{"id":12995,"date":"2021-07-27T16:01:58","date_gmt":"2021-07-27T16:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12995"},"modified":"2021-08-14T07:39:56","modified_gmt":"2021-08-14T07:39:56","slug":"sebastian-brant-zum-500sten-todestag-am-10-mai-2021","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12995","title":{"rendered":"Sebastian Brant zum 500sten Todestag am 10. Mai 2021"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12995&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12995&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><strong><em>V\u00df sytten man gar bald verstat \/ Was einer jn sym hertzen hat<\/em><\/strong><a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Vielleicht ist es in diesem Fall ja falsch, ein Lebensdatum als Anlass der W\u00fcrdigung zu w\u00e4hlen, denn das mit dem Mann verbundene Buch sticht bei weitem seinen Namen aus, weshalb der 11. Februar 1494 mit dem Erscheinen vom \u00abNarrenschiff\u00bb prim\u00e4r festzuhalten sei? Diese Sicht ist indessen in mehrfacher Hinsicht fragw\u00fcrdig. Sebastian Brants Werk stellt nicht einfach eine Singul\u00e4rleistung dar, es beruht auf seinem intellektuellen Werdegang, seiner akademisch-politischen Stellung wie auf der Zusammenarbeit mit handwerklichen Spitzenunternehmern: So gesehen bildet es die Spitze eines Eisbergs.<br \/>\nObwohl beileibe nicht (wie oft) inhaltlich das erste seiner Gattung, obwohl in der Disposition auf Bew\u00e4hrtes zur\u00fcckgreifend, bringt es als Prototyp und Ausl\u00f6ser eines kaum zu \u00fcbersch\u00e4tzenden Hypes die \u00abSache\u00bb buchst\u00e4blich vorbildlich auf den zentralen Punkt und gew\u00e4hrt dem rund 40-j\u00e4hrigen Medium des Buchdrucks formidable mediale Chancen. Was zum Verst\u00e4ndnis uns \u2013 auch \u2013 eine geh\u00f6rige Portion Kulturgeschichte abn\u00f6tigt.<\/p>\n<p>Relativ \u00fcbersichtlich ist das geographische Lebensspektrum Brants: Sohn eines Gastwirts und Ratsherrn der Reichsstadt Strassburg, wechselt er 1475 zum Studium an die Universit\u00e4t Basel, erst 15 Jahre zuvor gestiftet von Papst Pius II. (der die Stadt vom Konzil 1431\u201348 her kannte). Ab dem Alter von etwa 25 Jahren lehrt er f\u00fcr 17 Jahre r\u00f6misches und kanonisches Recht, macht Karriere bis zum Fakult\u00e4tsdekan und, sympathisch weil f\u00fcr einmal ein nicht z\u00f6libat\u00e4rer Gelehrter, heiratet 1485 in die besten Familien ein (und wird 7-facher Vater). Nicht nur homo honoratus, wirkt Brant (latinisiert in Titio) als <em>In beiden rechten doctorem<\/em> in seinen Fachgebieten als Koryph\u00e4e, nicht zuletzt basierend auf reicher Quellenkenntnis. Neben der Jurisprudenz lehrt er Poetik, schreibt lateinische Gedichte, \u00fcbersetzt (etwa <em>Catho <\/em>[\u2026] <em>get\u00fctschet<\/em> 1498), wirkt als Lektor und programmatischer Herausgeber (etwa von Werken Petrarcas oder Augustinus) im intensiven Basler Buchdruckgeschehen.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt diese \u00abNebent\u00e4tigkeiten\u00bb f\u00f6rderten parallel sein Bem\u00fchen, in popul\u00e4rwissenschaftlichen Abhandlungen auch Nichtfachleuten die sperrige Materie zug\u00e4nglich zu machen, wozu indirekt auch ein 1490 aus den Vorlesungen hervorgegangenes vielbenutztes Handbuch zu rechnen ist. Diese einer breitgef\u00e4cherten Reflexion offene Haltung wirkte sich \u00fcberdies in diversen bis hin zu Flugbl\u00e4ttern k\u00fcrzeren Schriften aus, in denen er Stellung zu allgemeinen religi\u00f6s-moralischen oder politischen Fragen und ebenfalls zum Tagesgeschehen (wie einem Meteoriteneinschlag im Elsass) nimmt. Kurzum: Vor uns steht ein in Lehre und (Stadt-)Gesellschaft hochgesch\u00e4tzter Mann, der betriebsam-vielf\u00e4ltig das Leben kommentiert und mit Blick auf seine Aktivit\u00e4t den materiell-praktischen Gegebenheiten der Kommunikation gro\u00dfes Gewicht beimisst.