{"id":13071,"date":"2021-08-14T07:21:02","date_gmt":"2021-08-14T07:21:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13071"},"modified":"2021-08-28T08:09:51","modified_gmt":"2021-08-28T08:09:51","slug":"due","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13071","title":{"rendered":"Friedrich Reinhold D\u00fcrrenmatt zum 100. Geburtstag am 5. Januar 2021"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13071&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13071&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><strong><em>Alles ist ausgespielt<\/em><\/strong>.<\/p>\n<p>Das Eingangszitat stammt aus \u00abDie Physiker\u00bb und m\u00fcsste f\u00fcr diesen Essay eigentlich mit einem gro\u00dfen Fragezeichen versehen werden<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a>. In kontr\u00e4rer Attitude \u00fcberlegte das St. Galler Tagblatt, \u00ab\u2026 warum er immer noch beunruhigt und inspiriert\u00bb, zu Beginn der Gedenkwochen auf seiner November-App. Die publizistischen W\u00fcrdigungen \u00fcberschlagen sich, nicht nur zum 100. Geburtstag, sondern \u00fcberdies zum 30. Todestag am vergangenen 14. Dezember. Macht es Sinn, diesem ernsthaften Potpourri noch etwas hinzuzuf\u00fcgen? Oder anders: Es kann wohl nur um eine pers\u00f6nliche Sicht gehen; deshalb zuerst meine Erinnerungen:<\/p>\n<p>Als 13-\/14-J\u00e4hriger spielte ich in einer Schulauff\u00fchrung in \u00abRomulus der Gro\u00dfe\u00bb den ostr\u00f6mischen Kaiser Zeno, einen vor lauter Unsicherheit blasiert Auftretenden; ich beneidete die titelgebende Hauptperson (den Deutschlehrer), die sich bodenst\u00e4ndig wie ungeordnet mit Landwirtschaftlichem abgeben durfte. Die hierher geh\u00f6rende Anekdote ist einfach zu aussagekr\u00e4ftig: Romulus, der letzte westr\u00f6mische Kaiser, setzt sich zum <em>Morgenessen<\/em>, was den Vorwurf eines schlechten Deutschs hervorrief, worauf D\u00fcrrenmatt w\u00e4hrend der Proben das beanstandete Wort belie\u00df, jedoch hinzuf\u00fcgt <em>was richtiges Latein ist, bestimme ich<\/em>.<br \/>\nEin anderes Mal hielt man ihm bei einer Rede in Deutschland entgegen, er solle doch Hochdeutsch sprechen, worauf er erwiderte: <em>Ich kann nicht h\u00f6her!<\/em> (Auf D\u00fcrrenmatts Sprache ist noch zur\u00fcckzukommen!) Und der nicht nur diese beiden Male, sondern zeit seines Lebens h\u00f6chst pointiert-flexibel reagierende Autor h\u00e4tte zweifellos seinen zustimmenden Spa\u00df gehabt bei einer etwas sp\u00e4ter von mir erlebten Auff\u00fchrung des St\u00fccks auf Italienisch mit dem Gag, dass die einbrechenden Germanen ihr heimisches Idiom sprachen, das dann von einem der Ihren f\u00fcr Romulus simultan \u00fcbersetzt wurde.<\/p>\n<p>Zweitens: Nicht von ungef\u00e4hr setzt sich meine Erinnerung fest am letzten \u00f6ffentlichen Auftritt D\u00fcrrenmatts in der Schweiz am 22. November 1990: In einer Rede<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a> verglich er sein Land mit einem sicheren Gef\u00e4ngnis<em>, wohinein sich die Schweizer gefl\u00fcchtet haben, <\/em>sprich dasjenige <em>ihrer Neutralit\u00e4t<\/em>. <em>Als frei gelten <\/em>[nun einmal]<em> f\u00fcr die Aussenwelt nur die W\u00e4rter, denn w\u00e4ren diese nicht frei, w\u00e4ren sie ja Gefangene. Um diesen Widerspruch zu l\u00f6sen, f\u00fchrten die Gefangenen die allgemeine W\u00e4rterpflicht ein: Jeder Gefangene beweist, indem er sein eigener W\u00e4rter ist, seine Freiheit<\/em>. Aber:<em> Wer <\/em>[dergestalt]<em> dialektisch lebt, kommt in psychologische Schwierigkeiten.