{"id":13830,"date":"2022-02-13T17:28:18","date_gmt":"2022-02-13T17:28:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13830"},"modified":"2022-02-19T09:26:27","modified_gmt":"2022-02-19T09:26:27","slug":"wie-uns-ein-schatz-verloren-ging-den-wir-nie-hatten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13830","title":{"rendered":"Wie uns ein Schatz verloren ging, den wir nie hatten"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13830&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13830&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es mag etwa Anfang 1998 gewesen sein \u2013 auf jeden Fall war ich noch jung im Amt \u2013, da meldete mir meine Sekret\u00e4rin, ein gewisser Iwanov m\u00f6chte die Kulturr\u00e4tin sprechen. Einen Moment lang dachte ich an einen Scherz der guten Frau Schwaner, weil jeder zweite Russe Iwanov hei\u00dft und das etwa so vielsagend ist, wie wenn sich ein Herr Maier oder Huber anmeldet.<\/p>\n<p>Aber es war zu dieser Zeit noch so ungew\u00f6hnlich, dass sich ein gew\u00f6hnlicher B\u00fcrger in eine westliche Botschaft wagte, dass ich ihn herauf in mein B\u00fcro bat. Es war ein \u00e4lteres M\u00e4nnlein von unbedeutendem Aussehen, ein gequ\u00e4lter Sowjetb\u00fcrger mit schlechten Z\u00e4hnen und schlechter Kleidung in abgetretenen Schuhen, wie man sie immer und \u00fcberall sieht. Das einzig Ungew\u00f6hnliche an ihm war eine gro\u00dfe, lederne Aktentasche von ansehnlichem Alter. Er stellte sich vor als Dmitri Alexandrowitsch Iwanow, pensionierter Postbeamter aus Mogiljow. Das ist doch Wei\u00dfrussland. Ja, Belarus. Er gab vor, in Moskau bisnis zu tun zu haben und wollte dabei der \u00f6sterreichischen Republik einen Schatz anbieten, der f\u00fcr sie von Interesse sein k\u00f6nnte. Umst\u00e4ndlich holte er aus seiner Aktentasche mehrere papki, Papiermappen, hervor und zeigte mir seinen Schatz. Ich bl\u00e4tterte sie durch und sah eine gro\u00dfe Anzahl von Schwarz-wei\u00df-Bildern von einer Front, der russischen Westfront von 1917.<\/p>\n<p>Die Fotografien waren feins\u00e4uberlich auf Pappkartons aufgeklebt, untertitelt mit Ortsnamen und Datum: 18. Juli 1917, Soborow, 19. Juli, Kalusch, 22. Juli, Krewo und Smorgon. Einige Postkarten mit Landschaften waren dabei und Konterfeis von damaligen Politikern und Milit\u00e4rs. Die Gener\u00e4le Brjussilow, Denikin, Koltschak, Samsonow und von Kerenski, das waren die mir bekannten Namen. Sogar Bilder von Gro\u00dff\u00fcrst Lwow und anderen Regierungsmitgliedern \u00a0waren dabei. Die meisten Fotos zeigten aber Stellungen von der Front, Soldaten in Gruppen unter B\u00e4umen, Soldaten in Reih und Glied, die irgendjemandem salutierten. Immer wieder Kerenski umgeben von Milit\u00e4rs, auf Rednertrib\u00fcnen und unter einfachen Soldaten. Einklebte Ordensb\u00e4ndchen und Medaillen. Eindeutig: die russische Armee bei ihrer Sommeroffensive 17 gegen die Mittelm\u00e4chte, die \u00f6sterreichischen und deutschen Truppen. Der letzte, entscheidende Schlag.