{"id":13363,"date":"2021-11-01T17:14:37","date_gmt":"2021-11-01T17:14:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13363"},"modified":"2021-11-20T17:13:54","modified_gmt":"2021-11-20T17:13:54","slug":"die-schwertschluckerin-vom-kapuziner-boulevard-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13363","title":{"rendered":"Die Schwertschluckerin vom Kapuziner-Boulevard &#8211; Teil I"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13363&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13363&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Jeanne hielt vor dem farbenfrohen Plakat an, das sie schon auswendig kannte. Gedanklich ging sie noch einmal die K\u00fcnstlernamen durch:<br \/>\nMarie, \u201eDas Puppengesicht\u201c<br \/>\n\u201eGoliath\u201c, der st\u00e4rkste Mann des Jahrtausends<br \/>\nDrillings-Akrobaten aus Mumbai<br \/>\nLorette, die schmalste Taille der Welt<br \/>\nEsmeralda, die einbeinige Flamenco-T\u00e4nzerin aus dem sonnigen Spanien<br \/>\nAbdulwahab Hassen Adem Al Khaled, der Schlangenbeschw\u00f6rer \u2013<br \/>\nund noch viele mehr. Dazwischen war auch sie selbst: \u201eJeanne d\u2019Arc\u201c, die Schwertschluckerin.<\/p>\n<p>Es war ihr Geburtstag, aber keiner wusste es. Sie hatte es niemandem gesagt. Sie verstand das gro\u00dfe Aufheben um dieses Thema nicht. Was war schon dabei, geboren zu werden? Zwei Menschen verschiedenen Geschlechts kamen kurzzeitig zusammen, Frau wurde schwanger, trug das Kind im optimalen Fall neun Monate in ihrem Inneren herum und gebar es schlie\u00dflich in die Welt, in die man nicht eingeladen wurde. Ihrer Ansicht nach gab es nichts zu begl\u00fcckw\u00fcnschen.<br \/>\n<em>Ich bin der Beweis der S\u00fcnde meiner Eltern<\/em>, dachte sie ohne jegliche Gem\u00fctsbewegung.<br \/>\nEs war Mitte Januar, f\u00fcr diese Jahreszeit war es erstaunlich warm. Sie trug eine dunkelbraune Nerzstola, ein schlichtes blutrotes Kleid und eine kleine wei\u00dfe Handtasche, die sie in einem Ramschladen gekauft hatte. Von den eleganten H\u00fctchen, Gesichtsschleiern, seidenen Abendhandschuhen und anderen angesagten Damen-Accessoires hielt sie im Gegensatz zu ihren Artgenossinnen nichts.<\/p>\n<p>Langsam wurde es dunkler und allm\u00e4hlich leuchteten die Kohlenfadenlampen der Stra\u00dfenlaternen mit einem leisen Surren auf. Sie mochte es zu beobachten, wie die F\u00e4den in der Lampe sich anfangs glimmend erhitzten.<br \/>\n\u201eElektrizit\u00e4t.\u201c Dieses knisternde Wort lie\u00df sie auf ihrer Zunge gen\u00fcsslich zergehen.<br \/>\nSchon seit Jahren lebte sie in Paris, der Stadt ihrer Kindheitstr\u00e4ume. Sie war entt\u00e4uscht, denn sie hatte viel Elend und Ungl\u00fcck anderer beobachten k\u00f6nnen. Selbst hier, im vermeintlichen Zentrum des Universums. Sie hatte einen Mann in einem Rinnstein bewusstlos liegen sehen, befleckt von seinem eigenen rosafarbenen Erbrochenen, sie sah ein schmutziges, barf\u00fc\u00dfiges Kind sich unter die R\u00e4der einer vorbeifahrenden Kutsche werfen. Auf dem Pont Neuf sah sie ein Ehepaar heftig streiten und den Mann weggehen, w\u00e4hrend die Frau stehen blieb und sich ernsthaft \u00fcberlegte, in die eiskalte Seine zu springen. Dann bemerkte sie, dass sie beobachtet wurde und ging raschen Schrittes fort.<\/p>\n<p>Tagt\u00e4glich erblickte sie ausgemergelte Hunde, die umherstreunten, in der immerw\u00e4hrenden Hoffnung, einen Bissen, ein kleines Zeichen der Liebe irgendwo in der gro\u00dfen Stadt zu finden. \u00dcberall w\u00fchlten \u00e4ltere Menschen im M\u00fcll nach etwas Essbarem, ohne jegliche Aussicht auf die ersehnte Erl\u00f6sung. Katzen mit verzweifelten Augen huschten stets umher, schl\u00fcpften in schmutzige Winkel und jagten nach ein bisschen Leben, das ihre abgemagerten K\u00f6rperchen unentwegt verlie\u00df.<br \/>\nJede Tonlage der seelischen und k\u00f6rperlichen Qual war ihr mittlerweile vertraut geworden.