{"id":13758,"date":"2022-02-01T13:48:57","date_gmt":"2022-02-01T13:48:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13758"},"modified":"2022-02-05T13:55:41","modified_gmt":"2022-02-05T13:55:41","slug":"gestern-heute-morgen-sonntag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13758","title":{"rendered":"Gestern, heute, morgen: Sonntag"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13758&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13758&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Sonntags wird am Stammtisch p\u00fcnktlich mit dem Zw\u00f6lfuhrl\u00e4uten der letzte Rest Bierschaum eilig hinuntergekippt. Die St\u00fchle werden \u00fcber den knarzenden Holzboden zur\u00fcckgeschoben, die Jacken angezogen und tiefe M\u00e4nnerstimmen lachen noch \u00fcber einen schnell hingeworfenen Witz, egal ob anz\u00fcglich oder nicht. Die Zeche beim Wirt wird jetzt bezahlt oder auch erst zum Monatsletzten <\/em>\u2013<em> die Frau wartet ja, das Essen auf dem Herd. Man klopft sich noch schnell auf die Schultern, zufrieden mit sich und den alten Geschichten, die auf ewig lustig sind, weil sie auf ewig immer gleich erz\u00e4hlt werden.<\/em><\/p>\n<p>Gestern. Das Zw\u00f6lfuhrl\u00e4uten war noch nicht ganz verklungen, als Jakob vom verrauchten und mit M\u00e4nnerdunst vernebelten Kellerwirt ins Freie trat. Er atmete die klirrend kalte Luft tief ein und hob noch einmal die Hand zum Gru\u00df, als er die Kellnerin sah, die sich f\u00fcr eine schnelle Zigarette vor die Garage gestellt hatte.<\/p>\n<p>Als Jakob den Dorfplatz \u00fcberquerte, flogen ihm zarte Schneeflocken ins Gesicht, die sofort auf seiner verschwitzten Haut schmolzen. Der erste Schnee, dachte er und bog in die Glasergasse ein. Schon so fr\u00fch heuer. Seine Frau Gerti w\u00fcrde wohl heute die ersten Futterkn\u00f6del f\u00fcr die Amseln aufh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend er beschwingt den Aufstieg Richtung trautes Heim in Angriff nahm, sp\u00fcrte er leichten Schwindel. Oder war da zuerst das Schlittern seiner F\u00fc\u00dfe auf dem glatten Gehweg gewesen? Er rutschte jedenfalls, riss die Arme in die Luft und die Beine nach vorne und f\u00fcr den Bruchteil einer Sekunde schwebte Jakob in der Luft, durch keinen seiner K\u00f6rperteile mit der Erde verbunden. Dann fiel er nach hinten und stie\u00df sich den Kopf an der Bordsteinkante.<\/p>\n<p>Heute. Ein scharfer, stechender Schmerz durchzuckt seinen K\u00f6rper und klingt mit immer k\u00fcrzer werdenden Wellen ab. Vorsichtig betastet Jakob seinen Hinterkopf. Kein Blut, aber eine Beule w\u00fcrde es wohl werden. Er setzt sich langsam auf und sieht sich um. Es ist niemand da, nur der Schnee f\u00e4llt noch still vom grauen Himmel und bedeckt nach und nach die schmale Gasse.<\/p>\n<p>Unter \u00c4chzen und St\u00f6hnen schafft es Jakob, sich aufzurichten. Vorsichtig st\u00fctzt er sich an den Hausmauern ab und setzt Schritt f\u00fcr Schritt seine schweren Stiefel hintereinander. Als er endlich ganz oben ist, biegt er nach rechts, an der alten Linde vorbei, und zwei H\u00e4user weiter geht er durch das Gartentor. Der Schmerz hat nun nachgelassen, aber der Schwindel ist noch immer da. Er w\u00fcrde Gerti bitten, ihm einen hei\u00dfen Tee zu machen und eine Packung Tiefk\u00fchlgem\u00fcse gegen die Beule zu halten.<\/p>\n<p>Als er den Schl\u00fcssel aus der Jackentasche zieht und in das Schloss schiebt, will dieser sich nicht drehen lassen. Jakob lehnt sich st\u00f6hnend gegen die Hausmauer. Er hat wohl mehr getrunken, als er urspr\u00fcnglich gedacht hat. Ein Hund bellt und kratzt von innen an der Haust\u00fcr. Jakob stutzt. Sie haben keinen Hund. Er tritt ein paar Schritte zur\u00fcck, hebt vorsichtig den Kopf, dreht sich hin und her und blickt vom Gartentor zur Haust\u00fcr und wieder zur\u00fcck. Es ist sein Haus und doch nicht sein Haus. Er erkennt die Einfahrt, das Gartentor, das Blumenbeet unter dem K\u00fcchenfenster, das er selbst mit Flusssteinen umgrenzt hat. Aber er erkennt weder die neue zitronengelbe Hauswandfarbe noch den Postkasten, der die Form einer \u00fcbergewichtigen Katze hat.