{"id":13951,"date":"2022-03-09T16:57:41","date_gmt":"2022-03-09T16:57:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13951"},"modified":"2022-03-14T09:44:24","modified_gmt":"2022-03-14T09:44:24","slug":"aus-putins-philosophischem-antiquariat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13951","title":{"rendered":"Aus Putins philosophischem Antiquariat"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13951&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13951&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><strong>Putins historische Rumpelkammer <\/strong><\/p>\n<p>\u201eDie Russen haben keine sch\u00f6nen Erinnerungen, keinerlei Tradition, keine Geschichte, die unser Volk erzogen h\u00e4tte. Wir sind ohne Vergangenheit und ohne Zukunft. Isoliert von der \u00fcbrigen Menschheit, fehlt uns jede eigene Entwicklung, jeder wirkliche Fortschritt. Von den Ideen der Pflicht, der Gerechtigkeit oder Ordnung, welche die Atmosph\u00e4re des Westens ausmachen, sind wir ganz unber\u00fchrt (&#8230;) Konfusion ist ein allgemeiner Zug in unserem Volk (&#8230;). Die Vorsehung scheint uns Russen v\u00f6llig \u00fcbergangen zu haben. Wir besitzen ein riesengro\u00dfes Land, aber geistig sind wir vollst\u00e4ndig unbedeutend, eine L\u00fccke in der Weltordnung. \u201c<\/p>\n<p>Diese Zeilen stammen keineswegs von einem zeitgen\u00f6ssischen Russland-Ver\u00e4chter aus dem Westen, so aktuell sie auch klingen m\u00f6gen, sondern aus dem G\u00e4nsekiel des russischen Publizisten Pjotr Jakowlewitsch Tschaadajew, der 1829 in seinem \u201eErsten philosophischen Brief\u201c \u00fcber die Zust\u00e4nde in Russland nachdachte. Der anfangs nur auf Franz\u00f6sisch ver\u00f6ffentlichte Brief rief einen politischen Skandal hervor. Zar Nikolaus I., der kurz zuvor die Dekabristen aufh\u00e4ngen lie\u00df oder in die sibirische Verbannung schickte, lie\u00df Tschaadajew f\u00fcr verr\u00fcckt erkl\u00e4ren und verbot ihm jede weitere Publikation. Dieser antwortete darauf mit der \u201eApologie eines Wahnsinnigen\u201c, in der er seine Thesen \u00fcber Russland noch vertiefte. Er wies darin Russlands nur halb verstandene und unverdaute Rezeption der deutschen Romantik eines Schelling auf und die Unm\u00f6glichkeit eines richtigen Verst\u00e4ndnisses von Hegel nach, weil Russland schlicht und einfach die realen staatlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen dazu fehlten. Kulturphilosophen wie Isaiah Berlin und Boris Groys zeigen in ihren Essays, dass die gleichen Missverst\u00e4ndnisse auch beim ideengeschichtlichen Import von Marx und Nietzsche nach Russland passiert seien.<\/p>\n<p>Tschaadajews Schrift ist der Anfang der bis heute andauernden Auseinandersetzungen zwischen den Str\u00f6mungen der Slawophilen und der Westler. Wohin geh\u00f6rt Russland? Zu Europa, zu Asien oder ist es etwas Drittes? Pr\u00e4sident Putin, vormals halbgebildeter und von jeder moralischen zivilisatorischen Beeinflussung freier Mensch, KGB-Major, spielt sich neuerdings als Historiker und Philosoph auf.<br \/>\nIm Juli 21, und zuletzt gestern bei seiner TV-Rede zur Rechtfertigung seines kriegerischen \u00dcberfalls auf die Ukraine. Viele selbsternannte Russlandkenner schwafeln von der Lust Putins, die alte Sowjetunion wiederherstellen zu wollen. Alle schreiben voneinander ab, \u00fcbernehmen Standards und Klischees f\u00fcr Redezeiten und Honorare.