<\/p>\n<p>Iwanow erkl\u00e4rte, er habe diese Sammlung von seinem Gro\u00dfvater geerbt, der sei Soldat in der Elften Armee der S\u00fcdwestfront gewesen. Das bezweifelte ich sofort, denn kein einfacher Frontsoldat h\u00e4tte solche Fotos machen und ein solches Konvolut anlegen k\u00f6nnen. Der allergr\u00f6\u00dfte Teil des Fu\u00dfvolkes waren einfache Bauern, Analphabeten, nach drei Jahren Krieg und vielen Verlusten waren es nur noch schlecht ausger\u00fcstete und unterern\u00e4hrte Rekruten, die man zusammenfing zum letzten Aufgebot.<br \/>\nKein Frontsoldat k\u00f6nnte eine Kamera gehabt haben und Gelegenheit, solche Fotos zu machen. Einige Bilder zeigten Frontabschnitte und Sch\u00fctzengr\u00e4ben in gebirgigen Gegenden, wahrscheinlich die S\u00fcdostfront in Rum\u00e4nien oder flachen Meeresgegenden wie bei Riga. Sie hatten alle eine Art von offiziellem Charakter, waren keine Schnappsch\u00fcsse, sondern zu Propagandazwecken aufgenommen worden: eine Gruppe von Soldaten, entspannt unter einem Baum lagernd wie nach einem fr\u00f6hlichen Picknick, in die Kamera l\u00e4chelnd, Soldaten, die mit lachenden Gesichtern Sch\u00fctzengr\u00e4ben ausheben oder Pferde pflegen wie auf einem Reiterhof. Liebe Gr\u00fc\u00dfe von der Front! Keine Bilder von Dreck, Schlamm, K\u00e4lte, Hunger, zerfetzten K\u00f6rpern, vergasten Menschen, verendeten Pferden und verbrannten D\u00f6rfern.<\/p>\n<p>Ein Album anlegen, beschriften mit Koordinaten, Ort, Datum, wei\u00dfer Schrift auf schwarzem Papier.<\/p>\n<p>Unm\u00f6glich. Wer war der Fotograf, wer der Sammler? Ich war Feuer und Flamme und furchtbar aufgeregt. Wo waren sie gelagert? Wie hatten sie die letzten 80 Jahre \u00fcberstanden? Hat dieser Iwanov sie gefunden oder gestohlen? Waren sie schon einmal in einer gr\u00f6\u00dferen Sammlung, in einem Museum? Ich hatte damals schon Solschenizyns Kriegsroman \u201eDas Jahr 1918\u201c, Kerenskis selbsterh\u00f6hende Memoiren und andere Literatur \u00fcber den Ersten Weltkrieg gelesen, historische und belletristische, und daher einiges \u00fcber den erb\u00e4rmlichen Zustand der russischen Armee.<\/p>\n<p>Joseph Roth, Gregor von Rezzori, wer hat noch geschrieben? Entweder war sein Gro\u00dfvater im Stab des Oberkommandos von Mogiljow gewesen oder mit Kriegsberichterstattung besch\u00e4ftigt. Unwahrscheinlich. Eher war Herr Iwanow anderweitig an diese historischen Dokumente gekommen. Allein die m\u00f6gliche Provenienzgeschichte lie\u00df mein Herz h\u00f6her schlagen und trieb das Blut in die Wangen. Ich hoffte, Iwanov hatte nichts bemerkt und ich habe nicht ausgesehen wie der Pawlow\u2019sche Hund bei der Klingel mit der Wurst, mit saftelnden Speichelf\u00e4den an den Lefzen.<br \/>\nZum Gl\u00fcck war Iwanov viel zu sehr damit besch\u00e4ftigt, seine Sch\u00fcchternheit und die Scham \u00fcber das Verlangen nach dollari zu bek\u00e4mpfen. Dabei musste ich mich bem\u00fchen, mir nichts von meinen Zweifeln an seinem Gro\u00dfvater anmerken zu lassen, fragte nur, warum er meine, dass seine papki \u2013 Papiermappen, er sagte immer bumaschki-Papierchen f\u00fcr \u00d6sterreich interessant sein k\u00f6nnten. Sie zeigen doch auch die avstrizi i nemzi, \u00fcberall im Hintergrund oder am Horizont sind die feindlichen Stellungen zu sehen. Da ist der Rauch von den feindlichen Kanonen, da \u00fcber den B\u00e4umen. Ich sehe sie nicht, nur Wolken, W\u00e4lder, H\u00fcgel, Wiesen, H\u00fctten, Heuschober. Das ist Galizien und Ostpolen, das war damals \u00f6sterreichisch, die Ostfront. Ich war keine Spezialistin f\u00fcr Kriegsfotografie.