{"id":13133,"date":"2021-09-09T13:42:59","date_gmt":"2021-09-09T13:42:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13133"},"modified":"2021-09-29T09:08:13","modified_gmt":"2021-09-29T09:08:13","slug":"mein-kleines-serbisches-tagebuch-teil-5-exit-unter-dem-seidenbaum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13133","title":{"rendered":"Mein kleines serbisches Tagebuch: Teil 5 \u2013 Exit unter dem Seidenbaum"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13133&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13133&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Die Hitzewelle, die uns heimsucht, bis zu 40 Grad Celsius sind angedroht, hat inzwischen sogar die Aufmerksamkeit der Nachrichtensender errungen: Der Sender <em>euronews<\/em> zeigte Bilder aus verschiedenen St\u00e4dten am Balkan, aus Sarajewo, Pristina und Belgrad. \u00dcberall bot sich das gleiche Szenario, Menschen, die sich gegen die Hitze zu behaupten suchten, Eis schleckten, durch Springbrunnen wateten, sich zuf\u00e4chelten mit allem, was sich auf irgendeine Weise als F\u00e4cher benutzen lie\u00df. Die Aufnahmen h\u00e4tten sie genausogut in Novi Sad drehen k\u00f6nnen, hier war es nicht anders.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Mein Aufenthalt geht langsam zu Ende. F\u00fchlte ich anfangs dieses best\u00e4ndige Unbehagen \u2013 eigentlich wollte ich die Reise gar nicht haben \u2013, so mischt sich nun trotzdem das \u00fcbliche sentimentale Abschiedsweh hinein, das Gef\u00fchl, das mich angesichts einer bevorstehenden Abreise zuverl\u00e4ssig beschleicht. L\u00e4ngst hat mich die Stadt wieder in ihren Bann gezogen, was \u2013 um ehrlich zu sein \u2013 auch zu erwarten war. Dabei bin ich gar nicht so viel herumgekommen dieses Mal, weil man es drau\u00dfen kaum aush\u00e4lt! Keine stundenlangen Streifz\u00fcge durch unbekannte Viertel und Gassen, kein Besuch von alten liebgewonnenen Pl\u00e4tzen. Ich war noch nicht einmal auf der Festung, das war einfach nicht zu packen in dieser Gluthitze. Die f\u00fchlt sich an wie Griechenland im Hochsommer, jedoch ohne das Meer. Daf\u00fcr habe ich viel fotografiert, weitaus mehr als bei fr\u00fcheren Gelegenheiten. Ich bannte die spannenden Geb\u00e4ude aus den 1930er Jahren auf Bild, die futuristischen Kolosse der Tito-Moderne, die kleinen ebenerdigen Vorstadth\u00e4user mit dem zierlichen, allerdings oft schon arg herabbr\u00f6ckelnden Biedermeierputz, die immer noch ganze Stra\u00dfenz\u00fcge pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Zu den Terminen, die noch anstehen, geh\u00f6rt ein Treffen mit der Vojvodine-Wassergesellschaft. Es geht um ein neues Ausstellungsprojekt in Serbien, um die Idee, Skulpturen entlang der Schiffskan\u00e4le in der Landschaft aufzustellen, wof\u00fcr es allerdings die Erlaubnis der Betreiber-Gesellschaft braucht. Eine m\u00f6gliche \u00a0Realisierung ist noch in weiter Ferne, aber wir begeben uns an die genannte Adresse, in ein Hochhaus an der Varadin-Br\u00fccke. Was f\u00fcr ein Bau! Man m\u00fcsste ihn, so wie er ist, unverz\u00fcglich unter Denkmalschutz stellen. Nachkriegsmoderne, authentisch St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck, angefangen im Foyer mit den Bodenfliesen aus Stein, dem gro\u00dfz\u00fcgigen Treppenhaus, den schweren holzget\u00e4felten T\u00fcren entlang der Korridore, den Beschl\u00e4gen, Griffen und Klinken. Alles ist auf Hochglanz poliert, gepflegt und konserviert, als w\u00e4re die Zeit spurlos am ganzen Geb\u00e4ude vorbeigegangen.<\/p>\n<p>Wir werden in einen Konferenzraum im vierten Stock gebeten und f\u00fchlen uns mit einem Schlag in eine andere Welt versetzt. Was f\u00fcr ein Bild: Der Sitzungssaal ist braun in braun: Holz, Leder, Tapeten und muffige Gardinen. Ein Podest nimmt die Stirnseite ein, daran schlie\u00dft ein massiver, rundum laufender Konferenztisch. Die St\u00fchle mit der hochaufragenden Lehne sind braun bespannt, dem Podest gegen\u00fcber stehen weitere Stuhlreihen, auf der R\u00fcckwand h\u00e4ngt eine Landkarte, die genauso alt sein d\u00fcrfte wie der Raum. <em>Old Yugoslavia<\/em>, sagt bass erstaunt die junge serbische Kollegin, sie kommt aus einer Generation, die diese Zeit auch nur mehr aus den Filmen kennt. Man erwartet buchst\u00e4blich jeden Augenblick den Einzug der Funktion\u00e4re, auf dass sie an der Frontseite Platz nehmen und die Tagung irgendeines <em>Zentral-Komitees<\/em> er\u00f6ffnen \u2026 Stattdessen treffen wir auf eine freundliche Mitarbeiterin und zwei leitenden Angestellte der Wassergesellschaft, es wird ein gutes Gespr\u00e4ch. Aber die Atmosph\u00e4re des Raumes hinterl\u00e4sst einen bleibenden Eindruck. Sp\u00e4ter, auf der Stra\u00dfe, werden wir uns dar\u00fcber aussch\u00fctten vor Lachen.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Heute ein frischer Wind, das tut gut. Gestern am Nachmittag zog der Himmel zu wie vor dem Regen. Eine ganz eigene Stimmung lag \u00fcber der Stadt unter dem dunklen bleischweren Himmel. Sogar ein Donnergrollen erhob sich aus der Ferne. Nachts ab und zu ein schwaches Wetterleuchten. Das Gewitter ist indes ausgeblieben. Die Hitze hat ein klein wenig nachgelassen.