<\/p>\n<p>Die T\u00fcre schwingt auf und eine junge Frau st\u00fcrzt heraus. \u201ePapa\u201c, ruft sie, ergreift Jakob am Arm und zieht ihn sanft in das Haus hinein. \u201eWas machst du denn? Bist du wieder ausgerissen?\u201c Ein kleines wei\u00dfes Fellb\u00fcndel springt an ihm hoch und versucht seine H\u00e4nde zu lecken. Reflexartig rei\u00dft Jakob seine H\u00e4nde nach oben und st\u00f6\u00dft damit die junge Frau zur Seite. Sie verschr\u00e4nkt die Arme vor dem K\u00f6rper, legt den Kopf schief und seufzt: \u201eAch, Papa.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEntschuldigung! Ich glaub, ich bin im falschen Haus.\u201c Jakob wendet sich von der Frau ab, als diese ihm eine Hand auf den Arm legt. \u201eKomm doch mal rein, w\u00e4rm dich auf. Wir werden das schon regeln!\u201c Ihr Ton ist leise, aber bestimmend, und Jakob l\u00e4sst sich durch den Flur in die K\u00fcche f\u00fchren.<\/p>\n<p>Dort l\u00e4uft ihm ein kleines M\u00e4dchen entgegen, mit dem lockigen Haarschopf seiner Tochter, doch mit fremden Augen, fremder Nase und fremdem Mund. \u201eOpa, Opa!\u201c, jauchzt sie und nimmt ihn bei der Hand. V\u00f6llig perplex l\u00e4sst sich Jakob von ihr zum K\u00fcchentisch ziehen und plumpst auf die Bank. Das M\u00e4dchen klettert auf seinen Scho\u00df und schmiegt sich an ihn.<\/p>\n<p>\u201eIch habe Kaffee aufgesetzt, Papa. Willst du auch einen?\u201c Jakob sieht die Frau entgeistert an. \u201eBitte\u201c, bringt er stockend heraus. \u201eWo bin ich denn hier?\u201c Das M\u00e4dchen auf seinem Scho\u00df betrachtet ihn vorwurfsvoll aus gro\u00dfen Kinderaugen. \u201eAber Opa! Du bist bei uns. Bei Mama, bei Papa und bei mir. Wiesenweg Nummer f\u00fcnf.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWiesenweg f\u00fcnf?\u201c Jakob merkt wie seine Stimme immer br\u00fcchiger wird. \u201eDas ist meine Adresse.\u201c Die Frau seufzt und stellt ein Tablett mit Tassen und Teller auf den Tisch. \u201eJa, Papa. Du hast hier mal gewohnt. Bis vor\u201c, sie \u00fcberlegt einen Moment, \u201eziemlich genau neun Jahren \u2013 als Mama gestorben ist.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMama?\u201c Jakob versteht noch immer nicht. Verdutzt nimmt er die ihm dargereichte Tasse mit Kaffee in die Hand. Die Frau streichelt behutsam seinen Arm, als ob er ein verletztes Tier w\u00e4re. \u201eMama, deine Frau Gertraud. Ich bin Katharina, deine Tochter. Das ist Luise, deine Enkelin. Und du bist wahrscheinlich wieder aus dem Seniorenzentrum ausgeb\u00fcxt und hast den Bus genommen, stimmt\u2019s?\u201c<\/p>\n<p>Ohne auf seine Antwort zu warten, steht sie auf und zieht ihr Handy aus der Tasche. \u201eIch ruf dort mal an.\u201c Das kleine M\u00e4dchen \u2013 Luise, hei\u00dft sie wohl \u2013 ist von seinem Scho\u00df geklettert und er f\u00fchrt zitternd die Tasse mit dem hei\u00dfen Kaffee zum Mund. Er betastet seinen Kopf. Da ist sie, die Beule.<\/p>\n<p>Vor einer Stunde ist er noch im Wirtshaus gesessen und hat mit seinen Spezis ein paar Bier getrunken. Gerti hat ihm an diesem Morgen, mit der kleinen Katharina auf dem Arm, noch aus dem K\u00fcchenfenster nachgeschimpft, weil er ohne M\u00fctze losgezogen war. Und jetzt gibt es sie nicht mehr. Mein Gott, wie die Zeit vergeht! Er blickt auf die K\u00fcchenuhr.<\/p>\n<p>Es ist zw\u00f6lf Minuten nach zw\u00f6lf. Morgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Nene Stark<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/a> | Inventarnummer: 22028<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonntags wird am Stammtisch p\u00fcnktlich mit dem Zw\u00f6lfuhrl\u00e4uten der letzte Rest Bierschaum eilig hinuntergekippt. Die St\u00fchle werden \u00fcber den knarzenden Holzboden zur\u00fcckgeschoben, die Jacken angezogen und tiefe M\u00e4nnerstimmen lachen noch \u00fcber einen schnell hingeworfenen Witz, egal ob anz\u00fcglich oder nicht. 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