{"id":13062,"date":"2021-08-14T07:12:47","date_gmt":"2021-08-14T07:12:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13062"},"modified":"2021-08-21T07:46:28","modified_gmt":"2021-08-21T07:46:28","slug":"johann-heinrich-pestalozzi-zum-275sten-geburtstag-am-12-januar-2021","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13062","title":{"rendered":"Johann Heinrich Pestalozzi zum 275sten Geburtstag am 12. Januar 2021"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13062&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13062&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><strong><em>Es ist ein gro\u00dfes Ding in der Welt, die Zeichen der Zeit richtig zu erkennen<\/em><\/strong><a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a>.<\/p>\n<p>Alles ist bei Pestalozzi weitl\u00e4ufig, seine (wie bei vielen Erziehern) zahlreichen Lebensstationen, seine umfangreichen p\u00e4dagogischen, philosophischen, politischen, sozialreformerischen Schriften, seine Ansprachen, Reden und, nicht zuletzt durch den europ\u00e4ischen Zulauf, seine Briefe: Grund genug, auch ihn selbst als Motor zu Wort kommen zu lassen.<\/p>\n<p><strong>Die Grundlagen<\/strong><\/p>\n<p>Johann Heinrich entstammt einer wichtigen Stadtz\u00fcrcher Familie, jedoch aus wenig beg\u00fctertem Zweig; seine Mutter musste als Witwe bei Verwandten in der Landschaft unterkommen. Was dem Bub nach eigenem Zeugnis eine Art Au\u00dfenseiterdasein aufn\u00f6tigte, das zu hoher Nervosit\u00e4t f\u00fchrte. Allerdings standen dem jungen Mann als B\u00fcrger alle den \u00abBesseren\u00bb vorbehaltenen (unentgeltlichen) Schulen zur Verf\u00fcgung; dem Abschluss schloss sich ein Jusstudium an. Parallel geriet er in den Kreis, der sich \u00abPatrioten\u00bb nannte und gegen\u00fcber dem strengen Regiment des Stadtpatriarchats im Schutz der internationalen Ber\u00fchmtheit des Lehrer-Leiters Johann Jakob Bodmer \u00e4u\u00dferst kritisch eingestellt war.<\/p>\n<p>Bodmer betonte den Rang der <em>freie<\/em>(n) <em>Einbildungskraft<\/em>, die <em>das Wirkliche und das M\u00f6gliche zum Schauplatz<\/em> habe<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a>. Naheliegend ergab sich eine Schw\u00e4rmerei f\u00fcr Jean-Jacques Rousseau und dessen Ideal des nat\u00fcrlichen selbstgestalteten Lebens<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a> und Aufforderung zum einfachen ruralen Dasein<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a>. Pestalozzis Begeisterung f\u00fchrte nicht nur zu ersten Schriften (\u00abAgis\u00bb, \u00abW\u00fcnsche\u00bb), die sich mit den negativen Seiten patriarchalischen Regiments auseinandersetzten, vor allem lie\u00df sie ihn das Studium abbrechen, um den Weg in die wahre l\u00e4ndliche Existenz einzuschlagen. Dazu sollte ihm ein Praktikum bei dem Reformer Johann Rudolf Tschifferli verhelfen, der als ein Vertreter der <em>Helvetischen<\/em> <em>\u00d6konomischen Gesellschaft<\/em> in der Reform der Landwirtschaft ein Mittel zur Hebung des gesamten volkswirtschaftlichen Nutzens sah.<\/p>\n<p>Pestalozzi wollte dieser sogenannten <em>Agrikultur<\/em> nacheifern, zum einen, um selbst\u00e4ndiger Unternehmer zu werden, zum anderen und nicht zuletzt aus Liebe zu der um acht Jahre \u00e4lteren Anna Schulthess, einer Sch\u00f6nheit aus ebenfalls einflussreicher Familie, welche sich gegen die Heirat mit dem unansehnlichen armen Schlucker, der von hochfliegenden Pl\u00e4nen lebte, wehrte, aber letztlich wohl aufgrund eines intensiven, Zwischentr\u00e4ger ben\u00f6tigenden Briefwechsels<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[5]<\/a>, nichts ausrichtete. Die Gattin sollte ihm \u00fcber 45 Jahre die best\u00e4ndige Unterst\u00fctzung, \u00fcber das Hauswesen hinaus f\u00fcr monet\u00e4re Hilfen und mannigfache T\u00e4tigkeiten im Hintergrund bleiben: ein unsch\u00e4tzbarer Hort in der jahrzehntelangen st\u00fcrmischen Brandung.