{"id":13365,"date":"2021-11-03T17:18:10","date_gmt":"2021-11-03T17:18:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13365"},"modified":"2021-11-20T17:12:25","modified_gmt":"2021-11-20T17:12:25","slug":"die-schwertschluckerin-vom-kapuziner-boulevard-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13365","title":{"rendered":"Die Schwertschluckerin vom Kapuziner-Boulevard &#8211; Teil II"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13365&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13365&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p style=\"text-align: right;\"><em>Halt! Kennen Sie schon\u00a0<u><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13363\">Teil 1<\/a><\/u>\u00a0dieser Geschichte?<\/em><\/p>\n<p>Es geschah im Sp\u00e4twinter. Sie war erst vierzehn. Unausgeschlafen trottete sie durch die grauen Stra\u00dfen. Das Einzige, was sie wahrgenommen hatte, waren ihre tr\u00fcben Gedanken und \u00c4ngste vor der kommenden Nacht. Und vielen darauf folgenden. Pl\u00f6tzlich war ihre Abwesenheit durch eine schrille Stimme durchdrungen worden. Ihre erwachte Aufmerksamkeit lenkte sich auf eine Menschenmenge auf dem Marktplatz vor zwei Pferdefuhrwerken, die mit khakifarbenen Abdeckhauben versehen waren und ziemlich \u00e4rmlich wirkten. Die Stimme schien aus der Mitte der Versammlung zu erklingen. Sie folgte ihr sofort, denn sie hatte etwas Verhei\u00dfungsvolles an sich. W\u00e4hrend sie sich durch die Masse an K\u00f6rpern dr\u00e4ngte \u2013 wobei sie jede Menge sp\u00f6ttische und sogar hasserf\u00fcllte Bemerkungen erntete \u2013, h\u00f6rte sie den W\u00f6rtern des noch unsichtbaren Sprechenden zu:<br \/>\n\u201e&#8230; etwas noch nie Gesehenes und Erlebtes. Meine Damen und Herren, ich habe Ihnen versprochen, Ihre kostbare Zeit nicht zu vergeuden, und ich halte stets mein Wort.\u201c Da r\u00e4usperte er sich. Nach viel Ellbogenarbeit gelangte Jeanne endlich zu der ersten Reihe und konnte sein pausb\u00e4ckiges Gesicht mit den vor K\u00e4lte roten Wangen sehen.<br \/>\n\u201eHier und jetzt werden Sie Zeugen von den unglaublichen F\u00e4higkeiten faszinierender Individuen, die in der Lage sind, fantastische, unbeschreibliche Handlungen durchzuf\u00fchren.\u201c<\/p>\n<p>Jeanne war von der Art seiner Ausdr\u00fccke gefesselt. Sie war sich sicher, dass gleich etwas auf sie zukam, was ihren Lebensverlauf \u00e4ndern w\u00fcrde. Sie wusste blo\u00df noch nicht, inwiefern.<br \/>\nDa kamen sie zum Vorschein. Einer nach dem anderen traten sie aus dem vorderen Fuhrwerk hervor: ein schnurrb\u00e4rtiger Mann, der dicke Ketten mit der blo\u00dfen Kraft seiner massiven Oberarm- und Brustmuskeln zerriss. Eine \u00fcbernat\u00fcrlich biegsame Frau, die b\u00e4uchlings liegend, mit ihren zierlichen F\u00fc\u00dfen einen roten Ball in den Nacken legen konnte. Und zuletzt ein Schwertschlucker, der erst einen Dolch und dann einen langen Degen in seiner Kehle verschwinden lie\u00df, sodass nur noch der elfenbeinerne Griff aus seinem Mund hochragte. Indes hing sein Pferdeschwanz gerade herunter, als sei er zu der nun unsichtbaren Klinge geworden.<\/p>\n<p>Der Sprecher, der allem Anschein nach auch der Patron der Truppe war, trat mit seinem kugelf\u00f6rmigen K\u00f6rper wieder vor und bat ergebenst um Spenden, damit ihre Gruppe weiterbestehen k\u00f6nne. Die Artisten hatten sich aufgereiht und verbeugten sich mehrmals vor dem Publikum. Jeanne war begeistert, w\u00e4hrend die Menge nur wenige Centimes entbehrte und sich zusehends aufl\u00f6ste. Die M\u00fcnzen prallten auf das Pflaster und erzeugten dabei ein leises Klirren, das von dem erneut entstandenen Stimmengewirr des Marktplatzes verschluckt wurde. Alle gingen weiter ihren Obliegenheiten nach und die magische Vorstellung war sofort vergessen. Die K\u00fcnstler schienen nicht besonders entt\u00e4uscht zu sein. Es war eindeutig nicht das erste Mal, dass sie so ungesch\u00e4tzt blieben. Was sie aber nicht ahnen konnten, war, dass sie ein junges M\u00e4dchen von einer d\u00fcsteren Zukunft erl\u00f6st und ihm Hoffnung gegeben hatten.