{"id":12916,"date":"2021-07-08T16:16:30","date_gmt":"2021-07-08T16:16:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12916"},"modified":"2024-05-31T11:46:06","modified_gmt":"2024-05-31T11:46:06","slug":"terrestrische-navigation-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12916","title":{"rendered":"Terrestrische Navigation 1"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12916&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12916&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich hatte es schlie\u00dflich in der Hand. S\u00e4mtliche 43 Umzugskartons, die ge\u00f6ffneten und die immer noch nicht ge\u00f6ffneten, hatte ich durchw\u00fchlt, um es zu finden. Schlie\u00dflich entdeckte ich es unter dem Bett. Dort, wo ich als Kind immer die B\u00fccher versteckt hatte, die an mich gerichtet waren, wie Briefe von geheimnisvollen Absendern direkt an mich. Da hatte ich es wieder in der Hand, das nie gelesene, nie zur\u00fcckgegebene Buch, das mir Frau Apfel schlie\u00dflich geschenkt hat. Das sie mir immer schon geschenkt hat, wie ich jetzt erst wei\u00df. Ich \u00f6ffnete es und fand zum ersten Mal ihre Widmung: \u201eF\u00fcr Jonas, denn auch die Erde ist ein ferner Planet. Navigare necesse est!\u201c Und darunter s\u00e4uberlich: \u201eFrau Apfel\u201c. Viel sp\u00e4ter merkte ich, dass ich wie besinnungslos weinte. Minuten? Stunden? \u00dcber Frau Apfel, \u00fcber mich, \u00fcber das Leben auf dieser Erde und schlie\u00dflich dar\u00fcber, dass ich schon so lange nicht mehr geweint hatte.<\/p>\n<p>Ich habe Frau Apfel gefunden, seitlich lag sie, als ob sie vom K\u00fcchensessel gefallen w\u00e4re, und hielt einen Zettel an die Brust gepresst. Den nahm ich an mich. Ich war dabei, als sie ihre Wohnungst\u00fcr aufbrechen und wie gewohnt zur\u00fcckweichen wollten vor dem Gestank. Aber da war nichts aufzubrechen, das hatte ich ihnen doch gesagt. Die T\u00fcr stand im Gegenteil offen, sie war leicht angelehnt, so, dass der zarteste Wind sie h\u00e4tte zur\u00fcck ins Schloss dr\u00fccken k\u00f6nnen. Und da war auch kein Gestank, nicht der nach Verwesung, wie man es immer in der Zeitung liest. Es roch vielmehr nach vertrockneten Blumen, durchsetzt von saurer Milch und Katzenfutter.<br \/>\nAlso nichts Ungew\u00f6hnliches f\u00fcr einen Gemeindebau. Dieser Geruch r\u00fchrte von unz\u00e4hligen Blumenbouquets in allen Gr\u00f6\u00dfen, alle ohne Gru\u00dfkarten. Vertrocknete Narzissen- und Chrysanthemenb\u00fcndel, zu floristischen Skulpturen gewundenes Allerlei, selbst frische Orchideen- und riesenhafte Rosenstr\u00e4u\u00dfe waren darunter, alles notd\u00fcrftig gegen die Wand gestapelt und immer wieder unterbrochen und gest\u00fctzt von S\u00e4ulen aus Milchpackungen und solchen aus Katzenstreu und Katzenfutter. Dabei hatte sie mit Sicherheit gar keine Katze! Einer der Exekutivbeamten fragte mich, ob Frau Apfel das denn alles selbst gekauft habe, weil so viele Blumen und in ihrem Alter? Ich verneinte, ich sagte aber auch nicht, wer das alles gekauft hatte. Er drang diesbez\u00fcglich\u00a0 weiter auf mich ein, gl\u00fccklicherweise wurde er in diesem Moment von seinem Einsatzleiter gerufen. Schnittblumen waren au\u00dferdem nicht ihr Stil. Die Todesursache lautete auf Herzinfarkt.<\/p>\n<p>Was sie mochte, waren Topfpflanzen. Vor allem Gr\u00fcnlilien, Drachenbaum und die Yuccapalme. Sie standen auf den Regalen hinter ihr, die bis zur Decke reichten. Kein Gegenstand dazwischen. Ihre Pflanzen standen auch neben der Kaffeemaschine auf dem Wackeltisch, und selbstverst\u00e4ndlich auf der vorgelagerten und hochgestellten Holzfl\u00e4che, auf der man die B\u00fccher abzuholen hatte, aber immer so, dass eine Schneise blieb f\u00fcr die B\u00fccher. Manchmal, wenn auch selten, bildete sich vor ihrem Schalter eine Schlange und dann beobachtete ich Frau Apfel durch die dicken, breiten Bl\u00e4tter ihrer Pflanzen.