{"id":12925,"date":"2021-07-08T16:22:11","date_gmt":"2021-07-08T16:22:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12925"},"modified":"2024-05-31T11:45:37","modified_gmt":"2024-05-31T11:45:37","slug":"terrestrische-navigation-4","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12925","title":{"rendered":"Terrestrische Navigation 4"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12925&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12925&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p style=\"text-align: right;\"><em>Stop!<br \/>\nUm in den vollen Genuss dieser Geschichte zu kommen, <\/em><br \/>\n<em>lesen Sie zuvor\u00a0<u><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12916\">Teil 1<\/a><\/u>,\u00a0<u><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12920\">Teil 2<\/a><\/u>\u00a0und\u00a0<u><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12923\">Teil 3<\/a><\/u>.<\/em><\/p>\n<p>Die Antwort darauf, warum sie mich nicht mehr in ihre Wohnung lie\u00df, ergab sich vor etwa drei Wochen. Ich stieg mit der Milch f\u00fcr Frau Apfel in den viel zu kleinen Lift und vor mir stand Alex. Ich erkannte ihn, trotz seiner Maske. Immer noch hatte er die kleine Narbe auf der Stirn. Mit seiner linken Hand umklammerte er einen Strau\u00df Margeriten. Mit der anderen eine Packung Katzenstreu. Als wir in meinem Stockwerk ankamen, sah ich, dass er schwitzte. Wir gingen in meine Wohnung. Er hatte betr\u00e4chtlich zugenommen und lie\u00df sich schwer in mein Sofa fallen. Ich \u00f6ffnete zwei Flaschen Bier, trotzdem schwiegen wir weiter. Schlie\u00dflich seufzte er, ich erkannte dieses Seufzen sofort.<\/p>\n<p>Er begann: Nach unserem letzten Gespr\u00e4ch, so dr\u00fcckte er sich tats\u00e4chlich aus, (nach unserem letzten Gespr\u00e4ch!) habe er sich erinnern k\u00f6nnen, wer die Frau Apfel sei. Dann sei ihm klar geworden, wie sehr sie ihm damals geholfen habe, mit seinen Schulaufgaben. Nein, er habe kein schlechtes Gewissen gehabt, wegen der Sache mit ihrer Wohnung. Er sei sogar froh, dass seine Tochter nun diese Wohnung nutzen k\u00f6nne, w\u00e4hrend ihres Studiums. Er habe aber nicht lange gebraucht, um zu begreifen, dass er ihr noch was schulde, der Frau Apfel. Er habe auch nicht lange gebraucht, sie zu finden, es gebe ja nicht viel \u00c4pfels in Wien. \u201eViele Apfels!\u201c, korrigierte ich ihn.<\/p>\n<p>Er machte dazu, wie immer, wenn ich ihn korrigierte, seine wegwerfende Handbewegung. Sie habe bei ihrer Schwester am Stadtrand gewohnt, meinte er, dort habe er sie gefunden. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie Frau Apfel eine Schwester haben sollte. Er behauptete, sofort gesehen zu haben, dass diese Wohnsituation Frau Apfel nicht zutr\u00e4glich gewesen sei, au\u00dferdem vertrage sie sich nicht mit ihrer Schwester. \u00dcberhaupt, erg\u00e4nzte er, sei Frau Apfel ein Charakter, der es vorz\u00f6ge alleine zu wohnen. Da musste ich ihm Recht geben. Also habe er ihr, fuhr er fort, \u00fcber die Partei diese Gemeindewohnung besorgt und sehe seitdem \u00f6fter vorbei. Gerade jetzt in der Pandemie sei es sinnvoll, dass er bei ihr regelm\u00e4\u00dfig vorbeischaue, wegen der Eink\u00e4ufe und so. Dann haben pl\u00f6tzlich die Milcht\u00fcrme und das Katzenzeugs bei ihr begonnen, von selbst zu wachsen und sie habe ihm gestanden, dass der Jonas, also ich, hier im Haus wohne. Da habe er sie gebeten, mich nicht mehr einzulassen.