<\/p>\n<p>Sie wusste, was f\u00fcr ein Gl\u00fcck sie hatte, ein Dach \u00fcber dem Kopf und etwas zu essen zu haben. Aber es gen\u00fcgte ihr nicht, um selig zu sein.<br \/>\n<em>Wie kann jemand sein Leben in vollen Z\u00fcgen genie\u00dfen, wenn er von so viel Not und Kummer umgeben ist?<\/em>, fragte sie sich manchmal, aber nie fand sie eine Antwort darauf.<br \/>\nJetzt hegte sie einen neuen Traum \u2013 Amerika. Selbst der Klang dieses Wortes erf\u00fcllte sie mit der Zuversicht, dass es einen Ort auf dieser Erde gibt, wo keiner leiden muss. Ein Paradies auf Erden. A-merika, Am-eri-ka, Am-erika, Ame-rika, Ameri-ka. Sie spielte damit, wie ein Kind mit einem Welpen spielt, einem Welpen, der gro\u00df und kr\u00e4ftig wachsen und das Kind mit seinem Leib besch\u00fctzen wird.<br \/>\nIn der Provence aufgewachsen, tr\u00e4umte sie \u00f6fter von der magischen Hauptstadt, die damals so fern und unerreichbar schien. Aber jetzt war sie ja da.<br \/>\n<em>Ich kann alles, was jemand schon vor mir geschafft hat<\/em>, sagte sie sich beruhigend.<br \/>\nJede Gasse, jede Nebenstra\u00dfe und jeden Durchgang kannte sie bereits. Sie hatte jede Ecke dieses Monstrums abspaziert, und es schien ihr nichts mehr anbieten zu k\u00f6nnen. Sie musste nur noch ein paar Monate ausharren, dann h\u00e4tte sie genug Geld gespart, um auf einen Dampfer zu steigen und diesem verfaulten Kontinent ein Adieu ins schmutzige Gesicht zu werfen.<\/p>\n<p>Sie hatte noch mehrere Stunden Zeit bis zu ihrem Auftritt. Mit ihrem m\u00e4nnlichen Gang schlenderte sie durch das abendliche Montparnasse. Der Himmel tauchte die ganze Umgebung in ein sanftes Violett. Im Schaufenster einer neuen Gem\u00e4ldegalerie las sie den ihr gut bekannten Namen: Vincent van Gogh. Daneben war sein Selbstportr\u00e4t.<br \/>\nDieser Mann war ihr st\u00e4rkster Eindruck gewesen, als sie ein Neuank\u00f6mmling in Paris war. Sie erinnerte sich sehr lebhaft an die Szene:<br \/>\nEs war auf der Rue d\u2019Odessa. Ein rothaariger Mann mit rostfarbenen Bartstoppeln und einem entr\u00fcckten Blick. Seine H\u00e4nde ruhten in den Taschen einer abgetragenen Leinenhose. Sein Kopf war tief gesenkt, als ob er sich zwischen seinen schm\u00e4chtigen Schultern verstecken wollte. Sie blieb stehen und schaute ihm nach. Zweifellos war er eine sonderbare Erscheinung. Pl\u00f6tzlich h\u00f6rte sie jemanden seinen Namen rufen.<br \/>\n\u201eVan Gogh, Sie haben Ihre Bilder vergessen!\u201c Ein \u00e4lterer Mann im marineblauen Anzug lief ihm hinterher, ein Gem\u00e4lde in jeder Hand.<\/p>\n<p>Die Gestalt, deren Namen sie jetzt kannte, hielt an und drehte sich halb um. Sein Gesichtsausdruck vermittelte totale M\u00fcdigkeit und Lustlosigkeit gegen\u00fcber allem.<br \/>\n<em>Ein Abgrund von einem Mann<\/em>, hatte sich Jeanne sofort gedacht.<br \/>\nDer Mann im Anzug ging mit gro\u00dfen Schritten auf ihn zu und hielt ihm seine Gem\u00e4lde hin. Aber Van Gogh sch\u00fcttelte wortlos den Kopf.<br \/>\n\u201eNehmen Sie sie, ich habe Ihnen doch gesagt, ich kann nichts damit anfangen!\u201c, sagte der Mann gereizt.<br \/>\nVan Gogh schaute zu ihm auf, denn er war fast einen Kopf kleiner.<br \/>\n\u201eIch auch nicht.\u201c Dann drehte er sich um und ging. Diese besondere Stimme mit ihrem entr\u00fcckten Klang blieb f\u00fcr immer in Jeannes Ged\u00e4chtnis haften. Es war wie ein leiser Schrei, der im Get\u00f6se und in kranker Betriebsamkeit des menschlichen Alltags so leicht \u00fcberh\u00f6rt wird.<br \/>\nDer \u00e4ltere Mann blieb einige Zeit stehen und schaute dem Gehenden nach, dann sah er sich beide Bilder an, murmelte etwas unzufrieden vor sich hin und ging resigniert zur\u00fcck in seine Galerie.<\/p>\n<p>Nach einigen Monaten hatte Jeanne den Galeristen aufgesucht, denn sie konnte keine Ruhe finden. Sie wollte unbedingt wissen, was aus Van Gogh geworden war. Sie betrat die Galerie mit einem Herzklopfen, als ob ihr eigenes Schicksal davon abhinge. Von dem Galeristen erfuhr sie, dass Van Gogh sich k\u00fcrzlich das Leben genommen hatte.