{"id":13269,"date":"2021-10-12T16:25:13","date_gmt":"2021-10-12T16:25:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13269"},"modified":"2021-10-16T16:28:28","modified_gmt":"2021-10-16T16:28:28","slug":"im-wachs-der-seele-ludwig-thoma-zum-100-todestag-am-26-august-2021","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13269","title":{"rendered":"Im Wachs der Seele \u2026 Ludwig Thoma zum 100. Todestag am 26. August 2021"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13269&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13269&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Obwohl buchst\u00e4blich landl\u00e4ufig, erscheint es falsch, Ludwig Thoma auf die Art seiner Klassiker wie \u00abLausbubengeschichten\u00bb (1905\/07), den \u00abM\u00fcnchner im Himmel\u00bb (1911) oder \u00abJozef Filsers Briefwexel\u00bb (1912) zu beschr\u00e4nken. Zu solcher Eingrenzung trug ma\u00dfgeblich die Rezeption der deutschen Wirtschaftswunderzeit mit ihrer (Sehn-)Sucht nach einer heilen Vergangenheit bei, die neben dem Verlagswesen \u2013 auch \u2013 in einem halben Dutzend Filmen wirksame Verbreitung fand. Aber nat\u00fcrlich gab Thoma solcher Interpretation reichlich Nahrung.<\/p>\n<p>Thomas Werk erscheint \u2013 mir \u2013 wesentlich gepr\u00e4gt von einem Beobachterstatus. Dieser begr\u00fcndet sich, bei ihm stark ausgepr\u00e4gt, in einer Mischung aus gew\u00fcnschter Einbindung und eigensinnigem Nicht-Dazugeh\u00f6ren. Zur Renitenz trugen wesentlich chaotische Lebensumst\u00e4nde bei, die erst in seinen mittleren Jahren dank literarischem Erfolg und dementsprechender finanzieller Absicherung in ein \u2013 \u00e4u\u00dferlich \u2013 ruhigeres Fahrwasser gelangten. Paradigmatisch steht daf\u00fcr das unter eigener planerischer Beteiligung 1907 erbaute Haus \u00bbAuf der Tuften\u00bb in Rottach-Egern am Tegernsee: ein zutiefst traditionelles, halb b\u00e4uerliches (mit Bauernstube und \u00abKuchl\u00bb), halb b\u00fcrgerliches Anwesen (mit Biedermeierzimmer) als Treffpunkt arrivierter K\u00fcnstler (wie Slezak, Ganghofer, Richard Strauss).<\/p>\n<p>Noch einmal zur\u00fcck: Fr\u00fch verlor er den Vater, einen F\u00f6rster; seine Mutter, die ihren Lebensunterhalt in wechselnden Gastwirtschaften bestritt, sah f\u00fcr ihn eine klerikale Laufbahn vor, wohl kaum vom Jungen gewollt, was zu stets kurzfristigen Schulaufenthalten in halb S\u00fcddeutschland f\u00fchrte. Aus dem zun\u00e4chst anhaltenden Wanderleben verblieb eine Unruhe, die in der jahrelangen unbefriedigenden Suche nach Zugeh\u00f6rigkeit, ob bei studentischen Corps, ob bei zahlreichen Frauenbekanntschaften, und nach beruflicher Basis, die immerhin in einigen Jahren Rechtsanwaltskanzlei in Dachau (1894\u201397) m\u00fcndeten.<br \/>\nDer Wechsel nach M\u00fcnchen verlegte die Unrast in das Schriftstellerische. Er beginnt zum einen die im Umgang mit Landbev\u00f6lkerung und Boheme erworbenen Erfahrungen umzusetzen in seinen Kom\u00f6dien und zahlreichen Kurzgeschichten. Zum anderen nimmt er die f\u00fcr ihn bornierte Gesellschaft aufs Korn; er wird zum entscheidenden Motor des Satiremagazins \u00abSimplicissimus\u00bb.<\/p>\n<p>Einen offensichtlichen Wandel gebiert der Erste Weltkrieg. Thoma ist beileibe nicht der einzige freiwillige Kriegsbegeisterte unter K\u00fcnstlern und Literaten, er \u00fcberlebt, beh\u00e4lt allerdings die deutschnationale Gesinnung bei, die ihn gepaart mit dem Erlebnis der kurzfristigen M\u00fcnchner R\u00e4terepublik zum Antidemokraten macht, der im Miesbacher Provinzblatt einem r\u00fcden Antisemitismus Platz gibt. Wiederum zeigt sich das merkw\u00fcrdig Ungebundene in, wie mir scheinen will, noch zunehmender Ambivalenz: Denn gleichzeitig betreibt er nach dem Ende seiner Ehe mit der T\u00e4nzerin \u00abMarion\u00bb (1911) nunmehr ausgerechnet eine emotional aufwallende Beziehung zur aus j\u00fcdischem gro\u00dfem Haus stammenden Maidi Liebermann und beh\u00e4lt in seinen Texten jetzt \u2013 vor allem \u2013 die halb besch\u00f6nigende, halb reservierte Sicht auf die alte Heimat bei. Gibt er sich \u00e4u\u00dferlich als st\u00e4mmiger bodenst\u00e4ndiger Bajuware mit Schnauzbart, l\u00e4ndlicher Kleidung, Pfeife mit langem Rohr und Jagdleidenschaft, rutscht er psychisch in Depressionen und beginnt, an Magenkrebs zu leiden, an dem er 54-j\u00e4hrig stirbt.