{"id":13856,"date":"2022-02-16T14:22:34","date_gmt":"2022-02-16T14:22:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13856"},"modified":"2022-02-19T09:12:50","modified_gmt":"2022-02-19T09:12:50","slug":"marlies-momente","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13856","title":{"rendered":"Marlies-Momente"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13856&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13856&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Und manchmal erinnerte ich mich noch an sie. Wir kannten uns ziemlich gut, damals noch, in der elften Klasse, als wir uns zum ersten Mal sahen: Marlies und ich. Als sie pl\u00f6tzlich und unvermittelt neben mir Platz nahm. Nat\u00fcrlich kr\u00fcmmte sich der Raum um sie herum. Sie hatte das, was man als das \u201egewisse Etwas\u201c bezeichnen k\u00f6nnte. Jedenfalls waren die anderen nicht so aufregend. Sie hatte auch andere Interessen als die anderen: Als sie einmal in der Klasse nach ihrem Lieblingsfilm gefragt wurde, nannte sie \u201eDer diskrete Charme der Bourgeoisie\u201c. Ein anderer Mitsch\u00fcler kannte nur James Bond.<\/p>\n<p>Jahre vergingen und wir verloren uns aus den Augen. Doch ich hatte gelernt, Menschen wie Marlies zu sch\u00e4tzen, die es vollbrachten, dass sich alles rund um sie ver\u00e4nderte. Schnell begann ich ein Studium und merkte, wie mich meine Kommilitonen an\u00f6deten. Sicher, ich hatte das falsche Fach studiert, ohne es zu merken. Dies fiel mir lange Zeit aber gar nicht auf, und ich nahm teil an den anderen Sp\u00e4\u00dfen. Doch auf einmal kamen diese Austauschstudierenden und wollten in der Mensa mit uns \u00fcber B\u00fccher reden. Was sie alles kannten. Dante. Boccaccio, Shakespeare. Eine Studienkollegin sagte, sie kenne nur \u201eLord of the Flies\u201c. Bzzzz. Und das, ohne rot zu werden.<\/p>\n<p>Manchmal \u2013 aber das ist eher schon die Ausnahme \u2013 treffe ich Menschen wie Marlies. Menschen, die aus der Masse hervorstechen und eben den Raum kr\u00fcmmen. So jemandem zu begegnen, ist mir manchmal unheimlich, dann f\u00fchle ich mich verletzt, eingesch\u00fcchtert. Aber hin und wieder versp\u00fcrte ich den gro\u00dfen Wunsch, genauso zu werden wie sie.<\/p>\n<p>Marlies studierte jetzt irgendeine Geisteswissenschaft. Und was sie machte, das <strong>musste<\/strong> ja gut sein. Sie war jedenfalls keine dieser oberfl\u00e4chlichen Studierenden, die, sobald die Schule zu Ende war, kein Buch mehr in die Hand genommen hatten. Und es war ja nicht nur das. Klar, dass sie einen besseren Musikgeschmack und Lebensstil hatte als die anderen.<\/p>\n<p>Manchmal frage ich mich, was aus mir geworden w\u00e4re, h\u00e4tte ich solche Leute wie Marlies <strong>nicht<\/strong> getroffen. Ich w\u00fcrde noch immer dieselben dummen Sp\u00e4\u00dfe machen wie die anderen aus meiner Klasse und w\u00fcrde mich nicht genieren, dumm zu schwadronieren, und das noch mit vierzig.<\/p>\n<p>Sicher, es gibt in der Soziologie so etwas wie das \u201ekulturelle Kapital\u201c. Dies wird durch die Eltern gewisserma\u00dfen vererbt. Manche haben mehr davon, manche weniger. Gerade am Beginn des Studiums gibt es ein Aussortieren zwischen den prestigetr\u00e4chtigen F\u00e4chern Jus und Medizin, den als \u201ebrotlos\u201c verschrienen Geisteswissenschaften und einigen biederen Alternativen. Klar bedeutet es f\u00fcr Menschen aus einem bildungsunge\u00fcbten Haushalt \u00fcberhaupt schon einen Aufstieg, studieren zu k\u00f6nnen. Nach einiger Zeit m\u00fcsste man aber doch merken, dass man manchmal f\u00fcr dumm verkauft wird. Und irgendwann gehen, wenn es einem zu bl\u00f6d wird.<\/p>\n<p>Meine ganzen Jahre verbrachte ich damit, Leuten wie Marlies zu imponieren. Und genau das war auch meine Motivation: dass es viel sch\u00f6ner war, Zeit mit geistreichen Menschen zu verbringen als mit anderen. Leider waren solche Begegnungen wie die mit Marlies viel zu selten und manchmal wusste ich auch nicht die Chance zu nutzen.<\/p>\n<p>\u201eDie Wege des Herrn sind unergr\u00fcndlich. Sie zu hinterfragen hat keinen Sinn\u201c: So oder so \u00e4hnlich hei\u00dft es in der Bibel. Ich hoffte innerlich auf mehr Marlies-Momente, doch die kamen immer sehr unerwartet. Und ich habe gelernt, diese Momente auch anzunehmen, in Dankbarkeit und Demut. Denn das Sch\u00f6ne auf der Welt ist eine sehr zarte Pflanze auf einem unwirtlichen Planeten &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Bauer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a> | Inventarnummer: 22038<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und manchmal erinnerte ich mich noch an sie. Wir kannten uns ziemlich gut, damals noch, in der elften Klasse, als wir uns zum ersten Mal sahen: Marlies und ich. Als sie pl\u00f6tzlich und unvermittelt neben mir Platz nahm. Nat\u00fcrlich kr\u00fcmmte sich der Raum um sie herum. 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