{"id":12923,"date":"2021-07-08T16:21:32","date_gmt":"2021-07-08T16:21:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12923"},"modified":"2024-05-31T11:45:47","modified_gmt":"2024-05-31T11:45:47","slug":"terrestrische-navigation-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12923","title":{"rendered":"Terrestrische Navigation 3"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12923&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12923&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p style=\"text-align: right;\"><em>Moment! Kennen Sie schon\u00a0<u><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12916\">Teil 1<\/a><\/u>\u00a0und\u00a0<u><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12920\">Teil 2<\/a><\/u>?<br \/>\nHier folgt der n\u00e4chste Teil dieser Geschichte.<\/em><\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag l\u00e4utete ich an. An ihrem T\u00fcr\u00f6ffner unten auf der Stra\u00dfe meine ich, ich wei\u00df nicht warum, aber es erschien mir unstatthaft, an ihrer Wohnungst\u00fcr zu l\u00e4uten. Die <em>Terrestrische Navigation<\/em> hatte ich bei mir. Trotz der unvermeidlichen Verzerrung durch die Sprechanlage, es gibt da anscheinend keinerlei technischen Fortschritt, erkannte ich sofort ihr langgezogenes \u201eJaaaa?\u201c und das verschlug mir kurz die Rede. Ich brachte nur ein ungeschicktes \u201eJa, Frau Apfel, hier ist der Jonas!\u201c hervor. Dann kam lange nichts. \u201eDer Jonas?\u201c, qu\u00e4kte es blechern, Pause, dann schepperte Frau Apfel: \u201eJa, der Jonas? Der kleine Raumfahrer?\u201c \u201eHabe Schiffbruch!\u201c k\u00e4mpfte ich mit meiner Stimme. \u201eKomm doch herauf!\u201c, sagte Frau Apfel.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt mir schwer zu schildern, wie das f\u00fcr mich war, der Besuch bei Frau Apfel. Wieder roch es nach Kaffee und Zigaretten und wieder war alles vollgestellt mit B\u00fcchern und mit dicken, breitbl\u00e4ttrigen Topfpflanzen, als ob sie die ganze alte Stadtb\u00fccherei einfach mitgenommen h\u00e4tte. Nur dass sie selbst noch viel d\u00fcnner war, fast durchsichtig wirkte und ein wenig gebeugt. Sie sei nicht direkt entlassen worden damals, sagte sie. Es sei die Rede gewesen von Zentralisierung und Kostensenkung und so, aber sie h\u00e4tte kein Interesse gehabt, f\u00fcr Altersteilzeit quer durch die ganze Stadt und noch dazu zu unm\u00f6glichen Zeiten in die Arbeit zu fahren. Und \u00fcberhaupt, sie habe sich das angesehen, das sei ja keine richtige B\u00fccherei gewesen, mehr eine Bahnhofshalle voller Rechner! Dann w\u00e4re pl\u00f6tzlich die Miete gestiegen und die habe sie sich nicht mehr leisten k\u00f6nnen mit ihrer Fr\u00fchpension. Jemand habe ihr dann diese Gemeindebauwohnung vermittelt, wof\u00fcr sie sehr dankbar sei. Trotzdem habe ihr das alles schon sehr zu schaffen gemacht. Besonders als sie die Katzen abgeben musste, weil hier ja keine erlaubt seien, das t\u00e4te ihr besonders leid.<\/p>\n<p>Ich merkte, dass sie nicht wusste, welche Rolle Alex bei ihrer Delogierung gespielt hatte. Ich legte die <em>Terrestrische Navigation<\/em> auf den Tisch. Dass ich dieses Buch die ganzen Jahre zur\u00fcckgeben wollte, aber nie dazu kam, sagte ich. Sie nahm die <em>Terrestrische Navigation<\/em> in die Hand und sagte: \u201eAber das geh\u00f6rt doch dir, das war doch l\u00e4ngst makuliert, ich dachte, das ist das richtige Geschenk f\u00fcr dich! Vielleicht h\u00e4tte ich die Signatur runternehmen sollen?\u201c Dann kicherte sie: \u201eWie sch\u00f6n, dass du das noch hast!