{"id":13607,"date":"2022-01-05T13:17:55","date_gmt":"2022-01-05T13:17:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13607"},"modified":"2022-01-16T13:16:40","modified_gmt":"2022-01-16T13:16:40","slug":"moskauer-musikgeschichten-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13607","title":{"rendered":"Moskauer Musikgeschichten 1"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13607&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13607&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><h2>Die Rache der Philharmoniker<\/h2>\n<p>Mein Chef, Botschafter Dr. Franz Cede, pflegte mich als seine Stellvertreterin zu Veranstaltungen zu entsenden, bei denen er verhindert war oder die ihm aus irgendeinem Grund nicht zusagten. Seinem eigentlichen Stellvertreter, dem jungen, unbedarften Botschaftsrat K., traute er das offenbar nicht zu; er nannte ihn nach dem alten Diplomatenwitz einen \u201eGeschickten, nicht Gesandten\u201c.<\/p>\n<p>Dass K. sich nur gebeugt und im R\u00fcckw\u00e4rtsschritt aus dem Botschafterkabinett entfernte, imponierte dem geradlinigen Cede nicht. Dabei unterlie\u00df er jeden Tadel, sondern seufzte nur einmal vor sich hin: \u201eWo hat der K. diese Unsitte gelernt? Hat der schon am Kaiserhof gedient?\u201c Ich bemerkte, wahrscheinlich habe er zu viele Sisi-Filme gesehen.<\/p>\n<p>Der Botschafter bekam nat\u00fcrlich immer die interessantesten Einladungen, wollte doch jeder den obersten Repr\u00e4sentanten der Republik bei sich haben und nicht unbedingt das dritte Glied. Au\u00dferdem war mein Allround-Service f\u00fcr ihn sehr bequem: Ich brauchte keinen Dolmetsch und keinen Chauffeur, ich kaufte das Blumenbouquet selbst ein, ich hielt Reden und \u00fcberreichte Gru\u00dfbotschaften, machte Taxi-Dienste und ging zur Not noch mit einem einsamen Besucher auf einen Absacker ins Kempinski oder National. Meine Tage schienen 48 Stunden zu haben.<\/p>\n<p>Warum mich der Botschafter damals zum Konzert der Wiener Philharmoniker ins Tschaikowski-Konservatorium geordert hat, wei\u00df ich heute nicht mehr. Aber es war mir \u201eeine gro\u00dfe Freude und besondere Ehre\u201c \u2013 mit diesen Worten begannen \u00fcblicherweise die Botschafterreden, die er nach zwei Jahren schon auf Russisch vom Zettel ablesen konnte \u2013, die Philharmoniker begr\u00fc\u00dfen und anh\u00f6ren zu d\u00fcrfen. Beim Dirigenten Valerij Gergijew hatte ich so meine Zweifel, bzw. wohlgen\u00e4hrten Vorurteile. Der Putin-Prot\u00e9g\u00e9 hatte zwar schon Gastauftritte in Wien absolviert, aber noch nie mit den Philharmonikern.<\/p>\n<p>Als ich vom Gartenring in die Alexander-Herzen-Stra\u00dfe \u2013 neuerdings in Bolschaja Dmitrowka umbenannt \u2013 einbog, geriet ich in eine Demonstration: Eine Menschenmasse schob sich auf beiden Seiten die Stra\u00dfe hinunter, auf der Fahrbahn stand der Autoverkehr. Je n\u00e4her ich dem Konservatorium kam, desto klarer wurde mir, dass es sich um keine Demonstration handelte, sondern um Menschenmassen, die alle dem Konzert zustrebten. Ich konnte mich nur mit M\u00fche und mit Hilfe von zwei Milizion\u00e4ren zum Eingang durchk\u00e4mpfen, das Riesenbouquet \u00fcber meinem Kopf balancierend. Die Moskauer h\u00e4tten ihre Gro\u00dfmutter verkauft, um an eine Karte der Wenskije Filgarmonisti zu kommen. Ich beobachtete tumultartige Szenen rund um die T\u00fcren. Unter Polizeischutz gelangte ich zur K\u00fcnstlergarderobe, wo ich die Blumen endlich ablegen konnte, rote Rosen und wei\u00dfe Lilien in einem Nest aus Philodendrenbl\u00e4ttern, staatstragende Farben.<\/p>\n<p>Als Staatsgast hatte ich einen Platz in der sechsten Reihe fu\u00dffrei, reserviert f\u00fcr die Prominenz. Er befand sich direkt unter dem Dirigentenpult. Die Philharmoniker marschierten unter dem frenetischen Applaus des Moskauer Publikums ein, gefolgt von Valerij Gergijew. Ohne einen Ton geh\u00f6rt zu haben, waren die Menschen schon au\u00dfer Rand und Band, klatschten stehend und stampften mit den F\u00fc\u00dfen, dass es klang wie eine heranr\u00fcckende Panzerarmee, unter der der Boden bebte. Die erste H\u00e4lfte war der Strau\u00df-Dynastie gewidmet, die bekanntesten Ohrw\u00fcrmer von der Blauen Donau, \u00fcber Radetzki-Marsch, Kaiser-Walzer bis zu Polka schnell, Prater, Wienerwald, Champagner-Serenade und einigen St\u00fccken, die Johann Strau\u00df Sohn in Zarskoje Selo geschrieben hat.