{"id":13729,"date":"2022-01-26T09:04:45","date_gmt":"2022-01-26T09:04:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13729"},"modified":"2022-01-30T08:19:39","modified_gmt":"2022-01-30T08:19:39","slug":"mit-achtzehn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13729","title":{"rendered":"Mit achtzehn"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13729&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13729&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Eigentlich hatten wir abgemacht, gemeinsam Medizin zu studieren, die Helga Mann, die Schober Christl und ich. Vielleicht waren es nur Tr\u00e4umereien von mir, ein unausgesprochener Wunsch? Wer kann das schon sagen, nach 55 Jahren. Der \u201ePlan\u201c stand seit der 7. Klasse fest: Helga w\u00fcrde eine Wohnung bekommen, im Haus ihrer Tante Grete in der Alserbachstra\u00dfe, nahe dem Franz-Josefs-Bahnhof. Christl w\u00fcrde bei ihr wohnen, und ich, die keine Aussicht auf ein Wien-Wohnen hatte, k\u00f6nnte bei ihnen \u00fcbernachten, wenn es einmal zu sp\u00e4t f\u00fcr den letzten Bummelzug nach Tulln war, um 23 Uhr. Helga und Christl hatten noch dazu den Vorteil, aus Arztfamilien zu stammen, Christl sogar mit zwei \u00e4lteren Br\u00fcdern, die schon in Wien Medizin studierten. Da ich als die Nummer f\u00fcnf in der bis sieben reichenden Riege an Geschwistern stand, war es sicher, dass das Familienbudget f\u00fcr eine Wohnung in Wien nicht reichen w\u00fcrde. Aber ich hatte fest vor, mich mit Jobs durchzuschlagen, dazu gab es noch Stipendien und lange Sommerferien, in denen man arbeiten und Geld verdienen konnte.<\/p>\n<p>Der Plan ging nicht auf. Mein \u00e4ltester Bruder mischte sich in die Debatte ein und sprach sich kategorisch dagegen aus, dass ich \u00fcberhaupt studieren sollte. Er hielt mich wegen meiner angeblichen Schusseligkeit und lachhaften Wortverwechslungen f\u00fcr \u00fcberhaupt kein akademisches Studium bef\u00e4higt. Er hatte schon erfolgreich intrigiert, Lisl vom gew\u00fcnschten Medizin-Studium abzubringen. Stattdessen begann sie nach der Matura an der Krankenschwesternschule eine zweij\u00e4hrige Ausbildung. Mama, die fast wie h\u00f6rig den Meinungen ihres \u00c4ltesten folgte, war pl\u00f6tzlich auch gegen ein Studium, obwohl sie sich immer noch beklagte, dass wir \u2013 die Kinder \u2013 sie an ihrem Studium gehindert h\u00e4tten. Eine ihrer abstrusesten Klagen in Momenten, wenn ihr Gem\u00fct auf Sturm stand, wir seien aus lauter Bosheit auf die Welt gekommen, um sie von den akademischen Ehren abzuhalten. Also musste ich umplanen, denn neben der teuren, langwierigen und anspruchsvollen Medizin w\u00fcrde ich kaum einer Brotarbeit nachgehen k\u00f6nnen. Mein Vater hielt dagegen und unterst\u00fctzte mich: Die Vroni kann alles, die wird\u2019s euch allen noch zeigen!<\/p>\n<p>Welcher Zweig w\u00fcrde alles verbinden k\u00f6nnen: kurzes Studium, nebenbei jobben, Auslandsperspektiven und guter Verdienst danach? So fiel meine Wahl auf das Dolmetsch-Studium, Russisch-Englisch. Vier Semester bis zum \u00dcbersetzer, sechs zum Dolmetsch. Schlie\u00dflich herrschte Kalter Krieg, und da konnte man diese Kombination sicher gut gebrauchen. Die gro\u00dfe Vision \u2013 zur UNO am East River.