{"id":13348,"date":"2021-11-02T16:34:57","date_gmt":"2021-11-02T16:34:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13348"},"modified":"2021-11-06T08:45:39","modified_gmt":"2021-11-06T08:45:39","slug":"das-haarwuchsmittel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13348","title":{"rendered":"Das Haarwuchsmittel"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13348&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13348&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Ein modernes M\u00e4rchen f\u00fcr Erwachsene<\/em><\/p>\n<p>Herr Josef Glatz, 52, verwitweter Inhaber eines \u201eHerren-Friseursalons\u201c, hatte nach einem starken <strong>Samstagvormittag<\/strong> sein Lokal zugesperrt und sauber gemacht. Nun gedachte er, nach Mittagessen und Siesta, endlich das Hinterzimmer auszur\u00e4umen. Oft hatte er einen \u201eAnlauf\u201c genommen, aber beim Anblick der unglaublich vielen gro\u00dfen und kleinen Flascherln aus Glas und Plastik, der Tiegel, Cremedosen und Zerst\u00e4uber aus dem vor drei Jahren aufgelassenen \u201eDamensalon\u201c war er entmutigt davor zur\u00fcckgeschreckt und kopfsch\u00fcttelnd wieder hinausgegangen.<\/p>\n<p>Vielleicht war es heute das zweite Achterl Veltliner zum Schnitzel, vielleicht der gut gemeinte Rat seines Schwagers Rudi, wieder \u201eOrdnung\u201c in sein Leben zu bringen, die Erinnerung an seine Gattin und ihren Damensalon \u201eloszulassen\u201c. Also los! Mit zwei K\u00fcbeln, Kehrger\u00e4t und Staubtuch bewaffnet betrat er den muffig riechenden Raum, riss alle Fenster auf und ging ans Werk. Aber wohin mit diesen Shampoos, Haarpflege-Mitteln f\u00fcr trockenes, fettes, d\u00fcnnes und gebleichtes Haar, den biologischen S\u00e4ften, den T\u00f6nern, F\u00e4rbemitteln und Entwicklern, all dieser fl\u00fcssigen chemischen und \u201eNatur\u201c-Kosmetik? Das durfte man nicht in den Abfluss gie\u00dfen! Aber die halbvollen Gl\u00e4ser und Plastikgebinde waren weder f\u00fcr den Restm\u00fcll noch Altglas-Container zugelassen. Deshalb sch\u00fcttete er den Inhalt aller Gef\u00e4\u00dfe in die beiden Plastik-K\u00fcbel, um diese dann montags am n\u00e4chsten Mistplatz abzugeben.<\/p>\n<p>Als er die fast vollen Eimer in die Ecke stellte, fiel ihm beim B\u00fccken sein Kamm aus der Brusttasche in die sch\u00e4umende braune So\u00dfe des einen K\u00fcbels. Beim raschen Griff danach spritzte ihm etwas davon auf den rechten Handr\u00fccken. Er sp\u00fclte den Kamm ab, wusch sich die H\u00e4nde und staubte die leeren Regale ab, bevor er f\u00fcr heute Schluss machte. Komisch \u2013 der betroffene Handr\u00fccken juckte leicht! Na ja, kein Wunder bei dieser Mischung. Herr Glatz (von b\u00f6sen Freunden auch \u201eGlatzen-Pepi\u201c genannt \u2013 er hatte tats\u00e4chlich nur mehr einen grauen Haarkranz um den Sch\u00e4del) machte seinen Nachmittagsspaziergang, a\u00df abends im Schanigarten eine \u201eSaure Wurst\u201c zum Bier und ging nach dem Rapid-Match im TV schlafen.