{"id":12960,"date":"2021-07-12T15:26:10","date_gmt":"2021-07-12T15:26:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12960"},"modified":"2021-09-29T09:11:49","modified_gmt":"2021-09-29T09:11:49","slug":"mein-kleines-serbisches-tagebuch-teil-1-kirschen-aus-novi-sad","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12960","title":{"rendered":"Mein kleines serbisches Tagebuch: Teil 1 \u2013 Kirschen aus Novi Sad"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12960&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12960&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Novi Sad, im Fr\u00fchsommer 2021<\/em><\/p>\n<p>Es ist die Kirschenzeit! \u00dcberall in der Stadt wird das Obst zum Verkauf angeboten. Auf der Herfahrt hat man die B\u00e4ume gesehen, sie bogen sich schwer und schwarz unter ihrer Last. Au\u00dferdem gibt es Erdbeeren, Paradeiser und Paprika. Der Verk\u00e4ufer auf dem Markt wollte, dass ich einen Bund Knoblauch mitnehme, und vielleicht tue ich das, wenn es wieder zur\u00fcck nach Hause geht. Aber jetzt bin ich erst einmal angekommen. Der Balkon meines Zimmers geht zum Hinterhof hinaus und ist gro\u00df und ger\u00e4umig. Zwei Eisenst\u00fchle und ein Caf\u00e9tischchen ranken sich verschn\u00f6rkelt und verspielt im nachgebauten Dekor des Fin de Si\u00e8cle. Die B\u00e4ume vom Nachbargrund spenden angenehmen Schatten und \u00fcber die Mauern w\u00e4chst der Efeu. So etwas Feines hatte ich noch nie in meinem Reisequartier!<\/p>\n<p>Nur abends wird es laut, denn die Innenstadtlokale in der Umgebung tun, was sie k\u00f6nnen: entweder schmalzige Musik oder Fu\u00dfball. Gestern spielte Frankreich gegen Deutschland. Die Teilnehmer waren unschwer zu erraten an ihren Nationalhymnen. Irgendwann wurden hinter dem Hauptplatz Feuerwerksk\u00f6rper gez\u00fcndet, ohne dass ich, immer noch am Balkon sitzend, wusste, wem der Jubel galt. Sehen konnte man die Knaller ebenfalls nicht am bedeckten Nachthimmel. In einem gegen\u00fcberliegenden Wohnblock hob ein aufgeschreckter Hund zu bellen an und kl\u00e4ffte sich verzweifelt die Seele aus dem Leib, dann fiel ein Artgenosse ein, irgendwann hatten sich die armen Tiere wieder beruhigt. Im Nachbarhaus l\u00e4uft st\u00e4ndig ein Generator, der sich anh\u00f6rt wie mein Staubsauger zuhause auf H\u00f6chststufe.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck sind das Fenster und die Balkont\u00fcre l\u00e4rmdicht. Ich gehe fr\u00fch zu Bett, stehe fr\u00fch auf und genie\u00dfe die Ruhe am Morgen. Aber heute Nacht schlief ich schlecht, ich habe getr\u00e4umt. Dies ist nicht mein erster Aufenthalt in Novi Sad. Vor fast sieben Jahren kam ich zum ersten Mal in diese sch\u00f6ne Stadt an der Donau, die so in jeglicher Hinsicht an der Donau gelegen ist, und habe mich in diesen Platz verliebt. Inzwischen ist es mein vierter Besuch, aber diesmal ist es anders als sonst. Ich habe einen kleinen Rucksack an Sorgen mit im Gep\u00e4ck. Nichts wor\u00fcber ich mich lange ausbreiten m\u00f6chte, ganz im Gegenteil, ich w\u00fcrde die schweren Gedanken am liebsten verdr\u00e4ngen, m\u00f6chte sie aus meinem Bewusstsein schieben, so gut es geht. Aber sie sind eben da. Das Nagen und Bohren hat sich eingenistet in meinem Hinterkopf, vor allem nachts, wenn die Gelsen auf Angriffsmodus schalten. Dann ist da noch die Pandemie, die hier scheinbar niemanden k\u00fcmmert, alle sind recht sorglos auf den ersten Blick, auf den zweiten allerdings sind die Stra\u00dfen etwas leerer als sonst und die Abende nicht so quirlig. Vorerst einmal.<\/p>\n<p>***<br \/>\n<em>Stich, Moskito, Stich!<br \/>\nBrennt und bei\u00dft so f\u00fcrchterlich<br \/>\nBei-\u00dfen, juk-ken<br \/>\nKratzen mit den Tatzen<br \/>\nUnd wieder so ein neuer Stich!