<\/p>\n<p>In Moskau war es damals \u00fcblich, in Ermangelung eines Programmheftes, eine Ansagerin auftreten zu lassen, die in der \u00fcbelsten Pathetik des Staatsfernsehens die Nummern ansagte, meiner Meinung nach eine uns\u00e4glich barbarische Sitte. Als der Vorschuss-Applaus endlich verstummt und Ruhe eingekehrt war, nach unz\u00e4hligen Verbeugungen der 72 M\u00e4nner (es gab damals noch keine Musikerinnen bei den Philharmonikern) alle Platz genommen hatten, erklangen die Walzermelodien.<br \/>\nEine zweite Unsitte hatte in russischen Konzerts\u00e4len und Opern Einzug gehalten: Bei besonders bekannten St\u00fccken mit hohem Erkennungswert auf offener B\u00fchne zu klatschen und durch anhaltenden Applaus eine Wiederholung zu erzwingen. Aber die Wenskije verweigerten dies, da konnte Gergijew noch so sehr fuchteln und strampeln. Sie blieben ruhig sitzen und schauten in Pokerface-Manier unger\u00fchrt vor sich hin.<\/p>\n<p>Ach, Gergijew, wie konnte man ihn nur den Philharmonikern vorsetzen? Wer hatte diese uns\u00e4gliche Idee? Die Manager von Gazprom, die das Konzert gesponsert hatten? Aber von den Wienern wusste man, dass sie nicht nur sehr gut spielten, sondern auch gut rechnen konnten. Gergijew mochte noch so sehr rudern, die Philharmoniker spielten, wie sie immer und \u00fcberall spielen. Sie brauchten auch \u00fcberhaupt keinen Dirigenten, sie bildeten immer den gleichen genialen Klangk\u00f6rper. Sie h\u00e4tten auch im finstersten Verlies genauso gespielt. Gergijew, ein ossetischer H\u00fcne von Gestalt, m\u00fchte sich redlich ab mit ausladenden Gesten und kam so sehr ins Schwitzen, dass die Schwei\u00dftropfen aus seiner langen M\u00e4hne und dem Gesicht bis in die sechste Reihe spritzten.<br \/>\nIch hatte den Eindruck, dass die Musiker sich sogar den Spa\u00df machten, ihm davonzugaloppieren wie eine Reitertruppe des Tschingis Khan oder in Ton und Tempo zur\u00fcckzufallen zum zartesten Pianissimo, unabh\u00e4ngig davon, welche Anstrengungen und Verrenkungen er unternahm.<\/p>\n<p>Aber, um Gottes willen, welcher Teufel hatte Gergijew geritten, sich nicht an die Kleidungstradition der Philharmoniker anzupassen, sondern in einem violetten Langhemd aufzutreten, in dem silbrige Lurex-F\u00e4den glitzerten? Schon bald war es schwei\u00dfdurchtr\u00e4nkt und zeigte dunkle Flecken auf dem R\u00fccken und unter den Achseln. Er streckte sich oft so sehr in die H\u00f6he, dass es hochrutschte, oder er ging so heftig in die Knie, dass die Mittelnaht der Hose zu platzen drohte. Sein Dirigat beschr\u00e4nkte sich nicht nur auf die Arme, sondern er setzte auch seine F\u00fc\u00dfe ein, stampfte auf, schlenkerte sie so heftig vor und zur\u00fcck, dass ich f\u00fcrchtete, seine Hose w\u00fcrde gleich herunterrutschen, und er w\u00fcrde sich wie ein Riesen- Rumpelstilzchen in der Mitte auseinanderrei\u00dfen und im Podium versinken.<\/p>\n<p>Auch ich als unbeteiligte Zuh\u00f6rerin war von dieser atemberaubenden Akrobatik schon schwei\u00dfgebadet. Vielleicht nahm das alles nur mein b\u00f6ser Blick wahr, das Publikum jedenfalls war au\u00dfer Rand und Band. Von den Gesichtern der Musiker konnte ich keine Gef\u00fchle ablesen, sie schauten stoisch vor sich hin, eine Phalanx aus gepflegter Langeweile \u2013 fadesse oblige. Nur ab und zu meinte ich, Anzeichen von unterirdischen Blitzen wahrzunehmen, ein lautloses Zucken wie in einer von weitem heranrollenden Gewitterfront. Welche Nervenst\u00e4rke! Vielleicht standen sie das einzig beim Gedanken ans Konto durch, so wie eine fromme Ehefrau beim Beischlaf an die Jungfrau Maria.