<\/p>\n<p>Ich glaube aber, das ist anders. Ich stelle mir vor, dass er schon lange in irgendwelchen unterirdischen Verliesen des Kremls sitzt und auf gro\u00dfen Tischen ausgebreitete Karten des Zarenreiches studiert.<br \/>\nDas verf\u00fcgte \u00fcber eine viel gr\u00f6\u00dfere Ausbreitung als die Sowjetunion je hatte, samt ihrem Vorfeld der osteurop\u00e4ischen Satelliten- Staaten. Dazu dauerte das zaristische Imperium etwa 200 Jahre l\u00e4nger als die scheinbar unbesiegbare UdSSR. Ich kriege die Bilder von Chaplins Gro\u00dfem Imperator nicht aus dem Kopf, wie er tanzend am Globus dreht und sich in einen Rausch hineinsteigert.<br \/>\nDas Baltikum, Finnland, Teile Rum\u00e4niens, die Walachei und Bessarabien, Teile Polens, Teile Persiens geh\u00f6rten damals zum Zarenreich. Das zaristische Russland k\u00e4mpfte mit dem Britischen Reich um Indien bis nach China. \u00dcber solchen Karten br\u00fctet Putin und nicht \u00fcber die Br\u00f6sel der Staaten von Osteuropa. Im KGB aufgezogen, ist seine Devise immer noch: \u201eWenn du auf Stahl triffst, weiche zur\u00fcck, auf Weiches stich ein und vernichte es.\u201c<\/p>\n<p>Der neo-faschistische Ideologe Alexander Dugin ist ihm so wichtig als sein Herzensphilosoph wie sein Beichtvater. Das Kerzerlanz\u00fcnden, die Verneigungen und das Bekreuzigen \u2013 er beherrscht es \u00fcbrigens noch immer nicht so perfekt, wie jemand, der von Kleinauf in der Orthodoxie aufgewachsen ist, nicht die richtigen Bewegungen beim Verbeugen, beim Ikonen-K\u00fcssen, beim Kniebeugen, alles angelernt, Camouflage und Propaganda, der neuerdings Gl\u00e4ubige. Ich schaue genau hin und erkenne F\u00e4lschungen.<\/p>\n<p>Einige sind nun in der EU und Mitglieder der NATO. Er dreht am Globus und studiert die Landkarten. Zur Erholung legt er sich auf das Fell eines sibirischen Tigers und studiert seine Lieblingsphilosophen Ilja Ilin und Nikolaj Berdjajew, die Schriften der alten und neuen Eurasier wie Sergej Bulgakow, Putins lebender Leib- und Magen-\u201ePhilosoph\u201c, ein lupenreiner russischer Faschist. Meine Moskauer Freunde erz\u00e4hlen mir, er beratschlagt sich mit ihm so viel wie mit seinem Beichtvater. Wie sich da die Kreise schlie\u00dfen, der atheistische KGB-Agent im Einfluss von ideologischen Extremisten. Vielleicht wird die vordergr\u00fcndige Irrationalit\u00e4t des Krieges Putins gegen die Ukraine verst\u00e4ndlicher.<\/p>\n<p>Wie alle Halb- und Viertel-Gebildeten fr\u00f6nt Putin dem Eklektizismus und der Geschichtsklitterung, kurzen, nicht zu Ende gedachten Parallelen und verf\u00fchrerischen \u00dcbertragungen von Vergleichen in die Gegenwart, mit zunehmender Leidenschaft und zunehmendem Realit\u00e4tsverlust. Ich glaube, er ist ein armer Irrer. Allein in den Kasematten, in denen noch das Blut von Ivan, dem Schrecklichen, Boris Godunow und den von Peter, dem Gro\u00dfen hingemetzelten Strelitzen klebt, kratzt er sich die Glatze und die nackte Brust unter dem Judo-Kost\u00fcm, streichelt ein sibirisches Pferd und krault die Kehle eines Delphins aus dem Schwarzen Meer. Einige von ihm dort gefundene Amphoren wird er um sich aufgebaut haben. Niemand aus seiner Entourage wagt es, den Grill mit den fetten, selbstgeangelten Kamtschatka-Forellen anzuwerfen. Aber die Bilder davon, die er in seiner Selbstinszenierung in die Welt geschickt hat, haben alle Menschen im Kopf.