{"id":12920,"date":"2021-07-08T16:18:55","date_gmt":"2021-07-08T16:18:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12920"},"modified":"2024-05-31T11:45:57","modified_gmt":"2024-05-31T11:45:57","slug":"terrestrische-navigation-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12920","title":{"rendered":"Terrestrische Navigation 2"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12920&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12920&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p style=\"text-align: right;\"><em>Halt! Haben Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12916\"><u>Teil 1<\/u><\/a>\u00a0schon gelesen? Dies ist die Fortsetzung.<\/em><\/p>\n<p>Wenn die Erwachsenen Beratung suchten, gingen sie zu Frau Apfel. Wenn nur ihre Kolleginnen da waren, fragten sie erst gar nicht. Auch wenn die Erwachsenen Beratung suchten, die nichts mit B\u00fcchern zu tun hatte, gingen sie zu Frau Apfel und redeten anfangs von B\u00fcchern, dann erst von ihren Problemen. Wir waren dann die Einzigen, die ihren Namen kannten. Wir gingen n\u00e4mlich, wenn wir nicht weiterwussten, auch zu ihr, meistens handelte es sich um Schulaufgaben, bei mir waren es die in Latein. Es schimmerte gr\u00fcn, es roch nach Kaffee und Zigaretten, und eigentlich gab es keine Probleme. Wenn doch, dann delegierte Frau Apfel diese Probleme entweder an ihre Kolleginnen, oder, und das war ganz selten, wir durften sie in ihrer Wohnung besuchen, gegen\u00fcber der Stadtb\u00fccherei. Neben ihrer T\u00fcr hatte sie ein hellgr\u00fcnes Schild in Apfelform. Darauf stand in feinen Linien <em>Frau Apfel<\/em>. Jeder von uns, der es sah, merkte sich ihren Namen.<\/p>\n<p>Dort war es auch gr\u00fcn und roch nach Kaffee und Zigaretten. Und dort l\u00f6sten sich dann selbst die schlimmsten Probleme in Rauch auf.<\/p>\n<p>Von einem Tag zum anderen beschloss ich, B\u00fccher aus der Erwachsenenabteilung auszuborgen. Da ging Frau Apfel mit mir und beriet mich, und es gab einen schrecklichen Streit mit ihren Kolleginnen \u00fcber Forests <em>Barbarella<\/em>, von der ich die Herausgabe s\u00e4mtlicher B\u00e4nde forderte. Frau Apfel war daf\u00fcr, ihre Kolleginnen dagegen. Diese Sumpfh\u00fchner! Trotzdem habe ich dann in <em>Barbarella<\/em> nur gebl\u00e4ttert und nicht wirklich gelesen. Es waren keine Tippex-Stellen darin. Genau wie bei der <em>Terrestrischen Navigation<\/em> zum Beispiel, die jetzt vor mir liegt. Aber das ist ein schlechtes Beispiel, weil bei der <em>Terrestrischen Navigation<\/em> trennten sich meine Eltern. Wie sehr h\u00e4tte ich Frau Apfel da gebraucht.<\/p>\n<p>Weil ich zu meiner Mutter zog, konnte ich das Buch nicht zur\u00fcckgeben und verlor au\u00dferdem meine <em>F\u00fcnf Freunde<\/em>. Meine Mutter und ich wohnten viel zu weit weg, als dass ich mich alleine zu Frau Apfel zu fahren getraut h\u00e4tte. Und als ich so weit war, die Strecke zu bew\u00e4ltigen, schr\u00e4nkten sie die \u00d6ffnungszeiten ein, wegen des Sparpakets, wie mir meine Mutter erkl\u00e4rte. Und sie fand das auch ganz in Ordnung so, weil es <em>denen<\/em> ohnehin immer zu gut gegangen w\u00e4re. Ich solle doch das verdammte Buch behalten, erkl\u00e4rte sie mir, das geschehe <em>denen<\/em> nur ganz recht. So h\u00e4tte sie fr\u00fcher nie geredet.