<\/p>\n<p>Der <strong>Sonntag<\/strong> kam und ging ohne besondere Vorkommnisse; seinen noch immer leicht juckenden Handr\u00fccken cremte er mit dem Rest einer Cortison-Salbe ein, worauf das aufh\u00f6rte. Und am <strong>Montagfr\u00fch<\/strong> fuhr unser \u201ePepi\u201c die beiden K\u00fcbel zum Mistplatz. Man wies ihn an, das Gemisch in eine mit \u201eGef\u00e4hrlicher Sonderm\u00fcll\u201c bezeichnete Tonne zu sch\u00fctten \u2013 die Eimer musste er wieder mitnehmen. Aber als er sie \u2013 zwecks Reinigung \u2013 zu Hause zum Ausguss stellte, fiel ihm auf, dass sein rechter Handr\u00fccken mit einem feinen Flaum von dunklen Haaren bedeckt war! Verbl\u00fcfft verglich er seine beiden H\u00e4nde \u2013 der linke Handr\u00fccken war wie immer hell und glatt, der rechte schimmerte d\u00fcnkler. Da gab es nur eine Erkl\u00e4rung: Das im Eimer mit dem braunen Inhalt (im anderen war eine erbsengelbe Mischung) musste ein zuf\u00e4llig entstandenes, wirksames Haarwuchsmittel sein!!<\/p>\n<p>Herr Glatz fiel auf den n\u00e4chsten Stuhl und atmete tief ein. Da hatte ihm der Zufall ein Wunder beschert \u2013 ihm war gelungen, worum sich die Wissenschaft seit langer Zeit bem\u00fchte \u2013 er hatte ein wirksames Haarwuchsmittel er-, nein ge-funden!!! Und siedend hei\u00df fiel ihm ein, dass er dieses \u2013 ja, Wundermittel \u2013 vor einer halben Stunde als \u201eGef\u00e4hrlichen Sonderm\u00fcll\u201c weggesch\u00fcttet hatte. Schei\u00dfe, warum hatte er nicht vorher auf seine H\u00e4nde geschaut! Der K\u00fcbel w\u00e4re Millionen wert gewesen!! Aber zur\u00fcckholen konnte er das nicht mehr \u2013 in der Tonne am Mistplatz waren doch viele andere giftige Stoffe wie Farben, L\u00f6sungsmittel und wei\u00df Gott was alles enthalten, da war nichts mehr zu retten. Doch halt \u2013 im K\u00fcbel war ja noch ein Bodensatz. Dieser wertvolle Stoff musste sofort abgef\u00fcllt und aufbewahrt werden, dann w\u00e4re wohl noch ein zweiter Versuch am Platz! Sicher ist sicher!<\/p>\n<p>Sorgf\u00e4ltig schabte er mit einer Teigspachtel die Reste aus dem Eimer \u00fcber einen Trichter in einen leeren Bleikristall-Parfumflacon mit eingeschliffenem Stopfen, dann sp\u00fclte er den K\u00fcbel mit wenig lauwarmen Wasser aus und goss die nunmehr w\u00e4ssrige L\u00f6sung in eine Halbliter-V\u00f6slauer-Plastikflasche. \u201eHaarexpress power\u201c schrieb er auf das Etikett vom Originalstoff, \u201eHaarexpress light\u201c auf die Mineralwasser-Flasche. Um nicht versehentlich daraus zu trinken, malte er vorsichtshalber noch einen Totenkopf darauf, aber einen mit ein paar Borsten obenauf. Gut, und was w\u00e4re jetzt zu tun, um die Wirkung seines \u201eZauber-Elixiers\u201c nachhaltig zu testen?<\/p>\n<p>Lange \u00fcberlegte er hin und her, ob er eine \u201eTestperson\u201c f\u00fcr dieses Experiment gewinnen sollte, kam aber dann zur Einsicht, dass ein Selbstversuch wohl verantwortungsvoller w\u00e4re! Sch\u00f6n. Aber auf welchem K\u00f6rperteil? Am liebsten h\u00e4tte er nat\u00fcrlich die volle Haarpracht seiner Jugend wieder am Kopf gehabt. Andererseits \u2013 seine H\u00e4nde mussten doch bei der Arbeit gleich aussehen. Also die linke Hand mit ein paar Tropfen unverd\u00fcnntem Stoff bestrichen, dann \u2013 wie vorgestern bei der rechten \u2013 nach f\u00fcnfzehn Minuten lauwarm abwaschen. Gott sei Dank war bald darauf wieder ein leichtes Hautjucken zu sp\u00fcren \u2013 die Lage war vielversprechend. Und wie beim \u201eErstfall\u201c bek\u00e4mpfte unser Pepi erst am Dienstagmorgen den Juckreiz mit der gleichen Salbe. Vor dem Aufsperren seines Gesch\u00e4ftes reduzierte er noch den schon deutlicheren Haarwuchs am rechten Handr\u00fccken mit dem Rasierapparat.