{"id":13110,"date":"2021-08-26T08:02:00","date_gmt":"2021-08-26T08:02:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13110"},"modified":"2021-09-29T09:09:24","modified_gmt":"2021-09-29T09:09:24","slug":"mein-kleines-serbisches-tagebuch-teil-4-geschichten-vom-montagskind","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13110","title":{"rendered":"Mein kleines serbisches Tagebuch: Teil 4 \u2013 Geschichten vom Montagskind"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13110&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13110&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>21. Juni, der l\u00e4ngste Tag im Jahr. Hitze und ein leichter Wolkendunst, der keine Abk\u00fchlung bringt.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte meine Mails checken auf dem Rechner in der Lobby des Hostels, doch das ist ein m\u00fchseliges Gesch\u00e4ft. Ich br\u00e4uchte einen Moment der Ruhe! Es will nicht sein. Die Gruppe der Jugendlichen vom Wochenende ist abgereist und die n\u00e4chsten sind schon da, Touristen aus Fernost auf der Durchreise. Ich gebe mir selbst noch Zeit und kehre gegen ein Uhr wieder. Inzwischen ist ein neuer Trubel ausgebrochen und die Chefin des Hostels, eine sehr liebenswerte und immer hilfsbereite Dame, wie ich betonen m\u00f6chte, hat den Schreibtisch inne, um etwas mit h\u00f6chster Priorit\u00e4t zu erledigen. Daf\u00fcr unterh\u00e4lt mich der Typ, der in der Lobby den Aushilfs-Rezeptionisten macht \u2013 er ist selbst ein Herbergsgast, jedoch schon seit Monaten im Land, wie er mir gleich erkl\u00e4ren wird. Er hat gerade sein Mittagsbier, und wo er sonst immer recht einsilbig und wortkarg ist, sprudelt es auf einmal nur so aus ihm heraus, er redet und redet, w\u00e4hrend ich darauf warte, dass der Rechner endlich frei wird \u2026<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Ich habe ein Mail an meinen Mann geschrieben, nachdem ich ihn gestern angerufen, aber am Telefon nicht erwischt habe. Ich m\u00f6chte einfach nur fragen, wie es zuhause so geht. Wie es steht um D., der musste ins Spital und das ist keine Kleinigkeit. Ich m\u00f6chte mir nicht st\u00e4ndig den Kopf zerbrechen wegen der Dinge, die w\u00e4hrend meiner Abwesenheit passieren k\u00f6nnten. Das hilft niemand etwas, nicht meinen Lieben daheim und mir auch nicht. In ein paar Tagen geht es ohnehin wieder auf die Heimreise.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Heute ist ein Montag. Habe mir ein T-Shirt zerrissen \u2013 und dabei bin ich eh so knapp mit dem G\u2019wand! Wollte ja sparsam sein beim Packen. An Tagen wie diesen passieren seltsame Dinge am laufenden Band. So am Zigarettenkiosk, wo der Kunde vor mir nicht aufh\u00f6ren will, auf die Verk\u00e4uferin einzureden, er erz\u00e4hlt ihr etwas, das anscheinend von ungeheurer Wichtigkeit ist, was immer dies sein mag. Sie m\u00f6chte mich eigentlich schon l\u00e4ngst bedienen und den redseligen Senior diskret verabschieden, also winkt sie mich heran, aber ich komme ja nicht nach vorne, weil der Zugang zum Kiosk eben nur auf eine Person zugeschnitten ist. Aus der Distanz funktioniert es nicht, da ich ja auf Englisch mit ihr sprechen muss, um genauer zu erkl\u00e4ren, was ich haben will. Dann ist es endlich soweit, ich stehe vor ihr. Nun hebt ein wahres Kreuzverh\u00f6r an: die Zigarettenmarke, sch\u00f6n und gut. Nun kurz oder lang? Stark, medium oder light? Blau, dunkelblau, hellblau oder wei\u00df? Normalerweise entgehe ich diesen heimt\u00fcckischen Fragen, indem ich eine leere oder halbleere Schachtel bei mir trage und der Einfachheit halber dasselbe verlange. Nur habe ich heute darauf vergessen, weil eben Montag ist.<\/p>\n<p>Von solcher Natur sind die Dinge, die zuverl\u00e4ssig am ersten Tag der Woche geschehen, nicht erst seit jetzt, sondern st\u00e4ndig, das war immer schon so.