{"id":13519,"date":"2021-12-20T11:33:46","date_gmt":"2021-12-20T11:33:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13519"},"modified":"2022-02-18T14:04:17","modified_gmt":"2022-02-18T14:04:17","slug":"kuechenkulturen-von-new-york-bis-moskau-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13519","title":{"rendered":"K\u00fcchenkulturen von New York bis Moskau 1"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13519&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13519&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><h2>Von Crepes, Apfelstrudel und Vanillekipferln<\/h2>\n<p>Weihnachten 1967 verbrachte ich bei meiner Gastfamilie in New York als Au-pair-M\u00e4dchen. Im f\u00fcnften Monat dachte ich, ich bin einigerma\u00dfen amerikanisiert, lie\u00df mich auf alles ein und probierte alles aus. Meine Gastfamilie war entz\u00fcckt von meinem britischen Akzent, den man mir in der Schule beigebracht hatte; aber ich wollte schnell Amerikanerin werden und stieg rasch von biscuits auf cookies um.<br \/>\nIch war Gesellschafterin bei einer halbblinden Frau, gro\u00dfe Schwester einer Siebzehnj\u00e4hrigen und Helferin bei zwei behinderten Kindern. Vera hatte Jugenddiabetes und war mit 40 fast erblindet. Die Mutter meiner Sch\u00fctzlinge, Mrs Wagner, oder Vera, wie ich sie inzwischen anreden durfte, bat mich einmal, \u201eCrepes\u201c als Vorspeise zuzubereiten. Sie liebte es, mich Vero\u2019 zu nennen, und lachte herzlich \u00fcber Vera und Vero\u2019. Ich las ihr oft vor, am liebsten waren ihr Baudelaire und Jane Austen.<\/p>\n<p>Der Haushalt hatte zwar ein Hausm\u00e4dchen aus Norwegen, einen mexikanischen G\u00e4rtner, ein Kinderm\u00e4dchen aus Schweden und eine K\u00f6chin aus Irland, aber Spezialauftr\u00e4ge gab sie gerne an mich. Als hollandst\u00e4mmige Einwanderertochter hatte sie eine Schw\u00e4che f\u00fcr Austria. Ihre Eltern, das Ehepaar Finkernegel, pflegten Urlaub an \u00d6sterreichs Seen zu machen.<br \/>\nVero, you know crepes?<br \/>\nYes, of course, I do, Vera.<br \/>\nLook, here is the right pan for crepes.<br \/>\nVera, schon fast erblindet, kramte im closet unter all den T\u00f6pfen und Pfannen und ertastete eine Platte mit Elektroanschluss, die sie mir hinstellte. Kurz war ich verwundert, verga\u00df es aber wieder.<br \/>\nThat\u2019s the right thing. We are going to be about ten persons around the table.<br \/>\nFine. I\u2019ll make it.<br \/>\nIch erinnere mich genau, wie ich erstarrte, als mein Gehirn Krebs in cancer \u00fcbersetzte, war doch mein Gastgeber, Prof. DDr. Richard Wagner, Vicepresident of the Medical Society, einer der bedeutendsten Krebschirurgen New Yorks. Oft kam er sp\u00e4t nach Hause und hatte sieben- bis zehnst\u00fcndige Operationen hinter sich.<\/p>\n<p>Mein Englisch war nicht schlecht nach einem Provinzgymnasium, aber ich hatte keine Ahnung von franz\u00f6sischer K\u00fcche und verstand \u201eKrebs\u201c. Ich machte mich im \u00f6rtlichen Supermarkt auf die Suche nach Krebsen.<br \/>\nWeder Scampi noch Shrimps waren bis dahin in meinem Wortschatz aufgetaucht, 1967 aus Wien nach New York verpflanzt. So ist das Hirn, es geht immer von Bekanntem aus.<br \/>\nNat\u00fcrlich fand ich keine solchen Tiere, wie ich sie aus den M\u00fchlviertler B\u00e4chen kannte, die ich mit Br\u00fcdern, Cousins und \u00f6rtlichen Buben entlang der \u00fcberh\u00e4ngenden Ufer \u201eausgenommen\u201c hatte.<br \/>\nDiese grau-gr\u00fcnen Tiere haben wir an Lagerfeuern gebraten, zusammen mit Forellen, wenn wir Gl\u00fcck hatten. Heimlich, weil illegal. Am Dimbach, am liebsten zwischen der M\u00fchle und dem Schmied. Der Giessenbach war zu steil und zu wild. Ich war da gerne dabei, froh, dass mich die Buben mitnahmen, weil geschickt mit den H\u00e4nden, aber noch zu klein, f\u00fcr solche Raubz\u00fcge verantwortlich zu sein.<\/p>\n<p>Ich las aufmerksam den Aufdruck auf der Packung: Boil in salted water an then \u2026<br \/>\nDie Shrimps waren klein und rosig, schrumpelig wie die billige Extrawurst im Mayonnaisesalat, den wir am Weihnachtsabend bei uns zu Hause bekamen. Mit H\u00f6rnchen, Gurkerln, gekochten Eiern und Kapern, viel Mayonnaise, einem Spritzer Zitronensaft und obendrauf Schnittlauch.<br \/>\nWir liebten es, diese H\u00f6rnchen zwischen den Lippen und dem Gaumen auszuschl\u00fcrfen und \u00fcberboten uns mit unanst\u00e4ndigen Ger\u00e4uschen, die nur zu Weihnachten geduldet wurden. H\u00f6rnchen fand ich auch nicht, aber die dicken, kurzen Makkaroni waren einigerma\u00dfen Ersatz daf\u00fcr.<br \/>\nAlso stellte ich die gro\u00dfe Sch\u00fcssel auf den Tisch und erwartete Lob. Mir schmeckte es.<br \/>\nVeronica, what is this? Where are the crepes?<br \/>\nIt is your Krebs-Salad, as you told me.<br \/>\nBut I told you crepes!<br \/>\nBut theese are the Krebs!<\/p>\n<p>Aufkl\u00e4rung, viel Gel\u00e4chter und Makkaroni-Schl\u00fcrfen. Die Amerikaner sind freundliche und tolerante Menschen, auf jeden Fall in diesem Milieu. Es schmeckte ihnen, allerdings anders als die d\u00fcnnen, geschmacklosen franz\u00f6sischen Palatschinken.<br \/>\nVera, ihr Mann Richard, die Kinder und alle G\u00e4ste waren hochzufrieden mit meiner Vorspeise.<br \/>\nMeine amerikanische Gastfamilie erz\u00e4hlte diese Anekdote noch oft unter viel Lachen bei ihren Dinners weiter. Der \u201eKreps-Salat\u201c wurde noch oft von mir verlangt und als Tradition in die Familie aufgenommen. Veras Eltern, die Finkelsteins, geb\u00fcrtig aus den Niederlanden, erz\u00e4hlten mir sp\u00e4ter von ihren sprachlichen Irrt\u00fcmern. An Beispiele kann ich mich leider nicht mehr erinnern.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht mehr, f\u00fcr welche Gelegenheit ich Vera versprochen habe, einen typical Viennese Apfelstrudel zu machen.<\/p>\n<p>15.12.21<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3102\">Lesebissen<\/a> | Inventarnummer: 21125<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Crepes, Apfelstrudel und Vanillekipferln Weihnachten 1967 verbrachte ich bei meiner Gastfamilie in New York als Au-pair-M\u00e4dchen. Im f\u00fcnften Monat dachte ich, ich bin einigerma\u00dfen amerikanisiert, lie\u00df mich auf alles ein und probierte alles aus. 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