<\/p>\n<p>Dazu noch der Flottenf\u00fchrer und der Kampfpilot mit Ray-Ban-Brille und einer 25.000 Euro teuren Schweizer Uhr am muskul\u00f6sen, braungebrannten Handgelenk. Vielleicht darf seine Langzeit-Geliebte Alina einmal in den Keller hereinsp\u00e4hen. Nein, er denkt. Aber seine Leidenschaft wird von etwas anderem als von der h\u00fcbschen, halb so alten usbekischen Turnerin gespeist. Er dreht wieder den Globus und beugt sich \u00fcber die Karten.<br \/>\nUkraina, die Br\u00fcder, Malorossia, Kleinrussland, Belorossia, Wei\u00dfrussland, das hab ich schon.<\/p>\n<p>Es geht um die Ukraine, sie ist unser, wir sind eins, also ich selbst, also darf ich sie umbringen. Ich darf die H\u00e4lfte von mir t\u00f6ten, weil das bin ja ich.<br \/>\nDer schwarze G\u00fcrtel ist weg, ihm vom Judo-Weltverband abgesprochen, auch schon wurscht, bald geh\u00f6rt mir die ganze Welt. Er denkt kurz, keine langen Z\u00fcge, von A nach B und was ergibt vielleicht C? Das hat er nie gelernt. Weder in den Leningrader Slums noch beim KGB. Jura \u2013 Jus hat er studiert, da muss ich immer lachen. Was war denn in der Sowjetunion \u201eRecht\u201c? Rechtswissenschaft in der KGB-Akademie?<\/p>\n<p>Putin, der Jurist? Ich kriege Hirn- und Magenschmerzen und innerliche Wutanf\u00e4lle, wenn ich so etwas von unbedarften Russland-Kommentatoren zu h\u00f6ren bekomme. Schild und Schwert, steht auf dem Wappen des KGB. Urspr\u00fcnglich die Tscheka als Waffe gegen die Konterrevolution, aber nach dem Sieg der Bolschewiken ein \u201eSchild und Schwert\u201c gegen den Westen. Und daran hat sich bis heute nichts ge\u00e4ndert. Unter Schild und Schwert (schit i metsch) ist Putin sozialisiert worden. Wenn man seinen aktuellen Reden zuh\u00f6rt, hat sich daran nichts ge\u00e4ndert, bis auf die Ausweitung auf seine zaristischen Ambitionen.<br \/>\nIch habe noch vor Augen die Bilder vom ersten Besuch eines wichtigen westlichen Gastes, des englischen Premiers Tony Blair in St. Petersburg mit seiner hochschwangeren Frau. Wie er in der Zarenloge des Mariinski Theaters sa\u00df, wie er seine triumphalen Blicke und Gesichtsz\u00fcge kaum unter Gewalt bringen konnte. Da gingen viele Gewitter ab. Der r\u00e4udige Stra\u00dfenhund aus dem Hinterhof, ein schlechter Sch\u00fcler, ein Rowdy, den nicht einmal der KGB aufnehmen wollte, am Ziel, so sah ich ihn, das war 2004, kurz vor seiner ersten Wahl.<\/p>\n<p>Die ukrainische Bev\u00f6lkerung sitzt in Kellern und U-Bahnstationen, Putin sitzt in den Kreml-Gew\u00f6lben. Keller gegen Keller. Wer ist lebendiger? Wer hat mehr Zukunft? An welcher Seite sind wir?