt verlassen h\u00e4tten. Dennoch stie\u00dfen Renate und ich mit einem Glas Rotwein an. Nur die Sprache der Menschen um uns best\u00e4tigte, dass wir in einem fremden Land waren. Keine Spur von der Angst, die 15 Jahre sp\u00e4ter vor dem Heranr\u00fccken der russischen Armee um sich greifen sollte, keine Spur von einem von Fl\u00fcchtlingen \u00fcberf\u00fcllten Bahnhof. Gegens\u00e4tzlicher zu damals, zum Sommer 2007, k\u00f6nnten die heutigen Bilder nicht sein.<\/p>\n<p>Etwas abseits vom belebten Stadtzentrum liegt die armenische Kathedrale, in die uns der Reiseleiter gewisserma\u00dfen als Antagonismus zum pulsierenden Leben f\u00fchrte. Wir kamen vom hellen Sommerlicht in Dunkelheit, die zahlreiche Kerzen kaum brachen, eine mystische D\u00fcsternis empfing uns. Wandmalereien von Jan Henryk Rosen aus den 1920er Jahren beeindruckten mich. Und von einer CD erklang der Gesang Lusine Zakaryans, wundersch\u00f6n, aber unendlich traurig, sodass ich zwar in dessen Bann geriet, aber bald nach drau\u00dfen in den Sommertag fliehen musste, zur\u00fcck ins Licht, ins Leben. Ich hielt diese Melancholie nicht l\u00e4nger aus. Sp\u00e4ter betrat ich die Kathedrale nochmals und kaufte mir eine der aufliegenden CDs mit Zakaryans sakralen Liedern, sollte ich einmal in der Stimmung danach sein und diese jenseitsnahen Melodien ertragen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u201eJede Freundschaft mit mir ist verderblich\u201c: So schreibt Joseph Roth an Stefan Zweig, der ihn mehrmals finanziell unterst\u00fctzte, Roths Niedergang, an dem sein Alkoholismus den gr\u00f6\u00dften Anteil hatte, aber nur verz\u00f6gern konnte. Beider Leben war von den Wirren des Zweiten Weltkriegs, vom Antisemitismus und der Emigration gepr\u00e4gt. Wir erreichten die kleine Stadt Brody, in der Roth 1894 geboren wurde. Die Stadt h\u00e4tte ohne ihren literarischen Sohn kaum die heutige Bekanntheit. Roth stammte aus einer j\u00fcdischen Familie, Brody hatte zur Zeit seiner Geburt einen j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerungsanteil von etwa 72 Prozent.<br \/>\nDie Synagoge war 2007 eine Ruine, sie ist es laut Internet immer noch. Niemand k\u00fcmmert sich darum, leben in der Stadt doch kaum noch Juden. Wir hielten vor dem Gymnasium, in dem Roth maturiert hatte. Ein Mann zeigte uns das Klassenzimmer, in dem er angeblich Sch\u00fcler war. F\u00fcr Interessierte hatte man es wie zu Roths Zeiten eingerichtet, selbst die Unterrichtsgegenst\u00e4nde wie Tafelzirkel, Geodreieck und \u00c4hnliches stellte man zur Schau, um der Roth-Verehrung gerecht zu werden. In einem Wandregal standen seine Werke in ukrainischer Sprache, einige auf Deutsch. Roth h\u00e4tte diese Aufmerksamkeit zeit seines Lebens gebraucht, \u00fcber achtzig Jahre nach seinem Tod 1939 dient sie wirklich nur der Nostalgie.<\/p>\n<p>Einige Kilometer au\u00dferhalb von Brody liegt der riesige j\u00fcdische Friedhof. Wir fuhren hin. Die Grabsteine \u2013 es sind tausende \u2013 waren im Lauf der Jahrzehnte, bald Jahrhunderte in die Erde gesunken, standen kreuz und quer, waren zum Teil umgefallen. Dazwischen stand das Gras mannshoch. Niemand m\u00e4hte es, man \u00fcberlie\u00df den Friedhof der Natur. 1939 gab es die letzten Bestattungen. Die Gr\u00e4ber d\u00fcrfen nach j\u00fcdischem Ritus nicht aufgelassen werden, also verfallen sie bis auf wenige Ausnahmen. Joseph Roth ist nicht hier begraben, er starb in Paris, sein Grab ist auf dem Friedhof von Thiais bei Paris.