{"id":13955,"date":"2022-03-07T17:03:43","date_gmt":"2022-03-07T17:03:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13955"},"modified":"2022-03-19T16:23:21","modified_gmt":"2022-03-19T16:23:21","slug":"mcdonalds-22-jahre-am-puschkin-platz-ende-am-9-3-22","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13955","title":{"rendered":"McDonalds, 22 Jahre am Puschkin-Platz, Ende am 9.3.22"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13955&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13955&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es bietet sich ein eigenartiges Bild. Im bitterkalten J\u00e4nner 2000 stehen tausende Moskauer auf dem Puschkin-Platz. Ein Ort um das Denkmal f\u00fcr den Dichterf\u00fcrsten, wo sich traditionell Menschen zu Festen und Protesten versammeln. Schon Dostojewski hielt dort seine historische Rede zum 100. Geburtstag, in den revolution\u00e4ren Tagen von 1905 und 1917 war das ein Versammlungsort, wo die Massen gegen Hunger und Krieg protestierten. Immer gro\u00dfe, wild durcheinander wogende Menschenkn\u00e4uel, mit Transparenten und Schildern. Die Stufen und der Sockel des Denkmals sind auch zu normalen Zeiten immer mit Blumen belegt, im Sommer verwelkt, im Winter erfroren, aber immer frisch die Verehrung.<\/p>\n<p>Seit Gorbatschows Lockerungen mit Glasnost und Perestroika ab 1985 diente der zentrale Puschkin-Platz f\u00fcr die t\u00e4glichen Demokratie-K\u00e4mpfer. Man hatte den Eindruck, dass manche Hauptst\u00e4dter dort Tag und Nacht leben.<\/p>\n<p>Aber das Bild an diesem kalten J\u00e4nnertag war anders. Keine buntgew\u00fcrfelten Menschenmassen, sondern lange Schlangen, ein Mensch hinter dem anderen, umrundeten ein Geb\u00e4ude an der S\u00fcdwestecke und wanden sich in gewundenen Spiralen durch alle Nebengassen. Es lag eine eigenartige Stille und Spannung \u00fcber diesem Menschengemenge. F\u00fcr Moskauer Verh\u00e4ltnisse eine ungew\u00f6hnliche Ordnung und Disziplin, viele Menschen mit Kindern, pelzeingem\u00fcmmelt in Kinderw\u00e4gen oder an der Hand ihrer Eltern oder Gro\u00dfeltern. Mir kamen sie vor wie eine gez\u00e4hmte Schar von B\u00e4ren. Es muss einen Lottogewinn geben.<\/p>\n<p>Die pelzbeh\u00fcteten K\u00f6pfe reckten sich und waren ausgerichtet nach dem gro\u00dfen Ecklokal mit Fenstern, in denen gelbe B\u00f6gen prangten. Alles wartete mit hoffnungsvollen Gesichtern auf die Sensation. Ganz Moskau schien auf den Beinen zu sein: Es sperrte die erste Filiale von McDonalds auf! Als ausl\u00e4ndisches TV-Team waren wir unter den ersten, die ganz vorne hineindurften. Als sich die T\u00fcren \u00f6ffneten, brach das Chaos auch. Ich f\u00fcrchtete um mein Leben in diesem Gedr\u00e4nge. Die Leute waren wie wilde Tiere, M\u00fctter und Babuschkas k\u00e4mpften wie die L\u00f6wen, seri\u00f6se Familienv\u00e4ter setzten F\u00e4uste und Ellbogen ein, es waren einfach alle verr\u00fcckt nach McDonalds. Das Personal war so heillos \u00fcberfordert von diesem Ansturm, dass es nicht einmal die Miliz herbeirufen konnte. Mein Team war so bedr\u00e4ngt, dass es kaum zum Filmen kam. Einige Bilder von diesem zeitenwendenden Event gelangen doch, und wir brachten sie \u00fcber den Sender in die Welt.<\/p>\n<p>Ich versuchte herauszufinden, was McDonalds f\u00fcr das postsowjetische Russland bedeutete. Ein Mythos, eine Ikone der westlichen Welt, eine neue Konsumkultur, gro\u00dfe Erwartungen und Illusionen. Welche? Endlich in den Mahlstrom des Rests von der Welt zu gelangen. \u201eNormalno\u201c zu werden, das h\u00f6rte ich damals am h\u00e4ufigsten. Ein normales Leben in einem normalen Land wie alle anderen auch. Meine Tochter damals hatte den besseren, unverstellten Blick. Kurze Zeit sp\u00e4ter beobachtete sie das Treiben im McDonalds am Puschkinplatz und berichtete mir davon. Die Russen spinnen, sie tun so, als w\u00fcrden sie ihre Kinder mit den Pommes und Chickennuggets wie mit Goldbarren f\u00fcttern. Goldrausch. Sie sind festlich angezogen wie f\u00fcr einen Kirchenbesuch. Die Kinder sperren ihre M\u00e4ulchen auf, und sie versenken and\u00e4chtig die Pommes wie Vogeleltern W\u00fcrmer und Insekten in die Goldkehlchen.<\/p>\n<p>Die Bilder vom Puschkinplatz am 9. M\u00e4rz 2022 sehe ich von meiner Wiener Couch aus. Sie \u00e4hneln sich, wieder viele Eltern und Gro\u00dfeltern mit Kindern, die Kleidung ist besser, wieder in Schlangen rund um den Puschkinplatz und seine Nebenstra\u00dfen, nur die Gesichter sind anders. Nicht mehr hoffnungsvoll nach oben gerichtet, sondern auf den Boden, wie Verurteilte.<\/p>\n<p>Es ist der 14. Tag von Putins Krieg gegen die Ukraine. Die letzten Hamburger, die letzten Pommes, das letzte Cola, denn auch Coca-Cola zieht sich aus Russland zur\u00fcck. McDonalds schlie\u00dft seine erste Filiale am Puschkinplatz und weitere 850 im ganzen Land.<\/p>\n<p>10.3.22<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 22032<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es bietet sich ein eigenartiges Bild. Im bitterkalten J\u00e4nner 2000 stehen tausende Moskauer auf dem Puschkin-Platz. 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