<\/p>\n<p>Zwischen den wenigen Kunden dieses <strong>Dienstages<\/strong> hatte Herr Glatz Zeit, \u00fcber die Verwendung seines \u201eWunderelixiers\u201c nachzudenken. Vor allem die begrenzte Menge machte ihm zu schaffen: Vom puren Saft war etwa nur 1\/16 Liter vorhanden, und ob die \u201ew\u00e4ssrige L\u00f6sung\u201c wirksam war, musste noch herausgefunden werden. An welcher Person wohl? Was konnte man daf\u00fcr verlangen? Welchen Preis hat ein derma\u00dfen begrenztes Monopol? Und vor allem \u2013 wenn das Mittel oder vielmehr dessen phantastische Wirkung nicht bekannt war, w\u00fcrde ja niemand viel Geld daf\u00fcr bezahlen! Der Stoff musste \u2013 nach dem zweiten, positiven Test \u2013 bekannt werden!! Nur wie? Aber andererseits, wenn das Mittel bekannt w\u00e4re, w\u00fcrden wohl tausende Anfragen kommen \u2013 und er hatte nur die paar Tropfen im Bestand!! Also was tun??<\/p>\n<p>Dr. P\u00f6llgruber unterbrach als letzter Besucher diese \u00dcberlegungen. Der langj\u00e4hrige Kunde beklagte sich \u00fcber seine immer gr\u00f6\u00dfer werdende \u201ePlatte\u201c \u2013 man nenne ihn in seiner Redaktion schon \u00f6fter \u201ePr\u00f6llgruber\u201c, nach der \u00e4hnlichen \u201eFrisur\u201c des ehemaligen nieder\u00f6sterreichischen Landeshauptmannes. So fragte er seinen Friseur, was dieser vom derzeit propagierten koffeinhaltigen Shampoo hielte. Ob das wirklich helfen k\u00f6nne? Glatzen-Pepi wiegte nachdenklich den Kopf: \u201eNun ja, das ist zwar schon einige Zeit am Markt, aber von einer durchschlagenden Wirkung habe ich noch nichts geh\u00f6rt. In der Innung ist man auch vorsichtig. Ja, Koffein soll die Durchblutung der Kopfhaut anregen, aber das w\u00fcrde eine Massage auch. Dann soll noch ein Medikament gegen Bluthochdruck, es hei\u00dft, glaub ich, Minoxidil, als leichte Nebenwirkung einen verst\u00e4rkten Haarwuchs haben. Auf gesunde Menschen kann man das wohl nicht loslassen. Aber ich bin gerade einer Sache auf der Spur, die mir keine Ruhe l\u00e4sst. Rufen Sie mich am Freitag an, dann wei\u00df ich schon N\u00e4heres, ja?\u201c Herr P\u00f6llgruber notierte das sofort im Kalender seines Handys und verabschiedete sich optimistisch: \u201eDann schau ma halt einmal, net?\u201c Und beim Zusperren streichelte unser Pepi den noch kaum sp\u00fcrbaren Haarwuchs am linken Handr\u00fccken. Sehr gut, das Mittel schien zu wirken!<\/p>\n<p>In der Tat, seine nunmehr mit feinen dunklen H\u00e4rchen bedeckten Handr\u00fccken fielen den Kunden auf und l\u00f6sten sowohl deren Staunen als auch Befangenheit beim Friseur aus. Sollte er nun l\u00fcgen, dass er seine H\u00e4nde fr\u00fcher \u2013 seiner Frau zuliebe \u2013 immer rasiert h\u00e4tte? Das w\u00fcrde doch kaum wer glauben. Oder die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit? Oh Gott, das w\u00fcrde ja sofort die Begehrlichkeit von \u00e4lteren M\u00e4nnern wecken, die aber kaum viel daf\u00fcr bezahlen w\u00fcrden (sein Salon lag in einem Arbeiterviertel). Fix nochmal, eine plausible Erkl\u00e4rung musste her. Da fiel ihm ein, was seine schlaue Gattin bei heiklen Anl\u00e4ssen immer gesagt hatte: \u201eMit nix l\u00fcgt man besser als mit der halben Wahrheit!