{"id":13861,"date":"2022-02-18T14:29:50","date_gmt":"2022-02-18T14:29:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13861"},"modified":"2022-02-26T17:07:33","modified_gmt":"2022-02-26T17:07:33","slug":"geschichte-einer-liebesgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13861","title":{"rendered":"Geschichte einer Liebesgeschichte"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13861&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13861&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><h4>Die Entstehung von <em>Ali und Nino. (weiblich, Betonung auf o. ) <\/em><\/h4>\n<p><em>Ein Roman von Kurban Said<\/em><\/p>\n<p>Ich erkannte ihn sofort, durch die Glasscheiben und durch die dicken Rauchschwaden, an seinem Gang. Er war immer darum bem\u00fcht, eine noble Figur abzugeben. Aber diesmal stolperte herein wie ein Betrunkener. Die gl\u00e4serne Dreht\u00fcre spuckte ihn zu schnell aus, fast w\u00e4re er gest\u00fcrzt. Ganz und gar nicht gentlemanlike. Dabei war er sonst immer auf eine w\u00fcrdige Haltung bedacht, um seine aristokratische Herkunft zu unterstreichen. Ich sah, dass er wie immer seinen langen Regenschirm am Arm trug, aber keinen Fez auf dem Kopf hatte. Die Freunde kannten ihn nur so, mit dem hohen, roten Filzdeckel. Unbedeckt hatte ich ihn noch nie gesehen, ohne Fez schien er mir nackt und nicht er selbst. Essad Bey, bei uns in Wien war er der Esi. Die schwarzen Haare klebten an seinem Kopf, die Krawatte war nicht gebunden, und die Kn\u00f6pferlgamaschen hingen lose um seine Kn\u00f6chel. Seine gro\u00dfen, sch\u00f6nen Augen waren angeschwollen und tr\u00fcb.<br \/>\nNie w\u00fcrde er in einem solchen Zustand auf die Stra\u00dfe gehen. Ein Mensch in Aufl\u00f6sung, das sah jeder beim ersten Blick. In der rechten Hand hielt er ein Papier, mit dem er mir schon von weitem zuwedelte. Es musste etwas sehr Wichtiges sein, das ihn derart die Contenance verlieren hatte lassen.<\/p>\n<p>Ich sa\u00df an meinem Stammplatz gleich neben dem gro\u00dfen Tisch mit dem Berg von Zeitungen. Der Herr Albert wusste, welche ich bevorzugte. Direkt vor mir stehend, beugte sich Esi \u00fcber meine Hand, lie\u00df sie aber gleich wieder los und setzte sich mir gegen\u00fcber. Er war au\u00dfer Atem und keuchte, als h\u00e4tte er einen Marathon hinter sich. Dabei wohnte er in der Wallnerstra\u00dfe, buchst\u00e4blich um die Ecke. Herr Albert hatte auf dem schwarzen Marmortischchen meine Wunschzeitungen angeh\u00e4uft. Esi schob sie ohne Erlaubnis auf die Sitzfl\u00e4che des dritten Stuhls. Obendrauf stellte er das Tablett mit der Kaffeetasse und dem Wasserglas. Eigentlich eine unversch\u00e4mte Unh\u00f6flichkeit. Das war nicht mehr Esi. Nur mein Zigarettenspitz blieb, im Aschenbecher einsam vor sich hinrauchend, liegen.<\/p>\n<p>Sogar die von ihm so gesch\u00e4tzte Anrede mit \u201eFrau Baronin\u201c unterlie\u00df er. <em>Frieda, es ist etwas Schreckliches passiert. Du musst mir helfen.