<\/p>\n<p><strong>Die erste Stufe<\/strong><\/p>\n<p>Birr, eine gut 4000 Einwohner z\u00e4hlende Gemeinde, breitet sich 25 km nordwestlich von Z\u00fcrich in einer Ebene, dem Birrfeld, zwischen den Grenzh\u00fcgeln zu Reuss und Aare und wie so h\u00e4ufig mit Reihenhaussiedlungen und dank der Industrialisierung gestaffelten Mehrfamilienbl\u00f6cken aus. Urspr\u00fcnglich habsburgisch, wurde es 1528 bernisch-reformiert und kam zu Lebzeiten Pestalozzis 1798 im Rahmen der nach dem Einmarsch der Franzosen gegr\u00fcndeten Helvetischen Republik zum Kanton Aargau.<br \/>\nMit einer Mischung aus doppeltem famili\u00e4rem Erbe und verschiedenen Darlehen erwarb Pestalozzi einige Jahre nach der Hochzeit 1767 etwa 600 Meter s\u00fcd\u00f6stlich des kleinen Ortskerns, heute inmitten des urbanen Weichbilds, etwa 20 Hektar wenig ertragreiches Land, um \u2013 <em>Du lebst nicht f\u00fcr dich allein auf Erden<\/em><a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[6]<\/a> \u2013 seine sozialen Ideale der Hebung des Volkswohls zu leben.<\/p>\n<p>Von Beginn an stand das auf Feldanbau gr\u00fcndende Unternehmen unter ung\u00fcnstigem Stern, das Unverst\u00e4ndnis der Bauern trug ma\u00dfgeblich zu Misswirtschaft und Verschuldung bei. Nach mehrmaligem Versuch mit verschiedenen Anpflanzungen entschied sich der Philanthrop Pestalozzi 1775 zur Gr\u00fcndung einer \u00abErziehungsanstalt f\u00fcr arme Kinder\u00bb in dem von ihm erbauten, wohl programmatisch \u00abNeuhof\u00bb benannten Landhaus: (\u2026) <em>auch der Allerelendeste ist fast unter allen Umst\u00e4nden f\u00e4hig, zu einer alle Bed\u00fcrfnisse der Menschheit befriedigenden Lebensart zu gelangen<\/em><a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[7]<\/a>.<br \/>\nDank dem Einsatz von Ehepaar und Angestellten erhielten bis zu 37 Kinder eine neue Lebensgrundlage: H\u00e4ndische Arbeit auf dem Acker, Spinnen und Weben paarten sich mit Schulunterricht und religi\u00f6ser Erziehung. Der Verkauf der Produkte misslang neuerlich, 1779 musste die Einrichtung mangels finanzieller Grundlagen, selbst eine Art Crowdfunding-Versuch schlug fehl, schlie\u00dfen. Dem Wunschbild einer Vaterfigur unter bed\u00fcrftigen Kindern blieb Pestalozzi indes bis zum Lebensende treu.<\/p>\n<p>Jetzt stand er nur noch f\u00fcr die Familie ein, deren Unterhalt er als Kleinunternehmer zumal mit Stoffdruckerei halbwegs sichern konnte. Der vorangehende horrende Misserfolg allerdings st\u00fcrzte ihn in eine starke psychische Identit\u00e4tskrise. Er erkannte den Fehlschlag seiner Ideale und wandelte sich durch existentielle Tiefen hindurch zum die harte Realit\u00e4t in die Waagschale werfenden Denker. Litt er einerseits unter der Missachtung zahlreicher Zeitgenossen nachgerade aus dem Erzieherumfeld, gelang ihm gleichwohl zunehmend die F\u00fchlungnahme zu ausw\u00e4rtigen Pers\u00f6nlichkeiten: Kontakte, die bis zum illusorischen Lieb\u00e4ugeln mit Anstellungen reichten<a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[8]<\/a>, die er als Aufruf zu politischen Aktivit\u00e4ten etwa in der Herausgabe des \u00abHelvetischen Volksblatts\u00bb, zu p\u00e4dagogischen Bekundungen wie dem Engagement f\u00fcr eine <em>Volksschule<\/em>, zu Schriftenrezensionen verstand und die ihn zum Literaten formten.