<\/p>\n<p>Aber aha, in so eine Gegend k\u00f6nnte die Journalistin Alice Schalek in Karl Kraus\u2019 b\u00f6sartigem Verriss hineingeschaut haben, als er sie das Bumsti! ausrufen lie\u00df und der k. und k. akkreditierten Kriegsberichterstatterin der Neuen Freien Presse damit ein Negativdenkmal setzte. Aber Karl Kraus h\u00e4tte seine Freude gehabt an Iwanovs Foto-Sammlung. Er bezog die Quellen f\u00fcr sein Weltkriegsdrama \u201eDie letzten Tage der Menschheit\u201c, nicht nur Originalzitate aus Zeitungen und Armeeberichten ein, sondern war besonders angetan von Fotografien, Postkarten, k. und k. Plakaten und Reportagen. Ich glaube, dass er beim Durchbl\u00e4ttern der Iwanow\u2019schen Mappen Spontanfieber bekommen h\u00e4tte, wenn es so etwas gibt.<\/p>\n<p>Herr Iwanov wollte die Sammlung verkaufen, das war der Zweck seines Besuches in der \u00f6sterreichischen Botschaft. Ich hielt ihn f\u00fcr sehr mutig, er musste in gro\u00dfen N\u00f6ten sein. Aber Russland hat doch ein viel gr\u00f6\u00dferes Interesse an seinem Schatz? Er soll ihn doch den vaterl\u00e4ndischen Archiven, Bibliotheken oder Ministerium anbieten. Oder zumindest einem auf Historie spezialisierten Antiquit\u00e4tenh\u00e4ndler. Er schnaubte durch die Nase und machte eine wegwerfende Handbewegung, als sei er in Russland damit schon von Pontius zu Pilatus gelaufen. Ich konnte das gut nachempfinden, wusste ich doch, in welchem Chaos Russland damals lag. Wirtschaft, B\u00fcrokratie, Gesellschaft und Wissenschaft hatten sich vom Zusammenbruch der Sowjetunion noch nicht erholt. Die zahlen nichts oder nur ein paar zerquetschte Rubel, aber er braucht dollari, valjuti. Aha, ich verstehe. Nichts verstehe ich. Seine Tochter hat in Mogiljow Anglistik studiert, jetzt will sie nach Gro\u00dfbritannien auswandern, wie so viele Junge. Brain drain. Daf\u00fcr braucht sie Geld, bis sie eine Arbeit findet, gleich welche, nur weg aus Belarus! Er w\u00fcnscht ihr Erfolg, ist aber ungl\u00fccklich, dass sie so weit weg von ihm leben wird.<\/p>\n<p>War er schon bei der deutschen Botschaft? Neinnein, dort will er auch nicht hin. Eigenartigerweise empfindet er sie mehr als Feinde als die \u00d6sterreicher. Der Zweite Weltkrieg wirkt da auch noch nach, wo die Russen die \u00d6sterreicher kaum als Mitt\u00e4ter wahrnehmen.<\/p>\n<p>Ich nehme mich sehr zusammen, um die Anzeichen meines Interesses zu unterdr\u00fccken und vorsichtig auszuloten, ob er mir seine Sammlung \u00fcberlassen k\u00f6nne. Die Botschaft und ich selbst k\u00f6nnen nichts kaufen, ich m\u00fcsste erst an das Au\u00dfenministerium einberichten, und dieses beim Verteidigungsministerium, Staatsarchiv und Heeresgeschichtlichen Museum das Interesse erkunden, Begr\u00fcndungen schreiben, Herkunftsnachweise einholen, Kopien einsenden, viel