<\/em><\/p>\n<p>Na, das war nun wirklich nichts Neues. Bei Esi passierte st\u00e4ndig etwas Schlimmes, und wir taten seit Jahren fast nichts anderes, als ihm zu helfen. Unter uns nannten wir ihn liebevoll <em>Gospodin Katastrofski. <\/em>Sei es das Drama seiner Scheidung von Erika Loewendahl oder ein Finanzdesaster, ein literarischer Misserfolg oder seine zeitweisen Depressionen. Den Aufenthalt im Sanatorium auf der \u201eGr\u00fcnen Insel\u201c habe ich zusammen mit Omar eingef\u00e4delt. Hat leider nichts gebracht. Jetzt macht er eine Psychoanalyse beim Professor Freud. Zuletzt ging es ihm ein bisserl besser. Ein russischer Patient.<\/p>\n<p>Er zog ein gro\u00dfes, wei\u00dfes Taschentuch aus der inneren Jackettasche und wischte damit \u00fcber die hohe Stirn. Er war nicht bleich, sondern gr\u00fcn-gelb im Gesicht. Seine Z\u00fcge wirkten entstellt, die breiten Wangen waren zerflossen und hingen schlaff von den Backenknochen herab, auf der Oberlippe standen Schwei\u00dfperlen. Der fesche, 31-j\u00e4hrige Esi sah pl\u00f6tzlich aus wie ein alter Mann. Mich fr\u00f6stelte, ich dr\u00fcckte meinen Turban tiefer in die Stirn und zog die Nerzstola enger um mich.<\/p>\n<p><em>Esi, was ist? Jetzt beruhige dich einmal und erz\u00e4hl. <\/em>Anstatt zu reden, hielt er mir das Papier hin.<br \/>\nNoch bevor ich den ersten Buchstaben lesen konnte, sah ich das gro\u00dfe Hakenkreuz oben im Briefkopf. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Ich begann zu lesen.<br \/>\nDie deutsche Reichsschrifttumskammer teilte knapp mit, dass Herr Lev Avramowitsch Nussimbaum ausgeschlossen worden ist, er die Anspr\u00fcche auf sein Verm\u00f6gen und alle zuk\u00fcnftigen Tantiemen verloren hat und im Dritten Reich nicht mehr publizieren darf. Grund war keiner angegeben.<br \/>\nDas war eine Katastrophe, ein Schicksalsschlag, von dem er sich nie wieder ganz erholen w\u00fcrde. Ich konnte lange nichts sagen, kaum atmen, nahm seine H\u00e4nde in meine und wagte es nicht, ihm ins Gesicht zu schauen. Zwischen uns stand der Tod.<br \/>\n<em>Esi, Esi, oh Gott, das ist ja schrecklich. <\/em>Das war nicht gesprochen, sondern gefl\u00fcstert.<br \/>\nEsi brachte nichts anderes als ein leises St\u00f6hnen hervor.<br \/>\nDass er seines Verm\u00f6gens verlustig gegangen ist, war blanker Raub. Aber dass die Gestapo seine wahre Identit\u00e4t herausgefunden hatte, war ein Todesurteil. Das wussten wir beide und mussten es nicht aussprechen.<\/p>\n<p>Jetzt kamen die Bodmershof, Imma und Willy, ins Herrenhof hereingeweht. Er \u2013 atemberaubend in den Frauenkleidern einer G\u00fcrtelhure, sie \u2013 im Herrenfrack wie f\u00fcr einen Hofball, eine androgyne Sch\u00f6nheit mit einem perfekten Bubikopf. Die New Yorker Million\u00e4rserben Binks und Jay Dratler hinter ihnen, die hatten noch ein unbekanntes amerikanisches P\u00e4rchen im Schlepptau. Bis auf dieses trugen alle sozusagen Hauskleidung. Jay und Binks hatten es ja nicht weit aus ihrer Wohnung im obersten Stockwerk des Ringturms runter ins Caf\u00e9 Herrenhof.