<\/p>\n<p>Ich wurde Speditionslogistiker. Erst viel sp\u00e4ter habe ich an der Abendschule maturiert. Mein Vater schickte mir aus diesem Anlass ein St\u00fcck Berliner Mauer. Er w\u00e4re damals dabei gewesen, las ich auf dem St\u00fcck Papier, in das er das Mauerst\u00fcck eingewickelt hatte. In seinem Scheidungsjahr w\u00e4re er dort hingefahren, las ich, und es h\u00e4tte sich historisch angef\u00fchlt, dieses St\u00fcck aus der Mauer zu schlagen. Mit diesen Schl\u00e4gen h\u00e4tte er auch sich selbst renoviert. Seitdem habe er beruflich Gl\u00fcck gehabt und k\u00f6nne mich in meinem Studium unterst\u00fctzen, vorausgesetzt es sei BWL.<\/p>\n<p>Statt Geographie studierte ich also BWL, ohne viel Freude, aber auch mir war klar: Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Ich wollte aber ein Haus und ich baute auch eins. Doch das hat auch keine Freude gemacht. Als unser erstes Kind auszog, kam es kurz darauf zu diesem Prozess und lie\u00df sich meine Frau von mir scheiden. Als ich auszog, stie\u00df ich beim F\u00fcllen der Schachteln wieder auf dieses Buch: <em>Terrestrische Navigation<\/em>. <em>\u00dcbungen und Aufgaben. Von Axel Bark. <\/em>Aber aufgeschlagen habe ich es nicht. Damals h\u00e4tte ich auch ihre Widmung gar nicht verstanden: \u201e\u2026 denn auch die Erde ist ein ferner Planet.\u201c Aber erst Monate sp\u00e4ter kam ich auf die Idee, die <em>Terrestrische Navigation<\/em> zur\u00fcckzugeben.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an meine damalige Begr\u00fcndung daf\u00fcr: \u201eDieses Buch passt nicht zu meinen sonstigen B\u00fcchern.\u201c Ich muss au\u00dferdem daran gedacht haben, dass die Leihgeb\u00fchren mittlerweile astronomisch seien, aber das hat mich nach den ganzen Prozesskosten wahrscheinlich auch nicht mehr gest\u00f6rt, das hei\u00dft, das kann f\u00fcr mich keinerlei Wirklichkeitswert mehr gehabt haben. Ich vers\u00e4umte auch, wenigstens nach den \u00d6ffnungszeiten meiner etwas abseitigen Kindheitsfiliale der Wiener Stadtb\u00fcchereien zu sehen. Ich ging einfach mit der <em>Terrestrischen Navigation<\/em> hin. Dann stand ich vor dem Leerstand. Ich begriff, dass es meine Firma gewesen war, die im Auftrag einer Fitness-Studio-Kette diesen Leerstand bewirkt hatte. Der Plan war gewesen, dieses Studio \u00fcber alle Etagen des Hauses zu ziehen. Ein f\u00fcnfst\u00f6ckiges Fitness-Studio-Haus.<br \/>\nDie Leihb\u00fccherei im Erdgescho\u00df st\u00f6rte diesen Plan nat\u00fcrlich erheblich. Ich war damals derjenige, der wusste, mit wem er zu reden hatte, um dieses Haus aus dem st\u00e4dtischen Besitz zu l\u00f6sen, um damit nicht nur das Haus, sondern gleichzeitig auch das Erdgescho\u00df freizubekommen.<\/p>\n<p>Gerade das freigewordene Erdgescho\u00df brachte mir damals die dringend ben\u00f6tigte Aufstockung und einen ansehnlichen Bonus ein. Nur dass mir das alles erst wieder einfiel, als ich vor diesem Leerstand stand. Das muss 2008 gewesen sein, ein wildes Jahr, wo wir die Aufputscher wie Soletti fra\u00dfen und auch ein Jahr, das erkl\u00e4rt, warum mit dem Fitness-Studio dann doch nichts weiterging. So etwas in der Art dachte ich mir auch damals, als ich vor dem Leerstand stand, und dann ging ich etwas trinken. Ab da wurde das immer h\u00e4ufiger, das mit dem Trinkengehen.<\/p>\n<p>Beruflich machte ich keine besonderen Fortschritte mehr. Bei den obligaten Lokalbesuchen nach einem Gesch\u00e4ftsabschluss nahm mich Alex immer h\u00e4ufiger zur Seite und meinte, ich solle wenigstens bei den Gesch\u00e4ftsgespr\u00e4chen nicht so oft soziale Bedenken \u00e4u\u00dfern wie in letzter Zeit; das schade nicht nur dem generellen Ablauf, sondern auch mir. Alex kenne ich seit meiner Zeit in der Stadtb\u00fccherei. Er war sozusagen der Chef unserer <em>F\u00fcnf Freunde<\/em>, unserer B\u00fccher-Bande, und hat mir nach meinem Studium den Weg