Arbeit. Die w\u00fcrden dann \u00fcber einen Ankauf entscheiden und einen Preis festsetzen. Das kann dauern, wenn \u00fcberhaupt. Herr Iwanov ist sichtlich entt\u00e4uscht, dass er heute nicht mit einem B\u00fcndel dollari nach Hause fahren w\u00fcrde, l\u00e4sst sich aber nach Aush\u00e4ndigung einer Empfangsbest\u00e4tigung dazu bewegen, seinen Schatz in meiner Obhut zu belassen. Ich nehme seine Daten auf und ersetze ihm die Reisekosten zur\u00fcck nach Mogiljow. So viel ist mir erlaubt, aus der Handkasse freih\u00e4ndig auszulegen.<\/p>\n<p>198 Rubel, 2. Klasse. Ich war Feuer und Flamme, das waren Fotos zur H\u00e4lfte der etwa 220 Szenen der letzten Tage der Menschheit!<br \/>\nZuletzt fragte ich Herrn Iwanov noch, was er sich als Kaufpreis vorstelle. Vielleicht 500? Mit Fragezeichen und wagte diese ungeheure Summe nur zwischen seine Knie zu seinen Schuhen auf den Boden zu hauchen. Ich fiel fast in Ohnmacht angesichts vor so viel Unwissenheit und Bescheidenheit, murmelte aber nur: Das ist m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Dann begann mein Ritt durch die \u00f6sterreichische B\u00fcrokratie. Ich war noch so frisch auf meinem Posten, dass ich nichts ausrichten konnte, ohne die Hilfe meiner Sekret\u00e4rin, Frau Schwaner, die fast ihr ganzes 35-j\u00e4hriges Berufsleben in allen Weltteilen f\u00fcr das Au\u00dfenministerium gedient hatte. Sie lachte sich noch immer krumm und bucklig, dass ich den Unterschied zwischen Akt und Akten nicht kannte, das Amtsdeutsch nicht beherrschte und meine Berichte ans Amt wie literarische Kleinode ausstattete. \u201eF\u00fcrn Akt gehn S\u2019 ins Schlafzimmer oder ins Theater, f\u00fcr die Akten bin ich zust\u00e4ndig.\u201c Die talmudischen Geheimnisse der Aktenzahlen habe ich bis zuletzt nicht begriffen.<br \/>\nDaf\u00fcr hatte ich einen Riecher f\u00fcr historische Sch\u00e4tze, eine feine Nase wie eine s\u00fcdamerikanische Schn\u00fcffelmaus. Mit ihrem Erfahrungsreichtum warnte sie mich von Anfang an: \u201eDo kummt nix aussi, Frau Seyr. Lossn S\u2019\u00a0 des, nix wie leere Kilometer. I kenn des Amt, des k\u00f6nnen S\u2019 \u00a0ma glauben.\u201c Ich glaubte ihr wie immer, war aber in meiner Schatzj\u00e4gerei nicht zu bremsen. Und nat\u00fcrlich unternahm sie alles, um aus der Akte (nicht dem Akt!) \u201eMogiljow\u201c einen Erfolg zu machen. Der Herkunftsnachweis w\u00fcrde das Schwierigste sein, das Unm\u00f6gliche. Auch davor warnte mich Frau Schwaner. Ihnen schwant immer etwas. \u201eJa, ich kenn\u2019 meine Pappenheimer im Amt.\u201c<\/p>\n<p>Bericht ans das Amt mit Fotokopien mit Bitte um Behandlung und Weiterleitung an alle m\u00f6glichen interessierten Stellen. Schweigen im Walde, lange Zeit, nur die Best\u00e4tigung des Posteingangs. W\u00e4hrenddessen sa\u00df ich mit der Lupe \u00fcber den Fotos im B\u00fcro, stundenlang abends und nachts nach den Dienststunden. Sie nach Hause zu nehmen, habe ich nie gewagt, immer im Tresor verschlossen. Daneben nahm ich mir die gesamte mir zug\u00e4ngliche Literatur zum Ersten Weltkrieg wieder vor, besonders das Schicksalsjahr 1917. Ich ging sogar in die Lenin-Bibliothek und hob sowjetische Werke aus, ins Kriegsarchiv, das damals f\u00fcr eine kurze Zeitperiode allgemein zug\u00e4nglich war. Ich schrieb au\u00dfertourlich das Ludwig-Boltzmann-Institut f\u00fcr Kriegsforschung an und einen Studienkollegen vom Institut f\u00fcr Osteurop\u00e4ische Geschichte, damals l\u00e4ngst Professor. Die beiden letzteren waren ebenso begeistert wie ich, mussten aber ebenfalls den Dienstweg einhalten.