<\/p>\n<p>Eine Art Zusammenfassung seiner literarischen Ambitionen \u2013 <em>Im Wachs der Seele hat sich auch alles \u00c4u\u00dfere so abgedr\u00fcckt, da\u00df ich dadurch immer noch die treuesten Bilder von Menschen und Dingen geben konnte<\/em> \u2013 und seines inneren Zustands bietet nach meinem Daf\u00fcrhalten der Roman \u00abAltaich\u00bb (1918). Der Untertitel \u00abEine heitere Sommergeschichte\u00bb wirkt fast provokant, denn es geht im Dachauer Umfeld um das Aufmotzen eines neuerdings durch Lokalbahn angebundenen stattlichen Dorfs zum Luftkurort. W\u00e4hrend einer Saison treffen hier Ausw\u00e4rtige ein, M\u00fcnchner(!) Beamte, Schweizer Poet, habsburgischer Offizier, Berliner Kaufmann mit Gattin und Tochter, eine halbseidene Dorfst\u00e4mmige, ein \u00fcberkandidelter Kunstgeschichtler, denen einige Dorfgranden und Hausdiener in derselben, nicht zuletzt sprachlichen \u00dcberzeichnung gegen\u00fcbergestellt werden mit dem einzigen Antipol einer ehrbaren M\u00fcllerfamilie. Das Karikaturenhafte einer altbaierischen Verwurzelung gegen\u00fcber st\u00e4dtischem Milieu erinnert an die Simplicissimus-Zeiten, in dem solche Wesensarten bereits mit spitzer Feder aufgespie\u00dft wurden, nunmehr allerdings durch das gutm\u00fctig dramatische, r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt-utopische Geschehen und durch eingewobene pers\u00f6nliche Erinnerungen wie jene an seinen Bruder gemildert.<\/p>\n<p>Letztlich zieht Thoma selbst (s)ein Fazit: <em>Leute, die meine B\u00fccher beurteilen, sehen \u00fcber ein paar lustigen Dingen nicht die Hauptsache, in der allein die Schwierigkeit und darum auch das K\u00f6nnen liegt. Das ist, da\u00df alle Menschen leben m\u00fcssen, nach ihrem Typus denken und handeln<\/em>.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a> Da winkt nicht nur der von ihm gesch\u00e4tzte Fontane, dessen \u00abJenny Treibel\u00bb er verehrte, von fern, diese Haltung r\u00fcckt ebenfalls vieles heimatt\u00fcmelnd Ehemalige, vieles In-sich-Kreisende, auch mehrstimmige Ungeordnete, vieles etwas aufsto\u00dfende Durchsichtige in ein von uns Heutigen leidlich akzeptabel nachvollziehbares literarisches Licht. Dass er in einem Testament seine N\u00e4chsten reich bedachte, mag zudem \u00fcber seinen schwierigen, nicht gerade geradlinigen Charakter hinweghelfen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Die beiden Zitate stammen aus Briefen an Maidi von Liebermann vom 8. 9. und 4. 10. 1919; in L. Th., Ausgew\u00e4hlte Briefe, M\u00fcnchen (Langen) 1927<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Martin Stankowski<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.stankowski.info\" target=\"_blank\">www.stankowski.info<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Der Text wurde ver\u00f6ffentlicht in: \u00abDer Literarische Zaunk\u00f6nig\u00bb Nr. 2\/2021<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 21115<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Obwohl buchst\u00e4blich landl\u00e4ufig, erscheint es falsch, Ludwig Thoma auf die Art seiner Klassiker wie \u00abLausbubengeschichten\u00bb (1905\/07), den \u00abM\u00fcnchner im Himmel\u00bb (1911) oder \u00abJozef Filsers Briefwexel\u00bb (1912) zu beschr\u00e4nken. 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