{"id":13371,"date":"2021-11-05T17:24:23","date_gmt":"2021-11-05T17:24:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13371"},"modified":"2021-11-20T17:12:02","modified_gmt":"2021-11-20T17:12:02","slug":"die-schwertschluckerin-vom-kapuziner-boulevard-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13371","title":{"rendered":"Die Schwertschluckerin vom Kapuziner-Boulevard &#8211; Teil III"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13371&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13371&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p style=\"text-align: right;\"><em>Nicht so schnell! Haben Sie schon\u00a0<u><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13363\">Teil 1<\/a><\/u>\u00a0und\u00a0<u><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13365\">Teil 2<\/a><\/u>\u00a0gelesen?<br \/>\nDies ist der finale Teil der Geschichte.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #800000;\">Hinweis der Redaktion: Dieser Text kann verst\u00f6rend wirken, er enth\u00e4lt Gewaltszenen.<\/span><\/em><\/p>\n<p>Sie setzte sich in ein Caf\u00e9 auf dem Kapuziner-Boulevard und bestellte ihr Lieblingsgeb\u00e4ck mit Erdbeermarmelade. Dazu trank sie eine Brause.<br \/>\nEin junger Mann warb lauthals f\u00fcr bewegte Bilder, die im \u201eGrand Caf\u00e9\u201c pr\u00e4sentiert wurden. \u201eDie siebte Kunst\u201c nannte man diese nagelneue Erfindung der Br\u00fcder Lumi\u00e8re. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Jeannes Truppe viele Besucher in ihrem Variet\u00e9. Meistens waren es die Reisenden, die neue Erfahrungen sammeln wollten, um davon ihren Familien und allen in ihren Heimatorten prahlerisch zu erz\u00e4hlen. Aber es gab auch ein paar Ans\u00e4ssige, die immer wieder vorbeikamen.<br \/>\nAber jetzt, wo es etwas Neueres gab, verringerte sich die Anzahl geradezu drastisch. Der Patron machte sich schon Sorgen.<br \/>\n\u201eIch kann die Faszination dieser Leute nicht teilen\u201c, sagte er und stie\u00df dabei einen tiefen Seufzer aus. \u201eWas ist daran so interessant? Es sind schwarz-wei\u00dfe flache Bilder der gew\u00f6hnlichsten Menschen. Ist das Leben an sich nicht lebendig und bunt genug? Der Teufel soll sich diese infernale Maschine zur\u00fcckholen!\u201c Er spuckte ver\u00e4chtlich auf den Fu\u00dfboden.<br \/>\nJeanne sp\u00fcrte, dass er enorme Angst hatte, Angst, diesen endlich errungenen Halt zu verlieren.<\/p>\n<p>Sie wurde neugierig, und da die verbliebene Zeit es ihr erlaubte, kaufte sie eine Eintrittskarte zu der Kinovorf\u00fchrung und betrat den umgebauten Billardsaal, der rappelvoll war.<br \/>\nNach langer Suche fand sie einen freien Platz und quetschte sich zwischen zwei korpulente, stark nach Parfum und Schwei\u00df riechende Frauen, die sich offensichtlich keine M\u00fche gaben, Jeanne ihr Hinsetzen zu erleichtern. Sie h\u00f6rte jemanden munkeln, die Gebr\u00fcder h\u00e4tten die Idee von einem Amerikaner w\u00e4hrend ihrer Reise durch den Traumkontinent geklaut. Dann lie\u00df sie ihren Blick im Raum schweifen. Vor sich sah sie eine wei\u00dfe Leinwand. Dann drehte sie sich um und bemerkte zwei fast gleich aussehende M\u00e4nner an der hinteren Wand, die an einem hoch gestellten, quadratischen Apparat geschickt herumhantierten. Als sie schlie\u00dflich fertig waren, traten sie vor das Publikum. Sie wirkten wie eineiige Zwillinge. Der einzige Unterschied war, dass einer von ihnen eine Brille trug. Man konnte unm\u00f6glich bestimmen, welcher der \u00e4ltere und welcher der j\u00fcngere Bruder war. Jeanne fand es ziemlich am\u00fcsant.