<\/p>\n<p>Ich solle \u00fcbrigens damit aufh\u00f6ren, so viel Milch und Katzenzeugs zu bringen, sie habe doch gar keine Katze. Es gen\u00fcge v\u00f6llig, wenn er ihr ab und zu ein wenig Streu bringe. In mir stieg die Wut hoch. Ich bringe gar keine Streu und auch kein Futter, b\u00e4ndigte ich mich und fragte wie nebenbei, ob sie ihn denn immer in ihre Wohnung einlasse. \u201eJa, wieso nicht, ich habe sie ihr immerhin besorgt?\u201c, antwortete er trocken. Da explodierte ich: \u201eDu bist doch daf\u00fcr verantwortlich, dass Frau Apfel hier in diesem Sozialloch haust, und wagst es auch noch, gro\u00df den Samariter zu spielen?\u201c, schrie ich ihn an. Er darauf: Ob ich Trottel denn nichts bei ihm gelernt habe, sie w\u00e4re doch sowieso rausgeflogen! Und er habe noch das Schlimmste verhindert!<\/p>\n<p>Das Schlimmste verhindert! Wie soll das gehen? Da standen wir schon beide. Die Bierflaschen drohend in der Hand. Ich wies ihm die T\u00fcr. Er ging.<\/p>\n<p>Ich wollte wissen, ob er das Haus verlassen hatte oder zu Frau Apfel gegangen war. Ich wartete, bis ich mich etwas beruhigt hatte. Dann stieg ich leise die Treppen hinauf und lauschte an ihrer T\u00fcr. Ein sch\u00e4biges Verhalten, ich wei\u00df, aber blieb mir eine andere Wahl? Ich h\u00f6rte eine M\u00e4nnerstimme, die aber nicht die Stimme von Alex war. Das verwirrte mich. Dennoch, irgendetwas kam mir an dieser anderen Stimme bekannt vor. Es war weniger die Stimme selbst, eher war es diese stockende Art zu reden.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag fand ich am Boden des Liftes den Bl\u00fctenkopf einer Aster. Ich konnte nicht widerstehen und ging wieder an Frau Apfels T\u00fcr. Diesmal h\u00f6rte ich eine andere M\u00e4nnerstimme, und auch diese kam mir bekannt vor. Mir kamen die verr\u00fccktesten Ideen, einige davon sogar recht schmutzig. Ich bildete mir grauenhafte Dinge ein, solche, die ich hier gar nicht niederschreiben m\u00f6chte. Ich sage nur: Sie hatten alle mit Alex und seiner Gemeindebau-Wohnungsvermittlung an Frau Apfel zu tun. Daf\u00fcr sch\u00e4me ich mich sehr.<\/p>\n<p>Meine Besuche bei Frau Apfel wurden seltener, die anderen, die mysteri\u00f6sen Besuche meine ich, wurden hingegen immer h\u00e4ufiger. Ich konnte mir immer noch nicht erkl\u00e4ren, wer das war, und h\u00f6rte immer wieder einen der beiden M\u00e4nner oder Alex hinter ihrer T\u00fcr. Einmal sogar eine Frauenstimme, die mir auch bekannt vorkam. Lauter Stimmen, die mir auf irritierende Weise vertraut erschienen. Ich bekam Einschlafschwierigkeiten. Auch mein altes Alkoholproblem kehrte wieder. Dabei h\u00e4tte es so vieles gegeben, wor\u00fcber ich mit Frau Apfel reden wollte. Nicht \u00fcber meine Geldsorgen nat\u00fcrlich, sondern dar\u00fcber, wie ich jetzt weitermachen sollte. Dass es mir einfach an Kraft fehlte, einen neuen Job zu finden, dass ich vor lauter Panik, einem m\u00f6glichen Arbeitgeber die L\u00fccke in meinem Lebenslauf erkl\u00e4ren zu m\u00fcssen, immer mehr trank.