{"id":13834,"date":"2022-02-13T17:32:52","date_gmt":"2022-02-13T17:32:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13834"},"modified":"2022-03-05T08:14:46","modified_gmt":"2022-03-05T08:14:46","slug":"wie-der-russische-geheimdienst-den-schriftsteller-w-somerset-maugham-anfuetterte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13834","title":{"rendered":"Wie der russische Geheimdienst den Schriftsteller W. Somerset Maugham anf\u00fctterte"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13834&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13834&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Im Sommer und Herbst 1916 stand die Entente auf der Kippe. Die Lage der zaristischen Truppen an der Ostfront war dramatisch, und die britische Krone bef\u00fcrchtete, dass der Zar unter dem Druck der Mittelm\u00e4chte die Seiten wechseln k\u00f6nnte. Dazu dr\u00e4ngte der undurchsichtige Wanderprediger und Wunderheiler Rasputin die Zarin, und diese den Zaren, den Krieg zu beenden. Die Mittelm\u00e4chte, \u00d6sterreich-Ungarn und das Deutsche Reich, hatten nat\u00fcrlich Kenntnis davon, dass die Forderungen des russischen Volkes nach Brot und Frieden (chleb i mir) auf den Stra\u00dfen St. Petersburgs und Moskaus immer lauter wurden. Die bolschewistische Agitation fiel auf fruchtbaren Boden. Das deutsche Kaiserreich arbeitete daran, mit Russland einen Separatfrieden auszuhandeln. Das musste aus Sicht der Entente unter allen Umst\u00e4nden verhindert werden, die russischen Truppen mussten weiterk\u00e4mpfen, auch wenn sie schlecht ausger\u00fcstet waren, zu wenig Waffen hatten, Hunger litten und an Seuchen starben wie die Fliegen. Ein Separatfrieden mit Deutschland w\u00fcrde bedeuten, dass eine halbe Million deutsche Soldaten an der Ostfront freigesetzt und an die Westfront verlagert werden k\u00f6nnte. Das w\u00e4re der Todessto\u00df f\u00fcr die Entente gewesen. Deutschland w\u00e4re in der Lage gewesen, die anglo-franz\u00f6sischen Fronten zu \u00fcberrollen.<\/p>\n<p>Da kam das Intelligence Department ID, der britische Auslandsgeheimdienst, der sp\u00e4tere MI 6, auf die Idee, der Botschaft Seiner k\u00f6niglichen Majest\u00e4t in St. Petersburg eine Geheimwaffe beizustellen. Wer diese Blitzidee hatte und warum die Wahl gerade auf diesen Mann fiel, geht in den wirren Wogen der Geschichte unter. Auf jeden Fall wurde der als erfolgreicher Theaterschriftsteller bekannte W. Somerset Maugham vom ID Ende 1916 bis Oktober 1917 als Geheimagent nach St. Petersburg beordert. Er hatte zuvor schon kurz in Italien, der Schweiz und in den USA gedient, aber \u00fcber Russland keinerlei besondere Kenntnisse. Er verf\u00fcgte neben Englisch und Franz\u00f6sisch auch \u00fcber gutes Deutsch, hatte er doch ein Studienjahr mit Literatur und Philosophie in Heidelberg verbracht. Sp\u00e4ter wandte er sich von diesen Studien ab, studierte auf Druck seines Onkels und Vormunds erfolgreich das Fach der Medizin und schloss es am Londoner King\u2019s College ab.<\/p>\n<p>Mit einem Theaterst\u00fcck \u00fcber ein Londoner Armenkrankenhaus verdiente er sich seine ersten literarischen Sporen, handelte sich einen Theaterskandal, aber auch Geld und Ber\u00fchmtheit ein. Bei Kriegsbeginn 1914 machte er Dienst beim Roten Kreuz, wo ihn der britische Geheimdienst rekrutierte. Er wurde nach Italien, in die Schweiz und in die USA geschickt.<br \/>\nWarum ein bekannter Schriftsteller, der in allen Klatschspalten zu Hause war, sich zum Geheimagenten eignete, wird wohl nie zu entr\u00e4tseln sein. Nichts in aller Welt hatte William Somerset Maugham dazu pr\u00e4destiniert, einen Beitrag zum alliierten Sieg zu leisten. Nach dem fr\u00fchen Tod seiner Eltern steckte ihn sein Onkel und Vormund in ein rigides englisches Internat. Somerset Maugham war lange Zeit Bettn\u00e4sser und Stotterer.