\u201c Also er habe unl\u00e4ngst beim R\u00e4umen des Damensalons einen Flacon ohne Etikett gefunden, es f\u00fcr Parf\u00fcm gehalten und etwas zur Probe auf seine H\u00e4nde gespr\u00fcht \u2013 mit diesem erstaunlichen Ergebnis. Und nein, er k\u00f6nne das Mittel nicht \u201eung\u2019schaut\u201c an seinen Kunden ausprobieren, weil er Zusammensetzung und Eigenschaften des Stoffs nicht kenne. Au\u00dferdem h\u00e4tte er Eigenbedarf f\u00fcr den kleinen Rest, schlie\u00dflich sei er auch kein \u201eStruwelpeter\u201c mehr.<\/p>\n<p>Diesen egoistischen Schutzwall durchstie\u00df <strong>donnerstags<\/strong> der \u201eSchweinem\u00f6rder\u201c (so wurde der Fleischhauer Schallowitz von b\u00f6sen Freunden genannt) wie ein Panzer. Der 130-Kilo-Koloss wollte, als er beim Rasieren die behaarten H\u00e4nde des Friseurs sah, auch gleich seinen nur mehr d\u00fcnn behaarten Kopf mit diesem Wundermittel behandelt wissen. Und legte, nach Abwehr von Herrn Glatz, glatte 1000 Euro aus der Brieftasche auf den Tisch. Nach neuerlichem Bedenken von Pepi, das Mittel sei nicht ausreichend getestet, es k\u00f6nnte auch Nebenwirkungen haben oder nicht auf jeden Hauttyp ansprechen, und er wolle nicht als Scharlatan verschrien werden, gelobte der Kunde Schweigen, er nehme alles auf sich und versprach, bei sichtbarer Wirkung des Mittels nach vier Wochen noch einen Tausender draufzulegen. Also in Gottes Namen \u2013 Herr Glatz sprengte ihm nach der Haarw\u00e4sche einige Spritzer des \u201eHaarexpress-light\u201c auf die Kopfoberfl\u00e4che und massierte es gr\u00fcndlich ein. Ein leichtes Hautjucken anfangs, so erkl\u00e4rte er, m\u00fcsse der Kunde in Kauf nehmen. Hoch erhobenen Kopfes verlie\u00df Herr Schallowitz den Salon.<\/p>\n<p>\u201eIst eh schon egal\u201c, dachte der Friseur, als er abends seine Glatze im Spiegel betrachtete, \u201eauf was warte ich noch?\u201c Und behandelte seine Kopfhaut nach dem Duschen sparsam mit \u201eHaarexpress power\u201c. Immerhin schon ein Extra-Tausender in der schwarzen Kasse! Vielleicht bekam er das Geld f\u00fcr ein neues Auto zusammen \u2013 sein uralter Golf hatte letzthin nur mehr mit \u201eBauchweh\u201c ein \u201ePickerl\u201c bekommen. \u00dcber die Shampoo-Reklamen im Fernsehen mit ihren gewagten Versprechungen konnte er nur mehr m\u00fcde l\u00e4cheln: \u201eIhr Schaumschl\u00e4ger mit euren Werbe-Millionen \u2013 ich, der kleine Vorstadtfriseur, kann das, was ihr nicht zustandebringt!\u201c<\/p>\n<p>Genau das hoffte auch Herr Dr. P\u00f6llgruber, als er <strong>freitagmorgens<\/strong> den Salon betrat: \u201eGuten Morgen, bin ich noch zu fr\u00fch?