{"id":13840,"date":"2022-02-14T14:25:41","date_gmt":"2022-02-14T14:25:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13840"},"modified":"2022-02-19T09:24:19","modified_gmt":"2022-02-19T09:24:19","slug":"im-zeichen-des-hasen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13840","title":{"rendered":"Im Zeichen des Hasen"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13840&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13840&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><h4>Die erste Begegnung mit Adolf Muschg<\/h4>\n<p>Sein erster Roman kam 1965 bei Fischer heraus. Ich kaufte das d\u00fcnne B\u00e4ndchen \u201eIm Sommer des Hasen\u201c und verschlang es, fra\u00df es auf, immer und immer wieder. Es war meine initiierende Begegnung mit dem geheimnisvollen Reich Japan. Ich, damals eine 17-j\u00e4hrige Gymnasiastin aus der \u00f6sterreichischen Provinz, er ein 31-j\u00e4hriger Jungstar aus Z\u00fcrich. Eigentlich fand ich ihn uralt, um sieben Jahre \u00e4lter als mein \u00e4ltester Bruder. Das war die absolute Grenzmarke. Dar\u00fcber gab es nur noch das Alter, die n\u00e4chste und \u00fcbern\u00e4chste Generation.<br \/>\nDie zarte Liebesgeschichte zwischen der jungen Japanerin Yoko und einem \u00e4lteren Mann aus Europa, auf Lesereise durch Japan, ber\u00fchrte mich zutiefst und best\u00e4rkte meine eigenen Sehns\u00fcchte nach dem Ausbruch aus dem b\u00fcrgerlichen Milieu, raus in andere Kulturen und vermeintlich feste Grenzen \u00fcberschreiten.<\/p>\n<p>Ich stand damals noch am Anfang der Erkenntnis, zwischen Werk und Autor unterscheiden zu k\u00f6nnen. Ich verliebte mich in einen Text oder in die Welt dahinter und \u00fcbertrug die jugendliche Schw\u00e4rmerei auf den Autor. An weibliche Identifikationsfiguren von damals kann ich mich nicht erinnern. Die traten erst sp\u00e4ter auf, als ich mit der Frauenbewegung in Ber\u00fchrung kam.<br \/>\nIngeborg Bachmann, Ilse Aichinger, Elfriede Jelinek, Marlen Haushofer, das waren die ersten. Zwei Jahre nach dem \u201eSommer des Hasen\u201c begann ich mit Germanistik an der Universit\u00e4t Wien. Ich wei\u00df es noch genau, dass ich zur Lesung im Audimax das zerlesene, rundherum angestrichene und bunt beklebte B\u00e4ndchen mitnahm, in der Hoffnung, ein Autogramm zu ergattern. Eigentlich war ich keine klassische Unterschriftensammlerin, nur hatte ich schon verstanden, dass das ein Einstieg in ein N\u00e4herkommen sein konnte.<\/p>\n<p>Muschg war damals Gymnasiallehrer und litt seit fr\u00fcher Jugend unter Hypochondrie. Der eingebildete Kranke. Darum ging es auch in seinem ersten Theaterst\u00fcck \u201eRumpelstilz\u201c, um Ferdinand Raimund, in Person des hypochondrischen Gymnasiallehrers Benjamin Pilz. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, dass Muschg Kontakt mit Menschen aus Angst vor Ansteckungen mied. Das wird sich durch alle viele seiner Werke in verschiedensten Personen und Konstellationen ziehen.<\/p>\n<p>Am Anfang steht A. Wer von seinen Eltern mit dem Namen Adolf gebrandmarkt wurde, ist 1968 in Wien grunds\u00e4tzlich verd\u00e4chtig. Aber auch schon Adolf Muschgs Vater hie\u00df Adolf und wurde im schweizerischen Braunstadt, nicht im innviertlerischen, 17 Jahre nach A.H. in Z\u00fcrich geboren. Adolf war im deutschen Sprachraum ein gebr\u00e4uchlicher Name. Westgotisch rex, K\u00f6nig der W\u00f6lfe. Alles lange vor dem schrecklichsten Adolf der Weltgeschichte, dem A. H-Schicklgruber. Adolf Muschg, der Schriftsteller, wurde 1934 in Zollikon, im Kanton Z\u00fcrich, geboren.<\/p>\n<p>Ich war als einfache Zuh\u00f6rerin nicht eingeladen zur Tafelrunde danach im Hinterzimmer des Caf\u00e9 Landtmann. Lange, U-f\u00f6rmige Tischreihen mit wei\u00dfen Tischt\u00fcchern und schwarz-befrackten Kellnern. Hinter den St\u00fchlen der geladenen G\u00e4ste dr\u00e4ngten sich nat\u00fcrlich viele H\u00f6rer des Audimax, Journalisten und Fotografen und wer wei\u00df, wer noch alles. Ich glaube nicht, dass Bezeichnungen wie Fan oder Groupie bei uns damals schon gebr\u00e4uchlich waren. Aber ich war sicher einer von ihnen. Vielleicht sogar in einer Stimmung wie die hysterischen Teenager bei einem Konzert der Beatles. Wer Platz an der Tafel gefunden hatte, bekam einen Teller mit W\u00fcrsteln serviert und K\u00f6rbchen mit Geb\u00e4ck. Senf und Kren, Wasser, Rot- und Wei\u00dfwein.