{"id":1311,"date":"2014-04-15T06:11:59","date_gmt":"2014-04-15T06:11:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1311"},"modified":"2015-05-03T17:42:45","modified_gmt":"2015-05-03T17:42:45","slug":"linz-sonntag-in-search-of-a-wirtshaus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1311","title":{"rendered":"Linz, Sonntag: In Search of a Wirtshaus"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1311&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1311&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><h6 style=\"text-align: right;\">\u201eDie Folge der Speisen geht von den schweren zu den leichten.\u201c<br \/>\nJean Anth\u00e8lme Brillat-Savarin, <em>Physiologie des Geschmacks<\/em><\/h6>\n<h6 style=\"text-align: right;\">\u201eAllein eine der besten ged\u00e4mpften Speisen, welche aus Fischen<br \/>\nbereitet werden k\u00f6nnen, ist die folgende: (\u2026).\u201c<br \/>\nCarl Friedrich von Rumohr, <em>Geist der Kochkunst<\/em><\/h6>\n<p>Manchmal \u00fcberkommt es einen halt. Nein, ich meine nicht jenes Gebaren in rauen Vollmondn\u00e4chten, in denen man als Verwunschener zum Werwolf mutiert und in Altstadtlokalen bis zum Morgengrauen herumlungert und seine Trinkkumpane anst\u00e4nkert. Manchmal will man ganz einfach Linz nicht verlassen, um nach \u2013 sagen wir \u2013 Wels zu pilgern und sich am Kaiser-Josef-Platz im einzigen wirklichen Wirtshaus vor Ort einzuquartieren, und den Tag, der nat\u00fcrlich ein Sonntag ist, bestens umhegt zu vergessen. Manchmal will man auch in Linz sonntags speisen gehen. W\u00fcrstel vom Stand und Pizzen in Ehren, aber das Zeug gibt es im Notfall immer, man braucht daf\u00fcr keine Scheibe einschlagen und den Alarmknopf bet\u00e4tigen. Am Sonntag, dem Tage angemessen, darf man wohl etwas gediegener vespern.<\/p>\n<p>Ich stelle mich also folgender Herausforderung: <em>Finde eine Adresse zwischen Volksgarten und Neuer Welt, die man empfehlen kann und kehre ein!<\/em> Die Expedition startet im Alleingang und in Erstbew\u00e4ltigung an einem Sonntag im zweiten, kalten Monat des Jahres um 9 Uhr 30 vom Basislager, ohne Proviant und GPS, mit Notizbuch und Regenschirm. Es n\u00e4sselt, allerdings noch sehr verhalten, sodass die klammen Finger noch keinen Schirmknauf halten wollen.<\/p>\n<p>Unmittelbar am Volksgarten gab es \u00fcber viele Jahre die <em>Stieglbier Stube<\/em>, deren letzte Betreiberin w\u00e4hrend eines nicht enden wollenden Hausumbaus in den Ruin gezwungen worden ist. (Begegne ich der heute, gr\u00fc\u00dfe ich sie eher nicht, in n\u00fcchterner Ber\u00fccksichtigung der Tatsache, in welchem Zustand sie sich zumeist befindet.) Seither ist in den ebenerdigen R\u00e4umlichkeiten ein Kindergarten eingerichtet.<br \/>\nIm Volksgarten f\u00fchrt ein ungleiches Paar seine beiden ungleichen Hunde aus. Gro\u00dfer und kleiner Hund zerren an den Leinen nach verschiedenen Richtungen. Mit Blick auf das Entree des neuen Linzer Musiktheaters d\u00e4mmert mir, Toni M\u00f6rwald kocht hier im Restaurant \u201edas Anton\u201c auf, will es das Geraune unter Gastrosophen. Mein Bauchgef\u00fchl meldet mir allerdings: Gerade heute l\u00e4sst er den Schneebesen nicht in der Kasserolle dengeln. Meinetwegen. Dieser Fimmel mit Gedeckobligo, bevor es richtig ans Futtern geht, wird man mit Brotresten und schmierigem Aufstrich eingekocht, diese leicht \u00fcberkandidelte Etepetete-Kultur vor fummelig machender Hintergrundbeschallung aus dem Trichter ist ohnehin nicht meine Liga.