<br \/>\n\u201eIch hoffe sehr f\u00fcr ihn, dass es keine H\u00f6lle gibt. Er hat hier genug gelitten\u201c, sagte der Mann voller Reue. Aber was \u00e4nderte das schon f\u00fcr den Verkannten &#8230;<br \/>\n\u201eUnd die Gem\u00e4lde, was haben Sie damit gemacht?\u201c, fragte Jeanne schockiert.<br \/>\nDer Mann schaute ihr mit seinen w\u00e4ssrigen, hellblauen Augen tief in die Seele hinein.<br \/>\n\u201eSie sind fort, ich habe sie sofort entsorgt.\u201c Er lie\u00df sich auf einen Stuhl sinken. \u201eDabei haben sie schon einen gro\u00dfen Wert. Ich m\u00f6chte gar nicht daran denken, was sie nach Jahren kosten werden.\u201c Das war es also, was ihn am meisten bedr\u00fcckte, sein Gewinnverlust!<br \/>\nJeanne verlie\u00df w\u00fctend das Geb\u00e4ude und verlor sich in der Menschenmenge.<\/p>\n<p>Vor seinem Selbstportr\u00e4t stehend, fing sie an, verachtungsvoll zu lachen, \u00fcber all jene, die sein Talent nicht rechtzeitig erkannt hatten und zu sp\u00e4t begannen, ihn zu verg\u00f6ttern.<\/p>\n<p>Es dauerte Jahre, bis sie mit der Truppe in diese \u201eFestung\u201c namens Paris hineinkutschierte, denn der Patron wartete z\u00f6gernd auf die richtige Aufstellung. Er wollte mit seinen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Figuren die Herzen der Bewohner dieser Stadt, vor der er gro\u00dfe Ehrfurcht hegte, schlagartig erobern. Erst als er endlich mit der Konstellation zufrieden war und genug Mut und \u00dcberzeugung aufbrachte, gab er halb scherzhaft den Befehl: \u201eAuf zum euch geb\u00fchrenden Ruhm, meine Krieger!\u201c<br \/>\nBis dahin waren sie viel durchs Land gereist. Bourgogne, Normandie, Bretagne. Sie durfte anf den Str\u00e4nden von Cannes und Nizza spazieren und ihre verg\u00e4nglichen Fu\u00dfabdr\u00fccke in den Sand zeichnen. Sie a\u00df im Hafen von Le Havre Br\u00f6tchen mit Matjesfilet und Zwiebelringen, w\u00e4hrend wie verr\u00fcckt gewordene M\u00f6wen sie kreischend angriffen.<\/p>\n<p>Nur ihren Heimatort, Avignon, aus dem sie zuvor gefl\u00fcchtet war, besuchten sie nie wieder. Sogar jetzt wusste sie nicht, ob es nur ein Zufall war oder es sich zwischen ihr und dem Patron um eine unausgesprochene Vereinbarung handelte. Aber sie war ihm f\u00fcr die Ersparnis dieses \u00c4rgernisses sehr dankbar, denn sie h\u00e4tte auf gar keinen Fall dahin zur\u00fcckkehren wollen. Nicht mal als eine junge erwachsene Frau, die durch die Welt reiste, neue Freunde und Weggef\u00e4hrten gefunden hatte, die sie ohne Zweifel bis zum Letzten besch\u00fctzen w\u00fcrden. Sie f\u00fcrchtete, sie h\u00e4tte selbst den zuf\u00e4lligen Anblick ihres Peinigers nicht ertragen k\u00f6nnen, sich vor ihm wieder wie ein machtloses Kind gef\u00fchlt und w\u00e4re vor Schmerz vergangen. Dies alles blieb ihr erspart.<\/p>\n<p>Sie erinnerte sich \u00f6fters ihrer Flucht und musste voller Selbstzufriedenheit schmunzeln. Es war ein gro\u00dfer und richtiger Schritt gewesen, um die Herrin ihres eigenen Lebens zu werden, um das sie sonst vollst\u00e4ndig beraubt w\u00e4re. Ein Teil davon war sogar f\u00fcr immer fort. Sie wollte den Rest retten und tat es auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>In <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13365\">Teil 2<\/a> der Geschichte erfahren Sie, wie es weiterging.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Giorgi Ghambashidze<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0<span style=\"color: #333333;\">Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a><\/span> | Inventarnummer: 21127<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeanne hielt vor dem farbenfrohen Plakat an, das sie schon auswendig kannte. 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