{"id":13288,"date":"2021-10-15T17:59:45","date_gmt":"2021-10-15T17:59:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13288"},"modified":"2021-10-17T18:07:14","modified_gmt":"2021-10-17T18:07:14","slug":"der-schluessel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13288","title":{"rendered":"Der Schl\u00fcssel"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13288&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13288&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Heute war ich rasch am Friedhof; mein Schwiegervater hat heute Sterbetag und so habe ich ihm ein Licht angez\u00fcndet. Ich habe ihm ja einiges zu verdanken. Seit ich seine Tochter kennen- und lieben gelernt habe, ist in meinem Lebenskompass wieder eine Magnetnadel, die vorw\u00e4rts zeigt. Dass er mich nicht mochte, war mir herzlich egal, ich war halt einfach da. Wie ich gerade die alte Kerzenh\u00fclle in den K\u00fcbel am Eingang werfen will, sehe ich daneben im Gras einen Schl\u00fcssel liegen. Einen altmodischen, gro\u00dfen Buntbart-Schl\u00fcssel mit einem Spagatschn\u00fcrl daran. Ich sehe ihn genauer an: Am Griff ist er vernickelt, aber der untere Schaft und Bart sind abgeschliffen, und oben am Bartrand war da noch ein Schleifgrat. Ein ziemlich neu nachgemachter Schl\u00fcssel also, wie f\u00fcr ein altes Haustor, oder ein Plumpsklo, vielleicht auch f\u00fcr einen Weinkeller.<\/p>\n<p>Gut, ich habe den Schl\u00fcssel analysiert \u2013 aber was mache ich jetzt damit? Bei der Gemeinde abgeben? Dank hat man eh keinen, und au\u00dferdem ist das Gemeindeamt jetzt geschlossen. Aber ich k\u00f6nnte den pensionierten Gemeindediener fragen, ob er den Schl\u00fcssel kennt. Er kennt ja jedes Haus und jedes Kind bei uns, und er wohnt gleich hinter dem Friedhof. Also gut, ich l\u00e4ute halt bei ihm an. \u201eDer Josef is ned da!\u201c, t\u00f6nt eine \u00e4rgerliche Frauenstimme aus dem Fenster. Ich frage mutig zur\u00fcck, wo ich ihn erreichen k\u00f6nnte. \u201eNau, wo wird er scho sei? Im K\u00f6lla nat\u00fcrlich!\u201c, ist die bissige Antwort. Mein freundliches \u201eDanke sch\u00f6n\u201c ist fast schon ein bisserl provokant.<\/p>\n<p>Weil ein Spaziergang durch die Kellergasse etwas ausgesprochen Angenehmes ist, lenke ich meine Schritte hinaus. Irgendwie kommt mir beim Eintauchen zwischen die ersten Pressh\u00e4user und Kellerkappeln immer das Lied \u201eHeut\u2019 war die alte Zeit bei mir\u201c in den Sinn. Diese alten Zweckbauten mit ihren schlichten Formen ohne Pflanz und Protz habe ich immer geliebt. Da hat alles einen Sinn, das war genau f\u00fcr den eigenen Bedarf, also nicht gr\u00f6\u00dfer als notwendig, gebaut, mit eigenen H\u00e4nden gegraben und gemauert mit dem, was da war: Bruchsteine und Ziegel, oft mit ungebrannten Lehmziegeln dazwischen, ein Eichentram \u00fcber der T\u00fcr, ein, zwei Luken zum Luftaustausch, eine Doppelt\u00fcre aus Brettern mit dem Latten-Z hinten, und ein L\u00fcftungsgitter. Mit der Hand grob verputzt und mit Kalkmilch gwei\u00dfent, das war\u2019s \u2013 und hat auch 150 Jahre gehalten.<\/p>\n<p>Langsam \u2013 weil hier hat man es nicht eilig \u2013 schlendere ich das holprige Pflaster hinauf. Da geht gleich der Puls zur\u00fcck, und das Auge streichelt die sch\u00f6nen alten H\u00e4user f\u00fcr den Wein, bleibt da und dort an einem eigenwilligen Detail h\u00e4ngen. Das Ohr nimmt nur Stille, Vogelzwitschern und das Fl\u00fcstern des Windes in den vereinzelt stehenden Nussb\u00e4umen wahr.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wo der Josef seinen Keller hat. Also stolpere ich in den ersten offenen Keller-Eingang hinein und rufe \u201eHallo, ist wer da?\u201c, und erhalte gleich die Antwort: \u201eFr\u00e5g net so bl\u00f6d, kumm owa!\u201c Unten steht der Josef mit dem Franz (meinem Rotwein-Lieferanten) bei einem Fass. Er schenkt mir ungefragt ein Achtel ein, und nach dem Kostschluck und darauffolgenden leisen \u201eAhhh\u201c riskiere ich die Frage: \u201eSag, wei\u00dft du, wem der Schl\u00fcssel g\u2019h\u00f6rt? Er ist im Friedhof beim Mistk\u00fcbel g\u2019leg\u2019n.\u201c<\/p>\n<p>Da leuchten die Augen des Franz auf wie Auto-Scheinwerfer bei Fernlicht: \u201eJ\u00f6, der g\u2019h\u00f6rt mir. Danksch\u00f6n!!!\u201c Einige Achterl sp\u00e4ter wei\u00df ich, dass dem Franz wegen anhaltender Bettflucht von der Frau der Schl\u00fcssel abgenommen worden ist. Aber er hat sich \u2013 in vorauseilendem Misstrauen \u2013 schon vor acht Tagen einen zweiten machen lassen. Und den habe ich heute gefunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Robert M\u00fcller<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=1490\">s\u00fcffig<\/a> | Inventarnummer: 21117<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute war ich rasch am Friedhof; mein Schwiegervater hat heute Sterbetag und so habe ich ihm ein Licht angez\u00fcndet. Ich habe ihm ja einiges zu verdanken. Seit ich seine Tochter kennen- und lieben gelernt habe, ist in meinem Lebenskompass wieder eine Magnetnadel, die vorw\u00e4rts zeigt. 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