<\/p>\n<p>Zar Nikolaus II. verlegte 1915 das Hauptquartier des Obersten Befehlshabers der Armee nach Mogiljow. Ab da gab er sich als gro\u00dfer Feldherr, der Zar, der schon in Friedenszeiten seine kaiserlichen Pflichten kaum gemeistert, die Amtsgesch\u00e4fte gehasst, die Zeit am liebsten mit seiner Familie verbracht, und wenn er getrennt war, ununterbrochen Briefe an seine Frau geschrieben hat.<br \/>\nEr konnte kaum eine Seite zusammenh\u00e4ngend lesen und tat sich schwer beim Schreiben. Nikolaus h\u00f6rte mehr auf den selbsternannten Popen und Wunderheiler Rasputin als auf seine Gener\u00e4le und f\u00fchrte seine Armee auf dem geradesten Weg in den Untergang. Ich kam zu dem Schluss, dass die Fotosammlung nach dem Sturz des Zaren im Februar 1917 zusammengestellt wurde, weil der Zar nirgendwo auftaucht, daf\u00fcr aber viele Fotokarten vom eitlen Kerenski, der als Kriegsminister der Provisorischen Regierung und sp\u00e4ter als ihr Ministerpr\u00e4sident wie in einer Raserei die Fronten abfuhr und sich immer wieder im Hauptquartier von Mogiljow aufhielt und gesch\u00f6nte Fotografien als Andenken f\u00fcr die analphabetischen Frontsoldaten herstellen lie\u00df.<\/p>\n<p>Er war ein guter Agitator, vor allem in den kritischen Monaten M\u00e4rz, April und Mai 17, als sich die Armee nach vielen Meutereien und deutscher Feindpropaganda, Verbr\u00fcderungen, massenhaften Desertionen und kommunistischer Agitation im Prozess des Zerfalls befand. Das war weder dem Feind noch den Verb\u00fcndeten der Entente entgangen. Die Deutschen verst\u00e4rkten ihre Bem\u00fchungen um einen Separatfrieden, Frankreich und England dr\u00e4ngten die Russen zu einer Fr\u00fchjahrsoffensive, die die entscheidende Wende bringen sollte. 1917, das letzte Kriegsjahr. Es musste unter allen Umst\u00e4nden verhindert werden, dass durch die Einstellung der Kampfhandlungen an der Ostfront das Deutsche Reich in der Lage w\u00e4re, seine Truppen nach Westen zu werfen. Die oberste Armeef\u00fchrung selbst war gespalten zwischen B\u00fcndnistreue gegen\u00fcber der Entente und den Friedensverlockungen der Deutschen.<\/p>\n<p>Genau zu dieser Zeit gelang den Deutschen ihr Supercoup: Lenin aus dem Schweizer Exil im plombierten Zug nach Russland zu schleusen. So haben sie im Oktober die bolschewistische Revolution m\u00f6glich gemacht. Den Separatfrieden gab es doch, im Dezember, als Lenin in Brest-Litowsk mit dem Deutschen Reich Frieden schloss. Drei weitere Jahre sollte es dauern und einen B\u00fcrgerkrieg lang, bis alle ausl\u00e4ndischen Truppen aus dem Land vertrieben waren.