{"id":13667,"date":"2022-01-18T17:02:17","date_gmt":"2022-01-18T17:02:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13667"},"modified":"2022-01-22T13:10:38","modified_gmt":"2022-01-22T13:10:38","slug":"nein-danke","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13667","title":{"rendered":"Nein danke"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13667&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13667&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Im B\u00fcro 042 sitzt ein glatzk\u00f6pfiger Mann hinter einem minimalistischen Schreibtisch und schaut mich verdutzt an. Alles hier ist minimalistisch: das Geb\u00e4ude, die Ausstattung des B\u00fcros und sogar die Haare auf seinem Kopf.<br \/>\nEs geht darum, mein Handy abzugeben. Ich will es nicht mehr. Schon seit drei Monaten nicht. Nach zahlreichen Mails, <em>Digital Calls<\/em> in Warteschleifen und sogar analogen Anrufen in der Zentrale habe ich beschlossen, selbst herzufahren. Zur Au\u00dfenstelle f\u00fcr <em>Human Interaction.<\/em><br \/>\nAls ich endlich da bin, muss ich mich via Bluetooth einloggen. \u201eHerzlich willkommen\u201c, begr\u00fc\u00dft mich eine fr\u00f6hliche Frauenstimme und mein Auto f\u00e4hrt hinein.<br \/>\nDen Termin habe ich schon vorab reserviert, ich konnte mir sogar den menschlichen Berater auf der Website aussuchen. Herrn F.s Profil sah nett aus, also buchte ich bei ihm.<\/p>\n<p>Es ist nicht leicht, das Handy loszuwerden. Fr\u00fcher konnten wir es ausschalten, wegwerfen, die SIM-Card vernichten oder den Akku herausschneiden. Das kann man schon seit einigen Jahren nicht mehr. Die jetzigen Handys haben Dauerbetrieb, sind unzerst\u00f6rbar und immer online. Falls man es verliert, es doch irgendwie kaputt gehen sollte oder es gestohlen wird, sendet das Handy ein Notsignal zu nozamA. Binnen zw\u00f6lf Stunden wird ein neues Handy vor die T\u00fcr geliefert.<\/p>\n<p>Wird das Handy l\u00e4nger als acht Stunden nicht ben\u00fctzt, wird man diesbez\u00fcglich kontaktiert. Bei Nichtgebrauch von mehr als 14 Stunden bekommen Verwandte und Freunde eine Notifikation, um festzustellen, ob auch wirklich alles in Ordnung ist. Nach 24 Stunden werden Nachbarn, Gesch\u00e4ftsleute in der N\u00e4he und Arbeitskollegen informiert\u00a0 und nach 48 Stunden wird schlie\u00dflich die Polizei alarmiert.<br \/>\n<em>Security Check In<\/em>, nennt sich das und ist nicht optional.<br \/>\nMein Offline-Rekord betrug 134 Stunden. Dabei erhielt ich via Versand zw\u00f6lf neue Handys, die ich nun zur\u00fcckgeben m\u00f6chte. Freunde, Familie, Kollegen und die Polizei waren ganz sch\u00f6n sauer auf mich. Es tut mir ja auch leid. Ich will wirklich nicht, dass das st\u00e4ndig passiert. Darum bin ich jetzt hier.<\/p>\n<p>Herr F. sieht mich nun also verdutzt an. \u201eAber\u201c, bringt er unter der minimalistischen FFP2-Maske hervor, \u201eAber ohne Handy &#8230; wie wollen Sie dann kommunizieren? Wie wollen Sie Ihr Auto steuern, Eink\u00e4ufe erledigen oder medizinische Versorgung in Anspruch nehmen?\u201c<br \/>\n\u201eIn der Tat schwierig\u201c, stimme ich ihm zu. \u201e Aber ich habe vor, mein Auto abzugeben. Ich m\u00f6chte mich zur\u00fcckziehen. Mein Keller ist voller Lebensmittel, ich habe eine Freundin, die mir bereitwillig Essen vorbeibringen und mich zu Arztterminen fahren wird. Seit Anfang des Jahres hat die Regierung wieder Bargeld als Zahlungsmittel erlaubt und zum Gl\u00fcck gibt es Haftpflicht- sowie Krankenversicherung auch ohne Handy. Das ist zwar teurer, aber ich kann mir das leisten. Zumindest f\u00fcr f\u00fcnfzehn Jahre. Wie es dann weitergeht, kann mir selbst nozamA nicht beantworten.