<br \/>\nAh esbrennt so f\u00fcrchterlich<br \/>\nNimm an Spray, sag\u2019n die Leut<br \/>\nTust ihn rauf<br \/>\nIs a Ruh<br \/>\nSan die Muck\u2019n weg wie fix<br \/>\n\u2026nutzt a nix\u2026<\/em><br \/>\n***<\/p>\n<p>Ich habe zur Ausstellungser\u00f6ffnung Geschenke von serbischen K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern bekommen. Genauer gesagt, der Ehemann der Malerin O., der perfektes Deutsch spricht, stellte sich mir vor als Marketing-Profi in eigener Sache. Er verkauft selbst gemachte Produkte aus Weihrauch, die er auch in \u00d6sterreich vertreibt. Ich erhielt ein St\u00fcck Seife und eine Dose mit Balsam, beide sind verpackt in h\u00fcbsche runde Kartonsch\u00e4chtelchen und auf der Packung klebt allerlei Heiliges, denn ein Hauptabnehmer der Produkte ist die serbisch-orthodoxe Kirche. Das macht nichts. Ich mag den aromatischen Duft, w\u00fcnschte mir nur, der Weihrauch w\u00fcrde ein wenig helfen, die Gelsen zu vertreiben. Was er nicht tut, trotz der vielen erwiesenen therapeutischen Qualit\u00e4ten des Stoffes. Der zweite K\u00fcnstler, S. \u00fcberreichte mir ein kleines Bild, eine Collage mit \u00d6lmalerei kombiniert. Will mir daf\u00fcr einen sch\u00f6nen Platz ausdenken.<\/p>\n<p>Es ist Abend geworden und Zeit f\u00fcr ein neues Platzkonzert. Die Musik hat sich deutlich verbessert gegen\u00fcber dem letzten Mal. Eine Brass-Band spielt popul\u00e4re Hits und Evergreens im Balkan-Sound, sie spielen gut! Der Anlass des Konzerts ist mir unbekannt. Doch heute Nachmittag war die Haust\u00fcre zur Unterkunft abgesperrt, was bisher noch nie der Fall war. Meine kleine Herberge ist n\u00e4mlich in einem gew\u00f6hnlichen Mehrparteienhaus untergebracht. Als ich nun heimkehre vom Einkauf meines ersten serbischen Sendvics, tritt gleichzeitig eine \u00e4ltere Dame durch die T\u00fcr, sie mustert mich misstrauisch und fragt mich etwas, das wohl hei\u00dfen sollte: Was machen Sie hier? Worauf ich ihr meinen Schl\u00fcssel zeige und den Namen des Hostels nenne. Sie entgegnet nichts, steigt langsam und wie mir scheint schon etwas beschwerlich die Treppe hinauf und ich kann ihr ohne Worte ansehen, dass sie sich \u00e4rgert \u00fcber die unz\u00e4hligen fremden Leute, die hier best\u00e4ndig im Haus ein- und ausgehen. M\u00f6glicherweise, so meine \u00dcberlegung, besteht ein Zusammenhang zwischen dem abgesperrten Haustor, der argw\u00f6hnischen Hausbewohnerin und dem abendlichen Hauptplatz-Event. Ich kann es den Anrainern, die hier tagt\u00e4glich leben m\u00fcssen, nicht verdenken, wenn es ihnen manchmal zu viel wird. Vielleicht gab es schon schlechte Erfahrungen mit unerw\u00fcnschten Hausbesuchern, wer wei\u00df. Es ist gut m\u00f6glich.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Heute Morgen leuchtete in den B\u00e4umen kurz ein Bild auf, eine Eule mit einem altklugen Gesicht. Eine Laune des Zufalls, die Eule ist das Logo meines Hostels. Es war nur ein Spiel der Sonnenstrahlen auf den Bl\u00e4ttern, fl\u00fcchtig und gleich wieder vergangen. Trotzdem, ein sch\u00f6ner Morgengru\u00df! Die Luft ist schwer. Es duftet, seit gestern Abend schon und die ganze Nacht hindurch. Erst dachte ich, jemand aus dem Haus h\u00e4tte eine Ladung Raumdeo in seine L\u00fcftung gekippt, doch inzwischen frage ich mich, ob da etwas im Baumg\u00fcrtel aufgebl\u00fcht ist, zum Beispiel Jasmin. Ich denke, es k\u00f6nnte Jasmin sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Ulla Puntschart<br \/>\n<a href=\"https:\/\/ulla-puntschart.jimdo.com\/\" target=\"_blank\">https:\/\/ulla-puntschart.jimdo.com\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2528\">spazierensehen<\/a> | Inventarnummer: 21093<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Novi Sad, im Fr\u00fchsommer 2021 Es ist die Kirschenzeit! \u00dcberall in der Stadt wird das Obst zum Verkauf angeboten. Auf der Herfahrt hat man die B\u00e4ume gesehen, sie bogen sich schwer und schwarz unter ihrer Last. Au\u00dferdem gibt es Erdbeeren, Paradeiser und Paprika. 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