<\/p>\n<p>Ich dachte bei mir, wenn sich die neureichen Russen weniger um den weltweiten Erwerb von Faberg\u00e9-Eiern, Gem\u00e4lden oder der Kronjuwelen gek\u00fcmmert h\u00e4tten, als diesen Schatz zu heben \u2026<br \/>\nAber dies was none of my business. Herr Iwanov hatte ihn nun einmal der Republik \u00d6sterreich angeboten. Er vertraute den ehemaligen Feinden mehr als seinem Land. Ein Sittenbild. Oder weil wir f\u00fcr den Verk\u00e4ufer die Kleinsten und Harmlosesten waren.<br \/>\nLetztendlich verlief sich der Verkauf innerhalb der \u00f6sterreichischen B\u00fcrokratie. Ich konnte nie herausfinden, woran es hakte, ich bekam von der Zentrale nie eine klare Antwort \u2013 au\u00dfer einem definitiven Nein zum Ankauf. Meine Vermutung ging in die Richtung, dass sich Staatsarchiv und Heeresgeschichtliches Museum nicht einigen konnten. Am Kaufpreis von 500$, wie von Iwanov gew\u00fcnscht, kann es nicht gelegen sein.<\/p>\n<p>Das dicke Ende f\u00fcr mich kam erst noch. Wie dem Herrn Iwanov sein Eigentum zur\u00fcckstellen? Wie ihm die negative Antwort beibringen? Seine Tochter brauchte doch das Geld! England, GB, die neue Zukunft!<br \/>\nPost kam nicht in Frage, Moskau \u2013 Mogiljow, in Belarus zu dieser Zeit? Es gab noch nie eine Zeit, in der das sicher gewesen w\u00e4re. Nicht einmal die deutsche Wehrmacht hat das im 41er Jahr zustande gebracht, ganz zu schweigen von Napoleon, hin und zur\u00fcck. Mich juckte es, ihm seinen Schatz selbst zur\u00fcckzubringen, konnte aber nicht einfach losfahren. Also wartete ich die Lesereise einer etwas \u00e4ngstlichen und kaprizi\u00f6sen \u00f6sterreichischen Schriftstellerin nach Wei\u00dfrussland ab, auf der ich sie begleiten sollte.<\/p>\n<p>Ich verpacke seine Fotosammlung und rufe ihn von Minsk aus an. Die Telefonnummer, die er mir aufgeschrieben hat, ist aber nicht seine eigene, sondern die einer Nachbarin. Iwanov ist nicht zu Hause, sie wird ihn rufen. Leitung tot. Noch einmal versuchen. Nachbarin hebt ab und ruft Iwanov zum Apparat. Kann er morgen nach Minsk kommen? Kann er nicht. Er hat eine alte, kranke Mutter. Ich gebe die Schriftstellerin in die Obhut einer Mitarbeiterin der \u00d6sterreich-Bibliothek, suche mir einen Fahrer und d\u00fcse in seinem alten Moskwitsch nach Mogiljow. 200 Kilometer durch die wei\u00dfrussischen Pampas, in einer Dezembernacht, eine meiner schwersten Reisen. Nicht wegen der Stra\u00dfen oder des Schneegest\u00f6bers, sondern wegen meines Gewissenskonflikts. Die Baumw\u00e4nde links und rechts der \u201eMinsker Schossee\u201c fliegen so schnell vorbei wie meine Gedanken durchs Hirn. Mission impossible.<\/p>\n<p>Soll ich oder soll ich nicht? Nur eines ist gewiss \u2013 ich darf nicht, ich darf nicht, etwas selbst ankaufen, was der Botschaft, der Republik, angeboten wurde. Beamtin gegen Historikerin gegen J\u00e4gerin des verlorenen Schatzes. Dollari f\u00fcr die Tochter, gar eine Wohlt\u00e4terin? Bl\u00f6dsinn, hin oder her, immer nur gerade bleiben. Krumme Sachen gehen sich nie aus, daf\u00fcr bin ich nicht gemacht. Mein privates Interesse, f\u00fcr \u00d6sterreich retten \u2013 Abw\u00e4gung. Bl\u00f6dsinn. Und wenn das f\u00fcr immer verloren geht? Geht mich nichts an. Kann nichts daf\u00fcr. Andererseits, 500$ sind kein Problem f\u00fcr mich, ich kann ihm auch 1000 geben, f\u00fcr seine Katja, f\u00fcr den Neustart in GB, weit weg von ihm.