<\/p>\n<p>Der ohne Brille bedankte sich f\u00fcr das gro\u00dfe Interesse an ihrer Erfindung, erkl\u00e4rte kurz, aber verst\u00e4ndlich, wie der Apparat, den er Filmprojektor nannte, funktionierte, und teilte mit, dass zehn Filme gezeigt w\u00fcrden. Der andere w\u00fcnschte allen viel Vergn\u00fcgen an diesem wundersch\u00f6nen Abend. Sie gingen wieder zu ihrer \u201einfernalen Maschine\u201c und schalteten sie ein. Ein schwacher Lichtstrahl wurde zu der Leinwand ausgesandt. Die Saallichter wurden gel\u00f6scht und man konnte jetzt deutlich Staubk\u00f6rner und Zigarettenrauch im Strahl des Projektors schweben sehen. Eine Weile passierte nichts. Anscheinend gab es einen kleinen technischen Fehler, an dessen Behebung bereits t\u00fcchtig get\u00fcftelt wurde. W\u00e4hrenddessen dachte Jeanne an den seltenen Namen Lumi\u00e8re, der \u201eLicht\u201c bedeutete. Sie fand es vielsagend, sogar transzendent, dass ausgerechnet die Personen mit diesem Namen unmittelbar mit dem Licht zu tun hatten.<br \/>\n<em>Sie waren f\u00fcr diese Aufgabe vorherbestimmt<\/em>, war sie sich sicher.<\/p>\n<p>Hier und da ert\u00f6nte schon nerv\u00f6ses Gekicher und Getuschel. Jemand legte mit einem melodischen Pfeifen los. Jeanne schaute noch mal nach hinten. Der Bebrillte fing an, eine kleine Kurbel zu drehen. Ein leises Rattern entstand. Es ging los.<br \/>\nFast alle Zuschauer gaben simultan ein Ger\u00e4usch des Staunens von sich. Ein Mann im Bild versuchte, auf ein Pferd zu steigen, dabei fiel er mehrmals herunter. Alle lachten hell und pr\u00e4chtig.<br \/>\nDer Film war damit zu Ende und schon fing der n\u00e4chste an.<br \/>\nEin G\u00e4rtner bew\u00e4sserte den Garten. Ein Jugendlicher schlich sich an ihn heran und stellte sich auf den Schlauch. Der Wasserstrahl h\u00f6rte auf zu flie\u00dfen. Der ratlose G\u00e4rtner schaute in die \u00d6ffnung des Schlauchs und wurde von einer unerwarteten Font\u00e4ne bespritzt, da der Jugendliche seinen Fu\u00df vom Schlauch genommen hatte. Dann lief er weg, wurde aber von dem rasenden Mann eingefangen, am Ohr gezogen und bekam den Hintern versohlt.<br \/>\nDas Publikum kr\u00fcmmte sich vor Lachen. Einige mussten sogar hinauslaufen, denn sie kriegten schlecht Luft.<br \/>\nEin Zug fuhr in den Bahnhof ein. Die Zuschauer in dem linken Teil des Saals wurden langsam unruhig und gerieten in Panik. Es entstand ein Angstgeschrei. Manche b\u00fcckten sich, manche sprangen zur Seite, um sich vor der n\u00e4hernden Dampflokomotive zu retten.<br \/>\nVon einer Maschinerie produziertes Echo des Lebens \u00a0faszinierte wie ein Zauber. Die ganze Vorstellung dauerte ungef\u00e4hr zwanzig Minuten. Beim Hinausgehen hatte Jeanne das Gef\u00fchl, in einer anderen Welt gewesen zu sein. Gleichzeitig machte sie sich auch Sorgen um die Zukunft ihres Variet\u00e9s.