<\/p>\n<p>Sie trugen Seidenpyjamas mit ausladenden Schals und Federboas, dar\u00fcber Turbane aus wei\u00dfem Atlas, sie mit Kranich-, er mit Flamingomuster, an den F\u00fc\u00dfen hatten sie reich bestickte, schnabelnasige Pantoffel aus Safin und Antilopenleder. Die ausladenden Wedel aus Pfauenfedern auf den Turbanen wippten lustig bei jeder Bewegung. Sie waren \u00fcberm\u00e4\u00dfig stark geschminkt, dicke Ringe um die Augen, schwarze Augenbrauen und gigantisch \u00fcberzeichnete Lippen in allen Farben. Jay mit baumelnden Ohrringen, Binks mit langen Perlenketten und Ringen an allen Fingern, im breiten G\u00fcrtel ein gekr\u00fcmmter Dolch, ein kaukasischer Kindschal. Wahrscheinlich hatte sie Omar-Rolf gerade f\u00fcr einen seiner Filme ausgestattet, und sie genehmigten sich eine Pause. So tanzten sie aufgekratzt ins Herrenhof herein.<\/p>\n<p>Die Kellner waren solche Szenen von den \u201egstopften Amis\u201c im Dachgescho\u00df des Ringturms gewohnt und schurlten diensteifrig um sie herum. Es umgaben sie Wolken von schweren Parfums, die nur von ihren Zigarren und Zigaretten \u00fcbertroffen wurden. Verr\u00fcckte, aber gutm\u00fctige Leute, die sich mit Trinkgeld nicht zur\u00fcckhielten. Na ja, die haben mehr als genug. Sie werfen es uns hin wie eine Banane den Raubtieren im K\u00e4fig. Was wollen sie \u00fcberhaupt hier, denkt der Ober, Herr Albert, w\u00e4hrend er buckelnd der Gesellschaft die Tische zuweist. Die junge Schauspielerin Paula aus Berlin f\u00fchrt eine Schildkr\u00f6te an einer goldenen Leine mit sich, eigentlich ist sie ein Mann, sicher ein Jud. Angeblich schreibt Binks Romane und Jay malt Bilder.<\/p>\n<p>Und es kommen immer mehr Leute, darunter viele komische Figuren, auch ein Orientale mit Pluderhosen, Tscherkessenmantel und Fez. Ein orientalischer Prinz solla sein. Haha, a Prinz, dass i ned lach, ich lass mi ned f\u00fcr deppert verkaufen. A verkleideter Jud is des, nix aundas. Der soll an Kaftan tragen. Ich kenn des, i riach die. I kriag eam, irgendwaun. Aber solang die Amerikaner gut zahlen, bleib ich ruhig, wahrscheinlich leben eh alle von irgendeinem Rothschild-Geld. Die Gstopften machen sich Tag und Nacht nur a Hetz und a Gaudi und f\u00fchrn an Karniwal auf. Owa mia miassn buckeln und hackln wie die Deppn. Aber wie alle gut gehaltenen Domestiken im Herrenhof halten sie den Mund. Jetzt noch.<\/p>\n<p>Schnell brachten die Kellner das \u00dcbliche f\u00fcr diese Gesellschaft \u2013 Champagner und Evian originale. Aber da unterbrachen sie ihre \u00fcbersch\u00fcssige Freude und starrten auf Frieda und Esi, wie sie so da sa\u00dfen.<br \/>\nWas ist passiert, wollten die Freunde wissen.<br \/>\nNur Blicke. Niemand sprach. Frieda wedelte kurz abweisend mit einem wei\u00dfen Rehlederhandschuh. Gehts weg. Esi hob nur kurz den Kopf, sah zu seinen Freunden auf, dann sank er wieder in sich zusammen. Es sa\u00df da wie ein zum Tod Verurteilter. Die anderen schlichteten sich um die Tische und lie\u00dfen die beiden in Ruhe.<\/p>\n<p>Es war Fr\u00fchjahr 1936, Essad Bey und Elfriede von Ehrenfels, sa\u00dfen einander im Caf\u00e9 Herrenhof gegen\u00fcber, die Arme weit ausgestreckt, hielten sie die H\u00e4nde des anderen fest umklammert. Beide lie\u00dfen die K\u00f6pfe h\u00e4ngen und starrten wortlos auf ein Papier in der Mitte der Marmorplatte. Wer sie beobachtete, h\u00e4tte sie f\u00fcr ein innig versunkenes Liebespaar halten k\u00f6nnen, das Papier ein Liebesbrief.