<br \/>\nOhne eine Notiz von ihr genommen zu haben, verschwanden sie in demselben Gef\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Jeanne ging beiseite, setzte sich auf eine steinerne Treppenstufe der Kirche und wartete. Es war sehr kalt. Ihr Atem, eine winzige Wolke, stieg empor. Sie schlug die Arme um ihren Oberk\u00f6rper, um sich zu w\u00e4rmen, und dr\u00fcckte ihre bebenden Beine fest zusammen. Es half nichts. Sie musste aushalten.<br \/>\n<em>Irgendwann wird es wieder warm<\/em>, sagte sie sich und nickte \u00fcberzeugt. Sie legte eine Entschlossenheit an den Tag, die man von einem so jungen Wesen nicht erwarten w\u00fcrde. Aber ihr psychisches Alter war weit fortgeschrittener als ihr physisches, wie es immer der Fall ist, wenn ein Kind fr\u00fchzeitig und auf eine brutale Weise mit dem h\u00e4sslichen Gesicht des Lebens konfrontiert wurde.<br \/>\nUnd dann geschah es. Der Muskul\u00f6se entstieg dem Pferdewagen \u2013 er hatte einen dicken Pelzmantel um die breiten Schultern geworfen \u2013 und trug die Sachen, die sie beim Auftritt gebraucht hatten, in das kleinere Fuhrwerk, das dahinter stand. Dann setzte er sich an die Z\u00fcgel. Der Patron erschien an den Z\u00fcgeln des anderen Pferdes, setzte sich bequem hin und nahm sie in seine kleinen H\u00e4nde. Langsam fuhren sie ab.<\/p>\n<p>Jeanne lief ihnen nach und wartete auf einen g\u00fcnstigen Moment, um von Passanten ungesehen hineinzuklettern. <em>Jetzt oder nie!<\/em>, blitzte der Gedanke in ihrem schwirrenden Kopf. Schon befand sie sich zwischen einer Truhe aus Eichenholz, einigen Stapeln Kleidungsst\u00fccken und einem Korb mit Proviant. Sie h\u00fcllte sich in die Kleider. Es f\u00fchlte sich an wie in einem warmen Traum.<br \/>\n<em>Ich hab\u2019s gemacht, ich hab\u2019s tats\u00e4chlich gemacht<\/em>, best\u00e4tigte sie sich.<br \/>\nSie bereute nicht, ihre wenigen Habseligkeiten zu Hause gelassen zu haben. Am liebsten h\u00e4tte sie auch ihre Vergangenheit abgekappt und vergessen.<br \/>\nNach einer Weile wagte sie, die Truhe aufzumachen. Bed\u00e4chtig hob sie den schweren Deckel und schaute hinein. Die Truhe enthielt nur die Requisiten. Eine davon war der Degen des Schwertschluckers. Er war in ein blaues Satintuch eingewickelt. Sie holte ihn heraus, wickelte ihn aus und betrachtete sorgf\u00e4ltig seine Eigenschaften, w\u00e4hrend sie sein Gewicht auf ihren Handtellern wog.<br \/>\nDer Griff aus Elfenbein war wundersch\u00f6n. Eine Rarit\u00e4t, deren Anfertigung an ein Wunder des menschlichen K\u00f6nnens grenzte. Dann sah sie eine Inschrift entlang der Klinge eingraviert, die in einer ihr unbekannten Sprache verfasst war. Als sie mit ihrer Betrachtung fertig war, wickelte sie den Degen wieder ein und legte ihn zur\u00fcck in die Truhe, deren Deckel sie beim Heruntersetzen etwas zu laut zuschlug. \u00c4ngstlich schaute sie zum R\u00fccken des Fahrers. Zum Gl\u00fcck hatte er nichts geh\u00f6rt. Die samtene Ber\u00fchrung des Tuches blieb noch lange an ihren Fingerkuppen haften. Bald bekam sie riesigen Hunger. Im Proviantkorb befanden sich unter anderem zwei Tafeln dunkler Schokolade, die sie mit schlechtem Gewissen verzehrte.