{"id":13598,"date":"2022-01-05T13:01:29","date_gmt":"2022-01-05T13:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13598"},"modified":"2022-02-12T08:17:32","modified_gmt":"2022-02-12T08:17:32","slug":"kuechengeschichte-nr-5","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13598","title":{"rendered":"K\u00fcchenkulturen von New York bis Moskau 5"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13598&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13598&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><h2>Kaviar im K\u00f6nigsschloss<\/h2>\n<p>Lange schon bedr\u00e4ngte ich meine Freundin Zhenja, sich neue Brillen machen zu lassen. Nicht direkt, ich machte versteckte Bemerkungen und Anspielungen, legte es ihr nahe, umschmeichelte, lockte sie auf alle erdenklichen diplomatischen Weisen. Bei uns w\u00fcrde man sagen, sie trug ein Krankenkassenmodell, wahrscheinlich das h\u00e4sslichste Krankenkassenmodell auf der ganzen Welt. Man sieht solche Gestelle nur noch auf alten Schwarz-Wei\u00dfs-Fotos von Kriegsgefangenen oder aus Entwicklungsl\u00e4ndern. Mahatma Gandhi im Hungerstreik, f\u00e4llt mir dazu ein. Ein dickes Folterwerkzeug vor den Augen, das das ganze Gesicht zur Unkenntlichkeit entstellte. Ich ging Umwege, indem ich ihr das grazile Silber-Etui schenkte, das sie bei mir bewundert hatte. Ihre alte Brille passte allerdings nicht in das schmale, elegante Etui mit Goldrand und rotem Innensamt. Eine gelungene Jugendstil-Kopie aus dem Dorotheum. Macht nichts, sie verwendet es f\u00fcr ihre zarte Sonnenbrille, die sie allerdings kaum trug. So lag das Etui als Schaust\u00fcck auf ihrem Schreibtisch.<\/p>\n<p>Ich wollte ihr das neue Brillengestell schenken, sie m\u00fcsste daf\u00fcr nur zu einem Optiker gehen und eines aussuchen. Vielleicht beim n\u00e4chsten Besuch in Wien, zusammen mit mir bei meinem bew\u00e4hrten Meister auf der Wieden. Mit der besten Beratung und allen Prozenten. So lockte ich und umwarb sie. Aber Zhenja blieb taub auf diesem Ohr \u2013 bzw. blind auf dem Auge.<\/p>\n<p>Warum wollte sie ihr Veteranen-Brillengestell nicht gegen ein neues austauschen? Es passt so gut, liegt genau richtig auf meiner Nase und dr\u00fcckt nicht hinter den Ohren. Perfekt. Es ist aus Deutschland, Ost-Berlin und von Zeiss, Baujahr 47. So etwas finde sie nie wieder, war sie \u00fcberzeugt und widerstand all meinen Versuchungen. Mir war es peinlich, sie anzusehen, wenn sie diese Brille trug. Nicht zu Hause bei sich oder bei mir, aber in der \u00d6ffentlichkeit, fremdsch\u00e4men nennt man das.<br \/>\nZhenja war klein, zierlich, bewegte sich mit ihren achtzig Jahren fast jungm\u00e4dchenhaft, immer elegant gekleidet und perfekt frisiert. Sie war eine durch und durch erfreuliche Erscheinung, machte immer und \u00fcberall eine bella figura \u2013 bis auf die Brille, die war einfach nur gr\u00e4sslich, ein Stilbruch. Das Gestell war riesengro\u00df und fast rund, von unbestimmter Farbe, ein Grau-Gelb wie von einer br\u00fcchigen, vergilbten Seide oder einem Totenantlitz. Die Brille ragte weit \u00fcber Zhenjas schmales Gesicht hinaus, war leicht schief und mit so dicken Gl\u00e4sern versehen, dass sie aus dem Rahmen herauszuquellen schienen.