{"id":1323,"date":"2014-04-22T11:17:26","date_gmt":"2014-04-22T11:17:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1323"},"modified":"2014-04-23T11:26:45","modified_gmt":"2014-04-23T11:26:45","slug":"ein-landschaftsportraet-mit-umlaut-a-am-schluss","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1323","title":{"rendered":"Ein Landschaftsportr\u00e4t mit Umlaut-a am Schluss"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1323&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1323&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Am Anfang, am Anfang war da nur dieser eine Strich. Kein gerader Strich, nicht mit dem Lineal gezogen oder die lange Seite eines Geodreiecks entlang und in seine Uniform geschleift, der Strich war ganz freiwillig, freih\u00e4ndig passiert. Niemand hatte ihn dazu gezwungen, zu werden, was er war, nicht der abgenagte Kugelschreiber in meiner Hand und nicht das zuerst leere Blatt auf der laminierten Spanholzplatte von einem Tisch in dem kleinen Erdgeschossb\u00fcro, in dem ich wie \u00fcblich meine Zeit absa\u00df. Es war die Langeweile gewesen, ja, h\u00f6chst wahrscheinlich das Nichtstun, das den Strich da in all den Stillstand hinein geboren hatte, ohne einen Anflug von Zweck und noch ohne zwickende Hintergedanken daran, was aus dem Strich noch einmal alles werden m\u00fcsste in der Zukunft irgendwann. Aber da war er nun, dieser Strich, der da auf dem sonst leeren Blatt Papier von unten nach oben und wieder nach unten ging und, ganz pl\u00f6tzlich, begann der abgenagte Kugelschreiber in meinem Mund damit, mir vor lauter Nagen mit jedem weiteren Kauen geschmacksneutrale St\u00fcckchen zerkautes Plastik auf die Zunge zu br\u00f6seln, ungleich gro\u00dfe Plastikkristalldinger, die ich sofort danach angewidert \u00fcber die Schulter auf den Boden spuckte, und die jubelnd davon h\u00fcpften, ohne dass sie dabei jemals weiter gekommen w\u00e4ren als bis zur allern\u00e4chsten Rigipswand.<br \/>\nGut.<br \/>\nAuf dem Blatt Papier war am Anfang also nur dieser eine Strich.<br \/>\nGut.<br \/>\nGut.<br \/>\nDas konnte nat\u00fcrlich auf keinen Fall so bleiben, nachdem das kalte Quietschen meines Drehsessels beim Zur\u00fccklehnen dazu gef\u00fchrt hatte, dass ich wieder zu denken anfing.<br \/>\nEin Strich, ein einziger, das w\u00e4re niemals genug, war ja nichts im Prinzip. Nur ein einziger Strich, in der ungef\u00e4hren Form eines Berges, nein, ein Strich, der vielleicht maximal ann\u00e4hernd irgendwie so verlief, wie das ein Bergr\u00fccken in zwei Dimensionen so ungef\u00e4hr zirka auch manchmal tun w\u00fcrde, komplett wider die Natur blau auf wei\u00df? Nein! Das reichte niemandem und nirgendwo! L\u00e4cherlich! Nicht gen\u00fcgend! Setzen! Der omin\u00f6se Berg, bis jetzt, war ja nur ein unf\u00f6rmiges Aufundab, nur ein nackter Bergr\u00fccken, der kaum an einen Bergr\u00fccken erinnerte, es war der R\u00fccken eines Bergs, den auch die nach und nach dazugepfuschten Details nicht mehr retten konnten vor seinem Nichtbergsein. Da kamen dann als erstes die Nadelb\u00e4ume, Nadelb\u00e4ume, die wie vermangelter Stacheldraht aussahen, als w\u00e4ren sie nur starres Gekritzel anstatt Teil einer sich an den Hang schmiegenden Baumgruppe, Gekritzel, das weder Tiefe erzeugte noch einen Hauch von Idylle nach vorne brachte, so, wie das das Anschau&#8217;n eines echten