{"id":12981,"date":"2021-07-20T08:34:16","date_gmt":"2021-07-20T08:34:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12981"},"modified":"2021-09-29T09:10:54","modified_gmt":"2021-09-29T09:10:54","slug":"mein-kleines-serbisches-tagebuch-teil-2-parkgeschichten-und-promenaden-mischungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12981","title":{"rendered":"Mein kleines serbisches Tagebuch: Teil 2 \u2013 Parkgeschichten und Promenaden-Mischungen"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12981&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12981&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Dunavski Park liegt zwischen einem breiten, mehrspurigen Boulevard, der ges\u00e4umt ist von Kolossalbauten aus der kommunistischen \u00c4ra, und einem gem\u00fctlichen Altstadtviertel im Norden. Der obere Ausgang m\u00fcndet in eine kleine Stra\u00dfe mit Caf\u00e9s und Konditoreien, die Fassaden aus der Zeit der Donaumonarchie sind frisch geputzt und sehen ein wenig aus, als w\u00e4ren sie selbst aus Schlagobers. Zur rechten Hand liegt ein \u00f6ffentliches Geb\u00e4ude, vor dem man diverses altes Kriegsger\u00e4t zur Schau gestellt hat, und im Anschluss daran befinden sich zwei Museen. Auf einer nahegelegenen Baustelle arbeitet man mit Hochdruck \u2013 im Jahr der Kulturhauptstadt, das bereits von 2021 auf 2022 verschoben wurde, will Novi Sad auf Hochglanz poliert sein! Wenigstens dort, wo es die Touristen sehen.<\/p>\n<p>Die Parkanlagen sind wie ausgeschnitten aus einem Bilderbuch des vorvergangenen Jahrhunderts mit gro\u00dfen, gepflegten Blumenrabatten, massiven Holzb\u00e4nken und schmiedeeisernen Laternenmasten. Vor mir liegt ein Band mit Erz\u00e4hlungen von Thomas Mann, den ich mir als Lekt\u00fcre von zuhause mitgebracht habe. Ich dachte, der Lesestoff passt zu diesem Ort, vielleicht sogar in die seltsame Zeit, die wir gerade erleben: der leise nachhallende Charme einer vergangenen Welt, die Seuche, Verfall \u2013 vielleicht auch der Verweis auf etwas Kommendes, dessen Nahen man sp\u00fcrt, dessen Namen man jedoch noch nicht kennt? Ich vertiefe mich in eine Erz\u00e4hlung und das Wetter an diesem Vormittag beliebt genau so zu sein wie im Text der Geschichte: blauer Himmel mit Wollwatteb\u00e4llchen von Wolken!<\/p>\n<p>Nach einer Weile gleitet mein Blick vom Buch wieder ab und wendet sich der Stadtkulisse vor meinen Augen zu. Es ist ein Ort der Flaneure. Manche kommen mit schweren Taschen beladen vom Markt und g\u00f6nnen sich einen ruhigen Augenblick in einem Winkel des Parks, ehe sie ihren Weg fortsetzen. Andere machen Halt an einem der kleinen Kioske, die an der Parkecke Eis und gek\u00fchlte Getr\u00e4nke verkaufen. Ich sehe M\u00fctter und Omas mit kleinen Kindern. Alte Herren mit sauber geb\u00fcgelten Hemden setzen sich bed\u00e4chtig auf eine Bank im Schatten, lesen ihre Zeitung oder verfolgen so wie ich das Schauspiel der Passanten. Die jungen Leute sind nat\u00fcrlich immer am Smartphone und eingewickelt in Kabel und Ohrstecker. Ich meinerseits genie\u00dfe es, mir die Welt analog anzusehen. Ich lasse mich gerne ein wenig aus der Zeit herausfallen, in j\u00fcngster Zeit immer \u00f6fter. Bin es allm\u00e4hlich \u00fcberdr\u00fcssig, immerzu den allerneuesten technischen Innovationen hinterherzuhecheln, ich klinke mich aus. Zum Gl\u00fcck komme ich allm\u00e4hlich in ein Alter, wo ich es mir leisten kann, ein wenig vorgestrig zu erscheinen.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p><em>In der Donau<br \/>\nHolst dir kein Corona<\/em><\/p>\n<p>Am linken Donauufer, auf der Krone eines gem\u00e4chlich den Flusslauf begleitenden Damms, verl\u00e4uft eine breite Promenade mitten im Gr\u00fcn. Sie ist weitl\u00e4ufig und gro\u00dfz\u00fcgig ausgestattet mit Platz f\u00fcr drei Bahnen, wovon die mittlere gepflastert und mit B\u00e4nken m\u00f6bliert ist, sie geh\u00f6rt den Spazierg\u00e4ngern. Eine schm\u00e4lere Spur ist f\u00fcr die L\u00e4ufer reserviert und der dritte Streifen dient als Fahrradweg. Landeinw\u00e4rts liegen Parks, ein Kinderspielplatz und ein \u00f6ffentlicher Sportplatz, der mit Trainingsger\u00e4t und Fitnessmaschinen best\u00fcckt ist. Die Promenade reicht von der Varadin-Br\u00fccke bis zum ber\u00fchmten Strand, der genauso hei\u00dft hierzulande und ebenso ausgesprochen wird: der Strand. Die \u00f6ffentliche st\u00e4dtische Badeanstalt l\u00e4ge mit etwa 45 Gehminuten durchaus in Reichweite. Aber nicht einmal das schaffe ich momentan in der Hitze. Ob ich es vielleicht einmal fr\u00fchmorgens versuche? Tags\u00fcber d\u00fcrfte der Badeplatz ohnehin ziemlich \u00fcberf\u00fcllt sein.