<br \/>\nDer Reiseleiter erl\u00e4uterte, dass der Friedhof bei Brody eine einsame St\u00e4tte sei, es gebe kaum Besucher. Wenn jemand kommt, dann sind es amerikanische Juden, die nach ihren Vorfahren suchen, die aus Galizien schlie\u00dflich in die Vereinigten Staaten ausgewandert sind. An den Grabinschriften erkannte man blo\u00df Bruchst\u00fccke von hebr\u00e4ischen, manchmal deutschsprachigen Namen und einzelne Buchstaben. So gab es eine Identifizierung eines Grabes nur, wenn eine j\u00fcdische Organisation die Koordinaten kannte. Vor Ort fanden die Nachkommen nur geborstene Grabsteine, die hilflos im Gras lagen, daneben den einen oder anderen Kerzenhalter, eine Vase ohne Blumen.<br \/>\nAm Westrand des Friedhofs befindet sich ein dreisprachiger Gedenkstein, der an die w\u00e4hrend der Aktion Reinhardt im angrenzenden Wald erschossenen Juden erinnert. Die heutige nichtj\u00fcdische Bev\u00f6lkerung nahe dem Friedhof hatte, darauf wies uns der Reiseleiter hin, einen pragmatischen Zugang zum Ort: Gr\u00f6\u00dfere Fl\u00e4chen am Rand nutzte sie als Garten und als Anbaufl\u00e4che f\u00fcr Gem\u00fcse, Obst und Blumen, und niemand stie\u00df sich daran.<\/p>\n<p>Es gab noch eine Steigerung, was literarische Pers\u00f6nlichkeiten Galiziens betraf: Czernowitz, ukrainisch Czernivci, Hauptort der Bukowina, des Buchenlandes. Kleiner als Lemberg, doch diesem um nichts nachstehend, was die literarische Aura betraf, im Gegenteil. Mir fiel auch Joseph Schmidt ein, der Tenor, der vorwiegend Operettenmelodien und Schlager gesungen hatte, weil er f\u00fcr die B\u00fchne zu klein war. Als ich noch ein Knirps war, h\u00f6rte ich bei meiner Gro\u00dfmutter seine Stimme, etwa im Lied \u201eDein ist mein ganzes Herz\u201c. Meine Gro\u00dfmutter hatte zwei Singles mit Schmidts Liedern. Viel sp\u00e4ter stellten sie f\u00fcr mich den reinsten Kitsch dar, da z\u00e4hlten der Rock und Woodstock, aber mit Renate habe ich Gro\u00dfmutters Singles wieder aufgelegt und Schmidts sch\u00f6ne Stimme geh\u00f6rt. Joseph Schmidt kam in der N\u00e4he von Czernowitz, im Schtetl Dawideny, 1904 zur Welt. 1942 starb er in der Schweiz in einem Internierungslager nach der Flucht aus Deutschland, weil die medizinische Versorgung mangelhaft war.<\/p>\n<p>Die galizischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller sind, obwohl sie l\u00e4ngst nicht mehr leben, im literarischen Sinn lebendig, vielleicht ideell unsterblich. Es gibt, sofern sie von Krieg und Zerst\u00f6rung verschont geblieben sind, deren Geburts- und Wohnh\u00e4user, und deren Ansicht st\u00e4rkt das Gef\u00fchl einer Verbundenheit. Dieses Gef\u00fchl wuchs in Czernowitz betr\u00e4chtlich, als wir vor dem Geburtshaus Paul Celans standen und der Reiseleiter \u00fcber ihn sprach, dessen Lyrik, ausgehend vom j\u00fcdischen Czernowitz, die moderne deutschsprachige Lyrik wesentlich beeinflusste, und das \u00fcber die <em>Todesfuge<\/em> weit hinaus. Der \u00d6sterreichbezug Celans ist auch in seiner fragilen Beziehung mit Ingeborg Bachmann begr\u00fcndet, von der der Briefwechsel zeugt. Paul Celan \u2013 Celan ist ein Anagramm von Ancel, seinem rum\u00e4nisierten Geburtsnamen Antschel \u2013 steht in der Lyrik f\u00fcr die Moderne, f\u00fcr den Terror des Nationalsozialismus und die Verwerfungen des Zweiten Weltkriegs.