<\/p>\n<p>Als der j\u00fcngste Vertreter des alten Slawophilen-Huts hat sich am 16. April 2014 der russische Pr\u00e4sident Putin geoutet. W\u00e4hrend seiner vierst\u00fcndigen \u201eAnsprache zum Volk\u201c schwadronierte er von der Opferbereitschaft und der Leidensf\u00e4higkeit der Russen, was ihre moralische \u00dcberlegenheit gegen\u00fcber dem Westen ausmache. Die Kernbotschaft seines in allen gro\u00dfen Fernsehkan\u00e4len direkt \u00fcbertragenen Schmierentheaters lautete: Der russische Mensch, der Mensch in der russischen Welt, das russische Volk ist bereit, f\u00fcr die russische Welt zu sterben. Opfer, Leiden, Sterben \u2013 das war immer schon ein beliebter Zynismus der Diktatoren. Er hatte wenige Tage davor die ukrainische Krim besetzen lassen und war gerade dabei, den Krieg in der Ostukraine anzufachen.<\/p>\n<p>\u201eDulc(e) et decorum est pro patria mori\u201c\u2013 S\u00fc\u00df und ehrenhaft ist es, f\u00fcr das Vaterland zu sterben, dichtete schon Horaz in den Carmina III.2.13.<br \/>\nPutin hat das territoriale Russland ausgedehnt auf \u201edie russische Welt\u201c, und die ist laut Putin \u00fcberall dort, wo russische Menschen leben und russische Interessen betroffen sind: die Krim, die Ukraine, das Baltikum, Transnistrien, Georgien, Ossetien oder weiter bis in 1. und 4. Wiener Gemeindebezirk, nach Nizza und London, Kensington Park? \u201eMir scheint, dass der russische Mensch, der Mensch der russischen Welt, vor allem daran denkt, dass es irgendeine h\u00f6here moralische Bestimmung des Menschen gibt\u201c, sagte Putin, der frisch gebackene Philosoph auf dem Pr\u00e4sidententhron. Das ist Rassismus pur. Wusste er nicht: laut einer UNESCO-Definition aus dem Jahr 1995, der \u201eGlaube, dass menschliche Populationen sich in genetisch bedingten Merkmalen von sozialem Wert unterscheiden, sodass bestimmte Gruppen gegen\u00fcber anderen h\u00f6her \u2013 oder minderwertig sind.\u201c<\/p>\n<p>Was in westlichen Ohren wie befremdliches Gefasel von Nationalmentalit\u00e4ten klingen mag, ist aber das Hintergrundger\u00e4usch eines beinharten geopolitischen Kampfes, zu dem Putin angetreten ist. W\u00e4hrend er in den Nuller-Jahren etwa bis 2007 im Westen noch wie ein Wolf im Schafspelz Kreide gefressen hatte \u2013 siehe seine viel bejubelte Rede vor dem Deutschen Bundestag \u2013 trat mit seiner Stiftung \u201eRusski mir\u201c erstmals in der postsowjetischen Zeit die neue imperiale Ideologie von Eurasia auf. \u201eDie russische Welt kann und muss alle vereinen, denen das russische Wort und die russische Kultur teuer sind, wo immer sie auch wohnen, in Russland oder au\u00dferhalb. Verwenden Sie diesen so oft wie m\u00f6glich \u2013 russische Welt.\u201c Die Tragik besteht darin, dass im Russischen mir\/Welt \u00a0und mir\/Friede Synonyme sind. Warum, das hat mir bis heute noch kein Semiotiker zufriedenstellend erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, nicht einmal Noam Chomsky. Er kann trotz seiner russischen Herkunft kein Russisch.<br \/>\n(Zit. Nach Ulrich Schmid: Russki mir. Dekoder 2016.)<\/p>\n<p>Zur Ideologie der \u201erussischen Welt\u201c geh\u00f6rt wie ein siamesischer Zwilling das \u201enahe Ausland\u201c. Gemeint ist damit die Einflussnahme auf die ehemaligen Sowjetrepubliken, deren Selbst\u00e4ndigkeit in den Tiefen des Kreml nie anerkannt wurden. Georgien, die Ukraine, Moldawien haben es am eigenen Leib versp\u00fcrt, f\u00fcr die anderen ist das eine st\u00e4ndige Bedrohung.