{"id":13718,"date":"2022-01-27T16:14:43","date_gmt":"2022-01-27T16:14:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13718"},"modified":"2022-01-30T08:21:11","modified_gmt":"2022-01-30T08:21:11","slug":"am-ende-des-regenbogens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13718","title":{"rendered":"Am Ende des Regenbogens"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13718&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13718&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Sie schwebt. Ihre F\u00fc\u00dfe ber\u00fchren kaum den Boden, ihr Herz tanzt \u00fcber den Wolken. Die Sonne verscheucht nur f\u00fcr sie die grauen Regenschleier und um sie herum wird alles hell und klar. In den Pf\u00fctzen schillert Benzin, in den Fenstern spiegelt sich der Himmel.<br \/>\nSabrina nimmt die Per\u00fccke vom Kopf und stopft sie in ihre Tasche. Wie gut es tut, die Luft am Kopf zu sp\u00fcren, den Wind auf der fast kahlen Haut.<br \/>\nTief atmet Sabrina ein. Sie taucht auf aus einem Vakuum, so als h\u00e4tte sie die vergangenen 26 Monate unter Wasser gelebt, wo sie nicht atmen konnte, wo sie nichts riechen, schmecken, f\u00fchlen konnte.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal seit langer Zeit ist ihr leicht zumute, ohne dieses zerst\u00f6rerische Monster in ihrem K\u00f6rper. Noch einmal saugt sie die Luft ein wie eine Ertrinkende.<br \/>\nFast sp\u00fcrt Sabrina das Zittern noch in ihren Knien, das schnelle Schlagen ihres Herzens auf dem Weg in die Klinik. Gern gesteht sie sich die Angst nicht ein, die sie hatte, als sie vor der T\u00fcr zum Sprechzimmer ihres Arztes wartete. Alle M\u00fche hatte sie sich gegeben, ihn diese Angst nicht merken zu lassen. L\u00e4chelnd und scherzend hatte sie sein Zimmer betreten, wie immer hatte sie gerade ihm beweisen wollen, dass sie sich nicht unterkriegen lie\u00df.<br \/>\nAn der Wand hinter seinem Schreibtisch hing eine Kinderzeichnung. Das Bild eines schiefen Regenbogens, darunter ein winziges M\u00e4dchen im roten Kleid, das auf die Stelle zul\u00e4uft, an welcher der Regenbogen die Erde ber\u00fchrt. Das Bild, auf das sie bei jedem Arztbesuch ihren Blick konzentrierte, w\u00e4hrend sie dem Arzt zuh\u00f6rte. Auch heute fixierte sie, w\u00e4hrend er sprach, den Regenbogen.\u00a0 Dabei schien es ihr, als w\u00e4re das M\u00e4dchen dem Ende des Regenbogens heute n\u00e4hergekommen.<\/p>\n<p>An der Stra\u00dfenecke das offene Parktor, es l\u00e4dt sie ein.<br \/>\nSie riecht das feuchte Laub, den erdigen Duft des Sommerregens. Sie h\u00f6rt das Hupen der Autos, das raschelnde Gras, das Gezwitscher der V\u00f6gel.<br \/>\nAllein ist sie in diesem Teil des Parks. Nur vereinzelte Sonnenstrahlen dringen durch die Zweige. Vor ihr am Ende des Kieswegs steht eine Bank, feucht vom vergangenen Regen und bedeckt von welkendem Laub der Platanen. Sie geht darauf zu.<br \/>\nVor der Bank bleibt sie stehen, innehaltend. Ihre Tasche rutscht ihr von der Schulter. Sabrina stellt sie auf die Bank. Alles was darin ist, geh\u00f6rt zu ihrem Leben vor heute, zu dem Leben, das hinter ihr liegt.<\/p>\n<p>Die Per\u00fccke, die sie getragen hat, weil eine Frau eben nicht mit kahlem Kopf heruml\u00e4uft. Sie h\u00e4tte damit kein Problem gehabt, sie hatte sich ihrer Kahlheit nicht gesch\u00e4mt. Aber es h\u00e4tte gewirkt, als wollte sie auffallen, Mitleid erregen. Und dies w\u00e4re ihr zuwider gewesen. Nie hatte sie Mitleid gewollt.<br \/>\nDie Pillen, die sie nehmen musste. Deren Nebenwirkungen teilweise so heftig waren, dass sie gerne auf die Einnahme verzichtet h\u00e4tte. Ohne die sie die Chemotherapie aber nicht verkraftet h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Das kleine blaue Schiffchen, das sie an ihrem Schl\u00fcssel immer bei sich tr\u00e4gt. Es ist das Bild ihres gr\u00f6\u00dften Traums, des Traums vom Leben und Arbeiten auf einem Schiff. Schon als Kind wollte sie Matrose werden oder Seer\u00e4uber. Doch weil ihre Mutter sie nicht gehen lassen wollte, arbeitet sie stattdessen in einem Reiseb\u00fcro, wo es nach verstaubten Plastikmuscheln riecht, statt nach Seeluft und Meerwasser.<br \/>\nIhr Handy, ohne das sie nicht aus dem Haus durfte, um im Notfall Hilfe rufen zu k\u00f6nnen. Das sie nie wieder brauchen will.<br \/>\nUnd f\u00fcr den Fall, dass nichts helfen w\u00fcrde, das Skalpell, von dem sie gar nicht mehr wei\u00df, woher sie es hat. Vermutlich nicht das angenehmste Mittel, ein Ende zu machen, aber alle anderen Methoden, die ihr eingefallen waren, schienen auch nicht besser.<\/p>\n<p>Ein Blatt f\u00e4llt von der Platane hinter der Bank, es schaukelt im Wind, als k\u00f6nne es sich nicht entschlie\u00dfen, wo es niedergehen soll. Als es auf ihrer Tasche landet, legt sie das Blatt hinein zu den anderen Dingen.<br \/>\nSabrina l\u00f6st das Plastikschiff vom Schl\u00fcsselbund und nimmt es in ihre Faust, l\u00e4sst den Schl\u00fcssel zur\u00fcck in die Tasche gleiten. Sie schlie\u00dft die Handtasche mit einem Ruck und wendet sich um. Ohne zu z\u00f6gern, ohne sich umzudrehen, geht sie fort von der Bank, von der Tasche.<br \/>\nSie l\u00e4uft mit festen Schritten. Zu ihrem Ende des Regenbogens.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Renate M\u00fcller<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.renas-wortwelt.de\" target=\"_blank\">www.renas-wortwelt.de<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 22024<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie schwebt. Ihre F\u00fc\u00dfe ber\u00fchren kaum den Boden, ihr Herz tanzt \u00fcber den Wolken. Die Sonne verscheucht nur f\u00fcr sie die grauen Regenschleier und um sie herum wird alles hell und klar. In den Pf\u00fctzen schillert Benzin, in den Fenstern spiegelt sich der Himmel. 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