<\/p>\n<p>Abseits des Trafoh\u00e4uschens, dem Hans Kupelwieser eine witzige wie ebenso wohl witzig zu reinigende Ummantelung aus Kugeln verpasst hat, f\u00e4llt mir ein kupferner Ouroboros auf. Die Selbstverzehrung ist aber auch keine L\u00f6sung. So tauche ich unter der Bahn\u00fcberf\u00fchrung an der Wiener Stra\u00dfe durch, der Demarkationslinie zur Pampa.<\/p>\n<p>In der Anastasius-Gr\u00fcn-Stra\u00dfe gibt es ein Heurigen-Tschecherl. Das hat sonntags freilich zu. Das n\u00e4chste Kabuff findet sich wenige Schritte weiter vor der leer stehenden Trafik, die einst ein r\u00fchriges M\u00fctterlein mit ihrer Tochter bis zur letzten \u00d6lung f\u00fchrte. Die Bumse scheint aber nur zum Trinken und Anbraten tauglich. Aus dem Halbdunkel bei offen stehender T\u00fcr gurgelt eine s\u00fcdosteurop\u00e4ische Konversation. Entweder ist man eben mit dem Schlie\u00dfen oder vorerst noch gar nicht mit dem offiziellen Aufsperren zugange.<br \/>\nDer \u201eThai Markt\u201c mit seinen quirligen, schnatternden Frauen aus Fernost hat nat\u00fcrlich zu. Der Sack Jasmin-Reis will heute anderswo umfallen.<\/p>\n<p>Mit Blick in die Anzengruberstra\u00dfe zeigt sich mir ein neu errichtetes Wohngeb\u00e4ude. Auch hier gab es einmal einen Raucherkobel f\u00fcr den weniger betulichen Gast. Der ist ganz offensichtlich nicht mehr.<br \/>\nDer ehemalige W\u00fcrstelstand an der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite unter der Birke, den ein aufgeweckter Betreiber einst ohne l\u00e4stige Absprache mit den Beh\u00f6rden phantasievoll erweitert hatte, ist auch schon Geschichte, die Fl\u00e4che Tabula rasa. Die Hunde k\u00f6nnen am Stamm des Baumes wieder unbeeintr\u00e4chtigt das Bein heben.<\/p>\n<p>Ich passiere einen Juwelier. Gegenw\u00e4rtig ben\u00f6tige ich weder Uhren noch Brillantenkolliers. Der Juwelier ist hier so angestammt wie sein eingesessener Nachbar gegen\u00fcber und letzter Vertreter einer bunten Schar von Gewerbetreibenden. Zwar finden sich nach wie vor Gewerbetreibende \u00a0im Umfeld der Unionkreuzung, aber von <em>bunt<\/em> und <em>Schar<\/em> kann nicht unbedingt die Rede sein: Kaschemmen und Handyambulanzen dominieren das Bild, Wettb\u00fcros und Grafflwerkanbieter runden es ab.<br \/>\nVorbeischlendernd am <em>Theater Ph\u00f6nix<\/em> tue ich mir schwer, den Eingang zum B\u00fchnengeschehen von den Zutritten in diverse Bed\u00fcrfnisanstalten zu unterscheiden. Das Wirtshaus im Foyer ist l\u00e4ngst pass\u00e9. Ich frage mich: Wie halten es die Theaterbesucher, wenn sie sich nach einer Vorstellung noch vorstellen k\u00f6nnen, etwas zwitschern zu gehen, aber nicht in eines der grindigen Musikcaf\u00e9s einfallen wollen?<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber laufen in den R\u00e4umlichkeiten eines ehemaligen M\u00f6belh\u00e4ndlers, die jetzt einem Fitnessstudio Quartier bieten, vor auslagengro\u00dfen Fensterscheiben Menschen unterschiedlichen Alters in unterschiedlicher Hastigkeit auf Laufb\u00e4ndern vor sich her. In Bayern hat ein findiger Kopf Laufb\u00e4nder f\u00fcr rekonvaleszente Rennpferde ersonnen, f\u00e4llt mir ein. Laufb\u00e4nder f\u00fcr Hunde gibt es l\u00e4ngst. Und das Hamsterrad ist ja doch auch eine ganz putzige Sache. Wenigstens solange man nicht Hamster in einem billigen Pferch sein muss.