<\/p>\n<p>Aus diesem Kern entsteht in zwei Jahren das \u00abNarrenschiff\u00bb. Dessen Plot, in der Eingangsvignette verdichtet, besteht im sich Versammeln aller Schelme auf dem Schiff, das wegen des nahen Weltuntergangs nach Narragonien aufbricht. Die geballte Ladung vereinigt die in Selbstgef\u00e4lligkeit und Stolz kumulierenden Schw\u00e4chen und Fehler der menschlichen Gattung in ihren verschiedenen Auspr\u00e4gungen. Der stets mitschwingende mittelalterliche Blick auf die Verg\u00e4nglichkeit paart sich mit der Kritik an den sozialen Zeitumst\u00e4nden und wird durchwoben von der humanistischen Forderung nach Selbsterkenntnis.<br \/>\nDie Einsicht im Schlussabsatz <em>z\u016f nutz \/ heilsamer ler \/ ermanung \/ vnd eruolgung \/ der wi\u00dfheit \/ vernunfft \/ vnd g\u016fter sytten \/ Ouch z\u016f verachtung \/ vnd stroff der narrheyt \/ blintheit \/ Irrsal \/ vnd dorheit \/ aller st\u00e5dt \/ vnd geschlecht der menschen<\/em> f\u00f6rdert der R\u00fcckgriff auf die vertraute Sprache, die die F\u00e4lle kaum etwas aussparenden Fehlverhaltens drastisch-sarkastisch nachvollziehbar zu schildern vermag. Gleichwohl ist das Buch rhetorisch geschickt aufgebaut und wird von Volksweisheit und Bildungsgut durchzogen. Kein absch\u00e4tziger Blick also, sondern ein Absch\u00e4tzen der menschlichen Schw\u00e4chen, das im Motto <em>Den narren spiegel ich di\u00df nenn \/ Jn dem ein yeder narr sich kenn<\/em> didaktisch in die Lehre m\u00fcndet, dass es Vernunft braucht, die sich auf die g\u00f6ttliche Weisheit zu beziehen hat.<\/p>\n<p>Als h\u00e4tte man darauf gewartet, schlug das Buch wie eine Sensation ein, es geh\u00f6rte in unterschiedlich aufgemachten Nachdrucken bis weit ins 18. Jh. zu den meistgelesenen deutschsprachigen Werken. Nicht nur folgt unmittelbar eine Vielzahl auch nicht autorisierter Auflagen (gegen die sich Brant in der Ausgabe von 1499 ausdr\u00fccklich verwahrt), ebenso f\u00fchrt die lateinische Nachdichtung <em>Stultifera navis<\/em> seines Sch\u00fclers Jakob Locher zu zahllosen \u00dcbertragungen ins Franz\u00f6sische, Englische, Niederl\u00e4ndische. Der Erfolg gebiert eine Narren-Literaturgattung, die teils die Figur \u00fcberf\u00fchrt in das einfache Gem\u00fct bis zu Grimmelshausens Simplicissimus, teils den Ansatz transponiert in eine intellektuelle Ebene, bald schon bedeutend im \u00abLob der Torheit\u00bb 1511 des Erasmus von Rotterdam, der ersichtlich wegen der N\u00e4he zum Druckergewerbe 1521 in derselben Stadt Wohnsitz nimmt.<\/p>\n<p>Brants dementsprechender Hinweis<em> Gedruckt z\u016f Basel vff die Vasenaht \/ die man der narren kirchwich nennet<\/em> bietet nicht nur die M\u00f6glichkeit kirchlich-religi\u00f6ser Einordnung, sondern bezieht sich f\u00fcr mich direkt auf den Ort. Denn wenn es in der Vorrede<em> All strassen \/ gassen \/ sindt voll narren<\/em> hei\u00dft, bietet die Basler Fasnacht seit 1418 bis heute dieses Schauspiel; die Unkenntlichkeit durch die \u00abLarven\u00bb erm\u00f6glicht(e) f\u00fcr drei Tage die st\u00e4ndeaufhebende (Narren-)Freiheit. Aber nicht nur als Ortsans\u00e4ssiger w\u00e4hlt der ausgewiesene \u00abLateiner\u00bb das g\u00e4ngige Deutsch. Die h\u00e4ufige Erkl\u00e4rung im belehrenden Charakter greift allein nicht; ich meine, der Band ist eben, erleichtert durch Reime, zum Vorlesen gedacht, damit f\u00fcr die Nutzer (durchaus in unserem Verst\u00e4ndnis) ein H\u00f6rbuch. Aber es ist zugleich ein Bildband zum addierten Begreifen, indem Vorrede und den 112 Kapiteln je ein Holzschnitt mitsamt sinndeutendem Drei- oder Vierzeiler voransteht.