<\/p>\n<p>Trotzdem bin ich gestern kurz in die Donau gestiegen! Einfach nur, um das Gef\u00fchl des Wassers um die Beine zu sp\u00fcren und den weichen Schlamm unter den Zehen. Eine Illusion von weiter See. Dabei, mehr als ein wenig Plantschen am gr\u00fcnlich-braunen Wasserrand ist ohnehin nicht, denn die Str\u00f6mung ist sehr stark. Auch die Einheimischen staken nur wenige Schritte in die Fluten hinein. Eine Dame spricht mich an und ich muss ihr gestehen, dass ich der Landessprache nicht m\u00e4chtig bin. <em>Von wo? Austria. Oh!<\/em> Sie lacht mir zu und antwortet in der deutschen Redewendung, die hier offenbar durchwegs gel\u00e4ufig ist: <em>Sch\u00f6ne blaue Donau!<\/em> Es tut gut, die baumbewachsenen Ufer zu sehen. Jenseits der Hafenzone darf es an den B\u00f6schungen wuchern, als w\u00e4re das Gr\u00fcn sich selbst \u00fcberlassen, hier wurde nicht zugepflastert und betoniert, wie es bei uns zu Hause so gerne der Fall ist. Der einzige Hinweis auf die regulierende Hand des Menschen sind die pilzartigen Bauwerke aus Beton, die in regenm\u00e4\u00dfigen Abstanden am Ufer stehen. \u00dcber eine Art Zugbr\u00fccke vom Damm aus erschlossen, jedoch abgesperrt und verbarrikadiert, schmiegen sich die T\u00fcrmchen in den Schatten der B\u00e4ume. Sie sind von oben bis unten knallbunt bemalt und mit Graffitis bespr\u00fcht.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Ein br\u00fctend hei\u00dfer Tag geht in den Abend \u00fcber. Heute weht ein Wind, das ist besser als in den vergangenen zwei Tagen. Man kann tags\u00fcber kaum etwas unternehmen und nur wenige Minuten nach der Dusche ist man bereits wieder zum Opfer der prallen Hitze geworden. Erst in den Stunden vor Sonnenuntergang wird es wieder ertr\u00e4glicher. Mich hat es wieder in den Dunavski Park verschlagen, zu den lauschigen B\u00e4nken im Schatten. Aus meinem sch\u00f6nen Zimmer mit Balkon bin ich vor\u00fcbergehend ausquartiert worden, zum Gl\u00fcck nur bis morgen. Der Grund ist eine gr\u00f6\u00dfere Sch\u00fclergruppe, die \u00fcbers Wochenende Einzug gehalten hat. Fr\u00f6hliche Teenager, die dem bevorstehenden Schulschluss entgegenfeiern, haben alles im Hostel in Beschlag genommen.<\/p>\n<p>Mein Ausweichquartier sieht aus wie eine Schiffskoje. Ein enger Schlauch, links und rechts vom Mittelgang je ein schmales, daf\u00fcr turmhohes Bett, eine Kochnische, ein Schrank und das Bad. Dazu gibt es einen Klapptisch am Fenster, der eingezw\u00e4ngt ist zwischen Kleiderschrank- und Badezimmert\u00fcr. Abgesehen von der Enge gibt es zwar nichts zu beanstanden. Das Appartement ist nagelneu, blitzsauber und bl\u00fctenwei\u00df. Es verf\u00fcgt \u00fcber Aircondition. Doch das ist nur ein schwacher Ersatz f\u00fcr meinen Balkon, ich vermisse ihn. Im Fernsehen habe ich als einzigen deutschsprachigen Sender RTL erwischt, inklusive Nachrichten im dortigen Teletext. Sp\u00e4ter sp\u00fcrte ich CNN und BBC News im Wust der Senderlandschaften auf. Ich habe nun erfahren, dass die Hitzewelle nicht nur \u00fcber den Balkan, sondern \u00fcber ganz Europa schwappt. An die Gem\u00fcsepfl\u00e4nzchen im Garten zuhause versuche ich gar nicht zu denken.<\/p>\n<p>Sei es wie es sei, im Park l\u00e4sst sich\u2019s aushalten. Ich verschweige es nicht, der Zauber der Stadt verfehlt auch dieses Mal nicht seine Wirkung auf mich! F\u00fchle mich auf eine angenehme Weise in der Fremde heimelig. Der Abend ist die Zeit der Spazierg\u00e4nger, die ihre Hunde ausf\u00fchren. Die Leute m\u00f6gen vor allem die kleinen bis mittelgro\u00dfen Tiere, und man sieht ihnen an, dass ein jeder Vierbeiner jemandes Liebling ist. Die Hunde von Novi Sad sind durchwegs h\u00fcbsche und liebensw\u00fcrdige Wesen mit gro\u00dfen treuherzigen Augen und seidig gepflegtem Fell. Der Duft, von dem ich sprach, \u00fcbrigens \u2013 er kommt tats\u00e4chlich von den B\u00e4umen. Er ist jetzt \u00fcberall in der Stadt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Ulla Puntschart<br \/>\n<a href=\"https:\/\/ulla-puntschart.jimdo.com\/\" target=\"_blank\">https:\/\/ulla-puntschart.jimdo.com\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2528\">spazierensehen<\/a> | Inventarnummer: 21094<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dunavski Park liegt zwischen einem breiten, mehrspurigen Boulevard, der ges\u00e4umt ist von Kolossalbauten aus der kommunistischen \u00c4ra, und einem gem\u00fctlichen Altstadtviertel im Norden. 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