<\/em><br \/>\nDas Remedium stellt die Anlage von Akten \u00fcber diejenigen Insassen, welche sich doch nicht frei f\u00fchlen; D\u00fcrrenmatt spielt dabei ganz konkret auf den gerade aufgeflogenen \u00abFichenskandal\u00bb an<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a>. F\u00fcr ihn h\u00f6chst bezeichnend seine sarkastisch-parodistische Folgerung: <em>Aber da das Aktengebirge so gewaltig ist, kam die Gef\u00e4ngnisverwaltung zum Entschluss, dass es sich selber angelegt hat. Wo alle verantwortlich sind, ist niemand verantwortlich. <\/em>[\u2026] <em>So ist denn das Gef\u00e4ngnis in Verruf geraten. Es zweifelt an sich selber. <\/em><\/p>\n<p>Der Inhalt wirkt auf seine Sichtweise: eine fast erbarmungslose Konsequenz und ein verbindlicher fast belletristischer Ton. (Anders als sein, immer wieder mit ihm im gleichen Atemzug genannter, landsm\u00e4nnischer Zeitgenosse Max Frisch, der es eher mit schl\u00fcssiger H\u00e4rte und einem sachlichen Ton hielt.)<br \/>\nDabei war das nur, einen guten Monat vor seinem Tod, sozusagen der (vor)letzte Trumpf und in gewisser Weise auch ein R\u00fcckblick. Bereits der doppelt im Zentrum stehende Satz <em>Durch den Menschen wird alles paradox, verwandelt sich der Sinn in Widersinn, Gerechtigkeit in Ungerechtigkeit, Freiheit in Unfreiheit, weil der Mensch selber ein Paradoxon ist, eine irrationale Rationalit\u00e4t <\/em>beschreibt das Credo und, nehmen wir die Wendung von Handeln in Schuld hinzu, die von ihm immer wieder aufs Neue entdeckten Thematiken seines Werks.<\/p>\n<p>Bei F.D. geht es zutiefst um die nicht aus dem Zusammenhang der gesamten Lebenssituation l\u00f6sbare Situation des Einzelmenschen in Relation zur h\u00f6chst komplex verstandenen individuellen Freiheit. Ein letztes Mal aus der Rede: <em>Was sind wir Schweizer f\u00fcr Menschen? Vom Schicksal verschont zu werden ist weder Schande noch Ruhm, aber es ist ein Menetekel. <\/em>Aus der ihn immer umtreibenden Frage des Wo stehen wir? ergibt sich eine Weltsicht, die, meine ich, durch die angepasst b\u00fcrgerlichen Existenzen hindurch von Melancholie im w\u00f6rtlichen Sinn der Schwarzgalligkeit \u2013 <em>nachgerade d\u00fcrrenmattisch ist nat\u00fcrlich der Sieg des Passiven<\/em><a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a> \u2013 mit depressiven Ankl\u00e4ngen im Sinn von Verstimmtheit insbesondere \u00fcber das Scheitern getragen wird. <em>Da\u00df ich immer wieder die schlimmstm\u00f6gliche Wendung <\/em>\u2013 f\u00fcr ihn sozusagen der einzig m\u00f6gliche (Werk-)Schluss \u2013<em> darstelle, hat nichts mit Pessimismus zu tun, auch nichts mit einer fixen Idee. Die schlimmstm\u00f6gliche Wendung ist das dramaturgisch Darstellbare<\/em><a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[5]<\/a> \u2013 und, so kann hinzugef\u00fcgt werden, wohl neben der steten Reflexion \u00fcber den Zufall, der die Rolle der Moral<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[6]<\/a> und \u2013 nicht zuletzt durch seine eigene gesundheitliche Situation mitgetragen<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[7]<\/a> \u2013 das Ph\u00e4nomenon des Leidens einschlie\u00dft, eine seiner Konsequenzen aus der zwiesp\u00e4ltig erlebten Herkunft aus einem Pfarrerhaus im Berner Umfeld.