in seine Firma geebnet. In den ersten Jahren waren wir oft Skifahren und auf Festivals. Einmal sogar auf Roskilde. Auf dem Roskilde-Festival hat er bei unserem gemeinsamen LSD-Trip auf mich aufgepasst wie ein gro\u00dfer Bruder. Schon immer f\u00fchlte er sich f\u00fcr mich verantwortlich, ganz wie bei unserer B\u00fccher-Bande, wo er sich auch immer f\u00fcr alle zust\u00e4ndig f\u00fchlte. Weil er merkte, dass mit mir nichts mehr so recht ging, versuchte er mir den Kopf zurechtzur\u00fccken. Das machte er immer vor dem Pissoir. Einmal sagte er sogar, meine Einw\u00fcrfe wirkten verschroben und unpassend.<\/p>\n<p>Dann bekam ich mit, dass er Frau Apfel delogieren lie\u00df und sich ihre Wohnung unter den Nagel riss. Ihre Friedenszins-Wohnung im Alsergrund bildete nun seine stattliche Altersvorsorge. Bei einem unserer Pissoirgespr\u00e4che machte ich ihm deshalb Vorw\u00fcrfe. Er lachte mich aus, fragte, wer denn diese Frau Apfel sei, und bezeichnete mich als Sozialromantiker. Laut Protokoll habe ich ihn daraufhin offenbar am Hinterkopf gefasst und mit der Stirn so heftig gegen die Pissoirwand geschlagen, dass er bewusstlos zu Boden sank. Es kam zu diesem Prozess, der mich Haus und Ehe und schlie\u00dflich den Job kostete, und wir gingen uns seitdem aus dem Weg.<\/p>\n<p>Ich muss an dieser Stelle ein gutes Wort f\u00fcr Alex einlegen. Es war mir vor, w\u00e4hrend und nach unserem Prozess immer klar, dass er es gut mit mir meinte. Es ging mir dabei immer nur um Frau Apfel und das hat er damals eben nicht verstanden. Das hat mich wahnsinnig aufgeregt. Ich wei\u00df auch, dass er recht hatte damit, dass ich immer unpassender wurde. Im Immobiliengewerbe bist du ein T-Rex. Aber ich wollte ein T-Rex sein, der zum Vegetarismus aufruft. Verschroben und unpassend, da hat sich der Alex sogar noch schonend ausgedr\u00fcckt. Er wollte mir helfen. Aber er konnte schlie\u00dflich auch nicht verhindern, dass ich gek\u00fcndigt wurde. Meine K\u00fcndigung hatte nichts mit Alex und auch nichts mit der Pandemie zu tun, wie das meine Mutter je nachdem behauptet. Das hatte nur mit mir zu tun. Da mache ich mir nichts vor.<\/p>\n<p>Im Zuge der Pandemie machte die Stadt den Zugang zu ihren Klein- und Kleinstwohnungen in ihren Sozialbauten frei und so viel Kraft und Geld hatte ich noch, eine davon zu beziehen, auch wenn ich sie bis jetzt nicht eingerichtet habe. Als ich Monate sp\u00e4ter mein Namensschild bei der Haust\u00fcr einschob, fiel es mir auf: <em>Frau Apfel<\/em>. Mit der h\u00f6chsten T\u00fcrnummer. Zwei Stockwerke \u00fcber meiner Wohnung. W\u00e4re auf der T\u00fcr\u00f6ffnerleiste nichts weiter gestanden als <em>Apfel<\/em>, h\u00e4tte ich mir nichts dabei gedacht, aber <em>Frau Apfel<\/em> \u2013 noch dazu in dieser Schrift, mit der immer ein wenig zu blassen Tinte? Unm\u00f6glich, dass das jemand anders sein konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Weitere Entdeckungen warten in\u00a0<u><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12923\">Teil 3<\/a><\/u>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Bernd Remsing<br \/>\n<a href=\"http:\/\/fm4.orf.at\/stories\/1704846\/\" target=\"_blank\">http:\/\/fm4.orf.at\/stories\/1704846\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 21088<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Halt! Haben Sie\u00a0Teil 1\u00a0schon gelesen? Dies ist die Fortsetzung. Wenn die Erwachsenen Beratung suchten, gingen sie zu Frau Apfel. Wenn nur ihre Kolleginnen da waren, fragten sie erst gar nicht. 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