Bergs eben so macht. Auch die Wiese, die als zweites dazukam, auch das Gras der Wiese dort rechts \u00fcber dem Fu\u00df von dem Nichtberg sah viel mehr aus wie ein See, wie ein fl\u00fcchtiges Wirrwarr aus seichtem Kugelschreibertintengemisch, wie eine Untiefe, in das ein Orkan hinein blies. Genau das, ja, diese Wiese war nur ein au\u00dfer Kontrolle geratenes Wellenbecken voll ertrinkender Nichtparabeln, struppige Gischt, die auf keinen Fall ihrer Aufgabe als Wiese gewachsen sein konnte, weil sie eben \u00fcberhaupt keine Wiese war. Es war eine Nichtwiese auf einem Nichtberg, genau, und dar\u00fcber, da h\u00e4tte eigentlich eine Almh\u00fctte thronen sollen mit einem Rauchfang, der nicht rauchte, heraus kam aber nur ein flaches Rechteck mit einem flachen Trapez als Dach, zu dem eine viel, viel, viel zu steile Stra\u00dfe hinauf f\u00fchrte, ohne Serpentinen und ohne Mittelstreifen. Um Himmels Willen, dass es \u00fcberhaupt eine Stra\u00dfe war, das konnte man vom Hinschau&#8217;n vielleicht gerade nur noch irgendwie so ann\u00e4hernd erahnen, es war in Wahrheit aber nur blankes Wei\u00df ges\u00e4umt von zwei unsymmetrisch verlaufenden Grenzen aus eintrocknender, blauer Fl\u00fcssigkeit, die stellenweise so knapp an sich selbst gerieten, dass sie sich \u00fcberkreuzten, dass der rechte Stra\u00dfenrand danach pl\u00f6tzlich der linke war, was selbst einem Auto mit Allradantrieb einiges an Schwierigkeiten bereiten d\u00fcrfte.<br \/>\nEin Irrsinn.<br \/>\nNein, zwei!<br \/>\nNein, drei, vier, f\u00fcnf, sechs, sieben!<br \/>\nDer Gipfel war aber so und so die \u00e4rgste Frechheit.<br \/>\nDer Gipfel war irgendwie rund und von kreuz und quer auf- und abtauchenden Adern oder von Wei\u00dfderteufelwas durchkreuzt, alles Striche, alles willk\u00fcrlich, alle krampfhaft versucht, den Eindruck von Spalten in h\u00e4rtestem Gestein zu erwecken, nur, um den Gipfel doch noch zu einem Gipfel werden zu lassen, auf einem Berg, den es gar nicht gab. Ja, noch immer war der Berg nur ein Nichtberg, ein Nichtberg, dessen rundliche Spitze verkleidet war mit einer verzogenen Kuppel, einer verzogenen Kuppel aus verbogenen Metallstreben.<br \/>\nUnd nein.<br \/>\nNein, es war nicht einmal eine fertige Kuppel, es war da nur das Ger\u00fcst einer im Bau befindlichen, notd\u00fcrftig zusammengeschwei\u00dft aus unsicher wirkenden B\u00f6gen aus irgendwie gebogenen Eisenstangen, die vom dreifachen Nachbessern des Gipfelverlaufs gegen meinen eigentlichen Willen irgendwie entstanden waren, und die den \u201eGipfel\u201c nur noch mehr verschandelten. Grauenvoll, ja, grauenvoll sah das aus, das alles, und der Gipfel blieb gerade deshalb auch weiter kein Gipfel, er war so ungipflich, wie ein Nichtgipfel nur sein konnte, wie auch der Haufen Ger\u00f6ll auf halber H\u00f6he am linken Nichtberghang weniger nach einem Haufen Ger\u00f6ll aussah als nach Jabba the Hutt in Krixi-Kraxi-urban-artform-style, dem gerade eine Baumstacheldrahtper\u00fccke auf der spitzen Glatze sa\u00df.<br \/>\nYeah.<br \/>\nTotally.