<\/p>\n<p>Letzteres gelang vor allem dank Isaak Iselin, in Basel Gr\u00fcnder der \u00abGesellschaft zur Bef\u00f6rderung des Guten und Gemeinn\u00fctzigen\u00bb, der zum v\u00e4terlichen Freund und F\u00f6rderer avancierte, insbesondere durch die Publikationen in den \u00abEphemeriden der Menschheit und Bibliothek der Sittenlehre\u00bb seinem geistigen Z\u00f6gling in einer der f\u00fchrenden Zeitschriften ein Sprachrohr im deutschen Sprachraum vermittelte.<\/p>\n<p>Die folgenden Jahrzehnte werden somit entscheidend f\u00fcr den unerm\u00fcdlichen Schriftsteller Pestalozzi, der in rund 60 Texten sowohl theoretisch wie literarisch seine Erfahrungen verwertete. Als zentral darf 1780 \u00abDie Abendstunde eines Einsiedlers\u00bb \u2013 in der gem\u00e4\u00df Titel noch der Mensch, optimistisch, als harmoniebegabtes Ebenbild Gottes begriffen wird \u2013 gelten und insbesondere 1781\/87 der Roman \u00abLienhard und Gertrud\u00bb, bei dem bereits der erste Band Pestalozzis internationalen Ruhm begr\u00fcndet. Hier weitet sich der Blick vom Einzelmenschen auf das Dorfleben, in dem die Herrschsucht des Vorstehers durch den Einsatz der Hauptfiguren in eine wirtschaftlich-tugendsame Bahn gelenkt wird, mit Auswirkungen auf das gesamte Staatsgebilde.<\/p>\n<p>Eine Konsequenz zieht der Autor 1783 in \u00ab\u00dcber Gesetzgebung und Kindermord\u00bb mit einem engagierten Appell, die subjektiven Beweggr\u00fcnde und ein Vermeiden des Racheaspekts in den Strafprozess einflie\u00dfen zu lassen. 1797 folgen das Sammelwerk \u00abFiguren zu meinem ABC-Buch oder zu den Anfangsgr\u00fcnden meines Denkens\u00bb, 1803 in \u00abFabeln\u00bb umbenannt, also Geschichten aus dem Tier- und Pflanzenreich mit belehrendem Charakter, sowie \u00abMeine Nachforschungen \u00fcber den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts\u00bb, eine Philosophie der existentiellen menschlichen Ambivalenz zwischen <em>sinnlichen<\/em> resp. <em>niederen<\/em> und <em>inneren<\/em> resp. <em>g\u00f6ttlichen<\/em> Eigenschaften. \u00dcberdies engagierte sich Pestalozzi nach dem Motto <em>Die Wahrheit ist eine Arznei, die angreift<\/em><a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[9]<\/a> redaktionell und in verschiedenen \u00abGesellschaften\u00bb.<\/p>\n<p><strong>Zwischenphase mit Neubeginn<\/strong><\/p>\n<p>Hatte schon im Mai 1798 Pestalozzi schriftlich dem Direktorium (der neuen Zentralregierung) seine aktive Teilnahme <em>f\u00fcr eine Verbesserung der Erziehung und der Schulen f\u00fcr das einfache Volk<\/em> angeboten, lie\u00df sich das Projekt erst nach langem Hin und Her in der Innerschweiz in dem von den Franzosen nach dem \u00f6rtlichen Aufstand verw\u00fcsteten Stans als eine Art politische Wiedergutmachung realisieren. Am 14. Januar 1799 \u00f6ffnete seine Anstalt, in der er 80 Kinder, mitten unter ihnen lebend, betreute. Er griff auf die Grundlagen des Neuhof zur\u00fcck, die er jetzt weiter ausarbeitete.<\/p>\n<p>Das Projekt scheiterte aus politischen und konfessionellen Gr\u00fcnden bereits im Juni; Pestalozzi, schwer getroffen, fasst w\u00e4hrend einer ihm erm\u00f6glichten Erholungskur im \u00abStanser Brief\u00bb<a href=\"#_edn10\" name=\"_ednref10\">[10]<\/a> seine Bem\u00fchungen zusammen, ein Text, der rasch als bedeutende Kernaussage erkannt wurde. <em>Meine \u00dcberzeugung war mit meinem Zweck eins. <\/em>[&#8230;]<em> Schulunterricht ohne Umfassung des ganzen Geistes, den die Menschenerziehung bedarf, und ohne auf das ganze Leben der h\u00e4uslichen Verh\u00e4ltnisse gebaut, f\u00fchrt in meinen Augen nicht weiter als zu einer k\u00fcnstlichen Verschrumpfungsmethode unseres Geschlechts<\/em><em>.