<\/p>\n<p>F\u00fcr Esi war Frieda eine gute Freundin, die Frau seines Gesinnungsgenossen und F\u00f6rderers, des Freiherrn Rolf von Ehrenfels, der, so wie er, zum Islam \u00fcbergetreten war und sich seither Omar nannte. Rolf-Omar hat vieles studiert, interessierte sich am meisten f\u00fcr Anthropologie und \u00f6stliche Religionen, dilettierte in der Literatur und drehte Stummfilme, die er alle in einem erfundenen Orient spielen lie\u00df. Er musste nicht arbeiten, seine Familie besa\u00df Schl\u00f6sser und G\u00fcter um Prag und im Waldviertel. Au\u00dferdem hatte er mit Frieda in eine Familie geheiratet, die aus dem selben Milieu stammte. Rolf und Frieda von Ehrenfels und Willy und Imma von Bodmershof wuchsen gemeinsam auf und heirateten in erster Linie deswegen kreuzweise, um als Viererbande zusammenzubleiben.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus experimentierten die Paare jeweils mit dem Partner des anderen und konsumierten so manches orientalisches Pflanzenextrakt. Sie taten damit nichts anderes, als was der Vater Christian von Ehrenfels als Professor der Universit\u00e4t Prag gelehrt hatte, in den gl\u00fccklicheren Zeiten vor 1914. Er trug seine Gedanken zur freien Liebe, Rassen- und Kulturmischung, zur allgemeinen Promiskuit\u00e4t und M\u00f6glichkeiten der Bewusstseinserweiterung vor.<br \/>\nGanz im Sinne des Vaters experimentierten die Geschwister-Paare mit gleichgeschlechtlicher Liebe, Inzest und Drogen. Christian von Ehrenfels war zu seiner Zeit der beliebteste Professor an der Prager Universit\u00e4t. Es mag total verr\u00fcckt gewesen sein, was er dozierte, bis dahin ex cathedra noch nie geh\u00f6rt \u2013 \u201eaber zumindest ist er kein Antisemit\u201c, notierte sein junger H\u00f6rer Franz Kafka im Tagebuch. Seine Vorlesungen waren so sensationell und am\u00fcsant, dass ihm H\u00f6rer aller Fakult\u00e4ten in Massen zuliefen. Er musste sie manchmal zwei- oder dreimal wiederholen. Sogar Seminaristen in Soutanen standen mit gereckten H\u00e4lsen auf den G\u00e4ngen, um ein Wort von Prof. Ehrenfels zu erhaschen.<\/p>\n<p>Der Jura-Student Franz Kafka musste innerhalb seines Studiums eine Pflichtvorlesung in Philosophie belegen, und er w\u00e4hlte \u201ePraktische Philosophie\u201c bei Prof. von Ehrenfels. Die Erinnerungen an ihn sind ungerechterweise nicht an seine origin\u00e4re Grundlegung der Gestalttheorie, nicht an seinen ausgedehnten Briefwechsel mit Sigmund Freud oder seine \u201erassenbiologischen Forschungen\u201c gekn\u00fcpft, sondern an die Tagebucheintragungen des 19- j\u00e4hrigen Studenten F.K. im Sommersemester 1902 \u00fcber ihn:<br \/>\n\u201eEs ist so vergn\u00fcglich, schon am Morgen zu h\u00f6ren, dass das Beste, was einem Menschen passieren konnte, ein paar Tropfen j\u00fcdischen Blutes in seinen Adern zu haben.