<br \/>\nJa:<br \/>\nWas aber noch viel schrecklicher war als diese unglaubliche Katastrophe von einem Gipfel und einem Berg und einer Wiese und einer Stra\u00dfe und einer Almh\u00fctte, war das Loch, in das auch die eben erw\u00e4hnte Katastrophenstra\u00dfe hinein m\u00fcndete, hinein m\u00fcndete nach einem leichten Schlenker, als h\u00e4tte eine Kugelschreibermine Schleuderspuren hinterlassen, die danach, wie alles andere, spurlos im Loch verschwanden. Das Loch selbst aber, an sich, war nicht viel mehr als ein ovaler Kreis, nicht einmal oval, nein, eher in der Form eines allzu entspannten Gummiringerls, \u00f6fters nachgezogen, nat\u00fcrlich, allzu entspannte Gummiringerl \u00fcber allzu entspannte Gummiringerl \u00fcber allzu entspannte Gummiringerl, wie raue Lippen um den Schlund eines Lochs, das aussah, als h\u00e4tte es ein Glasdach. Ja, wirklich, ein Glasdach, so schlecht war die Bodenlosigkeit dieses Lochs in der Schraffierung angedeutet, dass die Bodenlosigkeit schon an Glas, an vorgedruckte Durchsichtigkeitsschlieren in einem Kindermalbuch erinnerte, aber, aber trotzdem: Das verglaste Loch lag unbeeindruckt von seiner eigenen Unform weiter nicht einmal mehr auf dem Nichtberg, schon ein bisschen links das sonst unber\u00fchrte Tal entlang, ein sch\u00f6nes Tal eigentlich, viel weniger h\u00e4sslich als der verwackelte Strich, der aus der Verglasung des Lochs herauskam, und \u00fcber dem am anderen Ende pl\u00f6tzlich geschrieben stand, \u201eWarum ist dieses Loch ausgegraben?\u201c, und es so aussah, als w\u00fcrde das Loch mit sich selbst in der dritten Person reden, und gar nicht wissen, warum es \u00fcberhaupt war.<br \/>\nUnglaublich!<br \/>\nAja.<br \/>\nUnd fast vergessen:<br \/>\nEs sprang n\u00e4mlich zus\u00e4tzlich, vor all diesem Desaster von einem Hintergrund, auch noch ein scheinbar lebensm\u00fcdes Strichmaxerl herunter von diesem Nichtgipfel dieses Nichtbergs, wobei es gleichzeitig auch nicht irgendein Strichmaxerl war, sondern eins, das diese Entscheidung ohne mein Zutun getroffen zu haben schien, als h\u00e4tte es einen eigenen Willen, und ich nur nicht gut genug aufgepasst.<br \/>\nJa, es mag unwahrscheinlich klingen, denn dieses Strichmaxerl hatte, wie es von meinen bereits zur Schau gestellten, eher nichtgen\u00fcgenden Zeichenf\u00e4higkeiten zu erwarten war, keinerlei \u00c4hnlichkeit mit einem lebendigen Wesen au\u00dfer dem Kopf und den Armen und den Beinen und der Wirbels\u00e4ule. Es hatte keine Stirn und auch keine Ohren, es war das Einfachste vom Einfachen, ohne Gesicht, ohne Mund, ohne Nase, es war ein komplett ausdrucksloses, zerbrechliches Exoskelett ohne jedweden Inhalt, das sich da von dem Nichtberg hinunterst\u00fcrzte und das, ohne Augen, gebannt in das verglaste Loch hinein starren h\u00e4tte sollen, was nur mit einer strichlierten Linie angedeutet, so nicht wirklich deutlich zum Ausdruck kam.<br \/>\nEine strichlierte Linie?<br \/>\nErnsthaft?<br \/>\nAber wie auch immer:<br \/>\n\u201eNaja. Also Sch\u00f6nheit ist der Kurti keine!\u201c, dachte ich sogleich danach und kam gar nicht mehr dazu, mich ausf\u00fchrlicher \u00fcber sein k\u00fcmmerliches Aussehen und seinen von mir aus der Not heraus gehudelten, idiotischen Namen zu beschweren, denn seine blassen, nicht vorhandenen Wangen fingen an, sich \u00fcber sich selbst zu st\u00fclpen, als w\u00fcrde ihm ein riesiger, unsichtbarer F\u00f6n tats\u00e4chlich schnelle, hei\u00dfe Luft mit aller Gewalt an dem leeren Kreis seines Kopfs vorbeijagen, als w\u00fcrde es da tats\u00e4chlich eine Tiefe geben, die nur f\u00fcr den Kurti und mich auf einmal wirklich tief war. Ja, sicher, der Nichtberg war dadurch noch immer kein Berg nicht, er war aber auch kein Nichtberg mehr, er war ein Berg, zwar immer noch grauslich entstellt von der teuflischen L\u00fcge meines Zweiers in Bildnerischer Erziehung, er war aber ein hoher, und ein siebentelwegs echter und einer, von dem dieses Kurti getaufte Strichmaxerl da gerade herunter fiel, das gerade noch ein Fremder gewesen war, und dessen K\u00f6rper sich tats\u00e4chlich vor mir wie im Daumenkino unscharf nach unten bewegte.