<\/p>\n<p>Ein dritter pers\u00f6nlicher Einstieg ist f\u00fcr mich als gelernten Kunsthistoriker die (an sich nicht seltene) Doppelbegabung D\u00fcrrenmatts als Mann der Sprache und als Mann der Malerei resp. Zeichnung<a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[8]<\/a>. Insbesondere aufschlussreich ist dabei die eigene grundlegende Darstellung zum Thema in einer kurzen Publikation anl\u00e4sslich einer Ausstellung mit begleitendem Band 1978<a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[9]<\/a>. Man hat seine Arbeiten mit ihren vielen Anspielungen seinerzeit als surrealistisch bezeichnet, dagegen wandte sich D\u00fcrrenmatt mit Verve: <em>So sind denn auch die Assoziationen, aus denen sich meine Bilder zusammenbauen, Resultate meines pers\u00f6nlichen Denkabenteuers, nicht die einer allgemeinen Denkmethode. Ich male nicht surrealistische Bilder<\/em> (\u2026), <em>ich male f\u00fcr mich verst\u00e4ndliche Bilder: Ich male f\u00fcr mich. Darum bin ich kein Maler. Ich stelle mich der Zeit, und unserer Zeit kommt man nicht mit dem Wort allein bei<\/em>.<\/p>\n<p>Zweifellos lassen sich (den Umfang dieses Essays sprengend) aus den h\u00e4ufigen Bildmotiven wie Kreuzigung oder Turmbau oder Schwangerschaft oder Ratten R\u00fcckschl\u00fcsse auf dort nicht in dieser Form expressis verbis ge\u00e4u\u00dferte Verbindungen im schriftstellerischen Werk herstellen, so wie ihrerseits die h\u00e4ufig karikaturenhaften Zeichnungen Hinweise auf einen Einstieg in die inhaltliche Materie geben m\u00f6gen. <em>So stellt denn mein Malen und Zeichnen eine Erg\u00e4nzung meiner Schriftstellerei dar &#8211; f\u00fcr alles, das ich nur bildnerisch ausdr\u00fccken kann. So gibt es denn auch nur wenig rein \u201aIllustratives\u2018 von mir. Auch beim Schreiben gehe ich nicht von einem Problem aus, sondern von Bildern, denn das Urspr\u00fcngliche ist stets das Bild, die Situation &#8211; die Welt<\/em>.<\/p>\n<p>Als mindestens ebenso wesentlich ergibt sich f\u00fcr mich eine andere Verbindung durch den Umstand, dass die Arbeiten mit Pinsel und Stift mit Unterbrechungen \u00fcber eine lange Zeitspanne entstanden, vielfach nicht effektiv beendet wurden. In der Kunstwissenschaft finden sich reihenweise \u00dcberlegungen zum \u00abnon finito\u00bb mit den jeweiligen Untersuchungen \u00fcber die Gr\u00fcnde (Absicht aus dem Werk heraus; aus der pers\u00f6nlichen Lage; den Zeitumst\u00e4nden verpflichtet? etc.).<br \/>\nMan verband D\u00fcrrenmatt gerne mit einem barocken Stil, nahm dabei allerdings prim\u00e4r seinen Lebenswandel aufs Korn<a href=\"#_edn10\" name=\"_ednref10\">[10]<\/a>, verga\u00df, wie ich meine, jedoch, in unserem Zusammenhang unbedingt passender, seine publizistische Relevanz f\u00fcr eine Originalit\u00e4t, die dem Original keinen letztg\u00fcltigen Wert zuerkannte.<\/p>\n<p>Stets blieb er, der Theaterpraktiker, \u00c4nderungen in seinen Dramen gegen\u00fcber offen, selbst partielle Neufassungen wie des \u00abRomulus\u00bb sind nicht selten, gleicherma\u00dfen ver\u00e4nderte er viele Prosawerke namentlich in den abschlie\u00dfenden Textpassagen wie etwa im letzten Kapitel in \u00abGrieche sucht Griechin\u00bb, goss sie in betr\u00e4chtlicher Anzahl in H\u00f6rspielform, in Filmtextb\u00fccher und zwei Mal sogar in Opernlibretti<a href=\"#_edn11\" name=\"_ednref11\">[11]<\/a> um.<br \/>\nAls ein bezeichnendes pars pro toto darf die \u2013 noch? \u2013 Schullekt\u00fcre \u00abDie Panne\u00bb gelten: Die Erz\u00e4hlung entstand 1955 und fast parallel als H\u00f6rspiel, das, 1957 zum Fernsehspiel umfunktioniert, 1979 in eine Kom\u00f6die umgewandelt wurde. Hinter dieser Gro\u00dfz\u00fcgigkeit gegen\u00fcber Mehrfachfassungen standen praktische \u00dcberlegungen: Es <em>w\u00e4re die Form des scheinbar fragmentarischen vielleicht doch die dichterischste<\/em><a href=\"#_edn12\" name=\"_ednref12\">[12]<\/a> einerseits, andererseits, wohl entscheidender, die nicht nachlassende Chance, die kreativen Potentiale der Einf\u00e4lle und Motive auszuloten.