<\/p>\n<p>Wenn sie den Kopf neigte, beim Lesen etwa, rutschte sie auf die Nasenspitze, verl\u00e4ngerte sie unbarmherzig und bildete einen h\u00e4sslichen H\u00f6cker aus, dass sie den Illustrationen von Baba Jaga oder der Hexe im Knusperh\u00e4uschen glich. Bei k\u00fcnstlichem Licht warfen die Gl\u00e4ser Spiegelflecken auf die Wangen, sodass sie hohl wirkten wie bei einem Totenkopf. Uhu war noch das Schmeichelhafteste, was einem dazu einfiel. In einem bestimmten Winkel zauberte die schiefe Ecke sogar eine Riesenwarze in den linken Nasenbogen. Ich war sicher nicht die einzige Person, die sie auf dieses Brillengesicht angesprochen hat. Also trage ich nicht allein die Schuld, an dem Verh\u00e4ngnis, das sich da anbahnte.<\/p>\n<p>Aber es passte zu Zhenja, dass sie sich nicht darum k\u00fcmmerte, welchen Eindruck sie auf die Umgebung machte. Sie war ein durch und durch unabh\u00e4ngiger Mensch, echt, aufrichtig und uneitel bis zur Schmerzgrenze. Ich glaube, auch bei den Mitmenschen ein Verwundern \u00fcber die Diskrepanz zwischen der Brille und ihrer \u00fcbrigen Erscheinung bemerkt zu haben. Aber Zhenja war ein so ungew\u00f6hnlicher Mensch, mit einer so unglaublichen Biographie und einem solch gewaltigen Lebenswerk, dass es niemanden gab, der sie nicht liebte und bewunderte. Alle genossen ihr Talent zum Scherzen, am meisten \u00fcber sich selbst. Aber bei den Toasts zu ihrem Geburtstag kam immer wieder die Conclusio: Vor allem und \u00fcber allem: Sie ist a M\u00e4nsch.<\/p>\n<p>Als G\u00fcnter Grass 2000 den Literaturnobelpreis bekommt, l\u00e4dt er Zhenja nach Stockholm ein. Zur Preisverleihung kann Grass nur seine Frau Ute mitnehmen, weil es dort nur begrenzt Platz gibt. Aber am Dinner im k\u00f6niglichen Schloss darf neben Zhenja auch ihre Tochter Natascha teilnehmen. Das hat Grass h\u00f6chstpers\u00f6nlich dem Palastprotokoll abgerungen. Grass wusste, was er an ihr gehabt hatte in den letzten drei Jahrzehnten. Wenn Zhenja etwas gegen die Zensur durchboxte, hie\u00df das Millionen-Auflagen in der Sowjetunion und im ganzen Ostblock. Aber vor allem wirkte das in die DDR zur\u00fcck und von dort wiederum in den Westen.<\/p>\n<p>Der Preistr\u00e4ger hat wie selbstverst\u00e4ndlich seine langj\u00e4hrige Russisch-\u00dcbersetzerin und K\u00e4mpferin f\u00fcr seine Werke in der Sowjetunion mitsamt Natascha eingeladen, die Tickets, das Hotel und den viert\u00e4gigen Aufenthalt in Stockholm bezahlt. \u00dcber die Jahrzehnte waren sie und der Weltautor gute Freunde geworden. Mit dem ihr eigenen Humor freute sie sich diebisch \u00fcber den dem DDR-Regime abgerungenen Freibrief f\u00fcr Grass, mit dem sie die sowjetische Zensur ausgetrickst hatte. Bei einer privaten Geburtstagsfeier \u00fcbersetzte ich einmal f\u00fcr Grass und seinen Verleger Steidl die etwas pathetischen Worte: \u201eZhenja hat uns in ihre russische Familie aufgenommen!