<\/p>\n<p>In Englisch war ich sehr gut, schon acht Jahre lang, und in Russisch immerhin schon vier Jahre. Mit einem ausgezeichneten Maturazeugnis br\u00e4uchte ich nicht einmal eine Aufnahmepr\u00fcfung ins Dolmetsch-Institut. Gesagt \u2013 getan. Ich inskribierte, studierte flei\u00dfig, um Konferenz-Dolmetsch im diplomatischen Dienst zu werden. Nebenbei jobbte ich als Touristenf\u00fchrerin und \u00dcbersetzerin und gab Nachhilfestunden. Einzig Helga wurde \u00c4rztin. Sie studierte erfolgreich Medizin und arbeitete das ganze Berufsleben als Virologin und Hygienikerin. Christl sattelte nach zwei Semestern auf Psychologie um und zog zu ihren Br\u00fcdern.<\/p>\n<p>Ich kann mich an mich selbst mit achtzehn nicht erinnern, habe kein Gef\u00fchl f\u00fcr mich als Achtzehnj\u00e4hrige. Nur Bilder von Ereignissen sind haften geblieben, die ein Schlaglicht darauf werfen, wie ich mit achtzehn gewesen sein k\u00f6nnte. Entsetzlich unsympathisch, stur, rechthaberisch und herrisch. Aber ehrgeizig und zielstrebig. Aber was ist so ein Urteil heute wert? Ich habe aus der Not ein Bild kreiert: ein Fenster mit Jalousien, durch die Sonnenstrahlen fallen. In diesen Lichtstreifen wird allerhand grell sichtbar, etwa tanzende Staubteilchen, eine M\u00fccke, ein Astloch im Fu\u00dfboden oder eine beleuchtete Stelle auf dem Teppich. Darum herum ist alles dunkel, kein Detail zu erkennen, schon gar nicht das Gesamtbild des Zimmers.<\/p>\n<p>So ein ausgeleuchteter Streifen ist die Erinnerung an Ludwig Stuchlik. Er studierte Russisch-Tschechisch-Polnisch, weil seine Familie urspr\u00fcnglich aus B\u00f6hmen stammte, die Mutter aus Polen. Russisch war neu f\u00fcr ihn. \u00c4rmlich aufgewachsen, wollte er Gesch\u00e4ftsmann werden und reich. Handel zwischen \u00d6sterreich und den Ostblockl\u00e4ndern. Er hatte nichts \u00fcbrig f\u00fcr literarische \u00dcbersetzungen oder das Konferenzdolmetschen, so wie ich es f\u00fcr mich vorgesehen hatte. Ich wei\u00df nicht mehr, wie wir uns n\u00e4hergekommen sind, vielleicht habe ich ihm beim Russischen helfen k\u00f6nnen, vielleicht war es eine andere Attraktion. Wahrscheinlich war ich ihm aufgefallen in den \u00dcbungen bei Sergej Krywenko, einem Ukrainer, der es geschafft hat, von der Roten Armee in \u00d6sterreich gelassen worden zu sein. Ich glaube nicht, dass ich in meinem 18-j\u00e4hrigen Leben jemanden so sehr gehasst habe wie ihn. Ich war sein Lieblingsopfer. Auch wenn ich nach meinen vier Gymnasialjahren besser Russisch konnte als die meisten anderen, hackte er st\u00e4ndig auf mir herum. Mein Russisch sei zu literarisch, ich sei zu langsam. Vor allem aber kritisierte er mein R, das nicht russisch klinge. Es muss rollen, rrollen, rrrollen. Wirrr sprrrechen hierrr Rrrussisch, nicht Frchanz\u00f6sisch. Gehen Sie in die Nebenabteilung, Mademoiselle.<\/p>\n<p>Ich musste vor allen anderen Studenten \u00dcbungen mit einem Handspiegel machen, um die richtige Stellung der Zunge, des Gaumens und des Z\u00e4pfchens zu beobachten. Er genoss es, mich zu dem\u00fctigen und l\u00e4cherlich zu machen. Heute w\u00fcrde man sagen \u201emobben\u201c und ihn anzeigen. Allerdings studierten damals in unserem Jahrgang genau f\u00fcnf Leute Russisch, neben mir noch zwei Jungstudentinnen, Ludwig und ein pensionierter Medizinalrat mit h\u00f6lzernem H\u00f6rrohr. Er wollte sein Russisch aus der sibirischen Kriegsgefangenschaft aufpolieren. So trieb mich Krywenko einmal aus dem H\u00f6rsaal, und ich fl\u00fcchtete heulend auf eine Bank im Hof. Der ist doch nur neidig auf unsere Jugend und auf uns als \u00d6sterreicher, tr\u00f6stete mich Ludwig. Wenn ich etwas bei diesem gospodin gelernt habe, war das nicht in erster Linie das perfekt rollende russische R, sondern Resilienz: Geduld, Ausdauer, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Er zwang mich, mir t\u00e4glich, ja st\u00fcndlich selbst die Karotte vor die Nase zu halten und mich an den East River zu versetzen. Der andere Rettungsanker war die UTA, die direkt hinter dem Dolmetschinstitut gelegen war. Hier lie\u00df ich meine Wut ab, indem ich die Basketb\u00e4lle in die K\u00f6rbe drosch. Im n\u00e4chsten Jahr gelang es mir tats\u00e4chlich, nach New York zu kommen, wenn auch nur als Au-pair-M\u00e4dchen und als Touristin in die UNO.<\/p>\n<p>F\u00fcr Ludwig war ich ein Exotikum so wie er f\u00fcr mich, wenn auch aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden. Ich fand ihn sympathisch, aber nicht mehr. Mich interessierte seine Herkunft aus Simmering, dem \u00e4u\u00dfersten Stadtrand im Osten, wo die Stra\u00dfen in ein Dorf mit niedrigen H\u00e4usern und G\u00e4rten auslaufen. Seine Eltern habe ich nie kennengelernt, sie hackelten bei Simmering-Graz-Pauker in Schicht. An seine Gro\u00dfmutter Kveta kann ich mich aber gut erinnern. Sie sprach ein klassisches Bemakln, f\u00fctterte mich mit Knedlicki und Kolatschi und bewohnte ein kleines Haus mit H\u00fchnern und Hasen; Kraut und Erd\u00e4pfel wuchsen im Garten, dazu Kirschen, Marillen und Zwetschken. Von der niedrigen Decke des Wohnzimmers hing einsam ein rot leuchtender Luster aus b\u00f6hmischem Bleikristall. Der letzte Rest von Familiengeschichte. Ihre Vorfahren waren Kristallschleifer und Glasbl\u00e4ser gewesen. Jetzt Simmeringer Hauptstra\u00dfe 397, dahinter gleich die Hoad und dann nur noch der Eiserne Vorhang. Da war die Welt zu Ende.<\/p>\n<p>Sie mochte mich gern und erz\u00e4hlte mir bei Bl\u00fcmchenkaffee und Powidltaschkerln viel von ihrem alten Dorf. Schen, schen waas durtn, mei Got, Gotogot. Im Frieling, die vielen Bliten von denen Obstbeimen, so schen, die Nochboan, ollas freindlich, friedlich und polako. Wie Fritz Muliar im braven Soldaten Schwejk, nur ein wenig weicher, weil er das Bemakln nicht von Kveta gelernt hat. Mit ihren hoch aufgesteckten wei\u00dfen L\u00f6ckchen und der Kittelsch\u00fcrze aus schwarzem Kloth erinnerte sie mich ein bisschen an die Omama in St. Nikola. Von der Vertreibung der Sudetendeutschen nach den Benesch-Dekreten hatte ich noch nie geh\u00f6rt, noch weniger vom Todesmarsch von Br\u00fcnn. Ihr kleiner Bruder ist damals gestorben. Krank, unterern\u00e4hrt oder vom Leiterwagen gefallen? Das wusste sie selbst nicht mehr. Wir hatten in Tulln Banatler aus Jugoslawien und Rum\u00e4nien in der Nachbarschaft, Volksdeutsche wurden sie genannt. Manche sagten auch Walachen.<\/p>\n<p>Aber dass Tschechen in \u00d6sterreich lebten, wusste ich nicht. Der Rupert aus Wei\u00dfkirchen im Banat war mein Freund in der ersten Klasse Volksschule. Er nannte mich mia prinsesa. Eine Frau Trofeit aus der Banatlersiedlung kam als Hausschneiderin zu meiner Mutter. Tischt\u00fccher und Vorh\u00e4nge n\u00e4hen, Bettzeug ausbessern, Geschirrt\u00fccher eins\u00e4umen, Putzlappen flicken, Winterm\u00e4ntel wenden, meine Mutter lie\u00df nichts verkommen.