<br \/>\nAn der Ecke zur Hamerlingstra\u00dfe, an dem Ort, an dem \u00fcber Generationen ein Kaufhaus gedieh, findet sich eine der Franchise-Filialen der bekanntesten Hamburger-R\u00f6sterei. <em>Heute nicht<\/em>, sage ich mir und ziehe weiter, quere die Stra\u00dfe und begebe mich an einer B\u00e4ckereifiliale vorbei. Hat nat\u00fcrlich auch zu. Den gegen\u00fcberliegenden Neubau an der Unionkreuzung ziert der Schriftzug \u201eWiener Stra\u00dfe \u2013 das Einkaufszentrum mitten in Linz. Einkaufen bei Freunden.\u201c Das Erschreckende: Letzteres stimmt wahrscheinlich sogar. Denn wer sollte sonst hier einkaufen, au\u00dfer Freunde von Freunden?<\/p>\n<p>In einem schmalen Haus, eingezwickt zwischen zwei gr\u00f6\u00dferen: ein D\u00f6ner. Geschlossen. Auf der anderen Seite hat ein Gegenst\u00fcck, das Pizza und Kebab offeriert, auch nicht ge\u00f6ffnet. Der Stammsitz der ehemaligen, in diverse N\u00f6te geratenen Fleischhauerei Nothaft ist ein Schnellimbiss f\u00fcr mexikanisches Essen geworden, oder was man hierzulande daf\u00fcr halten muss oder sich darunter vorstellen darf. Vermutlich Tortillas, Enchiladas und wei\u00df der Teufel. Hat noch nicht auf. Jemand macht sich daran, von au\u00dfen an den \u00dcberklebungen der Fensterscheiben zu kletzeln. Muss der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer sein, ein unbefugter Spa\u00dfvogel wohl eher nicht.<\/p>\n<p>Das einstige <em>Gasthaus zur Stadt Salzburg<\/em> hat seit geraumem keinen Betreiber mehr. Im Stockwerk steht ein Kastenfenster offen. Schwer zu ergr\u00fcnden, ob ein verbliebener Bewohner l\u00fcftet oder eine erste Ma\u00dfnahme zum beschleunigten Abwohnen gesetzt worden ist. Das Vorstadthaus scheint jedenfalls angez\u00e4hlt. Dieser Bautyp verschwindet nach und nach v\u00f6llig aus dem Stadtbild und kein Gestaltungsbeirat st\u00f6\u00dft sich daran.<br \/>\nGegen\u00fcber hat die <em>Grieskirchner Bierstube<\/em> ihre Adresse. Aber auch dieses Lokal hat schon bessere Zeiten gesehen. Nunmehr h\u00e4lt es sonn- wie feiertags geschlossen, sperrt unter der Woche immer erst um 17 Uhr auf. Einst war einer seiner P\u00e4chter jener umtriebige Sprecher der Innung gewesen, der einmal im Jahr vor versammelter Presse unterhalb der Nibelungenbr\u00fccke ins Wasser gegangen ist. Derselbe schrullige Wirt, der quer durch die Gaststube seines Lokals im Franckviertel W\u00e4scheleinen spannte, <em>weil man seinen G\u00e4sten was bieten muss<\/em>, wie er es nannte.\u00a0 (Unter ranzigen Unterkleidern zu dinieren, stelle ich mir abenteuerlich vor.) Der Wiederbeleber der gl\u00fccklich verloren geglaubten Tradition des <em>Stachelbiers<\/em>.<\/p>\n<p>Einige Meter weiter: Ein Gesch\u00e4ft mit russischen Lebensmitteln. Heute nat\u00fcrlich zu. Aber was f\u00e4ngt einer auch mit Kwass und Borschtsch an, dem das obligate Gen daf\u00fcr fehlt?<br \/>\nDer Hutladen nach der <em>Stadt Salzburg<\/em> f\u00fchrt keine H\u00fcte mehr. Der f\u00fchrt \u00fcberhaupt nichts mehr. Die kahlen Auslagen ziert jener k\u00fchle, unaufdringliche Charme, wie er Bestattungsunternehmen eignet. An der Ecke Wiener Stra\u00dfe \/ Raimundstra\u00dfe firmiert eine Bank. Ungelenk bedient sich ein Mann am Geldautomaten. Davor hat die Caf\u00e9-Bar \u201eCelentano\u201c geschlossen. Eine Apotheke belebt das Stadtbild. Auf der anderen Stra\u00dfenseite l\u00e4dt \u201eRosi\u2019s Pub\u201c ein. Nur heute allerdings nicht. Ausschlie\u00dflich Montag bis Freitag, falls kein Feiertag im Kalender steht.