\u201c, ohne die blasseste Ahnung zu haben, was russkaja semja bedeutete. Er hat sie nach Westberlin eingeladen, den Besuch bei B\u00f6ll in K\u00f6ln eingef\u00e4delt und den bei Frisch in der Schweiz. Sp\u00e4ter war sie Gast auf Grass\u2019 Landsitz in der Uckermark, hatte sich mit Grassens Uttilein befreundet, mit deren Freunden Christa Wolf und ihrem Mann Gerhard und vielen anderen deutschen Literaturgr\u00f6\u00dfen. In ihrer mit B\u00fcchern vollgestopften 27 Quadratmeter gro\u00dfen Einzimmer-Wohnung hingen an den einzigen b\u00fccherfreien Flecken zwei gro\u00dfe Zeichnungen von Grassens Hand \u2013 ein Portr\u00e4t von sich selbst an seinem Schreibtisch mit Pfeife im Mund und ein Stillleben seiner Pfeifensammlung.<\/p>\n<p>Zhenja machte mir die Ehre, mich in manchen Angelegenheiten ihrer Tochter vorzuziehen, etwa als arbitrix in gustibus. Sie hatte volles Vertrauen in meinen Geschmack, das Richtige auszuw\u00e4hlen, was sie zum k\u00f6niglichen Dinner anziehen sollte. Es wurde ein mitternachtsblaues, bodenlanges Kleid aus Samt, das ihre Schmalheit ein wenig \u00fcppiger machte, schlicht, nur eine Silberbrosche am Ausschnitt mit einer silbernen Stola. Sie war einverstanden. Sie w\u00fcrde K\u00f6nigin Silvia in den Schatten stellen, war ich \u00fcberzeugt. Zuletzt schwatzte ich ihr noch eine kleine Clutch auf, gerade gro\u00df genug f\u00fcr ein Taschentuch und eine Brille. Ich war bei all meinen Reisen noch nie an einem lebendigen k\u00f6niglichen Hof gewesen, bin noch nie an einer k\u00f6niglichen Tafel gesessen, aber Zhenja hielt mich auch ohne diese Erfahrung f\u00fcr ausreichend weltgewandt.<\/p>\n<p>Ich brachte die beiden Damen nach Sheremetjewo II hinaus, und wir verabredeten uns zum Abholen. In f\u00fcnf Tagen also, Flug SAS 209 aus Stockholm. Gut sahen sie aus, die elegante, alte Dame mit ihrer h\u00fcbschen Tochter, ihr ganzer Stolz, ihr Augenstern und Herzblatt, ihr Sonnenschein und das Einzige, wof\u00fcr Zhenja wirklich lebte. Sie hatte sie erst sp\u00e4t bekommen, als keine Hoffnung mehr bestand \u2013 ein Wunder.<\/p>\n<p>Es kam der Ankunftstag, die Maschine aus Stockholm landete, und ich wartete auf die Damen. Aber sie kamen nicht. Ich ging zum Informationsschalter, aber in Russland war es nicht \u00fcblich, Auskunft \u00fcber die Passagierlisten zu geben, au\u00dfer es war mit dem Flugzeug ein Ungl\u00fcck geschehen. Und das war offensichtlich nicht der Fall. Die Maschine des Fluges SAS 209 stand fest auf dem Moskauer Rollfeld. Schwer verunsichert und mit einem flauen Gef\u00fchl fuhr ich zur\u00fcck in die Stadt. Es vergingen noch f\u00fcnf Tage, ohne dass ich eine Nachricht von Zhenja oder Natascha bekommen h\u00e4tte. Endlich kam der erl\u00f6sende Anruf, wir sind in Moskau und alles ist in Ordnung. Was ist passiert? Alles okay, jetzt wieder. Da ich gerade in der Arbeit war, konnten wir nur kurz sprechen. Wir verabredeten uns f\u00fcr den Abend bei ihr in der Wohnung. Mit klopfendem Herzen, lauter als alle Kremlglocken zusammen, fuhr ich hinaus ins Dichterviertel.