<\/p>\n<p>In London verstummten nie die Ger\u00fcchte, dass W. Somerset Maughams Spionaget\u00e4tigkeit durch die homophilen Neigungen eines Vorgesetzten bef\u00f6rdert worden sein soll. Es kann etwas dran sein, lebte er doch nach dem Krieg in seiner Villa an der C\u00f4te d\u2019Azur offen mit seinem Sekret\u00e4r zusammen. Dass er gleichzeitig von der russischen Geheimpolizei und vom amerikanischen Geheimdienst \u00fcberwacht wurde, ist erst viel sp\u00e4ter herausgekommen. Auch deutsche Quellen reklamieren Maughams Aktivit\u00e4ten f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Die Aufgabe der britischen Heeresf\u00fchrung war es, nach der Abdankung des Zaren und der Februar-Revolution die provisorische Regierung von Gro\u00dff\u00fcrst Lwow und Alexander Kerenski an der Seite der Entente zu halten und einen Separatfrieden mit den Mittelm\u00e4chten unter allen Umst\u00e4nden zu verhindern. An der Seite des britischen Botschafters bereiste Maugham alle Fronten, von Riga im Norden, Mogiljow, dem Hauptquartier der russischen Armee in Wei\u00dfrussland bis nach S\u00fcdosten an die rum\u00e4nisch-ungarische Front.<br \/>\nAgent 007 verfasste viele Berichte, sehr viele Berichte an das ID, \u00fcber die Lage der russischen Armee, vom Zustand der Waffenproduktion in den Munitionsfabriken, des Nachschubs und den Massenprotesten gegen den Krieg.<\/p>\n<p>Allein aufgrund der Anzahl der Berichte vermutet man, dass der Spion Maugham mehr an seinem Schreibtisch gesessen sein muss als im Terrain unterwegs gewesen zu sein. Nach der Oktoberrevolution kehrte er nach London zur\u00fcck, heiratete eine reiche Erbin, sie bekamen eine Tochter, und er begab sich jahrelang auf Reisen durch das British Empire: Indien, S\u00fcdost-Asien, China, durch die Karibik und S\u00fcdamerika. Er ver\u00f6ffentlichte zahlreiche Reiseerz\u00e4hlungen in Massenauflagen, meistens mit \u201eEnglishmen abroad\u201c als Helden. Faszinierende, funkelnde Welten mit viel Lokal- und Zeitkolorit, meist in britischen oder franz\u00f6sischen Kolonien. Er wurde noch reicher und ber\u00fchmter.<\/p>\n<p>1928 lie\u00df er sich scheiden. Da brachte er seinen halb-autobiografischen Roman \u201eAshenden. Or The British Agent\u201c (Der Abstecher nach Paris) heraus, in dem er aus dem N\u00e4hk\u00e4stchen seiner Agentent\u00e4tigkeit in ganz Europa plaudert. Eine Arbeitsanleitung f\u00fcr Spione zwischen der Entente und den Mittelm\u00e4chten. Aber nicht nur von den Fronten, sondern aus den Pal\u00e4sten und Bordells in St. Petersburg in den letzten Wochen des Zarenreiches und den wenigen Monaten bis zur Oktoberrevolution. Der Tanz auf dem Vulkan im sterbenden Imperium, Pal\u00e4ste und dunkle Gassen, Intrigen, Morde, Gelage, Geheimdienstt\u00e4tigkeiten, h\u00f6chste Adelskreise, M\u00e4tressen, Balletteusen und Huren in Zigeunerkaschemmen, Verfolgungsjagden in Pferdeschlitten, Verhaftungen, Feme und Aberglauben, revolution\u00e4re Arbeiter und Verschw\u00f6rungen. Eine wilde Mischung von Ereignissen, Figuren und Erfindungen aus dem Fegefeuer des Weltuntergangs.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise wird niemand erfahren, was selbst erlebt und was ausgedacht ist. Manche Informationen werden ihm von der russischen Geheimpolizei angef\u00fcttert worden sein, manches wird er gekauft haben. Er verbrachte viele N\u00e4chte in den gro\u00dfen Hotels und deren Hinterzimmern, im Astoria, im L\u2019Europe und im Kempinski, in K\u00fcnstler-Caf\u00e9s und Homosexuellen-Treffs, im Streunenden Hund und im Gr\u00fcnen Kakadu. In beiden Kulturen gleich zu Hause, galt er als Inbegriff des englischen Gentleman und des eleganten Parisers. Er kam bei beiden Geschlechtern gleich gut an und war von seinen Auftraggebern mit reichlichen Mitteln ausgestattet. Erst lange nach dem Krieg kam heraus, dass er in seiner Petersburger Zeit auch f\u00fcr den amerikanischen Geheimdienst t\u00e4tig war. Der russischen Polizei war das bekannt, ebenso dem deutschen Geheimdienst, sie lie\u00dfen ihn aber gew\u00e4hren. Mr W. Somerset Maugham war einfach zu unwiderstehlich und zu prominent.