<\/p>\n<p><em>Ich male aus dem gleichen Grund, wie ich schreibe: weil ich denke.<\/em> Dieses Denken ist \u2013 der vierte Punkt, der mich jetzt als Schreibenden fasziniert \u2013 in einer kaum zu \u00fcbertreffenden Weise unmittelbar mit der sprachlichen Formulierung verbunden. Trotz des R\u00fcckzugs in eine mit 31 Jahren selbst gebaute Idylle oberhalb des Neuenburger Sees erscheint D\u00fcrrenmatt als m\u00fcndlicher Kommunikator ersten Ranges. Seine Korrespondenz erfolgt ab den 1950er Jahren kaum mehr schriftlich (umfangreich hingegen die Typographien seiner Sekret\u00e4rin), die L\u00e4nge seiner Telefonate ist legend\u00e4r. Die Basis gilt auch in umgekehrter Hinsicht, Max Frisch urteilt \u00fcber D\u00fcrrenmatt als Rekonvaleszenten nach Herzinfarkt im Unterengadin, er sei <em>ein Herkules im Zuh\u00f6ren; es kommt auf den Partner an<\/em>. Die Basis des gesprochenen Worts wirkt sich auf alle Texte aus, noch einmal Frisch: <em>D\u00fcrrenmatt ist ein Erz\u00e4hler von Gebl\u00fct, er braucht Zuh\u00f6rer, die gewillt oder gezwungen sind, sich unterrichten zu lassen<\/em>.<a href=\"#_edn13\" name=\"_ednref13\">[13]<\/a><\/p>\n<p>Zweifellos kommt F.D.s grandioser Erfolg im Theater nach dem Durchbruch 1949 mit Romulus, namentlich 1956 mit \u00abDer Besuch der alten Dame\u00bb, eines in der Folge weltweit meistaufgef\u00fchrten St\u00fccke, und dem ebenso internationalen Ruhm erringenden \u00abDie Physiker\u00bb 1962 somit keineswegs von ungef\u00e4hr; seit 1954 \u00fcbt er auch die Gegenseite des Verfassers als Regisseur anderer (\u00e4lterer) und eigener St\u00fccke, sogar, wenngleich eher ungl\u00fccklich, als Mitarbeiter der Basler und Z\u00fcrcher B\u00fchnen<a href=\"#_edn14\" name=\"_ednref14\">[14]<\/a>, schrieb eine Zeitlang Theaterkritiken<a href=\"#_edn15\" name=\"_ednref15\">[15]<\/a>, verfasste theoretische Arbeiten wie die <em>Theaterprobleme<\/em> aus 1954.<\/p>\n<p>Selbst seine vielen Prosawerke leben trotz aller f\u00fcr ihn (selbst in den \u00abunendlichen\u00bb Szenenangaben in den Dramen) unerl\u00e4sslicher pr\u00e4gnanter Charakterisierung der r\u00e4umlichen Umst\u00e4nde von den durchdacht gef\u00fchrten Dialogen. Und er hielt dar\u00fcber hinaus als gl\u00e4nzender Rhetoriker bei vielen Gelegenheiten, nicht zuletzt bei zahlreichen Preisverleihungen<a href=\"#_edn16\" name=\"_ednref16\"><sup><sup>[16]<\/sup><\/sup><\/a> und Ehrendoktoraten, der insbesondere einheimischen Kulturwelt ihren zeitgen\u00f6ssischen Spiegel vor, Reden, deren Texte er, der Gattungs-Ungebundene, f\u00fcr die Drucklegung in eine Essay-Form \u00fcberarbeitete.<br \/>\nSprache ist also gewisserma\u00dfen die Ursubstanz seines Seins. Je l\u00e4nger, desto pers\u00f6nlicher geriert sich die Ausdrucksweise \u00fcber den freien Umgang mit Grammatik und Interpunktion bis, nach anf\u00e4nglicher Zur\u00fcckhaltung immer dezidierter im Antagonismus zu deutschen Lektoren<a href=\"#_edn17\" name=\"_ednref17\">[17]<\/a>, zum gezielten Einbau von Helvetismen, die sp\u00e4ter sogar im Duden Aufnahme fanden. <em>Ich schreibe ein Deutsch, das auf dem Boden des Berndeutschen gewachsen ist<\/em><a href=\"#_edn18\" name=\"_ednref18\">[18]<\/a>, aber darin liegt mehr begr\u00fcndet als das gern eingesetzte Lokalkolorit: Gerade bei F.D. lebt das Dialektische ganz urspr\u00fcnglich vom Beschreiben des Praktischen und von seiner Bildhaftigkeit \u2013 womit sich der Kreis zum Maler und Zeichner schlie\u00dft.