\u201c Kafka war bei all seiner Begeisterung f\u00fcr Ehrenfels\u2019 Thesen nie imstande, ihnen im Leben zu folgen. Wie er darum k\u00e4mpfte, lesen wir vor allem in seinen Tageb\u00fcchern und Briefen. Es war eher sein Freund Max Brod, der in seinem Ehealltag damit herumexperimentierte.<\/p>\n<p>Jetzt, im Jahre 1936, war das alles undenkbar geworden, sogar zu einer lebensbedrohlichen Gefahr. Esis Fingern\u00e4gel gruben sich tief in Friedas Handfl\u00e4chen, als w\u00e4ren sie die einzigen Rettungsanker auf der Welt. Sie beide wussten noch nicht, dass es tats\u00e4chlich so kommen w\u00fcrde. Nat\u00fcrlich nicht ganz so, aber immerhin w\u00fcrde aus der mond\u00e4nen Gesellschaftsdame Baronin Elfriede von Ehrenfels die Schriftstellerin Kurban Said werden, der eine der ber\u00fchrendsten und unbekanntesten Liebesgeschichten der Weltliteratur zugeschrieben wird, \u201eAli und Nino\u201c.<\/p>\n<p>Ali und Nino sind Kinder, die Anfang des 20. Jahrhunderts in der Altstadt von Baku aufwachsen, Ali in einer moslemischen Adelsfamilie, Nino in einer christlichen Kaufmannsfamilie aus Georgien. Ali besucht das zaristische Gymnasium, wo russische Lehrer aus den kleinen Asiaten gute Europ\u00e4er zu machen versuchen. Vom Dach seines Hauses kann er in den Gartenhof des georgischen M\u00e4dchenlyzeums zur heiligen K\u00f6nigin Tamar hinunterblicken. So beobachtet er mit zunehmendem Interesse die heranwachsende Nino, ohne selbst gesehen zu werden. Zuerst verliebt er sich aus der Ferne in das M\u00e4dchen, sp\u00e4ter auch sie in den Gymnasiasten. als sie sich heimlich begegnen. Nino muss als Christin keinen Schleier tragen, und so kann er in die sch\u00f6nsten Augen des Kaukasus schauen. Sie versprechen sich einander, in der Hoffnung, einmal ein Paar werden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Chancen stehen anfangs gar nicht so schlecht, hat doch das Zarenreich das haupts\u00e4chlich muslimische Aserbeidschan seit der Eroberung 1823 heftig russifiziert und sieht den Kaukasus als Teil Europas an. Dort sprudelt der erste \u00d6lrausch aus der Erde. Dort tummeln sich Rothschild und Nobel, Investoren und Gastarbeiter, Casinobesucher und Gl\u00fccksritter aus ganz Europa. Das neue Eldorado. Der junge Stalin, damals noch Dschugaschwili mit dem Kampfnamen Kuba, f\u00fchrt im Untergrund eine bolschewistische Terrorgruppe, organisiert zur Finanzierung der Partei spektakul\u00e4re und ertragreiche Bank\u00fcberf\u00e4lle. Aber dann kommt die Revolution, und mit der alten Welt versinken auch Ali und Nino. Die drei gehen aber nicht in der Revolution zugrunde, sondern an den strengen Gesetzen der muslimischen Welt.<\/p>\n<p>Mehr von dieser tragischen Liebesgeschichte im Kaukasus am Ende der alten Zeit und am Beginn der Revolution soll nicht verraten werden. Zuerst muss das Geheimnis um Kurban Said gel\u00fcftet werden. Das ist schwer genug. Als der Kurzroman 1937 auf Deutsch erscheint, wird hinter dem Pseudonym Kurban Said die Publizistin Frieda von Ehrenfels vermutet. In Wirklichkeit steckt aber der 1905 im zaristischen Baku geborene Jude Lev Avramowitsch Nussimbaum dahinter.