<\/p>\n<p>Es ist bitter kalt und zugig im Moskwitsch, und Dima raucht eine gr\u00e4ssliche Machorka nach der anderen bei h\u00e4mmerndem Folk-Pop. Kaum m\u00f6glich, einen klaren Kopf zu bewahren. Meine Gedanken schwanken hin und her im Rhythmus von schlechten Stra\u00dfen mit Moskwitsch. Dabei ist mir immer im Bewusstsein, dass Dima mich durch die \u201eBloodlands\u201c (Timothy Snyder) chauffiert, die Landschaften zwischen Belarus und Ukraine, die in den Weltkriegen am meisten gelitten haben. In Wei\u00dfrussland kann niemand einen Schritt gehen, ohne \u00fcber aus dem Boden ragende Knochen zu stolpern. Ein Viertel der belarussischen Bev\u00f6lkerung liegt da drunten. Dima findet die Vorstadtstra\u00dfe und das Haus von Iwanov. Was ich damals noch nicht wusste, war, dass in London seit 1918 die \u201eWei\u00dfrussische Exilregierung\u201c ihren Sitz hat, die \u00e4lteste \u00fcberhaupt, die die Interessen des ersten unabh\u00e4ngigen Belarus vertritt. Katja h\u00e4tte vielleicht \u2026? Aber vielleicht hat sie ja \u2026?<\/p>\n<p>Es war schrecklich. Ich mach es kurz. Ich gebe Iwanov seine papki mit Bedauern zur\u00fcck, entschuldige mich nicht f\u00fcr mein Land und dr\u00fccke ihm ein Kuvert mit 300 dollari aus meiner Privatkasse in die Hand. Das ist damals in Belarus sehr viel Geld, zehnmal so viel wie seine Pension, habe ich schnell \u00fcberschlagen. Vielleicht geht sich ein Ticket nach London aus. Das Gewissen freigekauft. Er nimmt sie und bedankt sich \u00fcberschw\u00e4nglich. Wir dr\u00fccken einander die vier H\u00e4nde, immer und immer wieder, und umarmen uns zum Schluss mit drei K\u00fcssen auf die Wangen. Der Schnee knirscht unter unseren Stiefeln vor seinem kleinen Holzhaus, genau so schief, wie die fliegenden H\u00e4uschen von Marc Chagall. In so einem Stedtl ist er aufgewachsen, in Vitebsk, nicht weit von Mogiljow.<\/p>\n<p>Ich bedanke mich ebenso \u00fcberschw\u00e4nglich bei ihm, ehrlich, echt, herzlich, immerhin hat er mir etwas gezeigt, was vielleicht nie wieder jemand zu sehen bekommt. Er stellt keine Fragen und erspart mir die Schande, das Versagen des Amtes eingestehen zu m\u00fcssen.<br \/>\nF\u00fcr die \u00f6sterreichische Schriftstellerin auf Lesereise in Minsk stand ich am n\u00e4chsten Tag wieder bereit, wenn auch unausgeschlafen und etwas derangiert. Na, Veronika, zu viel gefeiert?, bemerkt sie mit sp\u00f6ttischem Blick auf meine schwarzen Augenringe. Jaja, gefeiert. Was ich gefeiert habe, davon hat diese Frau keine Ahnung, und ich f\u00fchre sie mit leichtem Gewissen durch die Stadt.<\/p>\n<p>22.1. &#8211; 25.1. 2022<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 22034<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es mag etwa Anfang 1998 gewesen sein \u2013 auf jeden Fall war ich noch jung im Amt \u2013, da meldete mir meine Sekret\u00e4rin, ein gewisser Iwanov m\u00f6chte die Kulturr\u00e4tin sprechen. 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