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAh!\u201c Herr F. klingt fast erleichtert. \u201eSie fallen damit in Kategorie 809 der Menschen f\u00fcr\u00a0 Verschw\u00f6rungstheorie. Das kommt aus Ihren Daten nur sehr schwach hervor. Das passiert manchmal.\u201c Wie zum Beweis h\u00e4lt er mir sein Tablet mit meinem Foto und einer Art Mindmap vor die Nase.<br \/>\n<em>Kindheit, Vorlieben, Abneigungen, Jobs, Versicherungen, Kredite, Lebensstil, Partner, Suchverlauf, Tr\u00e4ume <\/em>steht da.<br \/>\n\u201eSehen Sie!\u201c, Herr F. tippt auf <em>Lebensstil <\/em>und scrollt mehrere Seiten an Datens\u00e4tzen durch. \u201eHier. 13 Prozent in der Spalte f\u00fcr <em>809<\/em>&#8211;<em>Verschw\u00f6rung<\/em>, sollte h\u00f6her sein. <em>Human Error.<\/em>\u201c Pl\u00f6tzlich wirkt er traurig. Und ich bin mir nicht sicher, wessen Fehler daf\u00fcr verantwortlich war \u2013 seiner oder meiner.<\/p>\n<p>Herr F. wischt die Daten beiseite und verf\u00e4llt nun in einen unverbindlichen Plauderton. \u201eH\u00e4tten wir uns denken k\u00f6nnen! Normalerweise hat nozamA ein Fr\u00fcherkennungssystem f\u00fcr Kategorie 809 im <em>Lebensstil <\/em>und ihr Verhalten in den letzten zw\u00f6lf Wochen h\u00e4tte uns bessere R\u00fcckschl\u00fcsse erm\u00f6glichen k\u00f6nnen.\u201c<br \/>\n\u201eIch m\u00f6chte nicht \u00fcber die Kategorie 809 definiert werden\u201c, sage ich ruhig.<\/p>\n<p>Herr F. wird ganz ernst. \u201eWir nehmen die Entscheidungsfreiheit unsrer Klientinnen und Klienten als h\u00f6chstes Gut wahr! Wissen Sie, nozamA ist es schlichtweg egal, welchen <em>Lebensstil<\/em> Sie pers\u00f6nlich verfolgen. Diese Entscheidung liegt bei Ihnen!\u201c<br \/>\n\u201eSo lange ich Daten liefere!\u201c<br \/>\n\u201eGenau!\u201c, ruft der kleine Mann kurzerhand begeistert und nickt heftig. \u201eIst das nicht gro\u00dfartig? Jeder Mensch darf sich frei entfalten. nozamA sorgt daf\u00fcr und unterst\u00fctzt Sie, die besten politischen Parteien, Kredite, Versicherungen und Jobs passend zu Ihrem <em>Lebensstil <\/em>zu finden!\u201c<br \/>\n\u201eJa\u201c, stimme ich zu. \u201cUnd das m\u00f6chte ich nicht mehr.\u201c<\/p>\n<p>Nun schweigt Herr F., senkt den Kopf und tippt etwas in sein Tablet. Dann sieht er mich wieder an, dann wieder auf sein Tablet. \u201eSie sind nun 47 Jahre alt und seit knapp 20 Jahren bei uns Klient. Sie haben Anspruch auf das neue Handy X002 sowie eine verg\u00fcnstigte Versicherungspr\u00e4mie und einen Kredit f\u00fcr einen neuen alseT!\u201c<br \/>\n\u201eNein danke\u201c, sage ich.<br \/>\nNochmal tippt Herr F. \u201enozamA bietet Ihnen die unglaubliche M\u00f6glichkeit f\u00fcr eine Kur im psychologischen Reha-Zentrum Bad Feldenleon mit Viersterne-Verpflegung f\u00fcr vier Wochen an. nozamA \u00fcbernimmt selbstverst\u00e4ndlich die Kosten.\u201c<br \/>\nNun wei\u00df ich nicht, ob ich beleidigt oder belustigt sein soll. Denkt nozamA wirklich, ich sei psychisch instabil geworden?<br \/>\n\u201eNein danke\u201c, versuche ich in neutralem Ton zu sagen. \u201eGeht aus meinen Daten eine psychische Vorerkrankung oder genetische Pr\u00e4disposition hervor?