<br \/>\nMit der Gr\u00fcndung der \u201eEurasischen Wirtschaftsunion\u201c 2014 wollte sich Putin den langgehegten Wunsch nach einem Gegenprojekt zur EU erf\u00fcllen. Neben Belarus und Kasachstan konnten sich lediglich Armenien und Kirgistan zum Zusammenschluss durchringen. Sie ist aber eine wirtschaftliche und eine ideologische Totgeburt geblieben. Seit der Krim-Annexion und dem Krieg in der Ostukraine mit den nachfolgenden Sanktionen ist sie sicher nicht attraktiver geworden. Erst mit dem Einstieg in den Syrien-Krieg zur Unterst\u00fctzung des Assad-Regimes konnte er sich auf die Weltb\u00fchne katapultieren und mit seinem Konkurrenten USA auf Augenh\u00f6he stehen. Die \u201erussische Welt\u201c hat er mit dem Siegerkonzert in die Ruinen von Palmyra getragen. Valeri Gergiev spielte am 6. Mai 2015 mit dem Orchester des Mariinski-Theaters Werke von Bach, was ungef\u00e4hr so geschmackvoll war wie im besetzten Paris Wagner zu spielen. Ein Politporno, den man sich jederzeit auf YouTube reinziehen kann. Der Dirigent und das Orchester mit wei\u00dfen Baseballkappen umringt von russischen und syrischen Milit\u00e4rs inmitten der Ruinen.<\/p>\n<p>So wie Stalin in den 30-Jahren die Orientierung an einer ganzheitlichen, homogenen \u201esozialistischen Kultur\u201c erzwungen hat, so wird unter Putins Dirigat Russlands Geistesleben auf ein immer aggressiveres, einheitliches \u201erussl\u00e4ndisches Denken\u201c und seine \u201ehistorische Mission\u201c eingeengt. Putins Monolog und das inszenierte Antwortspiel sollten als Einstimmung in eine Zeit kommender Opfer, der Wehrbereitschaft und des massenhaften Heldentums dienen, durch das sich laut Putin das russische Volk vor allen anderen auszeichne.<br \/>\nAuch wenn es in der heutigen Welt viel Austausch g\u00e4be, auch von Genen, k\u00f6nne Russland von anderen V\u00f6lkern so manches aufnehmen, die Russen w\u00fcrden sich aber immer auf ihre eigenen Werte st\u00fctzen, so auch die Bereitschaft, f\u00fcr ihr Volk zu sterben. \u201eGene\u201c waren im 19. Jahrhundert noch unbekannt, aber von den \u201eurspr\u00fcnglich russischen Werten\u201c, die den Rest der Welt erl\u00f6sen sollten, schwafelten auch schon die slawophilen Schriftsteller angefangen bei Gogol, den Br\u00fcdern Aksakov, Dostojewskij, Solowjow, Trubetzkoi bis zu Solschenizyn. Auch der f\u00fcr die Vorbereitung des Ersten Weltkrieges so bedeutende wie verheerende Panslawismus kommt aus den finsteren Winkeln des russischen Slawophilentums.<\/p>\n<p>Putins Banalit\u00e4ten \u00fcber eine russische \u201eVolkspsychologie\u201c und das Verh\u00e4ltnis zum Westen gleichen dem \u00d6dipus, der bei Freud \u00fcber den \u00d6dipus-Komplex nachliest oder einem afrikanischen H\u00e4uptling, der eine Kubistenausstellung besucht, schreibt Groys. Er verkauft die russische Kultur als Realisierung der westlichen Tr\u00e4ume und gleichzeitig als ihre \u00dcberwindung, nicht als das andere neben einem gleichen, sondern als die absolute Alternative. Was Putin so w\u00fctend macht, ist, dass trotz aller Lockangebote Russland f\u00fcr den Westen bisher immer ein Ort der Bedrohung geblieben ist. Am russischen Wesen wird die Welt genesen. Daf\u00fcr gibt es schreckliche Beispiele.