\u201c Glatzen-Pepi begann zu schwitzen \u2013 er hatte noch nicht \u00fcberlegt, wie er dem Stammkunden den Preis schmack- und glaubhaft machen konnte. Verlegen kratzte er sich am Kopf \u2013 oh Gott ja, der ersehnte Juckreiz war da! Alles in Butter, das Mittel wirkte! Also holte er den kleinen Bleikristall-Flacon hervor und erkl\u00e4rte: \u201eSehen Sie, diese Probe ist alles, was ich bekommen habe \u2013 mehr gibt\u2019s nicht. Und das hat mich eine sch\u00f6ne Stange Geld gekostet. Ich schlage vor, Sie geben mir vor der Behandlung 1000 Euro als Einsatz; wenn sich innerhalb von vier Wochen Haarwuchs einstellt, geh\u00f6rt das Geld mir, wenn nicht, bekommen Sie es zur\u00fcck. Und niemand erf\u00e4hrt davon, ja! Ist das okay?\u201c Der Kunde schluckte \u2013 so teuer hatte er sich das nicht vorgestellt; aber andererseits \u2013 eine bereits angedachte Haartransplantation kostete sicher mehr als das Doppelte, und dazu noch Auslandsaufenthalt und lange Dauer \u2013 also da war er bei seinem vertrauten Friseur wohl besser aufgehoben. \u201eIst in Ordnung, machen wir\u2019s gleich? Weil ich hab heute einen sehr langen Tag.\u201c Glatzen-Pepi nickte und legte verschw\u00f6rerisch den Finger auf den Mund, weil ein Kunde eintrat.<\/p>\n<p>Nach der Behandlung mit dem unverd\u00fcnnten Treibmittel empfahl er dem Kunden noch die Salbe gegen eventuellen Juckreiz und bat ihn, am Dienstag zum Rasieren wiederzukommen. Der Kunde staunte zuerst, verstand aber dann das zweimalige Augenzwinkern und sagte zu: \u201eIst in Ordnung, ich zahle gleich, muss noch zum Bankomat gehen.\u201c Pepi nickte. Prima, der zweite Tausender in der \u201eAuto-Kassa\u201c.<\/p>\n<p>Das Wochenende verging ruhig, aber <strong>dienstags<\/strong> kam es dann dick: Als erster Besucher trat fr\u00f6hlich grinsend der \u201eSchweinem\u00f6rder\u201c mit einem in blutiges Papier gewickelten Packerl ein: \u201eGuten Morgen, Herr Glatz, was sagen Sie dazu?\u201c Er neigte den Kopf und pr\u00e4sentierte den winzigen dunkelblonden Flaum zwischen den vereinzelten l\u00e4ngeren Haaren seines enormen Quadratsch\u00e4dels. \u201eIch hab\u2019s ja kaum glauben k\u00f6nnen, dass da wieder was nachkommt \u2013 da sind zwei sch\u00f6ne Steaks und ein Beiried f\u00fcr Sie! Und den Rest wie besprochen, ja?\u201c Damit legte er seine Liebesgabe in das Waschbecken und verlie\u00df fr\u00f6hlich pfeifend das Lokal.<\/p>\n<p>Das Ganze hatte auch der soeben eingetroffene Chefredakteur Dr. P\u00f6llgruber geh\u00f6rt und gesehen. Er wollte genauso seine hauchd\u00fcnne neue \u201eWolle\u201c begutachten lassen \u2013 immerhin hatte er seinen \u201eEislaufplatz\u201c auf der Sch\u00e4deldecke \u00fcbers Wochenende fast blutig gekratzt, weil er auf die empfohlene Salbe vergessen hatte: \u201eWas sagen Sie dazu, Herr Glatz, der Ansatz ist ja vielversprechend \u2013 aber wird das wieder wie meine fr\u00fcheren Haare? Es scheint mir ein bisserl ins Kr\u00e4useln \u00fcberzugehen \u2013 ich meine, ich hab\u2019 ja keine Verwandten in Afrika?\u201c Der Friseur nach einem Blick darauf: \u201eAber gehen S\u2019, das kann man erst nach drei, vier Wochen beurteilen. Und was ich mich erinnere, haben Sie seinerzeit leicht gewelltes Haar gehabt. Das wird schon, und vor dem Schlafengehen die Kopfhaut massieren, das regt die Durchblutung an.\u201c Der Kunde verabschiedete sich beruhigt.