<br \/>\nGut.<br \/>\nEs war aber auch in stotternden Einzelbildern noch immer kein sch\u00f6ner Anblick.<br \/>\nDer Kurti, der hatte zwei St\u00fcmpfe als Arme und zwei St\u00fcmpfe als Beine und ein ebenso d\u00fcnnes R\u00fcckgrat, das alle vier St\u00fcmpfe miteinander verband zu einem praktisch gr\u00e4tenfreien, unnat\u00fcrlich asymmetrischen Fischgr\u00e4tenmuster, und so von mir zugerichtet fiel der Kurti nun herunter von dem Nichtberg und, so wie es aussah, in dieses Loch hinein, mit einer einzigen, ungewollt entstandenen Haarstr\u00e4hne auf seinem Strichmaxerlkopf, um den ich mir langsam Sorgen machte.<br \/>\nNat\u00fcrlich, das Glas \u00fcber dem Loch, auf das der Kurti da von hoch oben herunter fiel, war noch immer da, vermeintlich, aber es w\u00fcrde keinen Aufprall geben, der seinen Kopf am Glasdach in Scherben schl\u00e4gt, nein, ich wusste ja, dass es ein offenes Loch war, ein unverglastes, es war nur f\u00fcr Unbeteiligte relativ schwer zu erkennen, wie offen und tief das Loch war in Wirklichkeit. Im freien Fall darauf zu st\u00fcrzend, stand es offen, sperrangelweit offen, und es war tief, viel tiefer als der Zehntelmillimeter Papier, in den es hinein f\u00fchrte, so tief, als h\u00e4tte sich niemand allzu genau \u00fcberlegt, wie tief das Loch denn jetzt genau sein soll, und es dauerte auch nicht allzu lange, bis der Kurti ohne einen Abschiedsgru\u00df wortlos darin verschwand.<br \/>\nIch fiel ja eh schon mit, also warum auch?<br \/>\nJa.<br \/>\nDas Loch, es schien mir schier endlos zu sein.<br \/>\nNein, nicht schon schier endlos, weil vielleicht war es das ja.<br \/>\nNoch war es endlos, ohne Gegenbeweis.<br \/>\nEndlos.<br \/>\nEndlos, und wir fielen und fielen und fielen, so wahnwitzig lange, dass mir das Fallen bald zur Gewohnheit wurde. Stunden um Stunden um Stunden, so kam es mir vor, fiel ich so mit dem Kurti Seite an Seite diese senkrechten, blauen Schlangenlinien entlang, mit denen das Loch von mir innen schlampigst tapeziert worden war, und die nur ansatzweise so wirkten, als w\u00e4ren es Unebenheiten im Fels, als w\u00e4ren es die stumpfen Bruchkanten im Inneren dieser Rissquetschwunde in der Kruste aus schneebedecktem Wei\u00df, die mich glauben lassen sollten, dass es tats\u00e4chlich bergab ging, oder dass wir uns zumindest bewegten.<br \/>\nNaja.<br \/>\nNaja, was will man sich jetzt illustrationstechnisch noch Gro\u00dfes erwarten, aber irgendwann, entlang dieses sich wieder und wieder wiederholenden Rhythmus aus sich vorbei schl\u00e4ngelndem Kugelschreiberaufdr\u00fcckresultat, das ich eigentlich niemals gezeichnet hatte, und das irgendwie trotzdem da war, erschlich sich das Fallen hinterr\u00fccks den Status des Normalzustands. Gut, vielleicht nicht direkt normal, aber es war zumindest irgendwann eine Grenze erreicht, hinter der mein jammerndes \u201eOjeojeoje\u201c nicht mehr ausschlie\u00dflich zwischen dem Fallen jetzt und Kurtis und meinem Tod danach panisch von einer Ecke in die andere fl\u00fcchtete, sondern das \u201eOjeojeoje\u201c sich hinsetzte und sich fragte, ob diese Zeichnung jetzt \u00fcberhaupt noch meine war, oder ob ich jetzt der Zeichnung geh\u00f6rte, oder ob der Vater, der Sohn und der heilige Geist jetzt gerade das bisschen Messwein zu viel erwischt hatten nach den zweitausend Jahren und den paar zerquetschten.