<\/p>\n<p>Die L\u00fccke in meinem Lebenslauf wurde dadurch immer noch gr\u00f6\u00dfer und infolgedessen sah ich mich immer weniger in der Lage, mich umzusehen und so weiter. Aber das war noch nicht das Schlimmste. Das Schlimmste waren meine Albtr\u00e4ume. Immer wieder tr\u00e4umte ich: Ich stehe vor dem Schalter von Frau Apfel und schiebe die <em>Terrestrische Navigation<\/em> \u00fcber die Pflanzenschneise. Pl\u00f6tzlich blitzt es und die Menschen gehen st\u00f6hnend zu Boden.<br \/>\n\u201eKomm!\u201c, sagt Frau Apfel und nimmt mich an der Hand. \u201eWenn ein Atomkrieg ausbricht, musst du in die Donau, sagt sie und zieht mich nach kurzem Lauf \u00fcber die Wiesen in die Donau. Wir stehen in der Donau bis zum Hals und blicken auf den Kahlenberg, auf dem die Menschen wie Fackeln brennen. \u201eWarte noch\u201c, sagt sie, \u201ebald wird alles vor\u00fcber sein.\u201c Dann sehe ich die Raumschiffe am Himmel. \u00dcber diese Tr\u00e4ume h\u00e4tte ich zum Beispiel auch sehr gerne mit ihr geredet.<\/p>\n<p>Der Zweite, den ich aus unserer ehemaligen B\u00fccherei-Bande im Lift antraf, war Philipp. Philipp war unser Hund Timmy. Er sprach mich tats\u00e4chlich mit \u201eGeorge?\u201c an. Er war derjenige, erkannte ich in diesem Moment, dessen stockende Stimme ich durch die T\u00fcr von Frau Apfel geh\u00f6rt hatte, ohne seine Stimme ganz wiederzuerkennen. Auch ihn lud ich in meine Wohnung ein. Philipp war deswegen unser Hund Timmy, weil wir uns die <em>F\u00fcnf Freunde<\/em> nannten. Ich muss das etwas n\u00e4her erkl\u00e4ren: Nach Enid Blyton bestehen die <em>F\u00fcnf Freunde<\/em> aus vier Kindern: Aus zwei Buben und zwei M\u00e4dchen und dem Hund Timmy, also musste einer von uns der Hund Timmy sein. Genauso, wie ich Georgina sein musste, aber wie Georgina darauf bestand, George gerufen zu werden. Alex und Christian waren nat\u00fcrlich Dick und Julian. Bei Anna mussten wir nur das \u201ea\u201c zu einem unausgesprochenen \u201ee\u201c \u00e4ndern: Anne. Wir betrachteten das als gutes Zeichen. Alle Namen nat\u00fcrlich Englisch ausgesprochen. Erst sp\u00e4ter erfuhr ich, dass Philipp eigentlich \u201eFreund der Pferde\u201c hei\u00dft und dachte viel dar\u00fcber nach, ohne zu einem richtigen Schluss zu kommen. Waren wir die Pferde und er der Mensch?<\/p>\n<p>Mit Philipp sa\u00df ich lange zusammen. Er hatte mit Anna kein Gl\u00fcck gehabt, genau wie ich es vermutet hatte. Die Adresse von Frau Apfel fand er ganz einfach in seinem Telefonbuch. Vor einem Monat habe er sich an sie erinnert, sagte er, weil er beim Aufr\u00e4umen in seiner Wohnung ein Porzellanpferd gefunden habe, mit einer unterschriebenen lateinischen Widmung am Hals. Wer hat, frage ich mich, heute noch ein Telefonbuch? Wenn ich unser Gespr\u00e4ch memoriere, hat der Philipp \u00fcberhaupt kein Gl\u00fcck gehabt. Dabei war er der einzige von unseren <em>F\u00fcnf Freunden<\/em>, dem ich immer Gl\u00fcck w\u00fcnschte, auch sp\u00e4ter. Das ganze Gl\u00fcck meine ich. Schlecht sah er aus, aber er sagte, die Besuche bei Frau Apfel t\u00e4ten ihm gut. Es t\u00e4te ihm leid, dass nur ich nicht in ihre Wohnung d\u00fcrfe, ihm und den anderen von den <em>F\u00fcnf Freunden<\/em> h\u00e4tte der Alex das nicht verboten.