<\/p>\n<p>Der erw\u00e4hnte H\u00f6henflug f\u00fchrte zwar nicht ikarusgleich zum Absturz, doch fiel D\u00fcrrenmatt nach Misserfolgen mehrfach in schwere Krisen, ein besonderer Verdruss erwuchs ihm \u00a0Anfang der 1970er Jahre. Kathartisch wecken sie neues Bewusstsein: [\u2026 <em>meine Theaterarbeiten stehen im luftleeren Raum des Nichts-Einbringens, ich muss mich wahrscheinlich auf einige Zeit auf die Prosa st\u00fcrzen und einige Romane schreiben um leben zu k\u00f6nnen<\/em>.<a href=\"#_edn19\" name=\"_ednref19\">[19]<\/a> Schriftstellerisch geht diese Rechnung so ganz nicht auf, seine Produktion in den verschiedensten literarischen Sparten l\u00e4uft mit den ihm zur Natur gewordenen Spannungsb\u00f6gen weiter auf sehr hohem Niveau.<\/p>\n<p>F\u00fcr D\u00fcrrenmatt \u2013 f\u00fcr den Distanz grunds\u00e4tzlich eine Voraussetzung von Wahrnehmung war<a href=\"#_edn20\" name=\"_ednref20\"><sup><sup>[20]<\/sup><\/sup><\/a> bis hin zur Liebe zur Astronomie mit eigenem Teleskop \u2013 bleibt der, meines Erachtens, in der\u00a0 zweiten Lebensh\u00e4lfte ebenso kultivierte (<em>denn Sie wissen ja, dass auch die Besten nur von wenigen verstanden werden<\/em><a href=\"#_edn21\" name=\"_ednref21\"><sup><sup>[21]<\/sup><\/sup><\/a>) wie ausgekl\u00fcgelte R\u00fcckzug eine Form der Selbstbestimmung bis zum Punkt der Zensur f\u00fcr die private, stark famili\u00e4r gepr\u00e4gte Sph\u00e4re<a href=\"#_edn22\" name=\"_ednref22\">[22]<\/a>; offensichtlich gedachte er stets des Bilds, das er der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentieren wollte.<\/p>\n<p>Eine besondere Reprise ergibt sich im letzten abgeschlossenen Werk, dem kurzen Roman \u00abDurcheinandertal\u00bb 1989. Hier zieht der Autor in gedr\u00e4ngt aufeinander folgenden Rundumschl\u00e4gen noch einmal alle Register, um im fiktiven Kosmos das Gewohnte auf den Kopf zu stellen, Negatives und Positives ins Gegenteilige umzukehren, um dann in apokalyptischem Furor die Welt in Flammen untergehen zu lassen (mit Ausnahme, wohl bezeichnenderweise, einer Schwangeren).<\/p>\n<p>Wer nicht zum nicht zuletzt durch mannigfaches Rekurrieren auf Bibelworte provokanten Chaos greifen will<a href=\"#_edn23\" name=\"_ednref23\">[23]<\/a>, erhielte ein besonderes, in vieler Hinsicht autobiografisch gepr\u00e4gtes Weiterverfolgen im das halbe Leben umfassenden Unternehmen der \u00abStoffe\u00bb. Die Vorgabe <em>Die Geschichte meiner Schriftstellerei ist die Geschichte meiner Stoffe, Stoffe jedoch sind verwandelte Eindr\u00fccke<\/em> 1964<a href=\"#_edn24\" name=\"_ednref24\">[24]<\/a> wird unter Beizug von viel Unver\u00f6ffentlichtem von 1969 bis zum Lebensende intensiviert. Hier erscheinen in den Titeln der B\u00e4nde die \u00dcberschriften das <em>Labyrinth<\/em>, der <em>Turmbau<\/em> (nicht nur in der gewohnten Metapher, sondern zugleich als der Immer-wieder-Bau verstanden) sowie der <em>Gedankenschlosser<\/em>.<\/p>\n<p>Das letztlich Unvollendete passt wie ein Fazit zu diesem Autor, f\u00fcr den die Zuf\u00e4lle so umfassend sind, dass es keine Zuf\u00e4lle geben kann \u2026<a href=\"#_edn25\" name=\"_ednref25\">[25]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Gut h\u00e4tte wohl auch, aus demselben St\u00fcck, das <em>Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zur\u00fcckgenommen werden<\/em> gepasst, aber das Zitat wurde zwischenzeitlich geradezu inflation\u00e4r gebraucht.