<\/p>\n<p>Da ich zwischen Tulln und Wien pendelte, hatte ich immer eine Jause mit, Essen und Getr\u00e4nke f\u00fcr den ganzen Tag, da ich kein Geld hatte f\u00fcrs Kaffeehaus und anfangs auch die Mensa sparte. Ludwig schloss sich f\u00fcr die Mittagspause mir an, wenn ich bei der Kaiserin Elisabeth im Volksgarten meine Jause einnahm. Ich breitete meine Aluminium-Proviantdose mit den Butterbroten aus, Wasser oder Ribislsaft hatte ich in einer Feldflasche, Gegenst\u00e4nde aus meiner Wanderausr\u00fcstung. Damals immer dabei: das \u201eStundenbuch\u201c von R.M. Rilke, den ich in jener Zeit \u00fcber alles verehrte. Ich wollte so gut Englisch und Russisch lernen, bis ich eine dreisprachige Ausgabe herstellen k\u00f6nnte, in der alle Gedichte gleich gut waren. Dazu schw\u00e4rmte ich damals noch von den Habsburgern, hatte alle B\u00fccher von Egon Caesar Conte Corti gelesen, kannte alle Jahreszahlen und Verwandtschaftsverh\u00e4ltnisse. Sp\u00e4ter interessierte ich mich mehr f\u00fcr Joseph II. Aber das war schon gar kein Thema f\u00fcr den Ludwig Stuchlik. Er war Sozialdemokrat und hasste alles Habsburgische. Wir hatten viele lebhafte Diskussionen. Aber wenn er mich fragte, woher ich dies und das so sicher w\u00fcsste, sagte ich immer wie das Amen im Gebet: von meinem Vater. Dem Ludwig ging das auf die Nerven, immer belehrt zu werden, und es rutschte ihm heraus: Dein Vater ist wohl der liebe Gott! Nein, aber mein Evangelium!<\/p>\n<p>Ich glaube, ich habe ihn tyrannisiert mit meinem vererbten Bildungsb\u00fcrgertum. Aber er mich auch, mit seinem Sozialismus, der Arbeiterklasse und dem permanenten Klassenkampf. Er war Trotzkist ohne jede Zugeh\u00f6rigkeit und wollte mich von der Sch\u00f6nheit seiner Revolutionssprache \u00fcberzeugen. Das ist schon alles okay, aber ich werde jetzt noch rot, wenn ich an das Evangelium denke. Man schrieb 1966, lange vor der studentischen, antiautorit\u00e4ren oder sonst einer Revolution.<\/p>\n<p>Das ist zum Beispiel so ein schmaler Lichtstrahl ins Dunkel der Vergangenheit. Ich auf den wei\u00dfen Marmorstufen zu F\u00fc\u00dfen der Elisabeth im \u00f6stlichsten Winkel des Volksgartens, gegen\u00fcber die Burg, auf der anderen Ringseite die Uni, durch die B\u00e4ume blinzelt das Rathaus her\u00fcber, im Volksgarten bl\u00fchen noch die Rosen. Ludwig h\u00f6rt mir zu, wie ich ihm Rilke vorlese. Immer und immer wieder. Ob es Rilke auf Tschechisch gibt? Wei\u00df er nicht. Ob er ihn nicht \u00fcbersetzen will? Rilke stammt ja aus Prag. Ludwigs Neigungen gelten aber der Handelskorrespondenz, die ich hasse, aber als Pflichtfach auch belegen muss. Er hat keine poetische Ader, ihn interessieren ganz andere Dinge an mir.<br \/>\nIch wehre ihn ab, weil ich damals sicher noch nicht einmal ganz aufgekl\u00e4rt war, daf\u00fcr grenzenlos naiv und die Sexualit\u00e4t noch nicht am Radar hatte. Dazu war ich viel zu katholisch aufgezogen worden. Ich habe ihn nie erh\u00f6rt und nie etwas anderes mit ihm unternommen als seine Gro\u00dfmutter und ihre H\u00fchner zu besuchen. Ludwig war sehr fesch, James-Dean-artig, aber etwas klein gewachsen. Vielleicht war ich von ihm als Mann so wenig angezogen, weil er meinem gro\u00dfen Bruder Bernhard \u00e4hnlich sah.