<\/p>\n<p>Er war ein Fl\u00fcchtling der Revolution, so wie hunderttausende andere Russen in den europ\u00e4ischen Hauptst\u00e4dten. Lev besucht in Berlin das russische Gymnasium und beginnt 1922, sich als Prinz aus dem Morgenland auszugeben, als Sohn eines \u00d6lmagnaten. Etwas, was ganz unm\u00f6glich ist, denn im zaristischen Russland durfte kein Jude in den Siedlungsgebieten eine \u00d6lquelle besitzen, nicht im Westen, nicht im Osten des Reiches. In seiner Kindheit in Baku, einer halborientalischen Stadt am Kaspischen Meer, tr\u00e4umt sich der kleine Lev eine andere Familie und eine andere Welt zusammen: Seine Mutter, eine J\u00fcdin aus Warschau, stirbt, als er acht ist, sein Vater, ein Kaufmann, hat nach dem Tod seiner Frau kein Interesse an dem Kind, es ist viel allein und w\u00e4chst beim kranken Gro\u00dfvater mit einer Haush\u00e4lterin auf. Die Mutter wird einmal eine polnische Prinzessin, einmal eine der Geliebten Stalins in dessen Bakuer Zeit.<br \/>\nAls er zw\u00f6lf ist, bricht die Revolution aus, in Baku ver\u00fcben Moslems Pogrome an Juden, Armenier an Moslems, Russen an Tataren, dann Rote an Wei\u00dfen, jeden Tag liegen auf den Stra\u00dfen Leichen, jeden Tag brennen Gesch\u00e4fte, bis die Bolschewiken siegen und ihre Ordnung herstellen.<\/p>\n<p>Er flieht mit seinem Vater in einer vierj\u00e4hrigen Odyssee \u00fcbers Schwarze Meer in die T\u00fcrkei, nach Italien, Paris und Wien bis nach Berlin. Schon als Sch\u00fcler im russischen Gymnasium verkehrt er in K\u00fcnstlerlokalen und gibt sich als Journalist aus. Er kleidet sich in einer Phantasiemischung aus 1000 und einer Nacht und Tscherkessenkrieger. Auf Fotos l\u00e4sst er sich im weiten Tscherkessenmantel mit langem Silberdolch im G\u00fcrtel und Patronenstreifen als Revers ablichten, an den F\u00fc\u00dfen Stiefel aus feinstem Tscherkessenleder, am Kopf entweder eine hohe Fellm\u00fctze oder einen Fez. Der Traum vom M\u00e4rchenprinzen aus dem Morgenland. Unter dem Namen Essad Bey ver\u00f6ffentlicht er zahlreiche B\u00fccher. Vor allem \u201cBlut und \u00d6l im Orient\u201c wird ein Bestseller und in viele Sprachen \u00fcbersetzt. Biografien \u00fcber Nikolaus II. und Stalin folgen. Er ist pl\u00f6tzlich reich und ber\u00fchmt. Nach einer kurzen Ehe mit der extravaganten Fabrikantentochter Erika Loewendahl und einem Intermezzo in New York l\u00e4sst er sich in Wien nieder. Als eine Klatschzeitung verbreitet, Essad Bey halte sich einen Harem, reicht Erika die Scheidung ein. Er verkehrt in den Kreisen der Wiener Boheme, in der die Orientalistik gerade gro\u00df in Mode ist. Kurz vor der Okkupation \u00d6sterreichs flieht er nach Italien, wo er 1942 an Sepsis stirbt, manche sagen, an seinem Opium-Konsum.<\/p>\n<p>Wie weit sich Lev Nussimbaum mit seinen erfundenen Biografien identifiziert hat, wie weit er damit seine j\u00fcdische Herkunft verdecken wollte und wie weit er von der Mode des Orientalismus angesteckt war, verraten weder seine B\u00fccher noch die Literatur \u00fcber ihn. Er hat das Geheimnis mit ins Grab genommen. Ich neige dazu, dass er f\u00fcr sich eine Kunstfigur geschaffen hat, die ihm ein bisschen Sicherheit und Glamour gab, in einer Welt, die ihn jagte wie einen herrenlosen Hund.