<br \/>\nVielleicht war es ja ein Wunder.<br \/>\nEin Wunder, ja, ein schwer alkoholisiertes, ja, vielleicht war es ja ein Wunder, ein in der Atemluft nachweisbares, das mich nur per Zufall erwischt hatte, das m\u00f6glicherweise gar nicht f\u00fcr mich bestimmt gewesen und nur irgendwo falsch abgebogen war, das sich vertorkelt hatte auf dem Weg vom Himmel herunter, herunter zu uns Sterblichen, in ein gro\u00dfes Meisterwerk h\u00e4tte einfahren sollen, anstatt meine belanglosen Schmierereien da zum Leben zu erwecken, weil mehr war das ja alles nicht.<br \/>\nNein, nein, nein.<br \/>\nNein, Wunder gab es nicht, nein, es war meine Hand und mein abgenagter Kugelschreiber und das firmeninterne Blatt Papier!<br \/>\nWer auch sonst?<br \/>\nGenau!<br \/>\nAber was jetzt?<br \/>\nUnd wie?<br \/>\nUnd was war das \u00fcberhaupt f\u00fcr ein Regenschirm?<br \/>\nWas war das \u00fcberhaupt f\u00fcr eine krakelige Entschuldigung f\u00fcr einen Regenschirm, den der Kurti da z\u00fcckte und aufspannte? Nein, nicht z\u00fcckte und aufspannte, eher: Was war das f\u00fcr eine verwitterte H\u00f6hlenmalerei, was f\u00fcr ein seelenloses Clipchartprofil eines Regenschirms, das der Kurti da im Fallen aus sich selbst heraus holte, mit den Strichen seines K\u00f6rpers zu formen begann, und mir fast so war, als w\u00fcrde der Kurti mich halb Strichmaxerl, halb Regenschirm einen Moment lang angrinsen mit dem gebogenen Griff, zu dem sich sein Stei\u00dfbein verbog, w\u00e4hrend sich sein Kopf am Kinn entzwei spaltete und sich zu einem Halbkreis aufzuf\u00e4chern anfing, den seine einstigen Arme und Beine nach unten hin mit einer spitzen Wellenlinie abschlossen, w\u00e4hrend seine einzige Haarlocke sich aufstellte zu dem Abschlussst\u00fcck, zu dem Dings, das in der Mitte der Bespannung neckisch aus jedem Regenschirm oben herausschaut, ohne dass ich davon etwas auch nur zu zeichnen h\u00e4tte brauchen?<br \/>\nEgal.<br \/>\nWas immer es auch war, das da gerade vor sich gegangen war, es lie\u00df mich mit dem Fallen allein zur\u00fcck, allein, w\u00e4hrend der Regenschirmkurti nach oben davon flog gegen den Fallwind gestemmt, der ihn vom ersten Schwung her beurteilt wahrscheinlich wieder aus dem Loch heraus und zur\u00fcck auf den Nichtgipfel hob, ein erster Schwung, der ihn rettete vor all dem, was mir noch bevorstand, obwohl das ja eigentlich alles seine Idee gewesen war mit dem Hineinspringen in das Loch.<br \/>\nJa, seine!<br \/>\nSeine!<br \/>\nOder doch meine irgendwie?<br \/>\n\u201eDu! Du Oaaaschloooooooooooooooooch!\u201c, schrie ich dem vermaledeiten, immer kleiner werdenden Ex-Strichmaxerl-Jetzt-Regenschirm ungeachtet dessen auf seinem Weg in eine unklare Rettung nach, aber selbst dem hallenden Echo des langgezogenen Os gelang es nicht ganz, die Tatsache komplett zu verschleiern, dass ich noch immer nicht fiel.