{"id":13525,"date":"2021-12-20T11:37:17","date_gmt":"2021-12-20T11:37:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13525"},"modified":"2022-01-05T13:21:25","modified_gmt":"2022-01-05T13:21:25","slug":"kuechenkulturen-von-new-york-bis-moskau-4","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13525","title":{"rendered":"K\u00fcchenkulturen von New York bis Moskau 4"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13525&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13525&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><h2>Brautkauf in Tiflis bei Chatschapuri und Zinandali<\/h2>\n<p>Winter und Fr\u00fchjahr 1991 waren in der verbleichenden Sowjetunion eine sehr unruhige Zeit.<br \/>\nF\u00fcr Journalisten gab es nat\u00fcrlich nichts Aufregenderes, als einer Supermacht beim Sterben zuzusehen. Unabh\u00e4ngigkeitsbewegungen und nationale Streiks flammten im ganzen Land auf, keine der 15 Sowjetrepubliken blieb verschont. Es war klar, das Haus brannte lichterloh, es gab nichts mehr zu l\u00f6schen.<\/p>\n<p>Ich raste mit meinem Team durch das Riesenland und machte Momentaufnahmen von einer Zeitenwende. In der Ukraine g\u00e4rte es schon seit den sp\u00e4ten 80er-Jahren, zuerst die heftigen Bergarbeiterstreiks, wo soziale Fragen im Vordergrund standen und sp\u00e4ter in nationale Bewegungen \u00fcbergingen. Am Beginn des Jahres meldeten sich die baltischen Staaten mit Unabh\u00e4ngigkeitsforderungen, dann kam Belarus und schlie\u00dflich im April war der Kaukasus an der Reihe. Besonders heftig war der Kampf um die Macht in Georgien. Also flogen Vladimir, mein Kameramann, und Pavel, der Assistent, nach Tbilisi, wo gerade der letzte Pr\u00e4sident Swiad Gamsachurdia in b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Tumulten gest\u00fcrzt worden war und sich die Provinz Abchasien f\u00fcr selbst\u00e4ndig erkl\u00e4rt hatte.<\/p>\n<p>Im Informationsministerium, wo wir uns akkreditieren mussten, teilte man uns einen Dolmetsch f\u00fcr Georgisch zu, obwohl wir nat\u00fcrlich alle Russisch sprachen, also ein Aufpasser und Berichterstatter f\u00fcr das MI. Das war Gigi, ein junger \u00dcbersetzer f\u00fcr Englisch. Es war ein au\u00dfergew\u00f6hnlich sch\u00f6ner Mann, hochgewachsen und imposant wie ein mittelalterlicher Held. Er war lustig und gespr\u00e4chig, voll von den herrlichsten Geschichten. Schnell stellte sich heraus, dass er den Job in diesem KGB-Ministerium nur angenommen hatte, um ins westliche Ausland zu kommen. Von unserem ersten, verordneten Einsatz an in Gori, Stalins Geburtsdorf, verstanden wir uns pr\u00e4chtig mit Gigi. Er war durch und durch westlich gepr\u00e4gt, keine Funke von KGB-Mentalit\u00e4t.<br \/>\nWas mich besonders interessierte, war, dass sein Vater ein Cousin des gest\u00fcrzten Pr\u00e4sidenten war. Meinem Wink, diesen Abk\u00f6mmling eines der \u00e4ltesten Adelsgeschlechter kennenzulernen, kam Gigi gern nach und verschaffte uns eine Einladung ins Patriarchenhaus. Eine Stadtburg hoch \u00fcber dem wilden Fluss Kura, am Rande einer Schlucht gelegen, \u00f6ffnete sich f\u00fcr mich, und ich f\u00fchlte mich wie im siebenten Himmel. Ja, ich hatte einen Traumjob, hochaktuell im Zeitgeschehen mit Einblicken in die tiefste Geschichte.<\/p>\n<p>Ein Raum, gro\u00df wie ein Rittersaal, hatte in der Mitte eine voll gedeckte Tafel, an der das ganze Geschlecht der Gamsachurdia Platz gehabt h\u00e4tte. Auf einem thron\u00e4hnlichen Stuhl sa\u00df ein alter, b\u00e4rtiger Mann von imposanter Gr\u00f6\u00dfe, Gigis Vater. Die Mutter und andere weibliche Personen hielten sich zum Servieren im Hintergrund. Ich wollte das Gespr\u00e4ch sofort auf die politische Lage bringen, hatte aber nicht mit dem georgischen Brauch der Trinkspr\u00fcche gerechnet. Nach den Runden an die G\u00e4ste mussten diese ihrerseits mit den Toasts antworten, ein langes, streng festgelegtes Ritual, das in keiner georgischen Runde fehlen durfte, sei es eine K\u00f6nigstafel, ein Familientisch oder ein Holzbrett bei Weinbauern. Frauen sprachen keine tosti, durften nur nicken und zuprosten, daher kam ich nie zu Wort. Es dauerte gef\u00fchlte zwei Stunden, und dann brachten die Frauen die Teller und Flaschen, das Gelage konnte beginnen.