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Zur Verleihung des Gottlieb-Duttweiler-Preises an V\u00e1clav Havel; die Rede l\u00e4sst sich verschiedentlich auch im Internet nachlesen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> Vor allem Bundes- und kantonale Polizeibeh\u00f6rden, aber auch privat organisierte Schn\u00fcffler hatten jahrzehntelang umfangreiche Registerkarten (\u00abFichen\u00bb) \u00fcber Ausl\u00e4nder, f\u00fcr 30 Jahre indes auch allgemein der der \u00abSubversion\u00bb Verd\u00e4chtige, f\u00fcr die Staatssch\u00fctzer namentlich \u00ablinke\u00bb Aktivisten, Politiker und Organisationen, angelegt; die Sache flog 1989 auf, f\u00fchrte zu massiven Protestkundgebungen und in der Folge zu einer wissenschaftlich fundierten Aufarbeitung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> M.F. an F.D. 27.3.1949 \u00fcber \u00abRomulus\u00bb (Kurzform des\u00a0St\u00fccks \u00abRomulus derGrosse\u00bb); Max Frisch Friedrich D\u00fcrrenmatt Briefwechsel, hrsg. von Peter R\u00fcedi, Z\u00fcrich Diogenes 1998, S. 99<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a> Zitat aus: F.D. Werkausgabe Bd. 32, Literatur und Kunst, Z\u00fcrich Diogenes 1998: \u00abPers\u00f6nliche Anmerkung zu meinen Bildern und Zeichnungen\u00bb (1978)<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[6]<\/a> expressis verbis in der Rede \u00abDas Theater als moralische Anstalt\u00bb 1986<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[7]<\/a> 1943 Gelbsucht, 1950 Diabetes-Diagnose, 1969 Herzinfarkt, 1975 Spitalsaufenthalt<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[8]<\/a> Man hat etwa Vergleichbares erst j\u00fcngst im Zusammenhang mit den runden Jahrestagen zu Geburtstag und Literaturnobelpreisverleihung f\u00fcr Carl Spitteler herausgestellt resp. entdeckt; siehe dazu den Essay im \u00abDer literarische Zaunk\u00f6nig\u00bb 3\/2020. Andere Mehrfachbegabung gelten etwa Sprache und Musik. Zu diesem Aspekt bei D\u00fcrrenmatt siehe auch die Website des Centre D\u00fcrrenmatt in Neuenburg. <em>Friedrich D\u00fcrrenmatt war als angehender Student hin- und hergerissen zwischen Malerei und Literatur. Schliesslich entschied er sich f\u00fcr den Beruf des Schriftstellers. W\u00e4hrend seines ganzen Lebens hat D\u00fcrrenmatt immer auch gezeichnet und gemalt. Abgesehen von einigen Karikaturen und Buchillustrationen blieb sein Bildwerk jedoch lange unbekannt. Die Sammlung des umfasst rund 1000 Einzelbilder und verschiedene Hefte<\/em>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[9]<\/a> Siehe oben Anm. 5; der Band Bilder und Zeichnungen zur Werkschau in der Galerie Daniel Keel; vorausgegangen 1976 eine Bilderpr\u00e4sentation im Restaurant du Rocher in Neuch\u00e2tel; folgend eine Ausstellung <em>Das zeichnerische Werk\/L\u2019\u0152euvre graphique<\/em> in Neuch\u00e2tel im Mus\u00e9e d\u2019Art et d\u2019Histoire 1985. Heute dauerhafte Ausstellung im Centre D\u00fcrrenmatt in einem Neubau Mario Bottas, siehe auch oben Anm. 8.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref10\" name=\"_edn10\">[10]<\/a> Vom auserlesenen Weinkeller \u00fcber \u00fcppige Essgewohnheiten bis zu teuren Karossen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref11\" name=\"_edn11\">[11]<\/a> 1971 \u00abDer Besuch der alten Dame\u00bb, Musik von Gottfried von Einem, Urauff\u00fchrung an der Wiener Staatsoper; 1977 \u00abEin Engel kommt nach Babylon\u00bb f\u00fcr das Z\u00fcrcher Opernhaus.