<\/p>\n<p>Der von Stalin ermordete Dichter Josip Mandelstam warnte schon fr\u00fch vor der eurasischen Krankheit, an der Russland leidet. \u201eDie Russen haben eurasische Geistesanf\u00e4lle, aber nur das Europ\u00e4ische hilft uns weiter.\u201c Er fragt, was Russland ohne Europa w\u00e4re, w\u00e4re es dann Russland plus Asien? Nein, denn es geh\u00f6rt keinem dieser zivilisatorischen Kreise an und w\u00e4re eine Leerstelle.<\/p>\n<p>Der ehemalige KGB-Major Putin hat seinen Stalin genau gelesen. Mit \u00e4hnlichen Worten und Gedanken richtete sich Stalins Radiostimme einige Tage nach dem deutschen \u00dcberfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 an sein Volk, aus dem Bunker, in den er sich wochenlang verkrochen hatte. Stalin mobilisierte sogar die orthodoxe Kirche, die er seit seiner Machtergreifung gnadenlos verfolgt hatte, und gab ihr weitgehende Freiheiten, um die Kampfbereitschaft der Massen zu erh\u00f6hen.<br \/>\nDas hat Putin jetzt nicht n\u00f6tig, er ist schlauer als Stalin, er hat die ROK mit sich an die Macht gebracht. Er, der ehemalige, kleine, kommunistische Geheimdienstagent, hat nach einem angeblichen Nahtoderlebnis zur Mutter Kirche gefunden und diese in seinen absolutistischen Machtapparat einbezogen.<br \/>\nAus den Insignien des KGB von Schild und Schwert ist so ein Dreigestirn mit dem Andreaskreuz geworden, das \u00fcber Russland herrscht. Die ROK hatte vor dem Prozess gegen die Aktionsk\u00fcnstlerinnen von Pussy Riot in einem Kreuzzug der staatlichen Medien sieben Jahre Haft wegen \u201eBlasphemie und Erzeugung von Hass auf die Religion\u201c gefordert, immer vom Staat und seinen Medien konzertiert. Auch das Anti-Homosexuellengesetz ist ein lange gefordertes Zugest\u00e4ndnis an die Kirche, die in der Legalisierung der Homo-Ehe im Westen Vorzeichen f\u00fcr die herannahende Apokalypse sieht. Putins scheinbare Neuerfindung Russlands hat den Russen nach dem \u201eOpium f\u00fcrs Volk\u201c, der Religion, nun das berauschende Gift des Nationalismus beschert. Ein russisches Sprichwort war schon einmal kl\u00fcger als die derzeitige Politik: Wenn die Trompete ert\u00f6nt, ist der Verstand im Wind.<\/p>\n<p>Die ROK dient Putin noch auf eine andere Weise. Sie, die von Anfang an gegen den Westen, die lateinische Welt, gerichtet war \u2013 das vierte Rom als Erbe von Byzanz und Rom \u2013 versteht sich als das wahre Christentum, das rechtgl\u00e4ubige, das universale Christentum, das andere ist das abgefallene. So wie in allen imperialen Staatsformen von den Zaren bis Putin versucht die ROK als Staatsideologie den universalen christlichen Anspruch in politische Herrschaft \u00fcberzusetzen. Das hat Putin gemeint, als er von der \u00dcberlegenheit der russischen Werte sprach, er beansprucht nicht mehr und nicht weniger als die Anerkennung einer gr\u00f6\u00dferen Universalit\u00e4t als die gesamte westliche Kultur.<br \/>\nIm \u00dcbrigen zeigte sich in den 80 Jahren des russischen Kommunismus \u2013 eine aus dem Westen von Russland angeeignete Ideologie \u2013 der gleiche gegen die westliche, kapitalistische Moderne gerichtete Anspruch, sich das Westliche anzueignen, um es besser bek\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen. Russlands antizivilisatorische R\u00fcckwende zum gro\u00dfrussischen Chauvinismus verr\u00e4t trotz seines zur Schau gestellten dummdreisten Triumphalismus aber mehr von Schw\u00e4che als von St\u00e4rke. Was wie ein Meisterst\u00fcck seiner Geheimdienste aussieht, die Besetzung und Annexion der Krim, ist kein Sieg, sondern der erste t\u00f6nerne Fu\u00df, auf dem Putin einknickt. So dialektisch kann Geschichte funktionieren.