<\/p>\n<p>Langsam und beharrlich k\u00e4mpfte ich mich durch das Gedr\u00e4nge nach vorne zum Tisch an der Kopfseite. Ich war klein und schmal, aber wendig. Da sa\u00df mein Held, mein Star, Adolf Muschg, im Gespr\u00e4ch mit wichtigen Kulturbeamten und Professoren, die ihn nach Wien eingeladen hatten. Dozenten und Assistenten waren sicher auch dabei. Die ersten Blicke auf ihn zwischen hohen M\u00e4nnerschultern. Ich fand ihn unaussprechlich sch\u00f6n und interessant, das gewellte Haar, die vollen Lippen, die gro\u00dfen Augen mit den \u00fcppigen Augenbrauen. Von der Unterhaltung bekam ich wegen des allgemeinen L\u00e4rms nichts mit: Gespr\u00e4che und Blitzlichtgewitter, Teller- und Gl\u00e4serklirren, Bestecke und Zurufe. Langsam schob ich mich vor in die erste Reihe hinter den St\u00fchlen.<\/p>\n<p>Ich war ihm fast ein wenig b\u00f6s, dass er wie ein normaler Mensch ins W\u00fcrstl biss und die Semmel in Senf und Kren tunkte. Ich hatte damals noch \u00fcberh\u00f6hte Vorstellungen von Heldentum, Ehre, W\u00fcrde und Erhabenheit. Wer gefiel, wurde auf ein Podest gestellt, bekam einen Heiligenschein und wurde in ein \u00fcbermenschliches Geheimnis geh\u00fcllt. So werden G\u00f6tter gemacht. Ich erinnere mich genau an den schrecklichen Moment, als einmal meinem Vater beim B\u00fccken ein Wind entkam. Nur ein kurzes, dumpfes Pu, und vorbei war\u2019s mit der Gottgleichheit. Jetzt im Landtmann sch\u00e4mte ich mich f\u00fcr das quietschende Ger\u00e4usch, das das Kaiserw\u00fcrstl machte, als es zwischen seinen Z\u00e4hnen verschwand. Die resche Kaisersemmel krachte genauso wie bei allen Sterblichen. Diese Banalit\u00e4t hatte ihn in meinen Augen ein bisschen \u201eentg\u00f6ttert\u201c.<\/p>\n<p>Aber so schnell gab ich nicht auf. Als ein Mann an seiner Seite aufstand, quetschte ich mich blitzschnell auf den freiwerdenden Sessel und r\u00fcckte sofort das Fischer-B\u00e4ndchen heraus, samt Kuli und der Bitte um ein Autogramm. Er schaute von seinem Teller auf, verzog das Gesicht, r\u00fcckte etwas ab und verschluckte seinen letzten Bissen. W\u00e4hrend er Gabel und Messer an den Seiten des Tellers verstaute, langsam die Lippen mit der wei\u00dfen Stoffserviette abtupfte, stie\u00df ich atemlos meine Fragen hervor:<br \/>\nHat Yoko wirklich so ausgesehen, war sie so \u00fcbernat\u00fcrlich sch\u00f6n, ist das alles so passiert wie im Buch, werden sie sich wiedersehen, gibt es eine Fortsetzung, kann man als Europ\u00e4er \u00fcberhaupt die japanische Kultur verstehen? Und was ist mit den Ainu, den Urjapanern im Norden, auf Hokkaido und den Kurilen? Sowjetische Besetzung und japanische Unterdr\u00fcckung? Was sagen Sie als Schweizer zu dieser Ungerechtigkeit? Yoko war doch eine von den Ainu?<\/p>\n<p>Damals kam ich mir unheimlich klug vor, aber ich werde noch heute rot dar\u00fcber. Dumme Fragen zur Literatur und zur Politik, die er als Schriftsteller nicht beantworten musste oder konnte. Das Einzige, was ich wollte, war brillieren und ihm auffallen. Er nahm den Kuli und kritzelte seine Unterschrift auf die erste Seite mit den drei Fischen. Er beantwortete keine meiner Fragen, sondern setzte zu einer Erkl\u00e4rung an: Er interessiere sich nicht f\u00fcr Frauen, die sich f\u00fcr seine B\u00fccher interessierten, er m\u00f6chte nicht mit Frauen \u00fcber B\u00fccher sprechen, am liebsten seien ihm Japanerinnen, die kein Wort Deutsch k\u00f6nnten und ihm nie solche Fragen stellen w\u00fcrden. Sogar eine taubstumme Japanerin w\u00e4re ihm lieber als \u2026 Und \u00fcberhaupt gebe er als neutraler Schweizer zu politischen Fragen keine Kommentare.