<br \/>\nHoch oben \u00fcber dem Golf, au\u00dferhalb des Friedhofs von Positano, steht eine schmale Grabstele mit einem Turban an der Spitze. Sie ist nach Mekka ausgerichtet und \u00fcberblickt die ganze Sch\u00f6nheit der Amalfik\u00fcste.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie viel Tragik vertr\u00e4gt eine Lebensgeschichte? <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eGenau zum selben Zeitpunkt greift Hitler nach dem Kaukasus. Im 2. Weltkrieg wollte sich Hitler unter allen Umst\u00e4nden des \u00d6ls bem\u00e4chtigen. Er lenkte den Russlandfeldzug um, nur um an das \u00d6l des Kaukasus heranzukommen. Im September 1942 schenkte ihm sein Generalstab eine gigantische Torte in Form des Kaukasus. In der damaligen Wochenschau kann man sehen, wie Hitler ein St\u00fcck davon abschneidet, auf dem in Zuckerguss BAKU steht. `Wenn wir das \u00d6l von Baku nicht bekommen, br\u00fcllt er seine Gener\u00e4le an, dann ist der Krieg verloren!`(\u2026\u2026) Die ganze 6. Armee l\u00e4sst er in Stalingrad im Stich, um nur ja keine Division aus dem Kaukasus abziehen zu m\u00fcssen. Knapp 2 Jahre sp\u00e4ter rollen sowjetische Panzer in Berlin ein, im Tank das \u00d6l aus dem Kaukasus.\u201c <\/strong><\/p>\n<p><strong>Tom Reiss Der Orientalist. Auf den Spuren von Essad Bey, S XIII, Osburg Verlag, 2005 <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>1936 haben die Nazis seine wahre Identit\u00e4t entdeckt; ihm wurde der Anspruch auf sein Verm\u00f6gen und die Tantiemen abgesprochen, er erhielt Publikationsverbot und war mit einem Schlag v\u00f6llig mittellos. Er wusste um die Lebensgefahr, in der er als Jude schwebte. In dieser Notlage wandte er sich an seine exzentrischen Wiener Freunde, erfand zusammen mit seiner Freundin Elfriede \u2013 Frieda von Ehrenfels \u2013 die Autorin Kurban Said und schrieb die Liebesgeschichte von Ali und Nino. Ob sie daran \u00fcberhaupt Anteil hatte, ist bis heute zweifelhaft. Die russische Stadt Baku und ihre Geschichte, der Lokalkolorit, die Problematik der Landbr\u00fccke zwischen Orient und Okzident, die Wirren der Revolution und des B\u00fcrgerkrieges \u2013 damit war nur Lev Nussimbaum, alias Essad-Esi Bey, alias Kurban Said vertraut.<\/p>\n<p>Wie kann man sich am ehesten diese \u201eKooperation\u201c zwischen Lev und Frieda vorstellen? Er schreibt in seiner Wohnung in der Wallnerstra\u00dfe Kapitel um Kapitel und bringt sie ins Caf\u00e9 Herrenhof, wo Frieda, Omar-Rolf, Willy und Imma und ihre illustren Freunde tagt\u00e4glich verkehren. Vor aller Augen, auch vor denen der anderen G\u00e4ste und der Kellner, gehen Frieda und Lev-Esi die Papiere durch, diskutieren, korrigieren, lektorieren, lachen und weinen zusammen. Sie diskutieren mit den Freunden viel \u00fcber den Titel. Omar-Rolf schl\u00e4gt \u201eLiebe und Tod im Kaukasus\u201c vor.<br \/>\nSie nehmen ihn als Arbeitstitel. Esi schreibt in orientalischer Manier auf langen Papierrollen mit einem Federkiel in mikroskopisch kleiner Schrift, die niemand au\u00dfer ihm lesen kann. Noch 1936 schlie\u00dfen sie den Roman ab.