<\/p>\n<p>Vielleicht ging ihnen gar nicht mal dieser Clown am Dirigentenpult am meisten auf die Nerven, sondern das noch kulturferne Gazprom-Publikum der Neureichen, das dem Gebrauch der gerade aufkommenden Handy-Kultur fr\u00f6nte. Geklingel, Gepiepse, Gespr\u00e4che, kleine Blitze und blau leuchtende Bildchen zwischen den Reihen. Wer zahlt, schafft an. Ich habe vor Jahren einmal im Musikverein erlebt, wie sich das Orchester beim ersten Huster wie ein Mann erhob und abzog. Leicht benommen \u00fcberstand ich die erste H\u00e4lfte und konnte in der Pause mit weichen Knien den Blumenstrau\u00df an den Kapellmeister loswerden, zusammen mit den Gr\u00fc\u00dfen des Botschafters, im Namen der Republik. Maestro Gergijew bekam von Gazprom ein noch dreimal gr\u00f6\u00dferes Bouquet, \u00fcberreicht von einer wundersch\u00f6nen jungen Frau, hart an der Grenze zur Edelnutte, wie man sie neuerdings in den Moskauer Hotel-Lobbys herumsitzen sieht.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte S\u00fcnde haben aber meiner Meinung nach die Programmgestalter begangen \u2013 nach den Strau\u00df-Melodien ein Tschaikowski-Potpourri anzusetzen. Und wieder erlaubten sich die Philharmoniker einen musikalischen Scherz: Wenn sie zeitweise den Strau\u00df wie Tschaikowski gespielt hatten, schlugen sie bei Tschaikowski Strau\u00df-T\u00f6ne an. Gegen den Strich. So schaut die Rache der Philharmoniker aus, eleganter, lustiger und genialer geht es nicht. Auch nicht b\u00f6sartiger und schr\u00e4ger, Strau\u00df wie Tschaikowski und Tschaikowski wie Strau\u00df klingen zu lassen!<\/p>\n<p>Wieder einmal nur mein lange gepflegtes Vorurteil, dass ein einziger Strau\u00df-Walzer mehr musikalische Einf\u00e4lle enth\u00e4lt als eine ganze Tschaikowski-Symphonie? Er hat eine nette, eing\u00e4ngige Idee, die er dann vier S\u00e4tze hindurch variiert und auswalzt. Ich sehe immer den jungen Tschaikowski mit gl\u00fchenden Ohren im Musikpavillon von Zarskoje Selo stehen, seine ersten Werke in den H\u00e4nden drehend und auf einen Moment wartend, sie dem Maestro aus Wien \u00fcbergeben zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Die Russen liebten und verehrten nat\u00fcrlich ihren Tschaikowski grenzenlos, sahen aber auch in Strau\u00df einen Fast-Russen mit seinen 13 Saisonen in St. Petersburg und seiner angebeteten Fast-Verlobten Olga Smirnitzkaja. Da macht es nichts aus, dass deren Offiziers-Vater im weltber\u00fchmten Konzertmeister und Kompositeur Strau\u00df einen dahergelaufenen ausl\u00e4ndischen und ungl\u00e4ubigen Zigeuner sah und als Ehemann ablehnte. Einmal fiel das Gastspiel fast aus, weil die russischen Z\u00f6llner die Strau\u00df-Truppe als zwielichtiges Gesindel, vermeintliche Landstreicher festhielten und nicht in dieses kultivierte Land lassen wollten. Nur durch die Intervention aus dem Sommerpalast trafen sie doch noch rechtzeitig zur 10. Saison in Zarskoje Selo ein.<\/p>\n<p>Was sollte ich machen gegen meine in Wien trainierten Ohren, angefangen von der Familienmusik \u00fcber die ungez\u00e4hlten Konzerte der Jeunesse musicale bis zu den Abonnementkonzerten das ganze Leben hindurch, ganz zu schweigen von allen Neujahrskonzerten seither. Man kann das Geh\u00f6r, das genealogisch tiefste und \u00e4lteste Organ, nun mal nicht ummodeln, das ist eine physiologische Tatsache, Vorurteile hin oder her. Das ist wie eine DNA.<\/p>\n<p>Erinnert und aufgeschrieben nach dem Neujahrskonzert 22 mit den Wiener Philharmonikern unter Daniel Barenboim und am 2.1. unter der 9. Beethoven auf \u00d61.<\/p>\n<p>1.\/2.1.2022<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=910\">unerH\u00d6RT!<\/a> | Inventarnummer: 22014<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Rache der Philharmoniker Mein Chef, Botschafter Dr. Franz Cede, pflegte mich als seine Stellvertreterin zu Veranstaltungen zu entsenden, bei denen er verhindert war oder die ihm aus irgendeinem Grund nicht zusagten. 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