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref12\" name=\"_edn12\">[12]<\/a> So in einem Briefentwurf zu M.F.s 50. Geburtstag am 15,5.1961, R\u00fcedi wie Anm. 4, S. 157<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref13\" name=\"_edn13\">[13]<\/a> Beide Zitate R\u00fcedi wie Anm. 4, S. 77 resp. 133.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref14\" name=\"_edn14\">[14]<\/a> Basel 1986-69, Z\u00fcrich 1970-73<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref15\" name=\"_edn15\">[15]<\/a> f\u00fcr die Berner Zeitung \u00abDie Nation\u00bb 1947 und die Z\u00fcrcher \u00abWeltwoche\u00bb 1951-53<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref16\" name=\"_edn16\">[16]<\/a> allein in \u00d6sterreich: 1968 Grillparzer-Preis der \u00d6sterr. Akademie der Wissenschaften; 1984 \u00d6sterr. Staatspreis f\u00fcr Europ\u00e4ische Literatur<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref17\" name=\"_edn17\">[17]<\/a> Als \u00bbJustiz\u00bb 1985 im Stern vorabgedruckt wurde mit Bereinigung des Mundartlichen, lie\u00df es D\u00fcrrenmatt sogar auf einen Prozess ankommen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref18\" name=\"_edn18\">[18]<\/a> in seinem Essay \u00abZu einem Sprachproblem\u00bb<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref19\" name=\"_edn19\">[19]<\/a> Letzter erhaltener Brief FD an MF 19.2.1951, R\u00fcedi wie Anm. 4, S. 128, damit zwar vor dem internationalen Durchbruch, doch letztlich eine Art grunds\u00e4tzlicher Einstellung markierende, die auch sp\u00e4terhin Relevanz beh\u00e4lt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref20\" name=\"_edn20\">[20]<\/a> R\u00fcedi wie Anm. 4, S. 87<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref21\" name=\"_edn21\">[21]<\/a> F.D. an M.F. 24.1.1947, R\u00fcedi wie Anm. 4, S. 97<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref22\" name=\"_edn22\">[22]<\/a> F.D. war zweimal verheiratet, 1947 mit der Schauspielerin Lotti Gei\u00dfler (gest. 1983), mit der er drei Kinder hatte; 1984 mit der Journalistin und Theaterfrau Charlotte Kerr.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref23\" name=\"_edn23\">[23]<\/a> Eine Zusammenfassung zum Nachlesen auf Wikipedia \/ D\u00fcrrenmatt \/ 3.2. Prosa \/ Durcheinandertal.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref24\" name=\"_edn24\">[24]<\/a> R\u00fcedi wie Anm. 4, S. 217<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref25\" name=\"_edn25\">[25]<\/a> Im Diogenes Verlag erschien eine \u00abtextgenetische Edition\u00bb \u00abaus dem Nachlass\u00bb in 5 B\u00e4nden resp. Auf 2208 Seiten am 26. Mai 2021.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Martin Stankowski<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.stankowski.info\" target=\"_blank\">www.stankowski.info<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Der Text wurde ver\u00f6ffentlicht in: \u00abDer Literarische Zaunk\u00f6nig\u00bb Nr. 1\/2021.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 21101<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alles ist ausgespielt. Das Eingangszitat stammt aus \u00abDie Physiker\u00bb und m\u00fcsste f\u00fcr diesen Essay eigentlich mit einem gro\u00dfen Fragezeichen versehen werden[1]. In kontr\u00e4rer Attitude \u00fcberlegte das St. Galler Tagblatt, \u00ab\u2026 warum er immer noch beunruhigt und inspiriert\u00bb, zu Beginn der Gedenkwochen auf seiner November-App. Die publizistischen W\u00fcrdigungen \u00fcberschlagen sich, nicht nur zum 100. 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