\u00a0<\/em>[&#8230;] <em>\u00dcberhaupt achtete ich das Lernen als Wortsache in R\u00fccksicht auf die Worte, die <\/em>sie [die Kinder]<em> lernen mu\u00dften, und selbst auf die Begriffe, die sie bezeichneten, f\u00fcr ziemlich unwichtig. Ich ging eigentlich darauf aus, das Lernen mit dem Arbeiten, die Unterrichts- mit der Industrieanstalt zu verbinden und beides ineinander zu schmelzen.<\/em><\/p>\n<p>Die gleichsam parallele Erkenntnis, wie sehr ansonsten in der Regel Kinder der unteren Schichten nach einer sich selbst \u00fcberlassenen Phase in einen rigide unnachgiebigen, qu\u00e4lend trockenen Schulalltag verbannt w\u00fcrden, f\u00fchrten ihn mit nunmehr 53 Jahren zum Entscheid, pers\u00f6nlich das gesellschaftlich verachtete Lehrerdasein in den Fokus seiner Bem\u00fchungen zu stellen. Die Chance bot sich ihm in Burgdorf, wo er im Schloss innert Monaten eine eigentliche Erziehungsanstalt aufbauen konnte. Hier entwickelte er mit nunmehr zahlreichen Mitarbeitern intensiv seinen erzieherischen Dreiklang von Kopf, Hand und Herz in der Praxis als umfassende<em> Methode<\/em> und literarisch durch zahlreiche Schriften, vor allem 1801 durch das grundlegende \u00abWie Gertrud ihre Kinder lehrt\u00bb<a href=\"#_edn11\" name=\"_ednref11\">[11]<\/a>: Er wurde in seinem \u00abFach\u00bb weit herum ber\u00fchmt; der Besuch von Burgdorf wuchs zum Must f\u00fcr die Bildungsreisen der europ\u00e4ischen Eliten.<br \/>\nDas \u00abAus\u00bb im Juli 1804 resultierte neuerlich aus politischen Verwerfungen: die Mediation von Napoleons Gnaden stellte die alten Herrschaften wieder her, Bern entzog die Unterst\u00fctzung. Mit einem Zwischenstopp in M\u00fcnchenbuchsee nahm Pestalozzi das Angebot des jungen Kantons Waadt an, in Yverdon (Iferten) sein Werk fortzuf\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Yverdon<\/strong><\/p>\n<p>In dem burgartig angelegten Schloss lebten bis zu 250 Menschen, knapp die H\u00e4lfte Kinder (ab sieben) aus allen Schichten und Jugendliche (bis 15), Lehrpersonen und Pestalozzis Haushalt mit Frau und Angestellten, zu dem zeitweise ein T\u00f6chterinstitut stie\u00df. Die finanzielle Basis blieb stets prek\u00e4r, da oft auf Schulgeld verzichtet wurde und folglich viel ehrenamtliche Arbeit zu leisten war. Neben dem fachlich sehr breit aufgestellten Unterricht bis zu 60 Wochenstunden geh\u00f6rte (kaum verwunderlich) wiederum das Erlernen vielf\u00e4ltiger handwerklicher T\u00e4tigkeiten dazu, ebenso Sport und ausgedehnte Wanderungen. Dabei ging es immer um die F\u00f6rderung jedes einzelnen Eleven in seiner Eigenart, Vergleiche und Noten blieben verp\u00f6nt.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Gro\u00dffamilie amtete Pestalozzi weniger als Vorstand, sondern gern als solcherart apostrophierter \u00abVater\u00bb, wenn nicht als \u00dcbervater, der t\u00e4gliche zahlreiche Besucher, Eltern wie Fachkollegen wie interessierte Laien aus halb Europa, insbesondere aus Mitteldeutschland und Preu\u00dfen, empfing, publizistisch die Situation analysierte und sich t\u00e4glich an alle Insassen wandte, an Festtagen auch gro\u00dfe Reden hielt. Er war der hingebungsvolle, selbstlose Spiritus Rector schlechthin, doch fehlte die wirklichkeitsnahe organisatorische Leitung. Dies und der mangelnde \u00f6konomische R\u00fcckhalt f\u00fchrte zu zunehmenden, \u00f6ffentlich ausgetragenen Streitigkeiten von Mitarbeitern, was parallel zum Ansehensverlust zu einem stetigen Niedergang des Instituts f\u00fchrte, der im M\u00e4rz 1825 in einer De-facto-Aufl\u00f6sung sein Ende fand<a href=\"#_edn12\" name=\"_ednref12\">[12]<\/a>.