<\/p>\n<p>Das meiste ist wahrscheinlich erfunden. Aber das Londoner Publikum war verr\u00fcckt nach solchen Blut- und Mantel-Geschichten, Unterhaltungsliteratur auf h\u00f6chstem Niveau: Mit schmallippigem Humor, kritischer Distanz und subversiver Skepsis gegen\u00fcber der Wahrheit, gleichzeitig realistisch und lebensnah, baut er jede seiner Figuren zu einem Juwel an Menschenzeichnung aus. Seine Erz\u00e4hlungen verspr\u00fchen die Atmosph\u00e4re der Kolonien kurz vor und nach dem Ersten Weltkrieg, er zeichnet eine F\u00fclle an funkelnder Personage, von Milit\u00e4rs bis zu Str\u00e4flingen, von Schiffspassagieren bis zu Bordelldamen, von britischen Touristen auf Capri bis zu windigen Abenteurern, von Bankern bis zu Bankr\u00e4ubern. Es ist billigster Trash und Kitsch, aber meisterhaft erz\u00e4hlt. Er l\u00e4sst alles offen und mutet das Urteil seinen Lesern zu.<\/p>\n<p>Warum ich nach Jahrzehnten wieder auf W. Somerset Maugham gesto\u00dfen bin: Einmal lag im Vorhaus auf dem Fensterbrett, wo die Bewohner das hinlegen, was sie nicht mehr brauchen, aber nicht gleich wegwerfen wollen, was f\u00fcr andere vielleicht einen Wert haben k\u00f6nnte, das Diogenes-B\u00e4ndchen \u201eWinterkreuzfahrt\u201c von W. Somerset Maugham, gesammelte Erz\u00e4hlungen, Band IX, 1972. Ich las es durch, kaufte alles von ihm und war bis Band XVII fasziniert. Dann habe ich ihn nat\u00fcrlich gegoogelt und wurde immer weiter hineingezogen in diese schillernde, untergegangene Welt des British Empire.<\/p>\n<p>Bei mir ist der Eindruck entstanden, dass W. Somerset Maugham kein angenehmer Mensch war. B\u00f6se \u00c4u\u00dferungen \u00fcber seine geschiedene Frau, \u00fcber die Dummheit seiner Leser, der erbitterte Streit um die Tochter und seine gro\u00dfe Flexibilit\u00e4t bei der Spionaget\u00e4tigkeit deuten mehr als deutlich darauf hin. Aber moralische Urteile d\u00fcrfen nie den Blick auf den k\u00fcnstlerischen Wert eines Werks verstellen.<\/p>\n<p>Ich habe nach und nach alles gelesen und weiter recherchiert, auch in der Biografie. In meiner eigenen Bibliothek habe ich nach Maugham gesucht und seinen letzten Roman \u201eCatalina\u201c gefunden, ein zerlesenes B\u00e4ndchen, wahrscheinlich auch aus einer W\u00fchlkiste. Ein Schauerroman aus der spanischen Inquisition.<\/p>\n<p>Mit Ashenden war ein neuer Heldentypus geschaffen: der Geheimagent Seiner Majest\u00e4t, (Bond. James Bond), lebenslustig, liebesw\u00fctig, gesetzlos, moralfrei. Keine Geringeren als Graham Greene, Eric Ambler und Ian Fleming bekennen, dass sie in ihrer Jugend von Ashenden begeistert waren und zum Schreiben in seiner Art angeregt wurden. Grelle Antagonisten \u2013 gut gegen b\u00f6se \u2013 dazwischen ist alles erlaubt und m\u00f6glich im Kalten Krieg. John le Carr\u00e9 war so sehr initiiert, dass er dem MI 6 beitrat. Auch er hatte vorher in Deutschland Philosophie und Literatur studiert. Maugham wiederum soll von Joseph Conrads \u201eDas Herz der Finsternis\u201c beeinflusst worden sein, von dem anglisierten Polen Jozef Teodor Nalecz Konrad Korzeniowski.<\/p>\n<p>James Bond hat seine Wurzeln in St. Petersburg und nicht in der Karibik.<\/p>\n<p>Nach diesem sensationellen Erfolg von Mr. Ashenden kaufte W. Somerset Maugham die fr\u00fchere Villa des belgischen K\u00f6nigs Leopold II. auf Cap Ferrat bei Nizza, wo er sich zusammen mit seinem Geliebten und seiner exzellenten Kunstsammlung einrichtete. Dieser selbst k\u00f6nnte mit seiner Karriere als F\u00e4lscher, Schwindler und Dieb eine Erfindung des Autors gewesen sein, mit sowohl proletarischer als auch kolonialer Vergangenheit. Mit seiner geschiedenen Frau stritt er 30 Jahre lang um die Erziehung ihrer gemeinsamen Tochter. Sein letzter Partner prozessierte noch nach dem Tod des Schriftstellers gegen die Tochter um das Erbe.<\/p>\n<p>Meine Lehre ist: Literatur ist st\u00e4rker als Spionage. Ein Autor hat aus seinem Leben ein Gesamtkunstwerk geschaffen.<\/p>\n<p>23.12.21, beendet 31.1.22<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 22035<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Sommer und Herbst 1916 stand die Entente auf der Kippe. Die Lage der zaristischen Truppen an der Ostfront war dramatisch, und die britische Krone bef\u00fcrchtete, dass der Zar unter dem Druck der Mittelm\u00e4chte die Seiten wechseln k\u00f6nnte. 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