<\/p>\n<p>Es war sicher nicht Absicht oder Taktik, dazu w\u00e4re ich in meiner Naivit\u00e4t gar nicht imstande gewesen. Aber ich habe Ludwig erfolgreich von mir ferngehalten und gr\u00fcndlich vertrieben. Mit der Waffe namens Rilke. Oder war\u2019s der Vater? Irgendwann ist er nicht mehr in den Park gekommen, zu mir und Sisi. Einmal stie\u00df er hervor: Lass mich in Ruh mit deinem depperten Rilke! Stieg die Stufen des Denkmals hinunter und ward nie mehr gesehen. Ich muss ihn entsetzlich ange\u00f6det haben mit meiner Schw\u00e4rmerei f\u00fcr den Poeten und die Kaiserin. Nach dem Jahr in New York bin ich auf die Slawistik und Germanistik umgestiegen, und wir haben uns aus den Augen verloren. Sogar seinen Namen glaubte ich vergessen zu haben. Es ist ja auch nichts passiert, was mir gro\u00dfartig im Ged\u00e4chtnis h\u00e4tte bleiben k\u00f6nnen. Und meine jugendlichen Schw\u00e4rmereien werfen auch nicht gerade ein gutes Licht auf mein achtzehntes Lebensjahr.<\/p>\n<p>Einmal, nach der Jahrtausendwende, vielleicht 35 Jahre sp\u00e4ter, sitze ich in meinem B\u00fcro in der Moskauer Botschaft, als mir meine Sekret\u00e4rin am Telefon einen Herrn Stuchlik, Ludwig, von der Handelsvertretung, ank\u00fcndigt. Der Name ist mir seit dem ersten Semester nicht mehr untergekommen, aber trotzdem wusste ich es sofort: Sisi aus wei\u00dfem Marmor, Mittagspause, Butterbrote, Wasser und \u2013 Rilke.<\/p>\n<p>Ich sah alles vor mir wie in einem grellen Schlaglicht, kleine Funken in einem Scheinwerferkegel. Ich zu F\u00fc\u00dfen der Kaiserin auf der wei\u00dfen Marmorbank, er zu meinen F\u00fc\u00dfen, dazwischen Rilke. Herr Mag. Stuchlik war tats\u00e4chlich Kaufmann geworden und gerade auf Besuch in der Moskauer Vertretung der Wirtschaftskammer. Er hat mit seinen Ostsprachen Karriere gemacht und ist bei seinem Leisten geblieben. So hat er mich gefunden und im Kulturforum aufgesucht. Auf der Visitenkarte eine Liste von gro\u00dfen Firmen, f\u00fcr die er in Russland Gesch\u00e4fte macht: MAN, Voestalpine, Lenzing. Hat ein B\u00fcro an feinster Adresse im Hotel Ukraina. Wir sind Nachbarn geworden, ich wohne am Ukrainski bulvar gegen\u00fcber. Wir haben uns nie verabredet. Aber ich sa\u00df oft dort, im Park, auf dem Sockel des ukrainischen Nationaldichters Schewtschenko, mit Blick auf die Moskwa und das Wei\u00dfe Haus.<br \/>\nLudwig ist alt geworden, dick und glatzk\u00f6pfig, aber gut auf Top-Manager getrimmt. Und ich trieb mich immer noch mit \u00dcbersetzungen herum, wenn ich auch Rilke schon l\u00e4ngst etwas kritischer sah. Aber immerhin hielt ich unter vielem anderen noch Vortr\u00e4ge \u00fcber \u201eRilke und sein mystisches Russlanderlebnis\u201c, \u201eRilkes Russland-Reise mit Lou Andreas-Salom\u00e9\u201c, \u201eMein weiblicher Bruder \u2013 Marina Zwetajewa und Rilke.\u201c<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wor\u00fcber wir gesprochen haben, wahrscheinlich nur Lebensdaten ausgetauscht, Kinder, Frau, Job, Haus im Wienerwald. \u00dcber Rilke, Sisi oder das Evangelium haben wir sicher nicht geredet. Ich bedauere, dass ich ihn nicht danach gefragt habe, woran er sich erinnert aus dem Herbst 1966.<br \/>\nUnd seither ist er wieder in der Versenkung verschwunden, bis zum heutigen Tag, seit ich das hier aufschreibe.<\/p>\n<p>13.1.22<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 22026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich hatten wir abgemacht, gemeinsam Medizin zu studieren, die Helga Mann, die Schober Christl und ich. Vielleicht waren es nur Tr\u00e4umereien von mir, ein unausgesprochener Wunsch? Wer kann das schon sagen, nach 55 Jahren. Der \u201ePlan\u201c stand seit der 7. 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