<\/p>\n<p>Die Darstellungen sind nicht zwingend origin\u00e4r entstanden, partiell nicht zwingend im Konnex und von verschiedenen K\u00fcnstlern, unter denen die Mitautorschaft des jungen, stadtanwesenden D\u00fcrer kontrovers diskutiert wird. Wie auch immer, das Buch bildet in seinem Layout die beeindruckende Frucht zahlreicher Vorstufen und eine Art neug\u00fcltiger Zusammenfassung des technisch und medial M\u00f6glichen.<br \/>\nAuch diesbez\u00fcglich entsteht eine nicht minder bedeutende Entwicklungslinie. Deren einer Zweig richtet sich auf die einfachere Gegen\u00fcberstellung von Text und Bild, das damit enigmatische Reste als unmittelbare Illustration aufl\u00f6st und sich ebenso in popul\u00e4rer Breite verwerten lie\u00df wie in immer perfekterem Druckverfahren \u2013 in dem, nicht zuletzt dank Brant, Basel zur Hochburg des Genres wuchs. Der zweite Zweig baut den Konnex zum Ensemble aus, dessen Teile als Darstellungsform der Eliten multifunktional ineinandergreifen. Hierher geh\u00f6ren die monumentalen publizistischen Bem\u00fchungen Kaiser Maximilians I., die kurz nach 1500 mit Macht einsetzen.<\/p>\n<p>Deren Entwicklung ist trotz der gelehrten und k\u00fcnstlerisch versierten Berater am Hof wohl direkt mit unserem Mann verbunden, der politisch ganz auf der Linie des habsburgischen Selbstverst\u00e4ndnisses lag, ja diesem in seiner Schrift \u00abDe origine et conversatione bonorum regum\u00bb 1495 und den direkt den Kaiser ansprechenden \u00abVaria Carmina\u00bb 1498 den zentralen Gedanken des obersten Miles Christianus vertiefte. Ebenso engagierte, gewiss auf Basis seiner intimen Rechtskenntnisse, Brant sich direkt in den Fragen der Reichsreform mit ihren neuen institutionellen Tendenzen. Zu diesen geh\u00f6rte der Versuch, die unbotm\u00e4\u00dfigen Eidgenossen in den Reichsverband zur\u00fcckzuzwingen.<br \/>\nDer 1499 an mehrfachen Orten ausgefochtene \u00abSchwabenkrieg\u00bb fand auch vor den Toren der Stadt am Rheinknie statt; die Niederlage des Reichsheers verst\u00e4rkte die Absatzbewegung Basels, das 1501 der Eidgenossenschaft beitrat.<\/p>\n<p>Und Brant verlie\u00df, seinen \u00dcberzeugungen treu, den Ort seines Wirkens, um, nach Stra\u00dfburg zur\u00fcckgekehrt, f\u00fcr die n\u00e4chsten 20 Jahre hohe \u00c4mter wie Ratssyndikus und Stadtschreiber anzunehmen, Aufgaben, die, scheint es, seine literarische Produktion schm\u00e4lerten; der Praktiker bedachte in der Verantwortung f\u00fcr Archiv und Chronistik die politisch-rechtliche Relevanz der Dokumente. Seine eindeutige Haltung (passend zur heutigen Diskussion um den neuen Wert-Konservativen?) zahlte sich aus: Maximilian ernannte Brant aufgrund seiner Meriten zum kaiserlichen Rat, sp\u00e4ter zum Pfalzgrafen und berief ihn als Beisitzer in das noch \u00abjunge\u00bb Reichskammergericht (ab 1514 am Amtssitz im nahen Worms) \u2013 und f\u00fchrt letztlich zu Brants \u00abStrassburger Antrittsbesuch\u00bb beim Nachfolger Karl V. 1520 in Gent.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a>Alle Zitate sind entnommen dem Abdruck des \u00abNarrenschiff\u00bb auf www.projekt-gutenberg.org und aus kurzen Ausschnitten auf www.getabstract.com.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Martin Stankowski<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.stankowski.info\" target=\"_blank\">www.stankowski.info<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Der Text wird demn\u00e4chst ver\u00f6ffentlicht in: Literarisches \u00d6sterreich<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 21096<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>V\u00df sytten man gar bald verstat \/ Was einer jn sym hertzen hat[1] Vielleicht ist es in diesem Fall ja falsch, ein Lebensdatum als Anlass der W\u00fcrdigung zu w\u00e4hlen, denn das mit dem Mann verbundene Buch sticht bei weitem seinen Namen aus, weshalb der 11. 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