<\/p>\n<p>Und gerade beim Zusperren kam nochmals der Fleischhauer in Begleitung eines eleganten, aber total kahlk\u00f6pfigen j\u00fcngeren Mannes: \u201eKommt eh niemand mehr? Nein? Also das ist der Herr Magister Neunteufel, der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von Mercedes Wien-Nord. Ich hab vorhin meinen neuen Wagen abgeholt, und wie ich drin gesessen bin, hat er halt gesehen, dass bei mir wieder Haare nachwachsen. Und weil er so darunter leidet, als ein Junger schon glatzert zu sein, hat er mich gefragt, was mir geholfen hat. Sind S\u2019 mir eh nicht b\u00f6s\u2019?\u201c Der junge Mann hob verlegen seine H\u00e4nde: \u201eGuten Abend, es tut mir leid, wenn ich Sie in Verlegenheit bringe, aber wissen Sie, in meiner Familie verlieren die M\u00e4nner ab 30 schon die Haare, und weil nur ein Kranzl herum auch bl\u00f6d ausschaut, bin ich lieber total rasiert. Aber welche junge Frau will schon einen Skinhead? Ich werde gerne einen guten Preis bezahlen, wenn Sie mir helfen k\u00f6nnen!\u201c Herr Glatz h\u00f6rte schon an der Stimmlage, dass dieses Problem seelisch tief ging. Vorsichtig erwiderte er: \u201eWissen Sie, das ist nicht so einfach: Ich habe das Mittel zuf\u00e4llig gefunden, und es ist nur mehr ein winziger Rest da. Ob das bei allen F\u00e4llen wirkt, kann ich nicht garantieren, und was tu ich, wenn\u2019s nicht wirkt?\u201c Herr Neunteufel bohrte gekonnt nach \u2013 denn der Schweinem\u00f6rder hatte ihm einen Tipp gegeben: \u201eEin Tausender nur f\u00fcr einen Versuch ist okay. Und wenn es Erfolg hat \u2013 schauen Sie, den roten Wagen vor dem Lokal k\u00f6nnen Sie um den halben Preis haben.\u201c Glatzen-Pepi starrte entgeistert durch die Auslage: Da stand ein junger Mercedes Klasse A, weinrot und gl\u00e4nzend wie ein Neuwagen, mit 18.000 Euro angeschrieben. Wahnsinn \u2013 genau so einen eleganten Flitzer hatte er sich immer schon gew\u00fcnscht! Verlegen meinte er: \u201eNa dann versuchen wir\u2019s halt, nehmen S\u2019 Platz, und \u2013 guten Abend, Herr Schallowitz!\u201c<\/p>\n<p>Um es abzuk\u00fcrzen \u2013 der letzte Rest \u201eHaarexpress power\u201c wirkte auch hier. Aber gleicherweise, wie den Friseur die eigene, ans Licht dr\u00e4ngende Haarpracht erfreute, wucherten im Bezirk wildeste Ger\u00fcchte \u00fcber sein Wundermittel. Die vorsichtshalber getragene \u201eTarnkappe\u201c n\u00fctzte nichts mehr, ein kurzer Windsto\u00df auf der Gasse hatte sein Geheimnis enth\u00fcllt, und die tratschs\u00fcchtige Trafikantin nebenan badete f\u00f6rmlich in ihren \u201eOffenbarungen\u201c. Immer wieder st\u00fcrmten Glatzentr\u00e4ger seinen Laden, der Zettel in der Auslage: \u201eHier werden nur mitgebrachte Haare geschnitten \u2013 f\u00fcr Wunder wenden Sie sich an die Kirche \u2019Maria, Hilfe der Christen 1220 Wien\u2018\u201c \u2013 wurde zwar bel\u00e4chelt, aber kaum beachtet. Weshalb Herr Glatz die Tafel im Schaufenster austauschte mit dem konsequent befolgten Text: \u201eWegen \u00dcberlastung werden nur mehr Stammkunden bedient.