{"id":13993,"date":"2022-03-20T15:41:48","date_gmt":"2022-03-20T15:41:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13993"},"modified":"2022-03-27T07:30:12","modified_gmt":"2022-03-27T07:30:12","slug":"man-steht-am-fenster-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13993","title":{"rendered":"Man steht am Fenster 2"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13993&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13993&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><strong>Oktober 1956, der Ungarn-Aufstand<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht war in dieser Zeit auch die Rede von Ungarn, vielleicht habe ich etwas aufgeschnappt von der bedrohlichen Situation im Nachbarland, 60 Kilometer von uns entfernt. Die Gefahren durch den Kommunismus waren im Br\u00e4uhaus und auch sp\u00e4ter bei uns in Tulln immer gegenw\u00e4rtig:<br \/>\nDie Erz\u00e4hlungen vom Leben in der sowjetischen Besatzungszone, von der Zonengrenze auf der Ennsbr\u00fccke, die Onkel Klaus und seine Bierf\u00fchrer einmal in der Woche passieren m\u00fcssen, vom Putsch der gef\u00e4hrlichen Kommunisten in der Tschechoslowakei. Alles nicht weit weg. Und jetzt ging es um Ungarn, noch n\u00e4her. Sicher verstand ich nichts von der politischen Situation, aber nur das Wort \u201eKommunismus\u201c lie\u00df alle Alarmglocken klingeln. Die Erwachsenen senkten ihre Stimmen und machten sorgenvolle Gesichter. Es hatte immer mit Krieg zu tun, mit Flucht, Gefangenschaft, Stalingrad und Sibirien. Das hatte ich mit meinen acht Jahren schon oft geh\u00f6rt und die Angst der Erwachsenen im Raum mitschwingen gesp\u00fcrt.<\/p>\n<p>Nach dem Abendessen, dem gemeinsamen Rosenkranz und dem Singen verteilten wir uns auf unsere Zimmer. Hedi und ich bewohnten die \u201ekleine Mansarde\u201c. Sie war sechs, ich acht. Papa kam sp\u00e4ter noch zu uns herauf. Er sang Lieder und rezitierte Verse. Er machte Spompanadeln mit Worten und Gesten. Er konnte manche Kinderb\u00fccher im Ganzen auswendig aufsagen, in Reimen und mit Melodien unterlegt. Immer mit einem dramatischen Getue, das uns zum Lachen brachte. Er sprach keine tr\u00f6stenden oder beruhigenden Worte direkt aus, sondern machte Spa\u00df mit lustigen Wortspielen. Er war der erste Rapper aller Zeiten. Er konnte uns ablenken und verzaubern wie ein Kartentrickser, nur mit Worten. \u201ePuckerl und Muckerl\u201c hatte er vertont, indem er es mit der Melodie von H\u00e4nsel und Gretel unterlegte. Hedi schlief meist schnell ein. Ich fl\u00fcsterte noch lange mit meinem Vater, der am Bettrand sa\u00df.<\/p>\n<p>Papa, kommt der Krieg zu uns? Nein, niemals. Warum? Weil sie nicht d\u00fcrfen. Aber die Buben, die Br\u00fcder, machen oft etwas, was sie nicht d\u00fcrfen. Ja, weil sie Kinder sind. Die Russen und die Ungarn, sind das gro\u00dfe Kinder, die tun, was sie nicht d\u00fcrfen? Nein, das sind Staaten, und da passen alle anderen auf, dass sie nichts tun, was sie nicht d\u00fcrfen. So ging das hin und her, bis auch mir die Augen zufielen.<br \/>\nAber ich schlief nie sofort ein. Ich hatte mir mit den Fingern\u00e4geln in der Wand Gr\u00e4ben ausgekratzt. Zum Teil durch den por\u00f6sen Verputz, zum Teil entlang der hellgelben Kringel der Malerei. Als ich kleiner war, fuhr ich dort die Reisen des Florians \u00fcber die Tapete von Franz Karl Ginzkey nach, die Papa sehr dramatisch und komisch vortragen konnte. Jetzt grub ich dort Tunnel und H\u00f6hlen aus, in denen ich mich vor den Kommunisten verstecken konnte. Aber ich war nirgends sicher, denn vom Bett meiner Schwester kam ein leises, aber ununterbrochenes Ger\u00e4usch des Mahlens. Sie mahlte ihre Z\u00e4hne aufeinander, dass ich dachte, in der Fr\u00fch m\u00fcsse Mehl neben ihrem Bett liegen.<\/p>\n<p>Mein Vater war Katholik, Pazifist, Kriegsteilnehmer, der keine einzige Kugel abgeschossen hat, ein amerikanischer Kriegsgefangener und Sp\u00e4theimkehrer. Altphilologe, Germanist, Philosoph, Lehrer und Autor, getragen von hohen Aspirationen im akademischen Leben, geschlagen mit sieben Kindern und einer psychisch angeschlagenen Frau, meiner Mutter.