<\/p>\n<p>Ich versuche mein Gl\u00fcck in der Raimundstra\u00dfe. An der Ecke zur Grillparzerstra\u00dfe f\u00fchrte vor Jahren eine Kroatin das \u201eGasthaus zum Schwarzen R\u00f6ssl\u201c. Das Tr\u00f6stliche: Das Gasthaus existiert noch immer, will es der Anschein. Hier wird Hausmannskost gekocht, verk\u00fcndet ein Leitspruch. Und weiters steht unter Fenstern mit fetzigen Gardinen zu lesen: \u201e\u25cfgut \u25cfg\u00fcnstig \u25cfreichlich\u201c. Was indes nirgendwo zu lesen steht, sind die nicht v\u00f6llig unwesentlichen \u00d6ffnungszeiten. Im Zweifelsfall bedeutet das: HEUTE GESCHLOSSEN.<br \/>\nWieder auf der Wiener Stra\u00dfe mache ich auf der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite eine Einkaufsstelle f\u00fcr karibische und afrikanische Fressalien aus. Auch nicht mein Fall: gratinierte Waranhaut und Victoriabarschflossensouffl\u00e9. Hat aber eh nicht auf. Die daran anschlie\u00dfende Pizzeria, die gef\u00fchlte sechzigste auf einer Strecke von knapp hundertf\u00fcnfzig Metern, ebenso.<\/p>\n<p>Auf meiner linken Seite stadtausw\u00e4rts, noch einmal eine, genau: <em>Pizzeria<\/em>. Pizzerien f\u00fchren nicht selten wenig originelle Namen im Hausschild. Weil deren Betreiber eben in den seltensten F\u00e4llen aus Ligurien oder anderen Regionen Italiens stammen. Die Pizzeria vor mir nennt sich \u201eZum Mafiosi\u201c. Wenn das noch kein Grund ist, sie zu meiden, tut es allenfalls der Blick auf die Speisekarte. Wenn sich die italienische K\u00fcche in Pizza, Pasta und Lasagne ersch\u00f6pfte, w\u00e4ren garantiert alle Italiener schon vor Generationen nach Amerika ausgewandert und h\u00e4tten sich freiwillig von den Apachen skalpieren lassen.<br \/>\nIn der Lissagasse bei der Herz Jesu Kirche bittet man beim <em>Kirchenwirt<\/em> nicht zu Tisch. \u201eSonn- und Feiertag Ruhetag\u201c ist freundlich-unauff\u00e4llig affichiert. Auf der anderen Seite der Wiener Stra\u00dfe hat das \u201eIndisches Spezialit\u00e4ten Restaurant\u201c zu. Also nix mit frittierten Heuschrecken und Tandoori Masala.<br \/>\nAn der Ecke zur D\u00fcrrnbergerstra\u00dfe, wo sich fr\u00fcher das Kaufhaus Wiesinger befand, in dem man alles was das Herz begehrt, von der Tetra Pak-Milch bis zu St\u00fctzstr\u00fcmpfen und Selbstbindern, erwerben konnte, hat eine Konditorei ge\u00f6ffnet. Nicht gerade <em>die<\/em> Einladung f\u00fcr Laktoseintoleranzgeplagte.<\/p>\n<p>Hinter den Auslagenscheiben eines ehemaligen W\u00e4schegesch\u00e4fts strudelt sich ein t\u00fcrkischer B\u00e4cker in mehlwei\u00dfem Ornat an einem volumin\u00f6sen Teig ab. Nichts gegen t\u00fcrkische S\u00fc\u00dfspeisen, wer es sich auf Picks\u00fc\u00dfigkeit der Marke \u201ePlombenzieher\u201c steht, m\u00f6ge sie schnabulieren und darauf bauen, ihn oder sie werde die Zuckerkrankheit eh schon nicht ereilen. Allein, dass noch niemandem aus der t\u00fcrkischen Community der Stahlstadt die Idee gekommen ist, ein t\u00fcrkisches, anatolisches, kurdisches Restaurant zu er\u00f6ffnen, verwundert schon. Oder sind die allesamt so bet\u00fctelt, dass ihnen nur Pizzabacken und Hammelfleischhobeln einf\u00e4llt? (Wenn ich mir an dieser Stelle auf der Stelle etwas w\u00fcnschen d\u00fcrfte, dann w\u00e4re es ein feinsinniger Grieche, der Fangarme vom Kalmar nicht als gegarte Fahrradschl\u00e4uche offeriert und s\u00fcffigen Retsina, der das Sch\u00e4delweh nicht im Bukett hat, dekantiert.)