<\/p>\n<p>Zhenja schien in diesen zehn Tagen geschrumpft zu sein, ihr Gesicht war blass, fast durchsichtig und eingefallen. Aber sie lachte schon wieder \u00fcber die Ereignisse, die hinter ihr lagen. Sie sah in der Tragik zugleich auch die Komik. Alles war gut gegangen, alles sehr feierlich. Die aus Deutschland stammende K\u00f6nigin hatte ihr, der kommunistischen Weltkriegsteilnehmerin und Befreierin von Berlin, der sowjetischen Kulturoffizierin in Ost-Berlin, die Hand gesch\u00fcttelt und ein paar freundliche Worte gesprochen \u00fcber ihre \u00dcbersetzert\u00e4tigkeit in der deutschsprachigen Literatur, sehr gn\u00e4dig. Auch Rilke und B\u00f6ll, Kafka, Frisch, D\u00fcrrenmatt und eben Grass. Die kannte sie aus ihrer M\u00fcnchner Studienzeit. Sie waren fast Kolleginnen, hatte Silvia Sommerlath doch als Dolmetsch f\u00fcr Englisch, Franz\u00f6sisch, Italienisch, Spanisch und Schwedisch gearbeitet, dazu noch die schwedische Geb\u00e4rdensprache erlernt. Die K\u00f6nigin war offensichtlich gut gebrieft worden \u00fcber die G\u00e4ste des Abends. Auch Zhenja hatte sich vorbereitet und schenkte der K\u00f6nigin ein Foto von sich in Berlin 1945 in der Uniform der Baltischen Flotte. Sie sah aus wie eine dunkelhaarige Marlene Dietrich.<\/p>\n<p>Das Ungl\u00fcck war, dass Zhenja und Natascha nicht nebeneinander an der Tafel platziert worden waren, sondern nach den Gesetzen der Diplomatie, also der Kommunikationsf\u00e4higkeit. Zhenja kam neben dem schwedischen Dichterf\u00fcrsten Tomas V. zu sitzen, auch ein Nobelpreistr\u00e4ger, dessen Deutsch blendend war. Sie kannte seine Gedichte in russischer \u00dcbersetzung und sch\u00e4tzte sie. Er war \u00fcbergl\u00fccklich \u00fcber seine Nachbarin, mit der er sich \u00fcber Marina Zwetajewa, seine Lieblingsdichterin, austauschen wollte. Was halten Sie von der Beziehung von Marina Zwetajewa zu Rilke, von \u201eMeinem weiblichen Bruder\u201c, wie sie ihn in einer hymnischen Schrift nannte. War da mehr? Und nat\u00fcrlich Marina Zwetajewa mit Anna Achmatowa vergleichen. Rilke und Lou Andreas-Salom\u00e9? Rilke und Russland? Ernst, oder nur Schw\u00e4rmerei und Wortgeklingel wie so vieles bei Rilke?<\/p>\n<p>Natascha sa\u00df weit weg, verdammt zwischen die Vertreter der russischen Botschaft, sie verdrehte die Augen ins Wei\u00dfe und machte ein Gesicht wie ein sterbendes Pferd. Als Vorspeise wurden verschiedene Fr\u00fcchte des Meeres, Sch\u00e4tze der Ostsee, gereicht, reich garniert nach schwedischer Art. Ein Heer von Livrierten schritt an den langen Tischreihen entlang, bot gro\u00dfe Platten an und legte auf. Es musste schnell gehen und reibungslos wie ein Uhrwerk, waren doch 1200 G\u00e4ste in einem eng begrenzten Zeitraum abzuf\u00fcttern. Zwischen den H\u00e4ppchen mit Dorsch, Lachs und Kabeljau, Thunfisch, Krebsen und Krevetten lagen Salatbl\u00e4tter, fein ziselierte Petersilrosetten, gedrechselte Zwiebelringe, zu Spiralen geschnitzte Kohlrabis, gesplittete Zucchini- und Gurkenscheibchen, aufgedr\u00f6selte Broccolik\u00f6pfchen, gekringelte Passionsfr\u00fcchte, aufgezwirbelte Zitronenh\u00e4lften und zu kleinen Kugeln gedrehte Karotten, das frischeste Orange, das sie je gesehen hatte. Sie meinte, alles war genau zu erkennen und blickte durch den Saal hin\u00fcber zu Natascha. Diese nickte aufmunternd, und so langte sie zu.