<\/p>\n<p>Es ist ein d\u00fcnnes Buch, bestehend aus kurzen Kapiteln, spannend, bunt, orientalisch, romantisch, wild \u2013 alles wie aus einem Guss. Niemand w\u00fcrde zwei Federn dahinter vermuten. Frieda, zwar noch im kaiserlichen Triest geboren und sp\u00e4ter viel in Prag, hat Wien ab den Zwanzigerjahren nicht mehr verlassen, nur zu Besuchen im Schloss im Waldviertel. Wie kann sie den Orient beschreiben? Im Herrenhof l\u00e4sst sich Frieda von der Freundesrunde mit einem gro\u00dfes Fest feiern. Alle k\u00f6nnen es sehen: Baronin Elfriede von Ehrenfels alias Kurban Said hat einen Roman fertiggestellt. Er erscheint als \u201eAli und Nino\u201c 1937 in Wien beim Verlagshaus E.P.Tal &amp; Co und ist kurzfristig ein gro\u00dfer Erfolg.<\/p>\n<p>Ein gewisser Alfred Ibach wird bei Tom Reiss als Arisierer genannt. 1938 flieht Lev-Esi nach Positano, und Frieda kann ihm bis zum Kriegsausbruch noch Geldmittel nach Italien \u00fcbermitteln. Als sie versiegen, ist er so verzweifelt, dass er sich sogar Mussolini als Biograf anbietet: \u201eEssad Bey und die gr\u00f6\u00dften M\u00e4nner der Weltgeschichte\u201c. Aber der lange Arm der SS reicht im faschistischen Italien bis ins malerische Fischerd\u00f6rfchen an der Amalfik\u00fcste. Kurz bevor er verhaftet und ausgeliefert werden soll, stirbt er 1942. Der Polizeiwagen und der Leichenwagen haben sich fast gekreuzt.<\/p>\n<p>Lev Nussimbaum ist bis heute unbekannt, denn das einzige Buch, das noch \u00fcbersetzt wurde, \u201eAli und Nino\u201c, erscheint nur unter dem Pseudonym Kurban Said, auf Englisch in den Siebzigerjahren, auf Deutsch 2014, auf Aseri 2008. Das postsowjetische Aserbeidschan hat sich die s\u00fc\u00dfliche Liebesgeschichte mit dem ungl\u00fccklichen Ende sogar als eigenen Sch\u00f6pfungsmythos unter den Nagel gerissen, und das obwohl Kurban Said kein aserischer Name ist, sondern genauso wie Essad Bey (Herr Herr) der Phantasie des Lev Avramowitsch Nussimbaum entstammt. (Baronin) Elfriede (von) Ehrenfels, geb. Bodmershof, starb 1984 88-j\u00e4hrig auf Schloss Lichtenau. Sie hat nie auch nur ein einziges Wort \u00fcber Kurban Said oder Essad Bey ge\u00e4u\u00dfert.<\/p>\n<p>Quellen: Ali und Nino von Kurban Said, List Taschenbuch, 2014<br \/>\nDer Orientalist von Tom Reiss<br \/>\nReiner Stach: Kafka. Die fr\u00fchen Jahre 1883 \u2013 1910<br \/>\nKurban Said: Der Mann, der nichts von Liebe wusste. Unver\u00f6ffentlichte Tageb\u00fccher Veronika Seyr: Phantasie \u00fcber einen Roman-Anfang<\/p>\n<p>beg. 28.6.18, beendet 5.2.22<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 22039<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Entstehung von Ali und Nino. (weiblich, Betonung auf o. ) Ein Roman von Kurban Said Ich erkannte ihn sofort, durch die Glasscheiben und durch die dicken Rauchschwaden, an seinem Gang. Er war immer darum bem\u00fcht, eine noble Figur abzugeben. Aber diesmal stolperte herein wie ein Betrunkener. 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