<\/p>\n<p>In ihrer bescheidenen Kammer im Theatergeb\u00e4ude angekommen, setzte sie sich vor den Spiegel und betrachtete eingehend ihre unweiblichen Gesichtsz\u00fcge. Ihr markantes Kinn und die etwas zu breite Stirn gefielen ihr nicht. Mit dem Anflug leichter Selbstverachtung r\u00fcmpfte sie die Nase. Dann l\u00f6ste sie ihr nussbraunes Haar und fuhr mit ihrer Hand hindurch. Sie wollte es schon seit Langem ganz kurz schneiden lassen, aber der Patron war entschieden dagegen.<br \/>\nHeute war sie nach der Nummer mit dem Feuerspucker dran. Sie musste an den jungen Andre mit seinen goldenen Locken denken. Er hatte vor zwei Jahren seinen ersten B\u00fchnenauftritt bei ihnen gewagt. Er war sehr aufgeregt. Jeanne wusste noch ganz genau, was sie ihm damals gedanklich gew\u00fcnscht hatte: \u201a<em>Bitte, verbrenn nicht dein sch<\/em><em>\u00f6nes Gesicht<\/em>.\u2018 Er hatte ihr verwirrt zugel\u00e4chelt, als ob er ihre Gedanken gelesen h\u00e4tte. Leider passierte etwas noch Schlimmeres. Er war mit der Vorstellung fast durch, alles lief perfekt und auf einmal machte er einen gravierenden Fehler. Er atmete die Flammen ein und verloderte seine Lungen. Er war an Ort und Stelle tot.<\/p>\n<p>Jeanne hatte die ganze Nacht geweint. Wie es schien, hatte sie immer noch einige Tr\u00e4nen f\u00fcr ihn \u00fcbrig, denn zwei feuchte Schmerzensperlen rollten ihr rasch die Wangen hinunter.<br \/>\nEs wurde Zeit, sich vorzubereiten. Mit eiskaltem Wasser wusch sie sich das Gesicht. Ihr blutrotes Kleid legte sie ab. Stattdessen zog sie ihr schwarzes Kost\u00fcm an. Es bestand aus einem einfachen, \u00e4rmellosen Oberteil mit einem tiefen V-Ausschnitt und einem ziemlich kurzen Rock. Der Patron wollte, dass man ihre langen, attraktiven Beine sehen konnte. So erhoffte er, mehr Erl\u00f6s zu erzielen. Sie war damit einverstanden. Sie h\u00e4tte es ihm schlecht abschlagen k\u00f6nnen, da sie bereits ein unmoralisches Angebot von ihm abgelehnt hatte. Er hatte ihr vorgeschlagen, nach dem Auftritt ihre Verehrer als Freier in ihrem Zimmerchen zu empfangen, wie es die meisten Frauen der Truppe bereits liebend gerne taten. So, wie Marie \u201edas Puppengesicht\u201c, die ihre Moneten nicht nur mit ihrem sch\u00f6nen Antlitz verdiente. Es wurden nur die M\u00e4nner aus der h\u00f6heren Gesellschaft zugelassen, denn das Etablissement hatte einen guten Ruf zu verlieren. Au\u00dferdem platzten ihre Portemonnaies von der schweren Last.<\/p>\n<p>Obwohl Jeanne auf diesen Weg viel schneller ihren Traum von Amerika verwirklichen h\u00e4tte k\u00f6nnen, hielt sie nichts davon. Lieber wartete sie l\u00e4nger, aber blieb so rein, wie es nur m\u00f6glich war, in dieser lasterhaften Welt.<br \/>\nNach dem Umziehen holte sie ein l\u00e4ngliches, jadegr\u00fcnes K\u00f6fferchen unter dem Bett hervor und machte es auf. Darin befand sich der Degen von Pierre. Sie hatte nie versucht herauszufinden, was die Inschrift bedeutete. Sie lie\u00df sich lieber im Glauben, dass es eine nicht entzifferbare Zauberformel war, die ihr Leben sch\u00fctzte. Sanft strich sie mit ihrer Hand entlang der perfekten Klinge, dabei murmelte sie vor sich hin. Es h\u00f6rte sich an wie das Wispern einer innig verliebten Frau, gerichtet an ihren tief schlummernden Geliebten.