<\/p>\n<p>Die russischen Werte, Vorteile, Vorz\u00fcge, die Opferbereitschaft und das Leidenspotential bestehen darin, mehr Wodka zu vertragen und mehr Kalaschnikovs zu verkaufen als alle anderen, das hat sicher jeder Politiker, Diplomat, Manager, Journalist oder Tourist schon am eigenen Leib erfahren.<br \/>\nMit Tschaadajew kann man heute noch sagen, dass die russischen Verh\u00e4ltnisse so sind, dass man sie bei klaren Sinnen nicht ertragen kann. Es ist aber auch m\u00f6glich, dass in den Kreml-K\u00fcchen ein Gebr\u00e4u aus anderen T\u00f6pfen als Slawophilentum und ROK, zaristischem Imperialismus oder Stalinismus gebraut wird. Der bei uns vergessene Autor Konstantin Leontjew behauptete in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts, \u201edass ausschlie\u00dflich Unfreiheit und Unterdr\u00fcckung eine geschichtliche Originalit\u00e4t eines Menschen oder einer Kultur hervorbringen (&#8230;). Ein befreiter Mensch oder eine befreite Kultur verlieren diese \u00e4u\u00dferen Grenzen und werden grenzenlos banal.\u201c Als Beispiel f\u00fchrte Leontjew, der l\u00e4ngere Zeit auf dem Balkan verbracht hat, die V\u00f6lker des heutigen Jugoslawiens und Griechenlands an, von denen er behauptete, dass sie nur im Zustand der Unterdr\u00fcckung durch die T\u00fcrken attraktiv waren. (Boris Groys, S 13).<br \/>\nLeontjew ist er jener Obskurant unter den Slawophilen, der meinte, wenn man Russlands Werte und Traditionen erhalten wolle, m\u00fcsse man es einfrieren.<\/p>\n<p>Die Selbstaufl\u00f6sung der Sowjetunion, f\u00fcr Putin die gr\u00f6\u00dfte Katastrophe des 20. Jahrhunderts, hat in Russland exakt zu dem Zustand gef\u00fchrt, vor dem Leontjew gewarnt hatte. Putins Wende r\u00fcckw\u00e4rts in die Rumpelkammer der Geschichte wird weder Russland noch die Welt weniger d\u00fcster machen. \u201eWir sind niemals mit anderen V\u00f6lkern zusammengegangen, wir geh\u00f6ren keiner der gro\u00dfen Familien des Menschengeschlechts an, wir geh\u00f6ren weder zum Osten noch zum Westen, haben weder die Traditionen des einen noch des anderen. Wir stehen gewisserma\u00dfen au\u00dferhalb der Zeit, die allgemeine Erziehung des Menschengeschlechts hat uns nicht einbegriffen. \u201c<\/p>\n<p>Tschaadajews Klagen aus der Zeit des Dekabristen-M\u00f6rders Nikolai I. sind einhundertf\u00fcnfundachtzig Jahre alt und klingen dank Putin leider wieder ganz aktuell.<\/p>\n<p>26.4.14, 10 Tage nach der Annexion der Krim, erg\u00e4nzt am 22.6.17, erg\u00e4nzt am 25.2.22, 1 Tag nach dem Angriff auf die Ukraine<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 22044<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Putins historische Rumpelkammer \u201eDie Russen haben keine sch\u00f6nen Erinnerungen, keinerlei Tradition, keine Geschichte, die unser Volk erzogen h\u00e4tte. 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