<\/p>\n<p>Der Pfad wurde holperig. Sie befanden sich im Wald. Allm\u00e4hlich wurde ihr von dem ganzen Geholper unwohl im Magen. Ein Gef\u00fchl von \u00dcbelkeit bem\u00e4chtigte sich ihrer, bis es nicht mehr zum Aushalten war. Sie beugte sich \u00fcber das Holzt\u00fcrchen des Wagens und \u00fcbergab sich reichlich, aber das Ger\u00e4usch der rollenden R\u00e4der \u00fcbert\u00f6nte es. Ersch\u00f6pft sank sie zur\u00fcck und schlief tief ein. Als man sie entdeckte, waren sie bereits weit weg von Avignon. Sie sagte nur ihren Vornamen. Erstaunlicherweise wurde sie herzlich aufgenommen.<br \/>\nSie hatte keine besonderen Talente, aber sie machte sich n\u00fctzlich, indem sie bei allem M\u00f6glichen half.<\/p>\n<p>In den folgenden Jahren lehrte der Schwertschlucker \u2013 sein Name war Pierre \u2013 sie gr\u00fcndlich seine Kunst. Nur eines gab er nicht preis, n\u00e4mlich was die Inschrift an der Klinge bedeutete. Am Anfang musste sie mit d\u00fcnnen, langen Karotten so viel \u00fcben, dass sie einen wunden Gaumen und Hals bekam, aber diese \u00dcbungen waren notwendig, um den Brechreiz unterdr\u00fccken zu k\u00f6nnen. Denn das war das A und O dieses Berufs. Ein W\u00fcrgen im falschen Moment k\u00f6nnte die Speiser\u00f6hre aufschlitzen. Bald darauf war sie so weit, mit scharfen Gegenst\u00e4nden anzufangen. Sie wurde sehr gut darin.<br \/>\n\u201eDu wirst mich eines Tages ersetzen\u201c, sagte Pierre ihr voller Stolz. Dass dieser Tag so bald heranr\u00fccken w\u00fcrde, verschwieg er leider. Denn bei einem B\u00fchnenauftritt \u2013 sie hatten sich mittlerweile hochgearbeitet \u2013 verletzte er sich lebensgef\u00e4hrlich. Sie konnte seinem letzten an sie gerichteten Blick ablesen, dass er es absichtlich gemacht hatte, w\u00fcrde sein Geheimnis aber nie verraten. Sie nickte ihm leicht zu. Er starb hinter den Kulissen mit einem zufriedenen L\u00e4cheln im faltigen Gesicht.<br \/>\nDas alles schien jetzt so lange her zu sein.<br \/>\n<em>Zeit ist seltsam, <\/em>dachte sie wehm\u00fctig.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Es bleibt spannend: Mit\u00a0<u><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13371\">Teil 3<\/a><\/u>\u00a0geht es ins Finale der Geschichte.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Giorgi Ghambashidze<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0<span style=\"color: #333333;\">Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a><\/span> | Inventarnummer: 21128<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Halt! Kennen Sie schon\u00a0Teil 1\u00a0dieser Geschichte? Es geschah im Sp\u00e4twinter. Sie war erst vierzehn. Unausgeschlafen trottete sie durch die grauen Stra\u00dfen. Das Einzige, was sie wahrgenommen hatte, waren ihre tr\u00fcben Gedanken und \u00c4ngste vor der kommenden Nacht. Und vielen darauf folgenden. Pl\u00f6tzlich war ihre Abwesenheit durch eine schrille Stimme durchdrungen worden. Ihre erwachte Aufmerksamkeit lenkte [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[145],"tags":[57],"class_list":["post-13365","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ghambashidze-giorgi","tag-aergstens"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13365","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13365"}],"version-history":[{"count":9,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13365\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13429,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13365\/revisions\/13429"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13365"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13365"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13365"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}