{"id":13052,"date":"2021-08-10T18:30:16","date_gmt":"2021-08-10T18:30:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13052"},"modified":"2021-08-28T08:02:41","modified_gmt":"2021-08-28T08:02:41","slug":"mein-kleines-serbisches-tagebuch-teil-3-vom-fluss-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13052","title":{"rendered":"Mein kleines serbisches Tagebuch: Teil 3 \u2013 Vom Fluss der Zeit"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13052&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13052&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Und ich habe dich wieder, geliebter Balkon! Nachmittags bin ich wieder eingezogen. Der Park ist wunderbar, aber hier ist es besser. Auch das Bett in der Schiffskoje, in der ich f\u00fcr zwei N\u00e4chte untergebracht war, war nicht bequem. Als ich heute Morgen aufwachte, tat mir der ganze R\u00fccken weh, denn die Matratze war viel zu weich. Aus den Federn bei Tagesanbruch, irgendwann zwischen vier und f\u00fcnf, beschloss ich, die Gunst der Stunde zu nutzen und machte mich auf einen Spaziergang. Das war gut so!<br \/>\nDie Frische des unber\u00fchrten Morgens, sie hielt nicht lange, aber die Zeit reichte aus f\u00fcr einen Besuch von Petrovaradin am anderen Donauufer. Ich inspizierte den Kai, den ich mir bislang immer nur von der gegen\u00fcberliegenden Seite aus angesehen hatte. Er war menschenleer, mit Ausnahme der Angler nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p>Ich wanderte \u00fcber eine gepflasterte Promenade und gelangte auf die H\u00f6he der dritten Donaubr\u00fccke, die ein k\u00fchnes Ingenieurswerk ist in zwei B\u00f6gen. Nur ein kleines St\u00fcck weiter m\u00fcndet der Donau-Thei\u00df-Donau-Kanal in den gro\u00dfen Strom. Gegen\u00fcber am rechten Ufer w\u00e4re flussabw\u00e4rts noch ein stiller Donau-Arm gelegen.<br \/>\nWas soll ich sagen zur Varadin-Seite? Es wird trist, je weiter man aus dem Zentrum sich hinausbewegt, und die Tristesse liegt daran, dass es wundersch\u00f6n sein k\u00f6nnte in den Auen, w\u00fcrden sich die Menschen nur etwas mehr um ihre Landschaft k\u00fcmmern. Dazu muss man wissen: Serbien ist ein Land mit zwei Gesichtern, wo Glanz und Elend, Licht und Schatten, allzeit nah aneinanderliegen.<\/p>\n<p>Am Ende der Kaimauer lag eine kleine Bucht mit einem sandigen Streifen von Badestrand. Dahinter t\u00fcrmten sich eine Menge abenteuerlicher Verschl\u00e4ge und provisorisch gezimmerter Buden. Von irgendwoher spielte laute Musik, das waren wohl Nachtschw\u00e4rmer, f\u00fcr die der neue Tag noch gar nicht begonnen hatte. Jenseits der Buden erstreckte sich ein St\u00fcck Wald, wo sich gro\u00dfe uralte Baumst\u00e4mme aus dem Sandboden recken. Idyllisch, aber mutma\u00dflich mit derselben Gleichg\u00fcltigkeit verm\u00fcllt und maltr\u00e4tiert wie der vor mir liegende Strandabschnitt.<\/p>\n<p>Ich zog es vor, die mutma\u00dfliche Sp\u00e4tzecher-Lokalit\u00e4t nicht zu passieren. Der weitere Weg um das Unterstadt-Bollwerk erwies sich ebenfalls als Sackgasse. Zuerst querte ich noch einen modernen, sehr schick angelegten Kreisverkehr am Fu\u00dfe der Br\u00fccke. Die nagelneue Schnellstra\u00dfe war flankiert von Radwegen und einer gepflasterten Fu\u00dfg\u00e4ngerbahn, eine Tafel am Stra\u00dfenrand verk\u00fcndete die Unterst\u00fctzung des Verkehrsprojekts durch F\u00f6rdergelder der EU. Das Ganze endete schlie\u00dflich nach einigen hunderten Metern auf verbl\u00fcffende Weise im Nichts, ein abrupter Abbruch der Wege wie mit dem Lineal gezogen. Nur mehr die alte holprige Stra\u00dfe blieb \u00fcbrig und schl\u00e4ngelte sich in die Pampa.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in der Unterstadt von Petrovaradin hat sich eine Weile ein H\u00fcndchen an meine Fersen geheftet, das vermutlich nach ein wenig Unterhaltung begehrte. Schlie\u00dflich hat es jedoch beschlossen, wieder eigene Wege zu gehen, und von sich aus auf die weitere Begleitung verzichtet.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Es tropft von den Hausw\u00e4nden, das kommt von den Klimaanlagen. Das Kondenswasser bildet Pf\u00fctzen auf dem Stra\u00dfenpflaster. Anfangs konnte ich mir die N\u00e4sse nicht erkl\u00e4ren und dachte an Blumenfreunde, die es mit der Sorgfalt f\u00fcr ihre gr\u00fcnen Sch\u00fctzlinge etwas zu gut gemeint, beim Gie\u00dfen ein wenig \u00fcber die Str\u00e4nge geschlagen h\u00e4tten. Doch da waren gar keine Blumenkisten an den Hausfassaden! Nach einer Weile habe ich begriffen, es liegt an den K\u00e4sten mit den eingebauten Ventilatoren, die den ganzen Tag monoton vor sich hin dr\u00f6hnen. Aus ihren Schl\u00fcnden trieft das Wasser heraus. Ich kann mir nicht helfen, mir graust ein wenig davor, mache immer einen Bogen herum und bilde mir ein, dass es m\u00fcffelt.