\u201c Darauf beugte sie sich \u00fcber den K\u00fcchentisch und fl\u00fcsterte, eine der Katzen habe sie heimlich mitgenommen, die Feli, die kleine Stinkerin, das m\u00fcsse aber unter uns bleiben. \u201eStrikter Geheimhaltungscode, verstehst du, Captain Jonas?\u201c Ich sah mich um, konnte aber keine Katze sehen. Nur S\u00e4cke mit Streu und eine Menge Schachteln Katzenfutter sah ich im Flur stehen und darauf lag ein Haufen Schnittblumen. Sonst k\u00e4me sie sehr gut zurecht, sagte Frau Apfel auf dem Weg zur T\u00fcr, sie k\u00f6nne nicht klagen.<\/p>\n<p>Ob sie irgendetwas brauche, fragte ich, ich k\u00f6nne ja gerne f\u00fcr sie einkaufen gehen in der Pandemie. Dann hat sie mich wieder angesehen mit ihren klugen Augen und gesagt: Milch, Milch f\u00fcr die Katze k\u00f6nne sie brauchen, ob ich denn morgen einkaufen gehe? Dann sagte sie etwas Seltsames. Sie sah mir noch genauer in die Augen und es f\u00fchlte sich an, als streichelte sie mich mit ihrer Stimme \u00fcber den Kopf: \u201eDu bist ein Guter!\u201c, sagte sie. Aber bis heute bin ich mir nicht sicher, ob da nicht ein Fragezeichen dabei war. Beim Hinuntergehen in meine Wohnung fiel mir auf: Sie sprach mich immer noch mit \u201edu\u201c an. Ich war froh dar\u00fcber. Ich habe ihr dann die Milch vor die T\u00fcr gestellt, weil sie auf mein Klingeln nicht \u00f6ffnete. Dabei hatte ich mir vorgenommen, sie diesmal zu fragen, wie sie das gemacht hatte mit dem Tippex.<\/p>\n<p>Ab und zu \u00f6ffnete sie dann doch. Wegen des Virus bat sie mich aber, es bei Gespr\u00e4chen am Gang zu belassen, wo sie einen Aschenbecher am Fensterbrett stehen hatte, den niemand anderes benutzte, obwohl fast alle Parteien rauchen in unserem Gemeindebau. Durch meinen Ex-Beruf merke ich das sofort, ob jemand raucht im Haus. Mittlerweile hatte ich aber auch wieder begonnen mit dem Rauchen.<br \/>\nNeben den Aschenbecher stellte ich ihr eine breitbl\u00e4ttrige Topfpflanze aus der Blumenhandlung gegen\u00fcber, das freute sie sehr. Es wurden zahlreiche Topfpflanzen und immer stand bei dieser Gelegenheit ihre italienische Kaffeekanne auf dem Fensterbrett und klemmte eine Blaise-Pascal-Ausgabe aus den 80ern zwischen den Fensterfl\u00fcgeln, um den Rauch rauszulassen. Diese Gespr\u00e4che taten mir gut und ich merkte, wie es mir von Tag zu Tag besser ging. Sogar mit dem Trinken h\u00f6rte ich fast auf.<\/p>\n<p>Nach der Katze erkundigte ich mich nie und auch nicht nach dem Tippex. Bei einem dieser Gespr\u00e4che h\u00f6rte ich ein Ger\u00e4usch in ihrer Wohnung: Jemand seufzte schwer. Ich fragte sie aber nicht danach, wer das sei, da ich nicht den Eindruck hatte, dass sie das wollte. Ich fragte mich dann aber, ob Frau Apfel mich wirklich wegen des Virus nicht mehr in ihre Wohnung einlud. Ich h\u00e4tte mir das schon sehr stark gew\u00fcnscht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Auf ins Finale zu\u00a0<u><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12925\">Teil 4<\/a><\/u>!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Bernd Remsing<br \/>\n<a href=\"http:\/\/fm4.orf.at\/stories\/1704846\/\" target=\"_blank\">http:\/\/fm4.orf.at\/stories\/1704846\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 21089<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Moment! Kennen Sie schon\u00a0Teil 1\u00a0und\u00a0Teil 2? Hier folgt der n\u00e4chste Teil dieser Geschichte. Am n\u00e4chsten Tag l\u00e4utete ich an. An ihrem T\u00fcr\u00f6ffner unten auf der Stra\u00dfe meine ich, ich wei\u00df nicht warum, aber es erschien mir unstatthaft, an ihrer Wohnungst\u00fcr zu l\u00e4uten. Die Terrestrische Navigation hatte ich bei mir. 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