<\/p>\n<p>Ich bat mir aus, die starken Getr\u00e4nke auszulassen und gegen einen Traubensaft einzutauschen. Der Hausherr genehmigte es gn\u00e4dig, befahl daf\u00fcr noch mehr Obsts\u00e4fte zu bringen, von Granat\u00e4pfeln und Zwetschken, dazu alle Arten von Mineralw\u00e4ssern, an denen Georgien reich ist. Zu allen Arten von Getr\u00e4nken erkl\u00e4rte der Patriarch, welches Stalins Lieblingsgetr\u00e4nk gewesen sei: Zinandali, der Wei\u00dfwein aus Kachetien, Saperavi, der dunkelste Rote, Borschomi, das gr\u00e4sslich salzige Mineralwasser, und Ararat 7, der armenische Edelcognac.<br \/>\nDie Hausfrau hatte alle ber\u00fchmten Gerichte der georgischen K\u00fcche aufgetragen; die Speisen wurden nicht hintereinander serviert, sondern alles stand gleichzeitig auf dem Tisch: Chatschapuri, das K\u00e4sebrot, gef\u00fcllte Auberginen, riesige Platten mit Schaschlikspie\u00dfen, Lobio, die Bohnenpaste, Sazivi, das H\u00e4hnchen in Nusssauce, Chinkali, die gef\u00fcllten Teigtaschen, Tkemali, die Pflaumensauce, das beste Ketchup der Welt.<\/p>\n<p>Gigis Vater wandte sich kein einziges Mal an mich, sondern nur an die drei M\u00e4nner. Obwohl ich ihm als Chefin des Teams vorgestellt worden war, begann er mit Vladimir \u00fcber mich zu verhandeln. Er redete nicht um den hei\u00dfen Brei herum, sondern sprach seinen Plan offen aus: Ich sollte Gigi heiraten, damit er aus dem unruhigen Land rauskam. Der alte Haudegen war sicher, dass es zu einem Krieg kommen w\u00fcrde, und Gigi sollte in Sicherheit sein. Er bot daf\u00fcr 20.000 DM. Wir zwinkerten einander zu. Vlado ging scheinbar ernsthaft auf den Handel ein, trieb aber den Preis h\u00f6her bis auf 30.000 DM. Die Eheschlie\u00dfung w\u00fcrde mich nicht belasten, denn dem Vater schwebte vor, dass Gigi einen \u00f6sterreichischen Pass bekommen w\u00fcrde, mit dem er dann weiter nach GB oder USA gelangen k\u00f6nnte, wo die Familie Gamsachurdia eine weitverzweigte Verwandtschaft habe.<\/p>\n<p>Dass ich 15 Jahre \u00e4lter war als Gigi, machte ihm auch kein Kopfzerbrechen. Die Familie w\u00fcrde schon das richtige georgische M\u00e4dchen f\u00fcr ihn finden. Er blinzelte fr\u00f6hlich mit den Augen, die schon langsam glasig wurden. Ich am\u00fcsierte mich k\u00f6stlich, wie der Patriarch mit Vlado einen Pakt schloss, mit vielen tosti besiegelte und mit viel Ararat begoss. Der Brautpreis war inzwischen auf 50.000 DM geklettert. Er wollte zeigen, dass es ihm ernst war, und machte sich zu einem Nebenzimmer auf, um das Geld zu holen. Aber es muss ihn jemand aufgehalten und abgefangen haben, wahrscheinlich seine Frau oder andere Verwandten, er kam nicht mehr ins Zimmer zur\u00fcck. Was der Alte wahrscheinlich nie erfahren hat, war, dass Gigi und ich uns tats\u00e4chlich n\u00e4herkamen und er in den n\u00e4chsten Monaten jedes Wochenende etwas Wichtiges in Moskau zu erledigen hatte.<\/p>\n<p>Ich lernte Georgisch, Gigi brachte Schallplatten mit georgischer Musik mit, dazu viele Speisen und Getr\u00e4nke, solange, bis ich auch schon bald meinen Lieblingswei\u00dfen- und -roten hatte, meine Wohnung f\u00fcllte sich mit Souvenirs, und ich begann unter Gigis Aufsicht, mit georgischen Speisen zu experimentieren, und habe bis heute damit nicht mehr aufgeh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3102\">Lesebissen<\/a> | Inventarnummer: 21132<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brautkauf in Tiflis bei Chatschapuri und Zinandali Winter und Fr\u00fchjahr 1991 waren in der verbleichenden Sowjetunion eine sehr unruhige Zeit. 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