<\/p>\n<p>Vielleicht liegt es daran, dass auch mein Hostel-Balkon von Zeit zu Zeit von Wasserg\u00fcssen betroffen ist. Vor einigen Tagen tropfte es aus dem dar\u00fcber gelegenen Stockwerk herab auf das eiserne Balkon-Gel\u00e4nder, ein Ger\u00e4usch, das mich schon irrt\u00fcmlich auf Regen hoffen lie\u00df, als ich es erstmalig aus der dunklen H\u00f6hle meines Zimmers heraus vernahm. War aber nur der Tropf. Dann aber wurde das Problem auf eine unerwartete Weise gel\u00f6st. Ich beobachtete, wie in der Etage \u00fcber mir eine Handauftauchte mit einer Plastikflasche, die augenscheinlich gut gef\u00fcllt war. Sie sch\u00fcttete mit einem lauten Platsch das Wasser \u00fcber die Br\u00fcstung, zum Gl\u00fcck jedoch so gekonnt, dass weder die darunterliegende Terrasse von diesem unerwarteten Guss getroffen wurde noch die W\u00e4schest\u00fccke auf der Leine. Zwei Mal wurde ich mittlerweile Zeugin solcher Schw\u00e4lle, die mutma\u00dflich vom Leeren eines Auffanggef\u00e4\u00dfes f\u00fcr Kondenswasser herr\u00fchren. Immerhin, die Prozedur scheint zu nutzen. Das stete Tropfen hat seitdem aufgeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Von der Gegenwart l\u00e4sst sich sagen, sie ist gew\u00e4rtig.<\/p>\n<p>Die Hingabe der Menschen, sich f\u00fcr ihre Fotos auf den Handys zu inszenieren. Hier in Novi Sad sind sie wahre Meister darin, jeder Schnappschuss besitzt eine vollendete Dramaturgie. Ob ein Gr\u00fcppchen, das vor den Kulissen der Festungsmauern die perfekte Familie darstellt. Oder die jungen Frauen, die wie professionelle Mannequins vor Brunnen und Denkm\u00e4lern posieren, als ginge es um die neueste Ausgabe der Vogue. Mit sichtlichem Vergn\u00fcgen am Knipsen entstehen hier Serien von privaten Fotoshootings. Das Selfie, das Bild. Geschnappt und gepackt ist der Moment, und so wird er stehen f\u00fcr den Rest deiner Zeit! Oder wenigstens so lange du dir die Fotos ansiehst. Du selbst wirst dich freilich von deinem Bild entfremden, Tag f\u00fcr Tag ein kleines St\u00fcck. Irgendwann wirst du dich verwundert fragen, ob du das gewesen bist auf diesem Foto, und wer du eigentlich damals warst.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es das, was mich gelegentlich schaudern l\u00e4sst: der Fluss der Zeit. Eben noch da wie selbstverst\u00e4ndlich, l\u00e4sst sich nichts auf Dauer festhalten, wird schon im n\u00e4chsten Augenblick von dir fortgerissen, driftet ab, und kein Weg f\u00fchrt mehr zur\u00fcck au\u00dfer den Bildern aus der Erinnerung, die vage sind und tr\u00fcgerisch. Eine Bootsfahrt, die kein stromauf mehr kennt. Genau so geht es mit unserer Epoche, die bald eine vergangene sein wird. Die Menschen sp\u00fcren es, sie sagen, die Zeit vergeht so schnell. Sie sagen, das sei der Lauf der Dinge, und so ist es auch. Sie sagen, die Welt \u00e4ndere sich so rasant.<\/p>\n<p>Wir leben am Sprung einer Zeitenwende und wissen nicht, wohin die Reise geht. \u2013 Doch im Moment ist es einfach sch\u00f6n. Das Wasser flie\u00dft die Donau hinab, ich kann mich nicht losrei\u00dfen vom Schauspiel der Fluten. \u00dcber mir die Postkartenidylle der Festung im Sonnenuntergang, unter mir die Angler am Kai. Drau\u00dfen am Strom ziehen die Boote vorbei. Auf den warmen Hafenmauern machen es sich die Leute bequem, sie rauchen und schwatzen. Rundum die heitere Gelassenheit eines lauen Sommerabends.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Ulla Puntschart<br \/>\n<a href=\"https:\/\/ulla-puntschart.jimdo.com\/\" target=\"_blank\">https:\/\/ulla-puntschart.jimdo.com\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2528\">spazierensehen<\/a> | Inventarnummer: 21099<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und ich habe dich wieder, geliebter Balkon! Nachmittags bin ich wieder eingezogen. Der Park ist wunderbar, aber hier ist es besser. Auch das Bett in der Schiffskoje, in der ich f\u00fcr zwei N\u00e4chte untergebracht war, war nicht bequem. 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