<br \/>\nNein, ich fiel gar nicht, ich konnte gar nicht fallen, nein, ich sa\u00df ja noch immer an dem laminierten Spanholz meine Zeit ab f\u00fcr nichts und wieder nichts, vor mir das Narrenkastl, in das ich hinein schaute, hinein in den ewigen Rachen eines Lochs, das an mir vorbei zog und nicht umgekehrt.<br \/>\nDas Loch zog an mir vorbei, richtig, und was der Kurti, was ein Strichmaxerl konnte, das konnte ich aber schon lang! Genug, genug jetzt, aussteigen, genug mit diesem angeblichen Fallen, schon \u00fcberhaupt in ein Loch, das nicht einmal wusste, warum es \u00fcberhaupt ausgegraben war. Ja, vielleicht hatte das Loch ja gar keinen Grund und deshalb auch keinen Boden, schon einmal daran gedacht, dass ich deshalb mit dem ganzen Fallen da auch nicht wirklich vorw\u00e4rts kam?<br \/>\nNein?<br \/>\nM\u00f6glich w\u00e4r&#8217;s!<br \/>\nSo! Und jetzt raus da mit mir!, dachte ich, und pl\u00f6tzlich ging in einem schnellen Luftzug die T\u00fcr auf und eine pickfr\u00f6hliche Frauenstimme fragte, \u201eBraucht vielleicht irgendwer was vom Kaffeeautomaten?\u201c, und ich war von einem Moment auf den anderen endlich wieder drau\u00dfen aus dieser scheu\u00dflichen Karikatur fern jeder \u00c4hnlichkeit mit einer echten Welt, und da war auch der Kurti, zur\u00fcck, dort wo ich ihn anfangs hingeschmiert hatte, zur\u00fcck auf einem d\u00fcnnen Blatt Papier, auf dem der Berg wieder ein Nichtberg war, und das Loch verglast, und der Gipfel die \u00e4rgste Frechheit.<br \/>\nEndlich.<br \/>\n\u201eJa!\u201c, sagte ich, \u201eEinen Cappuccino mit drei Kast&#8217;ln Zucker, bitte!\u201c, und ich dachte, ich dachte\u00a0 zu viel.<br \/>\nZu viel.<br \/>\nJa, genau!<br \/>\nDaran musste es liegen.<br \/>\nGenau.<br \/>\nAber vielleicht war Zeichnen auch einfach nur nicht so meins, und ich machte die heutige \u201eHeute\u201c auf, bl\u00e4tterte nach hinten und begann mit dem Kreuzwortr\u00e4tsel und f\u00fcllte wieder nur die Fragen aus, auf die ich die Antwort schon kannte, diesmal alles au\u00dfer \u201e\u00d6st. Komponist (gest. 1554)\u201c.<br \/>\nKeine Ahnung, obwohl nur der erste und der letzte Buchstabe fehlten.<br \/>\nKeine Ahnung, und ich warf die \u201eHeute\u201c von heute auf den \u201eHeute\u201c-Stapel neben mir, auf dem schon die \u201eHeute\u201c von gestern und vorgestern und vorvorgestern auf sie warteten, und schaute entt\u00e4uscht auf die Uhr.<br \/>\nNoch zwei Stunden und f\u00fcnfunddrei\u00dfig Minuten.<br \/>\nGut.<br \/>\nAlso noch zweieinhalb Stunden, gerundet.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/berg_mp.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1325\" alt=\"berg_mp\" src=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/berg_mp.png\" width=\"1000\" height=\"697\" srcset=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/berg_mp.png 1000w, http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/berg_mp-300x209.png 300w, http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/berg_mp-624x434.png 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Markus Peyerl<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.markuspeyerl.at\/\" target=\"_blank\">www.markuspeyerl.at<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=426\">schr\u00e4g &amp; abgedreht<\/a> | Inventarnummer: 14042<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Anfang, am Anfang war da nur dieser eine Strich. 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