<\/p>\n<p>Einmal spielte ich mit den j\u00fcngeren Geschwistern Hedi und Franzi im Garten. Fangen, Verstecken, Nachlaufen, B\u00e4umekraxeln. Ich war ziemlich weit oben im Weichselbaum, er war schon kahl im Oktober. Ich hing in einer bequemen Astgabel mit einem Querast, an den ich mich mit den H\u00e4nden klammerte. Da schwebte \u00fcber mir pl\u00f6tzlich ein Flugger\u00e4t. Ein Hubschrauber oder ein Flugzeug, eines oder viele, ger\u00e4uschvoll oder stumm, kreisten sie oder standen \u00fcber mir, bereit zum Angriff, uns zu vernichten. Das wei\u00df ich nicht mehr. Jetzt sind die Russen da, die Gewissheit, und ich lie\u00df den Ast los. Ein kurzes Empfinden von Segeln, und dann war ich schon tot. Den Aufprall auf der Wiese unter dem Weichselbaum sp\u00fcrte ich nicht mehr.<\/p>\n<p>Ich lag wie ein K\u00e4fer auf dem R\u00fccken, stocksteif. Wasserg\u00fcsse und Wangent\u00e4tscheln, R\u00fcckenklopfen und Pulsf\u00fchlen, alle Geschwister sprachen auf mich ein, die Kaninchen des \u00e4ltesten Bruders schnupperten an meinem Gesicht herum, seine Barthaare kitzelten. Die Eltern wickelten mich in eine Decke und verfrachteten mich ins Bett. Tee, Honigmilch, Suppe, Ges\u00e4nge und Gebete, Puckerl und Muckerl und die Reise des Florian \u00fcber die Tapete, das Z\u00e4hnemahlen meiner Schwester. Alles vermischt und weit entfernt. Die Familiengeschichte sagt, ich habe drei Tage und N\u00e4chte geschlafen und danach einige Zeit nicht gegessen und nicht gesprochen.<\/p>\n<p>Da war schon alles vorbei, der Ungarn-Aufstand und die Ungarn-Krise. Die Flugzeuge und Hubschrauber hatten nicht die Russen in Ungarn \u00fcber uns kreisen lassen, sondern sie kamen vom \u201eFliegerhorst Langenlebarn\u201c f\u00fcnf Kilometer entfernt. Das \u00f6sterreichische Bundesheer hatte sie aufsteigen lassen, damit sie nicht am Boden zerst\u00f6rt werden konnten. Also war ich damals nicht die Einzige, die vor den Russen Angst gehabt hatte. Das verstand ich erst viele Jahre sp\u00e4ter. Der \u201eFlughafen Langenlebarn\u201c lud zu jedem \u201eTag der Fahne\u201c am 26. Oktober zu einer Schau ein. Wir Kinder durften auf Panzer klettern, Flugzeuge und Hubschrauber besichtigen und bekamen Gulaschsuppe aus der Gulaschkanone. In meiner Erinnerung gibt es bis heute keine bessere Gulaschsuppe auf der Welt.<\/p>\n<p>Danach kamen die Fl\u00fcchtlinge. Ins Haus, in die Schule, ins Pfarrheim und ins Judenauer Schloss. Redda barnen, mit vielen fr\u00f6hlichen blau-gelben Wimpeln. Die Schweden waren so freundlich, dass ich ihnen meine Lieblingspuppe, mein einzige Puppe damals, die Lotte, \u00fcberlie\u00df, f\u00fcr die Ungarn-Kinder. Sie sagten bei jeder Spende, die wir ins Schloss brachten: Jegelskedeg, so wie der Mesner in der Kirche mit dem Klingelbeutel sagt: Vergelts Gott, Gott vergelts. Meine Schwester trennte sich von ihrer Kuscheldecke, mein kleiner Bruder von seinem Matador-Baukasten. Wir waren sieben Kinder in einem nicht \u00fcbergro\u00dfen Haus, aber Zsuzha wohnte bei uns, und sie blieb mir fast bis zur Matura die \u201ebeste Freundin meines Lebens\u201c.<\/p>\n<p>Ich war sehr ungl\u00fccklich \u00fcber den Verlust meiner Lotte und malte mir aus, dass sie auf eine sch\u00f6ne, weite Reise gegangen ist, vielleicht bis ins freundliche Land der Schweden. Redda barnen und jegelskdeg, das war Schweden. Das hab ich nie vergessen, und erst sehr viel sp\u00e4ter erfahren, was jegelskedeg bedeutet. Zumindest so habe ich das geh\u00f6rt. Mehr Schwedisch habe ich nie erlernt und bin leider noch nie dort gewesen.<\/p>\n<p>Teil 2: 28.2. &#8211; 1.3.22<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 22047<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oktober 1956, der Ungarn-Aufstand Vielleicht war in dieser Zeit auch die Rede von Ungarn, vielleicht habe ich etwas aufgeschnappt von der bedrohlichen Situation im Nachbarland, 60 Kilometer von uns entfernt. 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