<br \/>\nDas \u201eZwei Adler\u201c an der Wiener Stra\u00dfe 73, an der Ecke zur Richard-Wagner-Stra\u00dfe, existiert schon lange nicht mehr. Allein die zwei sich aufplusternden V\u00f6gel in Stein zieren nach wie vor den Dachfirst des Geb\u00e4udes. Gegen\u00fcber, dort wo einst eine Schmiede stand, w\u00fcrde abermals ein Kebab-Pizzeria-Schnitzel-Kabuff locken. Wenn es nicht Sonntag w\u00e4re.<br \/>\nAuf meiner Seite komme ich an einer weiteren Pizzeria, diesmal mit deklariertem Zustellservice vorbei. Wenn nicht irgendwann, so will zumindest einmal in der Woche selbst der leidenschaftlichste Teigausroller seine Ruhe haben, steht zu vermuten. Das Auslegen von Einleggem\u00fcse, Meeresfr\u00fcchten, Pressschinken und K\u00e4segraupen \u00fcber Teigfl\u00e4chen ohne Unterlass kann garantiert dem Stumpfsinnigsten fr\u00fcher oder sp\u00e4ter den letzten Nerv rauben.<\/p>\n<p>Am Bulgariplatz gehe ich kurz die G\u00fcrtelstra\u00dfe hoch. Das Wirtshaus, das ich von fr\u00fcher hier in Erinnerung habe, gibt es nicht mehr. Ich entdecke stattdessen ein Imbisslokal. Hat aber zu. Dennoch scheint man sich hier Sinn f\u00fcr Ironie zu bewahren: Die schuhabstreifergro\u00dfe Plattform vor dem erh\u00f6ht angesetzten Eingang ziert eine Tafel mit der Aufschrift \u201eGastgarten\u201c.<br \/>\nDie Poschacherstra\u00dfe \u00fcbersetzend komme ich an einer Hauswand an der Gedenktafel f\u00fcr Anton Bulgari vorbei, einem Opfer des Austrofaschismus. Kr\u00e4nze und Blumengebinde liegen davor aus. \u201eVergeben, aber nicht vergessen\u201c, hei\u00dft es auf den Kranzschleifen.<\/p>\n<p>Der Bulgariplatz ist leider ein innerst\u00e4dtischer Nicht-Ort, ein Verkehrsknoten ohne irgendein Angebot, das auch dann zum Verweilen einladen k\u00f6nnte, wenn die Ampeln nicht gerade auf rot stehen. Okay, es gibt die Dreifaltigkeitss\u00e4ule zu schauen, die im Jahre Schnee der Hausherr eines verschwundenen Geh\u00f6fts gestiftet hat. Aber damit hat es sich auch schon.<\/p>\n<p>Ich paradiere an Hochbauten vorbei, die den Schick der sp\u00e4ten f\u00fcnfziger Jahre bewahren. Als Kunst am Bau, beziehungsweise zwischen den Bauten, und fehlende W\u00e4rmed\u00e4mmung noch etwas her machten. In der Auslage eines China-Ladens winkt eine goldene Maneki-neko in enervierender Hektik. Das Gl\u00fcck herbeiwinken, soll diese Geste bedeuten. In der <em>Bayern-Stub\u2019n<\/em> sammelt sich eine neue Sparrunde, steht auf einem Zettel zu lesen, der hinter der Eingangst\u00fcr pickt. Erster Einzahlungstag ist aber nicht heute. Heute ist Sonntag und Sonntag ist Sperrtag.<br \/>\nZwischen den H\u00e4usern gewinne ich einen Blick auf den Gabrielenhof. Dieser schmucke Ansitz eines l\u00e4ngst verblichenen Brauereibarons g\u00e4be ein wunderbares Domizil f\u00fcr ein Gasthaus. Die Villa im Besitz der Stadt fungiert freilich als Logis f\u00fcr einen Kindergarten. Auch recht. Daf\u00fcr gibt es das \u201ePoschacherst\u00fcberl\u201c, ein ausgewiesenes Raucherlokal. Das hat offen, aber daran gehe ich vorbei. Man vermag sich hier n\u00e4mlich ohne die M\u00fchsal eines Speisenangebotes durchzubringen und ich mich unter die M\u00fchlkreisautobahn.<br \/>\nGleich darauf er\u00f6ffnet sich mir der Blick auf das WIFI. Ich denke, das hauseigene Caf\u00e9 ist heute als geschlossen zu denken. Ich komme an einem Oldies-Pub vorbei. Es hat zu. Wom\u00f6glich sogar f\u00fcr immer, aber solange will ich gar nicht bleiben. Ich gerate ans \u201eTechnologie Zentrum Linz\u201c, dann zur gl\u00e4sernen Zentrale der stadteigenen LINZ AG. Man braucht aber nicht fragen, wie die Aktien stehen.