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wollte ich ein Foto machen. Es ging um das Motiv in einem Schaukasten, in einer der kleinen Fu\u00dfg\u00e4ngerpassagen, deren von au\u00dfen verborgenes, jedoch weitverzweigtes Netz im Herzen der Altstadt einen besonderen Reiz auf mich aus\u00fcbt. In diesem bezaubernden Labyrinth voller winziger L\u00e4den, Galerien und bizarrer Winkel bin ich vor einigen Tagen auf ein Sujet gesto\u00dfen, das ich unbedingt festhalten wollte. Da hatte ich jedoch die Kamera nicht dabei. Nun aber finde ich den Durchlass nicht mehr, es ist wie verhext! Alle Passageneing\u00e4nge habe ich schon probiert, der, den ich suchte, war nicht dabei. Ich werde wohl zuf\u00e4llig dar\u00fcber stolpern m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Solcherart sind meine Montagsgeschichten. Ich m\u00f6chte nicht sagen, dass gr\u00f6\u00dfere Pannen oder Katastrophen mit diesem Tag verquickt w\u00e4ren, es geschieht eben nur eine ganze Menge verdrehtes Zeug. Dies wiederum, so meine feste \u00dcberzeugung, liegt daran, dass ich ein Montagskind bin. Das Letztere ist eine Tatsache. Ich bin an einem Montag zur Welt gekommen, genau zweieinhalb Stunden nach Mitternacht. Nur knapp habe ich die Gelegenheit zum Sonntagskind verpasst und das zieht sich nun so durch mein ganzes Leben. Die Montage liegen mir einfach nicht! Obwohl, objektiv betrachtet, haben sich auch durchaus gute Dinge ereignet, eine ganze Menge sogar. Meine Matura bestand ich erfolgreich eines Montags, weitere Pr\u00fcfungen und Abschl\u00fcsse an der Universit\u00e4t folgten, ich habe wichtige Termine anstandslos wahr- und Projekte in Angriff genommen, alles an Montagen. Die echten Herausforderungen, so scheint mir, sind nicht ber\u00fchrt vom obligaten Montagskind-Pech. Die Misere ist von einer anderen Natur, sie lauert in den kleinen Alltagsgeschichten. Dinge, die im Grunde genommen recht einfach w\u00e4ren, gestalten sich pl\u00f6tzlich verflixt und vertrackt. So etwa wie das Buch, das in der Bibliothek schon ausgeliehen war, der Bus, der vor der Nase davonfuhr, der Besuch am Amt, der sich als vergeblich erwies, das Telefonat, das ergebnislos verlief. Das sind die Montagsmalheurs, die mich zuverl\u00e4ssig begleiten. Ich habe indes gelernt, sie mit einer gewissen Gelassenheit zu ertragen, denn dienstags sieht die Welt wieder anders aus!<\/p>\n<p>So ist es auch dieses Mal. Mein Mail ist geschrieben, auf die Antwort warte ich noch. Inzwischen geht alles seinen gem\u00e4chlichen Gang. Ich werde in den folgenden Tagen den amerikanischen Dauergast im Hostel ein St\u00fcck besser kennenlernen und wir werden plaudern, unsere Eindr\u00fccke austauschen \u00fcber die Stadt und ihre Eigent\u00fcmlichkeiten. Fast eine ganze Woche erwartet mich noch, mit viel Freizeit und nur wenigen Terminen, was sich anf\u00fchlt wie Urlaub. Ich werde auf dem Weg zum Markt, in den Tiefen der Passagen, schlie\u00dflich auf den Schaukasten sto\u00dfen, nach dem ich so lange vergeblich Ausschau gehalten habe. Und \u2013 ach ja, es war der Dienstag, als meine Hose zerriss! Da befand ich mich gerade im Museum und wanderte durch die gl\u00fccklicherweise fast menschenleeren Ausstellungss\u00e4le. Vor einer historischen Landkarte legte ich in Betrachterpose die Arme auf den R\u00fccken, da bemerkte ich die Katastrophe knapp unter dem Hosenboden \u2026 Ratsch, fatsch, ein fetter Riss! Nichts mehr zu machen \u2013 und wieder ein Kleidungsst\u00fcck weniger. So viel zu meiner Montagstheorie.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Ulla Puntschart<br \/>\n<a href=\"https:\/\/ulla-puntschart.jimdo.com\/\" target=\"_blank\">https:\/\/ulla-puntschart.jimdo.com\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2528\">spazierensehen<\/a> | Inventarnummer: 21103<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>21. Juni, der l\u00e4ngste Tag im Jahr. Hitze und ein leichter Wolkendunst, der keine Abk\u00fchlung bringt. Ich m\u00f6chte meine Mails checken auf dem Rechner in der Lobby des Hostels, doch das ist ein m\u00fchseliges Gesch\u00e4ft. Ich br\u00e4uchte einen Moment der Ruhe! Es will nicht sein. 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