<\/p>\n<p><strong>\u00abSchwanengesang\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>Pestalozzi zog sich neuerlich auf den Neuhof in Birr zur\u00fcck. Hier wollte er, nunmehr mit seinem Enkel, seine Arbeit wiederum auf die Armenf\u00fcrsorge abst\u00fctzen<a href=\"#_edn13\" name=\"_ednref13\">[13]<\/a>. Wesentlich beherrschten seine letzten Jahre die ehrliche autobiographische Aufarbeitung seines Lebensgangs und die auch eine Selbstkritik im Bewusstsein <em>Fehlen ist menschlich, aber in seinen Fehlern verharren ist etwas mehr<\/em><a href=\"#_edn14\" name=\"_ednref14\">[14]<\/a> nicht scheuende, gleichwohl von seinen \u00dcberzeugungen getragene umfassende Darstellung seiner Erziehungsgrunds\u00e4tze gleichsam im R\u00fcckblick, wenn nicht als eine Art Testament, wie der Titel \u00abSchwanengesang\u00bb nahelegt. <em>Denn der Mensch wei\u00df unendlich viel, dessen er sich durchaus nicht klar bewu\u00dft ist<\/em>.<a href=\"#_edn15\" name=\"_ednref15\">[15]<\/a><br \/>\nNicht zuletzt massive schweizweit ausgetragene Anfeindungen verg\u00e4llten seine letzten Tage; er starb kurz nach dem 81. Geburtstag.<\/p>\n<p><strong>Die Erscheinung<\/strong><\/p>\n<p>Ein sch\u00f6ner Mann (eine Anmerkung: Ganzfigurige Portr\u00e4ts des etwa 170 cm hohen Mannes scheint es kaum zu geben) war er zweifellos nicht: ein schmales bleiches Gesicht mit hoher Stirn, betont durch schulterlanges nach hinten gek\u00e4mmtes, dunkles Haar, eine lange sich unten verbreiternde Nase, ein ausgepr\u00e4gter schmallippiger Mund, betont durch starke Faltenz\u00fcge, runde, aber fallende Schultern. Intensiv jedoch wirken seine hellblauen Augen mit einem warmen, die Kontaktaufnahme suchenden Blick. G\u00fcte ist ein eherner Grundsatz: <em>Mit dem Herzen wird das Herz geleitet<\/em><a href=\"#_edn16\" name=\"_ednref16\"><sup><sup>[16]<\/sup><\/sup><\/a>, zumal gilt <em>Der Mensch ist Mensch, er soll nichts tun ohne Vernunft, ohne Liebe<\/em><a href=\"#_edn17\" name=\"_ednref17\">[17]<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Was bleibt<\/strong><\/p>\n<p>\u25aa Seine unz\u00e4hligen Texte<a href=\"#_edn18\" name=\"_ednref18\">[18]<\/a> verbleiben in der Sprache der Zeit, aber in der dadurch f\u00fcr unsere Zeit schwer nachvollziehbaren Weitschweifigkeit beeindruckt Pestalozzis Versuch, h\u00f6chst anschaulich zu sein bis hin zu drastischen Formulierungen \u2013 <em>Hundert Menschen sch\u00e4rfen ihre S\u00e4bel, Tausende ihre Messer, aber Zehntausende lassen ihren Verstand ungesch\u00e4rft, weil sie ihn nicht \u00fcben<\/em><a href=\"#_edn19\" name=\"_ednref19\"><sup><sup>[19]<\/sup><\/sup><\/a> \u2013, darin immer zu sp\u00fcren der zutiefst von Mitmenschlichkeit getragene leidenschaftliche Gestus;<br \/>\n\u25aa das Betonen der Kindheit als eigene Lebensphase und als Basis f\u00fcr alles Weitere: Die\u00a0<em>Idee der Elementarbildung<\/em>\u00a0<em>[&#8230;] ist nichts anders als die Idee der Naturgem\u00e4\u00dfheit in der Entfaltung und Ausbildung der Anlagen und Kr\u00e4fte des Menschengeschlechts<\/em><a href=\"#_edn20\" name=\"_ednref20\">[20]<\/a>;<br \/>\n\u25aa die Erziehung als betont authentische Daseinsform: Pestalozzi lebte stets vor, was er fordert;<br \/>\n\u25aa daraus folgend in der (Schul-)Bildungsfrage das sich Abst\u00fctzen auf eine <em>Methode<\/em> \u2013 ein ihm zentraler Begriff \u2013, mit der Pestalozzi bis heute der g\u00fcltige Anreger f\u00fcr eine ganzheitliche Pr\u00e4gung der P\u00e4dagogik bleibt;<br \/>\n\u25aa nicht zuletzt auch gesellschaftlich ein namhafter Verfechter des Menschenrechts: <em>Ihr kennt kein V\u00f6lkerrecht ohne ein Volksrecht und kein Volksrecht ohne ein Menschenrecht. Reiche vergehen und Staaten verschwinden, aber die Menschennatur bleibt und ihre Gesetze sind ewig<\/em><a href=\"#_edn21\" name=\"_ednref21\">[21]<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> aus <em>Fabeln, 1803. 