<\/p>\n<p>Bei Zweifeln h\u00e4tte sie normalerweise die Brille genommen oder Natascha gefragt. Aber an der k\u00f6niglichen Tafel wagte sie nicht, ihre Brille aus dem T\u00e4schchen zu nesteln und aufzusetzen oder den ber\u00fchmten Tomas V. zu fragen, ob das Orange auch sicher Karotten seien. Was denn sonst, doch keine Orangenschalen. Als sie den ersten Bissen nahm und die vermeintlichen Karotten ihre Kehle passierten, war es schon zu sp\u00e4t. Sie bekam einen Erstickungsanfall und fiel dem schwedischen Dichter in den Frackscho\u00df wie eine welke Blume. Sie verlor so schnell das Bewusstsein, dass sie den kurzen Aufruhr, der danach entstand, nicht mehr miterlebte. Histaminischer Schock mit Ateml\u00e4hmung. Zhenja wachte erst drei Tage sp\u00e4ter in einem Krankenbett des Karolinska auf, nachdem man sie k\u00fcnstlich beatmet hatte. Natascha war Tag und Nacht um sie, Grass hatte ein Bett f\u00fcr sie ins Zimmer stellen lassen und den Krankenhausaufenthalt bezahlt. Von den t\u00e4glichen Besuchen der Grassen hatte sie nichts mitbekommen. Der Tisch und das Fensterbrett waren voll mit Blumenstr\u00e4u\u00dfen und Bonbonnieren. Tomas V. hatte einen Strau\u00df wei\u00dfer Rosen geschickt mit herzlichen Genesungsw\u00fcnschen in Form eines deutschen Sonetts, las sie sp\u00e4ter im Briefchen. Sie war drei Tage mehr tot als lebendig gewesen, erz\u00e4hlte ihr Natascha. W\u00e4ren sie beisammen gesessen, h\u00e4tte die Tochter das Ungl\u00fcck verhindern k\u00f6nnen, denn sie w\u00fcrde erkannt haben, dass das Orange nicht von frischen Karotten stammte, sondern von Kaviar, auf den Zhenja allergisch war. So schwer, dass es lebensbedrohlich war, wenn sie nur mit ihm in Ber\u00fchrung kam. So ungew\u00f6hnlich und unglaubw\u00fcrdig f\u00fcr eine Russin wie f\u00fcr einen Franzosen eine Weinallergie.<\/p>\n<p>Zhenja kicherte still in sich hinein, wie sie dem schwedischen Langweiler mit seinem Russenschwarm entgangen war. Sie war v\u00f6llig gelassen und schuldfrei gegen\u00fcber dem Tumult, den sie an der k\u00f6niglichen Tafel ausl\u00f6ste, hatte sie doch keine Erinnerung daran, nur Natascha bedauerte sie zutiefst, dass sie ihr so gro\u00dfe Sorgen bereitet hatte. Sie entschuldigte sich tausendmal bei ihr f\u00fcr den Kummer, aber nie direkt, sondern stellvertretend bei mir. Ich diente ihr als punching ball, ihr mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa, das sie gegen\u00fcber Natascha nie aussprach. Sie verstanden einander ohne Worte, eine dichtere Symbiose zwischen Mutter und Tochter habe ich nie davor oder danach erlebt. Sicher eine Krankheit, auf beiden Seiten.<br \/>\nIhr erster Mann war in den ersten Kriegstagen in Wei\u00dfrussland gefallen, ihr zweiter nach der Geburt von Natascha, an einer \u00dcberdosis Alkohol. Vor lauter Freunde, sagte sie, andere sagten, er war immer schon Alkoholiker, ein ganz normaler Russe eben.<\/p>\n<p>Wie oft hatten wir dieses Spiel gespielt: Mit wem w\u00fcrdest du am liebsten essen gehen? Sie immer mit Kafka, ich immer mit Dostojewski. Aber entschuldige, Zhenja, du wei\u00dft besser als ich, welch schwieriger Esser Kafka war. Nat\u00fcrlich wusste sie das besser als alle anderen, hatte sie doch die erste \u00dcbersetzung vom \u201eBrief an den Vater\u201c erstellt, das ber\u00fchmte schwarze B\u00e4ndchen von 1963, einem kurzen Moment in Chruschschtows Tauwetter, und sp\u00e4ter nach der Perestroika alle seine Tageb\u00fccher. Bei Austriazismen war sie manchmal unsicher und zog mich zu Rate. Sie liebte Kafka und nannte ihn ihren Herzensbruder, den kleinen, klugen Bruder, den sie sich immer gew\u00fcnscht hatte.