<\/p>\n<p>Da begriff ich, und ich ging wieder \u00f6fter zu Frau Apfel. Anna kam mit hochwertigem Kaffee und sehr speziellem Katzenfutter und au\u00dferdem exquisitem Wein. Ich fragte sie gar nicht, wie sie zu Frau Apfel gefunden habe. Sie hatte es, wie man so sagt, zu etwas gebracht und war Leiterin des Jugendamts geworden. Ihre Haut wirkte ausgetrocknet und sie hatte viele Falten bekommen und ein Kind. Jede dieser Falten steht ihr, finde ich. Man sieht sie nur, wenn die Sonne darauf f\u00e4llt, wie feine Bleistiftstriche, die das Gesicht konturieren. Christian kam vorgeblich als Nachz\u00fcgler, jeder wusste, dass das nicht stimmte, aber wir g\u00f6nnten ihm diese kleine L\u00fcge, die er da v\u00f6llig sinnlos aufstellte, warum auch immer.<br \/>\nEr war Lehrer geworden und hatte keine Ahnung warum und litt furchtbar unter dem vorgeblichen Online-Unterricht. Wir waren uns damals immer sicher, dass er Tischler oder Zimmerer werden w\u00fcrde, weil er uns immer die besten Baumh\u00e4user baute. Er war es, der Unmengen an Katzenstreu brachte, obwohl wir ihm sagten, es sei zu viel. Ich selbst beschr\u00e4nkte mich auf die Milch und Philipp konnte sich nichts leisten.<\/p>\n<p>Keiner von uns brachte Schnittblumen. Wir sprachen uns ab und standen seither alle am Gang. Die Gang-Gang waren wir jetzt. F\u00fcr Frau Apfel haben wir einen Korbsessel organisiert, den wir st\u00e4ndig ersetzen mussten, weil er alle paar Wochen von Alex entfernt wurde. Gar nicht so einfach in der Pandemie. Vielleicht haben wir ihr deshalb erz\u00e4hlt, wer damals f\u00fcr ihren Wohnungsverlust gesorgt hat. Ansonsten hatten wir lange Gespr\u00e4che \u00fcber Literatur und das Leben. Nach der Katze fragten wir nicht. Wenn Alex kam, ging ich. Wenn Alex kam, gingen wir alle. Und dann \u00f6ffnete sie ihm die T\u00fcr.<\/p>\n<p>Ich habe, wie gesagt, den Zettel an mich genommen, den Frau Apfel an ihre Brust gedr\u00fcckt hielt, als sie starb. Es handelt sich um eine Schenkungsurkunde. Eine Schenkungsurkunde \u00fcber ihre ehemalige Wohnung im Alsergrund. Ausgestellt von Alex, der immer das Schlimmste verhindern wollte.<\/p>\n<p>Frau Apfel ist tot. Ich sitze jetzt da, die <em>Terrestrische Navigation<\/em> auf meinen Knien. Ich w\u00fcrde jetzt gerne Philipp anrufen oder Anne, ich meine Anna. Oder Christian. Am liebsten Philipp. Nicht Alex. Aber es ist zu sp\u00e4t in der Nacht dazu.<\/p>\n<p>Ich schlage die <em>Terrestrische Navigation<\/em> auf:<\/p>\n<p>\u201eSchon in der Bibel\u201c, lese ich, \u201ewerden Grundlage und Ausgangspunkt der terrestrischen Navigation pr\u00e4zise dargelegt: \u201aEr spannt \u00fcber dem Leeren den Norden, h\u00e4ngt die Erde auf am Nichts.\u2018 Hiob 26:7.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Bernd Remsing<br \/>\n<a href=\"http:\/\/fm4.orf.at\/stories\/1704846\/\" target=\"_blank\">http:\/\/fm4.orf.at\/stories\/1704846\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 21090<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stop! Um in den vollen Genuss dieser Geschichte zu kommen, lesen Sie zuvor\u00a0Teil 1,\u00a0Teil 2\u00a0und\u00a0Teil 3. Die Antwort darauf, warum sie mich nicht mehr in ihre Wohnung lie\u00df, ergab sich vor etwa drei Wochen. 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