<br \/>\nSie durchtr\u00e4nkte einen Wattebausch mit Essigessenz und reinigte damit die Klinge, damit sich keine Patina ansetzte. Dann polierte sie ihn mit einem wei\u00dfen seidenen Tuch bis auf Hochglanz.<\/p>\n<p>Es klopfte an der T\u00fcr. Der Patron trat ein.<br \/>\n\u201eBist du bereit?\u201c<br \/>\nSie nickte. Dabei fiel ihr auf, wie schnell er gealtert war. Er tat ihr pl\u00f6tzlich sehr leid.<br \/>\n\u201eWarum schaust du mich so an?\u201c, fragte er verwundert. \u201eHast du noch nie einen Adonis gesehen?\u201c Er lachte herzlich. Sie konnte nur schwach l\u00e4cheln.<br \/>\nMit dem Degen in der Hand ging sie auf die in der Mitte beleuchtete B\u00fchne und stellte sich in das Rampenlicht. Ein leiser Applaus weniger Anwesenden schallte im verdunkelten Raum. Der vertraute, abgestandene Geruch des Saals. So wehm\u00fctig anmutend.<br \/>\n\u201eF\u00fcr Pierre\u201c, sagte sie verhalten.<br \/>\nMit dramatischer Begleitung einer Djembe, gespielt von einem bejahrten Afrikaner, durchzog sie ihre Nummer, deren jede Bewegung sie sich tief eingepr\u00e4gt hatte. Sie f\u00fchlte sich wie eine Zuschauerin, w\u00e4hrend ihr ge\u00fcbter K\u00f6rper seine schwierige Aufgabe mit bewundernswerter Leichtigkeit erf\u00fcllte. Es war, als ob sie die Kontrolle vor\u00fcbergehend einem unsichtbaren Wesen \u00fcberlie\u00df, das sie liebevoll leitete. Bald war dieser mystische Akt zu Ende.<\/p>\n<p>Mit schwirrendem Kopf ging sie zur\u00fcck in ihre Kammer, wo sie den Degen kurz reinigte und ihn dann ins K\u00f6fferchen zur\u00fccklegte. Der Dolch blieb hinten an ihrem Kost\u00fcm angelegt.<br \/>\nWieder ert\u00f6nte ein Klopfen, aber keiner kam unaufgefordert herein.<br \/>\n<em>Anscheinend ein Fremder.<\/em> Sie stand auf und machte die d\u00fcnne, h\u00f6lzerne T\u00fcr auf. Die Angeln knarrten. Vor ihr stand ein sauber rasierter, \u00e4lterer Mann in einem blutroten Frack. Seine st\u00e4mmige Figur verriet, dass er einst ziemlich stark gewesen war.<br \/>\n\u201eDarf ich?\u201c, fragte er mit einer H\u00f6flichkeit, die ein mulmiges Gef\u00fchl hervorrief.<br \/>\n\u201eIch wei\u00df nicht, was Sie geh\u00f6rt haben, aber ich mache so was nicht. Sie m\u00fcssen zu den anderen M\u00e4dchen gehen\u201c, sagte Jeanne entschieden und war im Begriff, die T\u00fcr vor seiner Nase zuzuschlagen, aber er hielt sie mit einem Arm auf.<br \/>\n\u201eIch muss mit dir reden.\u201c Ein diffuses Licht blitzte in seinen Augen auf.<br \/>\n\u201eKennen wir uns?\u201c<br \/>\n\u201eBitte\u201c, sagte der Mann mit Nachdruck.<\/p>\n<p>Sie trat zur Seite und gew\u00e4hrte ihm den Eintritt, obwohl ihre Vernunft Alarm schlug.<br \/>\nEr stellte sich in die Mitte des Zimmers und schaute sich alles genauer an. Indes machte Jeanne die T\u00fcr zu und beobachtete ihn angespannt.<br \/>\n\u201eDarf ich mich hinsetzen?\u201c, fragte er und ohne die Antwort abzuwarten, lie\u00df er sich auf den einzigen Stuhl nieder.<br \/>\nWie eine Somnambule setzte sie sich ihm gegen\u00fcber aufs Bett. Die alte Federkernmatratze knarrte.