<\/p>\n<p>Am vorletzten Abend waren wir eingeladen zu einem serbischen Barbecue bei D. So sah ich zum ersten Mal einen Innenhof in einem jener typischen Vorstadth\u00e4user, die vor allem nord\u00f6stlich des Zentrums noch sehr h\u00e4ufig sind. Der Hof war ger\u00e4umig und mit einer Mauer zum Nachbargrundst\u00fcck abgegrenzt. D.s Nachbarn waren zugegen und mit der Aufstellung ihres neugekauften Pools besch\u00e4ftigt, w\u00e4hrend der Gastgeber den Grill anwarf. Es wurde ein gem\u00fctlicher Abend. Ein hiesiges K\u00fcnstlerpaar war eingeladen: Sie erz\u00e4hlte von ihrem Aufenthalt in China, wo sie vor dem Ausbruch der Pandemie Kunst an einer Universit\u00e4t unterrichtet hatte. Aufgetischt wurden W\u00fcrste, Cevapcici, Koteletts, Gurken und ger\u00f6stetes Brot. Dazu gab es Bier, Wein und nat\u00fcrlich jede Menge Schnaps, den sie hier Raki nennen. Der ist nicht mit dem t\u00fcrkischen zu verwechseln. Raki bedeutet kein bestimmtes Getr\u00e4nk, sondern ist die Bezeichnung f\u00fcr alles, was sich an Hochprozentigem gerade eignet. Man trinkt ihn vor dem Essen, w\u00e4hrend des Essens und danach. Die ber\u00fchmte serbische Gastfreundschaft! Der Gastgeber hat uns angeboten, bei ihm zu \u00fcbernachten. Wir schafften es, uns von ihm loszueisen. Die Uhr auf dem gro\u00dfen Kirchturm zeigte halb zwei, als ich den Hauptplatz in Richtung meiner Bleibe querte: F\u00fcr serbische Verh\u00e4ltnisse war das ein angebrochener Abend.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Endlich! Ich habe es doch auf die Festung geschafft, unternahm einen rund dreist\u00fcndigen Spaziergang bei Postkarten-Wetter. Da ich den vorderen Teil der Anlage mittlerweile ganz gut kenne, nahm ich diesmal den r\u00fcckw\u00e4rtigen Bereich in Angriff, er wird das Hornwerk genannt. Zwischen den W\u00e4llen und Gr\u00e4ben wurde bereits emsig am Aufbau f\u00fcr das ber\u00fchmte exit-Festival gearbeitet. Von Staunen erf\u00fcllt stand ich eine geraume Weile vor einem prachtvollen Mimosen- oder Seidenbaum, der in voller Bl\u00fcte stand. Was ich da sah, hatte so gar keine \u00c4hnlichkeit mit jenem k\u00fcmmerlichen kleinen Gew\u00e4chs zuhause bei mir am Fensterbrett, das zwar den gleichen Namen tr\u00e4gt, aber nur recht bescheiden vor sich hin vegetiert und immer knapp vor dem Verdorren steht. \u2013 Ich hatte keine Ahnung! Wusste nichts davon, wie wundersch\u00f6n solch eine Mimose sein kann.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Vormittags war ich am Markt und gegen Abend zum letzten Mal im Supermarkt, wo ich meine s\u00e4mtlichen Barschaften an Dinaren verschleuderte. Ich hatte noch \u00fcberraschend viel Geld \u00fcbrig, mit dem Betrag h\u00e4tte ich noch mindestens drei \u201enormale Tage\u201c finanziert. Jetzt hei\u00dft es nur noch, das Obst, die Paradeiser und den Schafsk\u00e4se heil nach Hause bringen. Bald werde ich anfangen zu packen. Ich bin nerv\u00f6s, wie vor jeder Abreise, und dieses Reisefieber ist eine Attit\u00fcde, die sich im steigenden Alter nicht mildert, sondern eher zunimmt. Ich werde es langsam angehen. Nach dem ersten Teil will ich mich noch gem\u00fctlich f\u00fcr eine Weile auf den Balkon setzten, irgendwann packe ich weiter, ganz wie ich Lust habe. Morgen soll esin aller Fr\u00fche losgehen. Ich freue mich auf zuhause.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Ulla Puntschart<br \/>\n<a href=\"https:\/\/ulla-puntschart.jimdo.com\/\" target=\"_blank\">https:\/\/ulla-puntschart.jimdo.com\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2528\">spazierensehen<\/a> | Inventarnummer: 21104<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Hitzewelle, die uns heimsucht, bis zu 40 Grad Celsius sind angedroht, hat inzwischen sogar die Aufmerksamkeit der Nachrichtensender errungen: Der Sender euronews zeigte Bilder aus verschiedenen St\u00e4dten am Balkan, aus Sarajewo, Pristina und Belgrad. \u00dcberall bot sich das gleiche Szenario, Menschen, die sich gegen die Hitze zu behaupten suchten, Eis schleckten, durch Springbrunnen wateten, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[149],"tags":[83],"class_list":["post-13133","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-puntschart-ulla","tag-spazierensehen"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13133","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13133"}],"version-history":[{"count":10,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13133\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13212,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13133\/revisions\/13212"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13133"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13133"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13133"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}