\u201c<br \/>\nHerr F. tippt auf <em>Versicherungen<\/em> und dann auf <em>Krankengeschichte<\/em>. Er sch\u00fcttelt den Kopf. \u201eSie haben allerdings eine 28-prozentige Wahrscheinlichkeit, innerhalb der n\u00e4chsten vier Jahre an schwerem Darmkrebs zu erkranken.\u201c<br \/>\n\u201e28\u201c, sage ich. \u201eDas ist nicht viel.\u201c<br \/>\n\u201eAber auch nicht wenig\u201c, meint Herr F. und wir schweigen uns einen Moment lang an.<\/p>\n<p>Dann f\u00e4llt mir ein, dass laut dem Gesetz seit neuestem ein ganz bestimmter Satz zur unwiderruflichen Aufl\u00f6sung des Vertrages mit nozamA f\u00fchrt, wenn er gegen\u00fcber einem Human Contact ge\u00e4u\u00dfert wird. Ich habe ihn auswendig gelernt, weil ich ihn auf dem Handy nicht aufrufen kann.<\/p>\n<p>Ich r\u00e4uspere mich und beginne zu sprechen: \u201eIch, im Vollbesitz meiner geistigen Kr\u00e4fte, w\u00fcnsche eine Vertragsaufl\u00f6sung mit nozamA, die einen Verzicht auf jegliche Dienstleistungen des Anbieters zur Folge hat. Da die L\u00f6schung bereits gesammelter Daten nicht m\u00f6glich ist, lege ich f\u00fcrs Protokoll Einspruch fest und sollte sich in Zukunft die gesetzliche Lage \u00e4ndern, verlange ich r\u00fcckwirkend eine endg\u00fcltige L\u00f6schung aller Daten. Die Aufzeichnung s\u00e4mtlicher zuk\u00fcnftiger Daten untersage ich hiermit auf jeden Fall!\u201c<\/p>\n<p>Herr F.\u00a0 schl\u00e4gt die Stirn in Falten und sein Kopf wird unter der Maske hochrot.<br \/>\n\u201eUnd ich m\u00f6chte es gerne schriftlich auf Papier festgehalten haben!\u201c, f\u00fcge ich rasch hinzu.<br \/>\nnozamA hatte vor Jahren Kampagnen gegen Papier gestartet. Weil die Abholzung des Regenwaldes unserem Klima schadet, ist Papier in Verruf geraten. Auch weil Daten auf Papier f\u00fcr nozamA Mehraufwand bedeuten. Ich m\u00f6chte das Formular trotzdem. Ich werde es einrahmen und mir \u00fcbers Bett h\u00e4ngen.<br \/>\nMein Handy, das ich die ganze Zeit \u00fcber in der Hand gehalten habe, lege ich auf den Tisch.<\/p>\n<p>Herr F. wirkt resigniert. Seufzend dr\u00fcckt er ein paar Sekunden lang auf dem Tablet herum, und der in der Wand installierte Drucker spuckt ein Formular aus. Herr F. muss eine Weile suchen, bis er den Stempel gefunden hat. Mein Handy gibt er in eine transparente Plastikbox und kennzeichnet diese mit dem digitalen Zeichen f\u00fcr Rohstoffverwertung.<\/p>\n<p>Nun reicht er mir das gestempelte Formular. \u201eWissen Sie\u201c, sagt er zum Abschied, \u201emeinen Job gibt es nur, weil es das Gesetz so vorsieht. <em>Human Interaction<\/em> ist ein Bullshit-Job. Mein Vorgesetzter ist ein Algorithmus.\u201c Er z\u00f6gert. \u201eVielleicht besuche ich Sie. Irgendwann.\u201c<br \/>\n\u201eDa w\u00fcrde ich mich freuen\u201c, sage ich und bin schon zur T\u00fcr hinaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Nene Stark<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/a> | Inventarnummer: 22018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im B\u00fcro 042 sitzt ein glatzk\u00f6pfiger Mann hinter einem minimalistischen Schreibtisch und schaut mich verdutzt an. Alles hier ist minimalistisch: das Geb\u00e4ude, die Ausstattung des B\u00fcros und sogar die Haare auf seinem Kopf. Es geht darum, mein Handy abzugeben. Ich will es nicht mehr. Schon seit drei Monaten nicht. 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