<br \/>\nJetzt starrte er sie mit einem l\u00fcsternen Blick an. Ein anz\u00fcgliches L\u00e4cheln umspielte seine schmalen Lippen.<br \/>\nEndlich kroch es ihr ins Bewusstsein, wer vor ihr dasa\u00df. Ihr Stiefvater.<br \/>\n\u201eWas willst du?\u201c, fragte sie mit dem Beiklang des Schreckens, der ihm nat\u00fcrlich nicht entging. Ihre Knie zitterten wie frisch gefangene Frettchen in einem engen, dunklen K\u00e4fig. Mit aller Willenskraft versuchte sie, es zu verbergen.<\/p>\n<p>Sein durchdringender Blick musterte sie von Kopf bis Fu\u00df. Ihr war, als w\u00fcrde er ihr bis in die Eingeweide hineinschauen. Sie empfand den Anflug einer l\u00e4ngst vergessen geglaubten Pein wieder.<br \/>\n\u201eWer ist dieser Pierre, dem du deinen Auftritt gewidmet hast? Ist er dein Liebhaber, versteckt er sich irgendwo?\u201c H\u00f6hnisch schaute er sich um.<br \/>\nAm liebsten h\u00e4tte sie ihm jetzt den Kopf abgeschlagen. Keiner durfte Pierres Namen in den Dreck ziehen, besonders der da nicht. <em>Dieses Schwein!<\/em><\/p>\n<p>Als sie noch bei ihm und ihrer Mutter wohnte, war er ein angesehener Anwalt. Damals trug er einen Vollbart. Wie ein B\u00e4r sah er in seinem ma\u00dfgeschneiderten, teuren Anzug aus. Ein Muskelpaket, dazu noch verschlagen wie ein Fuchs. Kein Wunder, dass sie ihn in seiner neuen Aufmachung nicht sofort erkannt hatte. Sie tat alles, um ihn aus ihrem gequ\u00e4lten Ged\u00e4chtnis zu l\u00f6schen, aber je mehr M\u00fche sie sich gab, desto lebhafter wurde sein Schatten, der sie noch lange nach ihrer Flucht verfolgte. Erst als sie endg\u00fcltig entschied, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und nur noch nach vorne zu schauen, lie\u00df der Qu\u00e4lgeist sie allm\u00e4hlich in Ruhe.<\/p>\n<p>Er hatte sie oftmals als Jugendliche entehrt. Ihre Mutter wusste Bescheid, denn wie k\u00f6nnte es ihr nicht aufgefallen sein, dass ihr braver Ehemann fast jede Nacht ihr breites Ehebett verlie\u00df, um nach einer Stunde, ersch\u00f6pft und nach ihrer Tochter duftend, unter die Decke zu kriechen und tief einzuschlafen?!<br \/>\nSie erinnerte sich an das erste Mal, als er unangek\u00fcndigt in ihr Schlafzimmer trat, unter dem Vorwand, mit ihr etwas Wichtiges besprechen zu wollen. Es war Mitternacht. Sie lag in ihrem Schlafrock unter der Bettdecke und bebte am ganzen Leib vor einer vagen, unheilvollen Vorahnung. Dann dauerte es nicht lange, bis er sich mit seinem bleischweren K\u00f6rper zwischen ihre Schenkel gelegt hatte und vor Anstrengung tierisch keuchte. Die schneidenden Schmerzen breiteten sich wie H\u00f6llenfeuer in ihrem Unterleib aus. Sie glaubte, sie m\u00fcsse sterben. Sie wollte sterben, aber sie \u00fcberlebte. Als er endlich ging, betete sie zu Gott, dass sie es nie wieder \u00fcber sich ergehen lassen musste. Aber er kam erneut. Gott war anscheinend altersbedingt schwerh\u00f6rig geworden. Der Gestank der L\u00fcsternheit eines alternden Mannes blieb an ihrer zarten Haut haften. Er hatte ihren T\u00fcrschl\u00fcssel abgezogen und eingesteckt.