<\/p>\n<p>In der Fichtenstra\u00dfe dann \u2013 wirklich originell \u2013 eine Pizzeria f\u00fcr den versierten Schnofel. Zu.<br \/>\nIch stapfe weiter, die klammen Finger in die Jackentaschen gekrampft. Rechts die Zentrale der Linzer Berufsfeuerwehr. Einmal habe ich dort einen ohne Schikanen zu betretenden Eingang gesucht, um Informationen \u00fcber einen bestimmten Feuerwehreinsatz zu eruieren und bin j\u00e4mmerlich gescheitert. Jetzt stehe ich an der Einm\u00fcndung der Rosenbauerstra\u00dfe in die Wiener Stra\u00dfe vor einer gro\u00dfen, l\u00fcckenhaft umz\u00e4unten Brachfl\u00e4che: dem ehemaligen Areal des Coca Cola-Werks. F\u00fcr Generationen von Volkssch\u00fclern war hier der Zielort der beliebtesten Schulexkursion \u2013 nach dem Besuch der Feuerwehr.<br \/>\nVorbei an der Berufsschule gehe ich in die Turmstra\u00dfe hinein und muss erkennen, das \u201eGasthaus zum Turmfalken\u201c ist ein Mexikaner geworden. Der hat nat\u00fcrlich nicht offen. Das Hotel nebenan wirkt wie eine aufgegebene Garage f\u00fcr Werbefahrten-Busse: Wer darauf hereinf\u00e4llt, wird festgehalten und solange mit teuren Billigangeboten gek\u00f6dert, bis er wirklich nicht mehr zuschnappen kann. Also begebe ich mich auf der Wiener Stra\u00dfe weiter. Vorbei an einem D\u00f6ner-Kabuff. Das ist verrammelt. Vis-\u00e0-vis hat die Wurstbude beim ehedem wegen seiner Fassadenf\u00e4rbelung so gehei\u00dfenen Spinatturm nicht auf. Ich wechsle die Stra\u00dfenseite.<\/p>\n<p>In der einst so bezeichneten Todeskurve findet sich zun\u00e4chst ein Etablissement, etwas weiter vorne eine Konditorei. Ein Paar spaziert im selben Augenblick in die Konditorei, in dem ich mich \u00fcber Firmenniederlassungen in den abbruchreifen H\u00e4usern entlang des abgekommenen Glacis des verschwundenen Einserturms wundere. Eine erste Adresse halluziniert man anderswo.<br \/>\nIch bin im Stadtteil Neue Welt angekommen, es ist 10 Uhr 30. Vor mir wackeln \u00e4ltere Kirchg\u00e4ngerinnen mit ihren leicht bedrohlich wirkenden Handtaschen und j\u00fcngeres Volk in der Minderzahl aus der Sankt Antonius-Kirche, einige sammeln sich ratschend vor dem Pfarrheim. Ich beschlie\u00dfe, der Salzburger Stra\u00dfe zu folgen und frage mich, ob dieser unscheinbare Eckbau an der Abzweigung zur Schumannstra\u00dfe jenes Gasthaus gewesen sein mag, in dem ich einst mit meiner Schwester nach unserem Herkommen von Verwandten im unteren M\u00fchlviertel auf ein Kracherl, wie ich glaube, gelandet bin. Oder befand sich die Gastst\u00e4tte ganz genau an der Stelle, an der heute eine Filiale dieser sympathischen Bank mit den gekreuzten Giebelbalken thront? Und wie hie\u00df diese rustikale Bleibe mit der gediegenen Wartesaalatmosph\u00e4re gleich noch? Etwa \u201eZur Neuen Welt\u201c?<\/p>\n<p>Zwei M\u00e4nner mit Stielb\u00fcrsten seifen Plakatw\u00e4nde mit Tapetenkleister ein und bringen zusammengefaltete Werbebanner darauf auf, entfalten die Papiere mit ge\u00fcbten Bewegungen und im Nu zeigt sich die Welt um ein paar erbauliche Botschaften bereichert.