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re kein fr\u00f6hlicher Schmaus geworden, was er a\u00df und so wie er a\u00df, wandte ich ein. \u00dcbrigens, Dostojewski war auch kein angenehmer Tischpartner, das getreueste Abbild von sich selbst hat er in den \u201eAufzeichnungen aus dem Kellerloch\u201c abgegeben, an denen ich mich mein ganzes Studium hindurch abarbeitete. Er war ein R\u00fcpel und hat die Tischmanieren seiner sibirischen Katorga nie abgelegt. Du wei\u00dft doch, wie Turgenjew ihm in Baden-Baden aus dem Weg ging, weil er sich so sehr f\u00fcr seinen ungehobelten Landsmann genierte.<\/p>\n<p>Aber genau das macht den Franz zu meinem Herzensbruder, mein Bruderleben, wir haben so vieles gemeinsam. Er war nicht kompliziert, wenn man ihn nur sich selbst sein lie\u00df. Wir h\u00e4tten jiddisch miteinander geredet und gemeinsam \u00fcber L\u00f6wys Theatertruppe gelacht. Er lachte ja so gerne, am liebsten \u00fcber seine grausamsten Texte, wenn er sie vortrug. Max Brod schildert die Szene, wie er sich beim Vorlesen der \u201eStrafkolonie\u201c vor lauter Lachen verschluckte und au\u00dfer Atem geriet.<\/p>\n<p>Dann ging es weiter mit den Tr\u00e4umereien. Glaubst du, du h\u00e4ttest ihn retten k\u00f6nnen? Ja, war sie \u00fcberzeugt, vielleicht nicht physisch, vor der Tuberkulose, aber seelisch, ich h\u00e4tte ihn von seinem Leiden an der J\u00fcdischkeit befreit. So wie Dora, aber da war es schon zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Aber Zhenja war Zhenja geblieben, auch nach dem traumatischen Stockholm. Sie konnte bei aller Gebrechlichkeit schon wieder scherzen: Da haben wir\u2019s, voil\u00e0, der Beweis, mein K\u00f6rper ist doch mehr j\u00fcdisch als russisch. Zhenja war in einem ukrainischen Stedtl geboren und aufgewachsen, mit Jiddisch als Muttersprache, mit strengen Br\u00e4uchen, die sie allerdings schon lange nicht mehr einhielt, bis auf die Lebensmitteltrennung. Schade um das sch\u00f6ne Dinner, schade um die sechs weiteren G\u00e4nge. Auch das ein Scherz, denn sie h\u00e4tte es auch bei voller Gesundheit h\u00f6chstens bis zum zweiten gebracht. Seit sie die 900 Tage und N\u00e4chte der Belagerung Leningrads und den gro\u00dfen Hunger \u00fcberlebt hatte, konnte sie nur gerade so viel essen, dass sie nicht verhungerte. Sie kannte seit damals keinen Appetit und keinen Hunger mehr. So war der Gro\u00dfe Vaterl\u00e4ndische Krieg f\u00fcr sie nie zu Ende gegangen.<\/p>\n<p>Wie weit meine Brillenwarnungen sie beim Dinner im Schloss beeinflusst haben, ich wei\u00df es bis heute nicht. Sie hat es mir nie erz\u00e4hlt, und ich habe trotz unserer Freundschaft nicht zu fragen gewagt.<\/p>\n<p>28.12.21<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3102\">Lesebissen<\/a> | Inventarnummer: 22012<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaviar im K\u00f6nigsschloss Lange schon bedr\u00e4ngte ich meine Freundin Zhenja, sich neue Brillen machen zu lassen. 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