94. Faule Eichen und junge Tannen,<\/em> <em>Zusatz<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> in <em>Kritische Abhandlung von dem Wunderbaren in der Poesie<\/em>, 1740<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> 1762, in demselben Jahr dt. <em>Emile oder von der Erziehung<\/em>: Bis zur eigenen Urteilsbildung gilt eine Art eigener Weg nach dem Motto try and error; f\u00fcr P. sp\u00e4terhin daraus wichtig die Rolle der K\u00f6rpererziehung im Zusammenhang mit der Bildung der Intelligenz; 1762 <em>Du Contrat Social<\/em>, dt<em>. Vom Gesellschaftsvertrag<\/em> 1782 mit der f\u00fcr P. ma\u00dfgeblichen Betonung des Gemeinwohls.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> insbesondere <em>Julie ou La Nouvelle H\u00e9loise<\/em> Briefroman ab 1756; dt<em>. Julie oder die neue H\u00e9loise<\/em> 1761\/1771: die Geschichte eines einfachen Gl\u00fccks inklusive zahlreicher Landschaftsbeschreibungen rund um den Genfer See; kurz zuvor auch die Komposition einer programmatischen einaktigen Oper <em>Le devin du village<\/em>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a> 485 sind ediert worden.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[6]<\/a> aus <em>Die Abendstunde eines Einsiedlers<\/em> 1780<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[7]<\/a> aus <em>Bruchst\u00fcck aus der Geschichte der niedrigsten Menschheit<\/em> 1778<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[8]<\/a> etwa gar am Kaiserhof in Wien<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[9]<\/a> so in <em>Ein Schweizer-Blatt<\/em> (Wochenschrift) 1782<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref10\" name=\"_edn10\">[10]<\/a> Er ist nicht im Original erhalten, aber wurde 1822, also noch zu Pestalozzis Lebzeiten, in der Cottaschen Gesamtausgabe seiner Schriften abgedruckt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref11\" name=\"_edn11\">[11]<\/a> Im Grundsatz stellt es eine intensive Ausf\u00fchrung dar von dem im \u00abStanser Brief\u00bb formulierten <em>Mein Zweck dabei war, die Vereinfachung aller Lehrmittel so weit zu treiben, da\u00df jeder gemeine Mensch leicht dahin zu bringen sein k\u00f6nne, seine Kinder zu lehren und allm\u00e4hlich die Schulen nach und nach f\u00fcr die ersten Elemente beinahe \u00fcberfl\u00fcssig zu machen.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref12\" name=\"_edn12\">[12]<\/a> Trotz seines Endpunkts wirkte das Vorbild Yverdons erfolgreich weiter in (Mittel-)Europa. Es kann allerdings nicht \u00fcbersehen werden, dass sich zeitgleich \u2013 nicht zuletzt in der Schweiz \u2013 eine andere Form der Ausbildung ausformte, die sich alternativ prim\u00e4r an der Schule als eigentliche institutionelle Organisation orientierte. Hier ist im etwa 45 km entfernten, allerdings in einem anderen \u00abStand\u00bb (heute Kanton) gelegenen Freiburg im \u00dcechtland ausdr\u00fccklich Pater Gregor Girard OFM zu nennen nicht zuletzt mit Blick auf die Lehrerausbildung seinerseits Nachfolge weit \u00fcber den Wirkungsort namentlich ins Franz\u00f6sische hinaus.