<br \/>\nIch nehme den Angerholzweg entlang des Zauns der umfriedeten Wasserschutzzone mit der Idee, ein bestimmtes Lokal, das vor hundert Jahren \u201eZum englischen Garten\u201c gehei\u00dfen hat, zu betreten. An der Abzweigung Arnleitnerweg beginnt es zu regnen, ich schlage die Kapuze meiner Jacke \u00fcber den Kopf, schlendere durch einen von allen Kindern verlassenen Kinderspielplatz. Das Sportplatzrestaurant \u201eStadt M\u00fcnchen\u201c, Ecke Schwindstra\u00dfe \/ Teutschmannweg, wirkt von au\u00dfen nicht so, als h\u00e4tte es ge\u00f6ffnet. Aus einer Halle erklingen das Klacken und Kl\u00f6tern von St\u00f6cken auf Asphaltbahnen und die erregten Rufe der Sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>In der Haydnstra\u00dfe verzaubert mich einmal mehr die Wohnanlage des Architekten Kurt K\u00fchne, die in der Gestaltung eines Angerdorfplatzes gehalten ist. Es fehlt aber die Penetranz des Pittoresken, der Knusperh\u00e4uschen-Stil der Wohlmeinenden. Freilich hei\u00dft hier zu wohnen auch, in Kauf zu nehmen, dass man rundherum nirgendwo einkaufen gehen kann, weil es weder Supermarkt, Tankstelle noch Grei\u00dfler gibt. In Berlin soll sich gar eine idente, der Gartenstadtidee verpflichtete Siedlungszeile befinden.<br \/>\nWieder auf dem Angerholzweg verbleibe ich auf ihm bis zur Einm\u00fcndung des Z\u00f6tlweges, dann stehe ich vor dem Gasthaus <em>Bratwurstgl\u00f6ckerl<\/em>. Es regnet noch kr\u00e4ftiger und ich spanne den Schirm. Vom auf Klapptafeln ausgewiesenen Tagesangebot am Eingang ins Traditionsgasthaus spricht mich nichts an. Es liegt, keine Frage, an mir und meiner Tagesverfassung, dass mir heute nach einem Alt-Wiener Zwiebelrostbraten oder Medaillons im Speckmantel mit R\u00f6sti und anderer Begleitung nicht der Sinn steht. Au\u00dferdem ruiniert mir ein Werbebanner jenes Gernegro\u00dfen, den meine j\u00fcngere Cousine geheiratet hat, den Appetit. Der Pharis\u00e4er hat doch tats\u00e4chlich Fleischhauerei und Immobiliensammeln als Hand in Hand gehendes Doppelgewerbe kreiert.<\/p>\n<p>Nach einer Weile m\u00fchseliger Unentschlossenheit raffe ich mich auf nach Hause umzukehren. Ich werde mir Leberk\u00e4se in der Pfanne schmurgeln. Die kulinarische \u00dcbersetzung des Umstands, dass dieser Sonntag kein H\u00f6hepunkt mehr werden wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Bernhard Hatmanstorfer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a title=\"spazierensehen\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2528\">spazierensehen<\/a> | Inventarnummer: 14040<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDie Folge der Speisen geht von den schweren zu den leichten.\u201c Jean Anth\u00e8lme Brillat-Savarin, Physiologie des Geschmacks \u201eAllein eine der besten ged\u00e4mpften Speisen, welche aus Fischen bereitet werden k\u00f6nnen, ist die folgende: (\u2026).\u201c Carl Friedrich von Rumohr, Geist der Kochkunst Manchmal \u00fcberkommt es einen halt. Nein, ich meine nicht jenes Gebaren in rauen Vollmondn\u00e4chten, in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[62],"tags":[83],"class_list":["post-1311","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hatmanstorfer-bernhard","tag-spazierensehen"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1311","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1311"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1311\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2535,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1311\/revisions\/2535"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1311"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1311"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1311"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}