<br \/>\nSie konnte nicht mehr gut schlafen. Sie wartete auf sein Erscheinen, denn sie wollte nicht im Schlaf \u00fcberrumpelt werden. Die ersten Sekunden seines N\u00e4herkommens nutzte sie, um sich auf das Leid einigerma\u00dfen vorzubereiten, das im Begriff war, sie g\u00e4nzlich zu verschlucken. Die Flammen der Drangsal hinterlie\u00dfen nur die Asche. Ihre Machtlosigkeit dr\u00fcckte auf sie wie ein eiserner Sargdeckel. Sie wusste keinen Ausweg, bis sie die ungew\u00f6hnliche Truppe auf dem Marktplatz erblickte. W\u00e4re sie geblieben, h\u00e4tte sie sich das junge Leben genommen.<\/p>\n<p>Er trug jetzt keinen Ehering mehr.<br \/>\n<em>Mutter ist wahrscheinlich schon tot, egal!,<\/em> dachte Jeanne. Die Mutter hatte ihre Rolle vers\u00e4umt und es w\u00e4re unverzeihlich dumm von Jeanne, die ihre gewissenhaft auszuf\u00fchren.<br \/>\n\u201eHerzlichen Gl\u00fcckwunsch zum Geburtstag, meine Kleine\u201c, sagte er im Aufstehen. Dann breitete er seine Arme aus.<br \/>\n\u201eKomm, hol dir dein Geschenk.\u201c<br \/>\nNach kurzem Z\u00f6gern ging sie entschlossen auf ihn zu und umarmte ihn widerwillig.<br \/>\n\u201eGut so, gut so\u201c, wisperte er, \u00fcber ihre Haare streichelnd. Indes glitt ihre rechte Hand zum Dolch und ergriff ihn fest.<br \/>\nBlitzartig rammte sie ihn tief in den R\u00fccken des Verhassten.<br \/>\nEr st\u00f6hnte auf und fiel mit einem dumpfen Ger\u00e4usch auf den Boden. Sie trat ein paar Schritte zur\u00fcck und betrachtete ihn. Es war vollendet.<\/p>\n<p>Sie ging auf das kleine Waschbecken zu. Bevor sie sich gr\u00fcndlich wusch, betrachtete sie ihr Abbild im kleinen ovalen Spiegel. Dieser Anblick bereitete ihr anscheinend eine gro\u00dfe Freude, denn sie l\u00e4chelte verz\u00fcckt vor sich hin. Nach dem Waschen zog sie sich um und packte schnell ihren Koffer. Sie \u00f6ffnete die Matratze am Fu\u00dfende und zog einen kleinen dunkelbraunen Beutel heraus, der ihre gesamten Ersparnisse beinhaltete. Das K\u00f6fferchen mit dem Degen verga\u00df sie auch nicht.<br \/>\nSo, mit Sack und Pack, schaute sie sich den Toten an. Sie wollte sich dieses Bild des verdient ereilten Elends gut einpr\u00e4gen. Die erf\u00fcllte Rache w\u00e4rmte ihr pochendes Herz.<br \/>\nSie verlie\u00df den Raum und schlich durch den verdunkelten Korridor zum Hinterausgang, der auf eine ruhige Gasse hinausf\u00fchrte. Gedanklich bedankte sie sich beim Patron f\u00fcr alles. Das war ein perfekter Abschied, denn sie war unerwartet erschienen und so wollte sie auch verschwinden.<br \/>\nAn der Hintert\u00fcr angelangt, blieb sie kurz stehen, um sich ein Versprechen zu geben. Von nun an w\u00fcrde sie ihren Geburtstag stets feiern.<br \/>\nSie trat in die k\u00fchle Nacht hinaus. Die Welt war breit und tief genug, um Jeanne wie ein scharfes Schwert aufzunehmen. Ihre aufrechte Gestalt l\u00f6ste sich in der beh\u00fctenden Dunkelheit auf.<\/p>\n<p><em>2019<\/em><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Giorgi Ghambashidze<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0<span style=\"color: #333333;\">Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a><\/span> | Inventarnummer: 21129<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht so schnell! Haben Sie schon\u00a0Teil 1\u00a0und\u00a0Teil 2\u00a0gelesen? Dies ist der finale Teil der Geschichte. 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