<\/p>\n<p>Dann warf er seine Serviette auf den Tisch, stie\u00df den Thonet-Stuhl heftig zur\u00fcck und stand auf. Ich sah ihn noch Richtung WC verschwinden, dann wurde er von der Menschenmenge verschluckt. Ich dr\u00e4ngte nach drau\u00dfen, \u00fcber die Terrasse auf die Stra\u00dfe, links das Burgtheater, gegen\u00fcber das Rathaus, dazwischen der Ring. Nichts wirklich etwas zum Anhalten, da die B\u00e4ume schwankten und der Boden unter mir einbrach. Anfangs verstand ich nicht, was da gerade geschehen war, nur dass es etwas Schreckliches gewesen sein musste. Ich lief im Zickzackkurs und schlug Haken am Gutenberg-Denkmal vorbei \u00fcber den Platz neben der Burg, als hetzte eine Jagdgesellschaft hinter mir her.<br \/>\nTrost suchte ich bei der steinernen Sisi im Volksgarten und warf mich heulend auf die wei\u00dfe Marmorbank. Das war schon oft mein R\u00fcckzugsort vor der Uni gewesen. Wenn nur das Seerosenbecken tiefer gewesen w\u00e4re, ich h\u00e4tte mich darin ertr\u00e4nkt. So eine Abfuhr hatte ich noch nie bekommen. Mir war schlecht, und das ganze Gesicht brannte von dem Schlag, auch die Augen, die Ohren und die Seele. Ich f\u00fchlte mich gedem\u00fctigt und besudelt.<\/p>\n<p>Ich k\u00fchlte mein hei\u00dfes Gesicht an ihren kalten Marmorf\u00fc\u00dfen und schluchzte hinein: Warum kann ich nicht japanisch und taubstumm sein. Dann machte ich mich auf den Weg nach Hause, im Bummelzug vom Franz-Joseph-Bahnhof nach Tulln an der Donau.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wie lange ich gebraucht habe, mich von dieser Schmach und Schande zu erholen, von meiner eigenen und der, die er mir angetan hatte. Vergessen habe ich sie aber nie und danach nie wieder versucht, einem angehimmelten Schriftsteller pers\u00f6nlich n\u00e4herzukommen, bis ich es 28 Jahre sp\u00e4ter als Kulturbeamtin beruflich machen musste. Seine nachfolgenden B\u00fccher las ich alle, mit mehr seelischem Abstand als beim Hasen, und verfolgte seinen Lebenslauf: immer mehr Lehrauftr\u00e4ge und Reisen, politische Engagements, Erfolge und Misserfolge, Dozentur in Japan, erste Heirat mit einer Schweizerin, Professur, Akademie, zweite Ehe mit einer anderen Schweizerin, 1991, mit 57, eine dritte Ehe mit der Japanerin Atsuko Kanto, lebt st\u00e4ndig in Japan, insgesamt drei S\u00f6hne, mehrere Romane und Essays \u00fcber Japan und die Kritik daran. Japanlastigkeit und Europaunverst\u00e4ndnis lastet man ihm an.<\/p>\n<p>Alles Bl\u00f6dsinn, ein Schriftsteller darf immer alles im Rahmen seiner Kunst \u2013 und dar\u00fcber hinaus. Dann musste ich schon einmal sehr schmunzeln, dass er seit dem \u201eSommer des Hasen\u201c immerhin 26 Jahre gebraucht hat, eine Japanerin zu finden, die ihm offenbar keine dummen Fragen zu seinen B\u00fcchern stellte. Ich hoffe nur, Atsuko ist nicht taubstumm.<\/p>\n<p>31.1.21, 1.2. bis 3.2.22<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 22036<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die erste Begegnung mit Adolf Muschg Sein erster Roman kam 1965 bei Fischer heraus. Ich kaufte das d\u00fcnne B\u00e4ndchen \u201eIm Sommer des Hasen\u201c und verschlang es, fra\u00df es auf, immer und immer wieder. Es war meine initiierende Begegnung mit dem geheimnisvollen Reich Japan. Ich, damals eine 17-j\u00e4hrige Gymnasiastin aus der \u00f6sterreichischen Provinz, er ein 31-j\u00e4hriger [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[109],"tags":[124],"class_list":["post-13840","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-seyr-veronika","tag-about"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13840","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13840"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13840\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13893,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13840\/revisions\/13893"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13840"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13840"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13840"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}