\u201c Gott sei Dank ebbte die Ger\u00fcchteb\u00f6rse infolge Nahrungsmangel nach zwei Wochen gro\u00dfteils ab. Pepi wagte sich (Herr Neunteufel hatte Wort gehalten) mit seinem roten Mercedes wieder auf die Gasse; die vereinzelten Anfragen nach seinem phantastischen Haarwuchsmittel wurden lakonisch mit der Mitteilung \u201eIch hab nichts mehr davon\u201c abgew\u00fcrgt. Tats\u00e4chlich wartete nur mehr ein Lackerl von \u201eHaarexpress light\u201c auf seine Anwendung.<\/p>\n<p>Bis ein paar Wochen sp\u00e4ter eine gepflegte Dame mittleren Alters den morgens noch leeren Herren-Salon betrat mit der freundlichen Frage: \u201eSind Sie der Herr Glatz, der meinem Sohn geholfen hat? Wissen S\u2019, ich hab ja so eine Freude, dass er wieder gut aussieht und tanzen geht, das ganze Leben ist wieder sch\u00f6ner geworden. Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen von ganzem Herzen, Sie haben eine Mutter und ihren Sohn gl\u00fccklich gemacht. Und wenn ich schon so unversch\u00e4mt sein darf, wir haben Samstagabends ein Konzert meiner Musikgruppe in Bisamberg, wozu ich Sie gerne mit Begleitung einladen w\u00fcrde.\u201c Sie legte eine sch\u00f6ne Karte \u201eEva Neunteufel l\u00e4dt ein\u201c auf seinen Arbeitstisch. Pepi dankte verlegen \u2013 er war fr\u00fcher mit Gattin \u00f6fter zu feinen kleinen Veranstaltungen ausgegangen. \u201eIch komme gerne, nur mit Begleitung kann ich leider nicht dienen.\u201c Da sch\u00fcttelte die Damen l\u00e4chelnd den Kopf: \u201eDas kann ich gar nicht glauben \u2013 so ein liebenswerter Mann im besten Alter! Also auf Wiedersehen, ich freue mich auf Ihren Besuch.\u201c Erst als sie \u2013 nach intensivem Blickkontakt \u2013 den Laden verlassen hatte, rekapitulierte der Friseur, dass die Dame sorgf\u00e4ltig get\u00f6ntes und frisiertes, aber auch ein bisserl sch\u00fctteres Haar hatte. Wollte sie ihn wirklich nur zur Musik einladen? Aber nein, das hatte echt geklungen; und es erinnerte ihn an seine selige Eva, die ihm auch dann und wann etwas mit Raffinesse abgeschmeichelt hatte. Rosige Gedanken keimten da auf \u2013 denn ja, stimmt, die Dame hatte keinen Ehering am Finger, und Eva hie\u00df sie auch noch!<\/p>\n<p>Die drei \u201eErstanwender\u201c blieben unserem Herrn Glatz weiterhin nicht nur beim Haarschneiden freundschaftlich verbunden: Jeden Freitag stellte sich der \u201eSchweinem\u00f6rder\u201c mit zwei sch\u00f6nen Schnitzeln ein, Herr Neunteufel j\u00e4hrlich mit kostenlosem \u00a757-Pickerl f\u00fcr das Auto, und Dr. P\u00f6llgruber mit einem Gratis-Abo seiner Zeitung. Was zuletzt eine regelm\u00e4\u00dfige Tarockpartie am ersten Sonntag des Monats zur Folge hatte. Und bei jedem riskanten \u201eFarbsolo\u201c, den Herr Glatz ansagte, lachten die Mitspieler und meinten: \u201eJetzt wird\u2019s haarig!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Robert M\u00fcller<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a>| Inventarnummer: 21124<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein modernes M\u00e4rchen f\u00fcr Erwachsene Herr Josef Glatz, 52, verwitweter Inhaber eines \u201eHerren-Friseursalons\u201c, hatte nach einem starken Samstagvormittag sein Lokal zugesperrt und sauber gemacht. Nun gedachte er, nach Mittagessen und Siesta, endlich das Hinterzimmer auszur\u00e4umen. 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