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref13\" name=\"_edn13\">[13]<\/a> Heute ein Berufsbildungszentrum; aus dessen Website: <em>Der Neuhof verf\u00fcgt \u00fcber breite und differenzierte Angebote im Wohnbereich, in der Berufsvorbereitung und der beruflichen Grundbildung. Er steht Jugendlichen offen, die straf- oder zivilrechtlich eingewiesen werden<\/em>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref14\" name=\"_edn14\">[14]<\/a> in <em>Meine Lebensschicksale als Vorsteher meiner Erziehungsinstitute in Burgdorf und Iferten<\/em> 1826<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref15\" name=\"_edn15\">[15]<\/a> aus <em>Schwanengesang<\/em> 1826<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref16\" name=\"_edn16\">[16]<\/a> aus <em>Drei Briefe an Niklaus Emanuel Tscharner \u00fcber die Erziehung der armen Landjugend<\/em> 1777<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref17\" name=\"_edn17\">[17]<\/a> aus <em>Ansprachen bei den Morgen- und Abendandachten des Instituts<\/em> 1810<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref18\" name=\"_edn18\">[18]<\/a> vielfach nachzulesen auf www.projekt-gutenberg.org und insbesondere auf der Website der deutschen Pestalozzigesellschaft www.heinrich-pestalozzi.de.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref19\" name=\"_edn19\">[19]<\/a> aus <em>\u00dcber die Idee der Elementarbildung. Eine Rede, gehalten vor der Gesellschaft der schweizerischen Erziehungsfreunde im Jahre 1809<\/em> (sog. Lenzburger Rede). Nochmals passt ein Hinweis auf P\u00e8re Girard bzw. dessen preisgekr\u00f6ntes p\u00e4dagogisches Hauptwerk \u00abDe l&#8217;enseignement regulier de la langue maternelle [&#8230;]\u00bb 1835\/1844.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref20\" name=\"_edn20\">[20]<\/a> aus <em>Schwanengesang<\/em> 1826<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref21\" name=\"_edn21\">[21]<\/a> aus <em>An die Unschuld, den Ernst und den Edelmut meines Zeitalters und meines Vaterlandes<\/em> 1815<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Martin Stankowski<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.stankowski.info\" target=\"_blank\">www.stankowski.info<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Der Text wurde ver\u00f6ffentlicht in: \u00abDer Literarische Zaunk\u00f6nig\u00bb Nr. 2\/2021.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 21100<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein gro\u00dfes Ding in der Welt, die Zeichen der Zeit richtig zu erkennen[1]. Alles ist bei Pestalozzi weitl\u00e4ufig, seine (wie bei vielen Erziehern) zahlreichen Lebensstationen, seine umfangreichen p\u00e4dagogischen, philosophischen, politischen, sozialreformerischen Schriften, seine Ansprachen, Reden und, nicht zuletzt durch den europ\u00e4ischen Zulauf, seine Briefe: Grund genug, auch ihn selbst als Motor zu Wort [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[128],"tags":[124],"class_list":["post-13062","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-stankowski-martin","tag-about"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13062","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13062"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13062\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13103,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13062\/revisions\/13103"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13062"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13062"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13062"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}