<\/p>\n<p>Doch gibt es andere Namen, die keinesfalls in Celans Schatten stehen: Rose Ausl\u00e4nder und Gregor von Rezzori etwa oder Selma Meerbaum-Eisinger. Auch der Biochemiker Erwin Chargaff stammt aus Czernowitz, er kam dort 1905 zur Welt. Sie alle zog es nach Westen, nach Wien, nach Berlin, in die Vereinigten Staaten. Nach dem Ersten Weltkrieg minderte sich die Dominanz der deutschen Kultur, der Zweite hatte die Vernichtung der Juden und den Ostblock zur Folge und die Dominanz des Russischen. Die Sowjetunion hatte kein Interesse an einer Pflege der Habsburgernostalgie, geschweige an einem Kulturtourismus, der, so die Bef\u00fcrchtung, Hand in Hand mit der Einsickerung revisionistischer Ideen h\u00e4tte gehen k\u00f6nnen. Aber Anfang der 1990er Jahre, nachdem die Ukraine ein selbst\u00e4ndiger Staat geworden war, konnte man der Habsburgernostalgie fr\u00f6nen, andererseits einem literarischen und kulturellen Interesse, dem viele Reiseb\u00fcros nachkamen und es, wenn der Krieg hoffentlich beendet ist, wieder tun werden.<\/p>\n<p>Czernowitz liegt ein paar Kilometer n\u00f6rdlich der rum\u00e4nischen Grenze, es geh\u00f6rte mehrmals zu Rum\u00e4nien, es gab immer Beziehungen dorthin. Deshalb studierte Celan unter anderem auch in Bukarest. Und heute w\u00e4hrend des Krieges? Menschen aus dem Osten der Ukraine w\u00e4hlen auch den Weg \u00fcber Czernowitz nach Rum\u00e4nien in der Hoffnung, dass ihr Aufenthalt im Nachbarland nur ein vor\u00fcbergehender sei und sie in ihre ukrainischen St\u00e4dte und D\u00f6rfer zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die R\u00fcckfahrt f\u00fchrte uns in die Karpaten, wir hielten auf einem Bergplateau, wo uns ein folkloristischer Markt erwartete. Obwohl es selbst in den Bergen warm war, deckten sich einige Leute der Reisegruppe vorausschauend mit Winterkleidung ein, die die H\u00e4ndler anboten. Im slowakischen Kosice, auf Deutsch Kaschau, habe ich eine \u00fcbermannshohe Mauer in Erinnerung, zu der uns der Reiseleiter eigens f\u00fchrte, die die dahinter lebenden Sinti und Roma von der restlichen Bev\u00f6lkerung der Stadt trennte.<br \/>\nAls erste Reaktion war ich erbost, wenigstens verwundert \u00fcber diese Ghettoisierung einer ethnischen Gruppe. Der Reiseleiter erl\u00e4uterte, dass man den Stadtteil zun\u00e4chst ohne Mauer f\u00fcr die Sinti und Roma errichtet hatte, H\u00e4user, Spielpl\u00e4tze, Gr\u00fcnanlagen. Nach und nach fielen mutwillige Zerst\u00f6rungen auf, Rohre, Leitungen, Kabel wurden aus Verankerungen und Verschraubungen gerissen und mit dem M\u00fcll, obwohl f\u00fcr diesen Tonnen bereitstanden, aus den Fenstern und in angrenzende Wohnviertel geworfen. So relativierte sich meine Emp\u00f6rung, und der Vorwurf der Apartheid oder der rassistischen Segregation k\u00e4mpfte mit dem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Ma\u00dfnahmen gegen mutwillige Zerst\u00f6rung. Aber es blieb ein mulmiges Gef\u00fchl, glaubt man doch die Ghettobildung mitten in Europa angesichts der j\u00fcngeren Geschichte \u00fcberwunden.<\/p>\n<p>Die Reise hatte mich ersch\u00f6pft, die F\u00fclle an Eindr\u00fccken und Emotionen beinahe \u00fcberfordert. Um diesen gewachsen zu sein, war Abstand geboten und ein Setzenlassen. Renate und ich vereinbarten ein Treffen in einigen Wochen, gefolgt von regelm\u00e4\u00dfigen Kontakten, um die Erinnerungen nicht verblassen zu lassen. Irgendwann war es dann doch so weit, wir verloren uns aus den Augen. Der Krieg, den Russland am 24. Februar 2022 begann, lie\u00df als grausamer Katalysator unseren Kontakt wiederaufleben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">G\u00fcnther Androsch<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 22049<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Galizien und die Bukowina: Eine Reise in eine literarische Landschaft an Dnister, Pruth und Sereth (Der Titel ist eine Verszeile aus Rose Ausl\u00e4nders Gedicht Pruth) Am 25. Februar 2022 erhielt ich einen Anruf, bei dem das Display meines Handys den Namen Renate zeigte, der mir nicht gleich gel\u00e4ufig war. 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