<br \/>\nDiese Urwaldpflanzen mit ihren dicken, breiten Bl\u00e4ttern, die h\u00f6chstens einmal im Jahr, dann daf\u00fcr rein wei\u00df bl\u00fchen, waren ihr am liebsten. Sie hatte auch diese exotischen H\u00e4ngepflanzen auf dem Fensterbrett hinter ihr, aber die mussten dann dem Kopierer weichen, sie h\u00e4tte ja immer \u00fcber dieses Unget\u00fcm von Kopierer klettern m\u00fcssen, um ihre H\u00e4ngepflanzen zu gie\u00dfen. Und sie war nicht sehr sportlich. Ich habe nie geseh\u2019n, ob der Kopierer auch benutzt wurde.<\/p>\n<p>Sie war nicht sportlich, sie war vielmehr ungeheuer zart, ich hatte schon als Kind den Eindruck, sie m\u00fcsse nicht schwerer wiegen als ein Vogel, ich k\u00f6nne sie mit einer Hand \u00fcber den Kopierer heben, damit sie ihre H\u00e4ngepflanzen gie\u00dfen kann. Aber gewagt h\u00e4tte ich das nie, sie war n\u00e4mlich auch gleichzeitig voll unerkl\u00e4rlicher Kraft.<br \/>\nWenn ein Erwachsener ungeduldig und laut wurde, weil zum Beispiel sein bestelltes Buch immer noch nicht da war, hob sie nur kurz ihre hellen, klugen Augen vom Buch, das sie gerade las, und ruhig wurde der Erwachsene. Wir Kleinen wussten, dass man so nicht sprach mit der Frau Apfel. Es hie\u00df, dass sie studiert habe. Trotzdem habe ich sie immer vergessen, sobald ich nach Hause ging. Das kann an den B\u00fcchern gelegen haben, auf die ich mich schon so sehr freute, dass ich oft schon im Gehen anfing, eines zu lesen, es kann auch an etwas anderem gelegen haben. Ich glaube, ich habe Frau Apfel schon vergessen, sobald sich die T\u00fcr der Stadtb\u00fccherei hinter mir schloss.<\/p>\n<p>Aber das ging nicht nur mir so. Auch meine Eltern konnten sie nie recht einordnen, wenn sie anrief, um mitzuteilen, dass mein Buch eingetroffen oder eine Verl\u00e4ngerung f\u00e4llig war. Als sie mir dann das ausgestempelte Leseheft zuschickte, dem ein Gratulationsschreiben mit einem Zitat beigelegt war (\u201eWas die Jugend braucht, ist Disziplin und ein voller B\u00fccherschrank!\u201c), stritten zwar meine fortschrittlichen Eltern tagelang \u00fcber dieses Zitat, dachten aber dabei keine Sekunde an Frau Apfel. Ich habe sp\u00e4ter das Leseheft samt dem Zitat hinter Glas eingerahmt und an meine Zimmerwand geh\u00e4ngt. Aber selbst ihre Kolleginnen wussten oft nicht, wen ich meinte, wenn ich sie beschrieb.<br \/>\nIch musste sie immer beschreiben, weil auch mir ihr Name nie einfiel. Wenn ich mich mit meinen <em>F\u00fcnf Freunden<\/em> in der Au traf und dar\u00fcber beklagte, dass ich schon wieder vergessen hatte, meine B\u00fccher zu verl\u00e4ngern, sagten sie, das sei doch kein Problem bei der, bei der \u2026 dann fiel ihnen ihr Name nicht ein, obwohl wir alle uns unsere B\u00fccher ausschlie\u00dflich von Frau Apfel verl\u00e4ngern lie\u00dfen. Erstens weil da mehr als dreimal Verl\u00e4ngern drinnen war, und zweitens, weil sie sich bei den Geb\u00fchren immer wieder zu unseren Gunsten verrechnete. Anfangs korrigierten wir sie ja bei ihren Berechnungen, aber das hatte sie nicht gern.<\/p>\n<p>Ich hatte \u00fcbrigens kein Problem damit, dass alle <em>F\u00fcnf Freunde<\/em> nur bei ihr ausliehen, weil die anderen ja immer noch Enid Blyton und die <em>Drei Fragezeichen<\/em> lasen, ich hingegen schon echte Fantasy und vor allem \u00fcber Raumfahrt. Also kamen wir uns nicht in die Quere mit dem Ausleihen und ich hatte immer direkten Zugriff auf meine B\u00fccher. Dabei ist mir etwas Merkw\u00fcrdiges aufgefallen: An manchen Stellen, besonders an solchen, wo es um Frauen oder weibliche Aliens ging, waren die entscheidenden Stellen mit Tippex abgedeckt und \u00fcberschrieben worden.<\/p>\n<p>An einen dieser S\u00e4tze aus <em>Raumschiff Orion<\/em> kann ich mich noch erinnern. Er fing an mit: \u201eSie lehnte sich \u00fcber die Theke und grinste mich an, ich konnte alles sehen, zwei wunderbare, prall gef\u00fcllte K\u00f6rbchen \u2026\u201c, dann weiter mit Schreibmaschine auf Tippex, \u201e\u2026 mit Frischobst aus den Perseiden standen direkt vor ihr.\u201c Ich hatte das damals schon durchschaut und \u00e4rgerlich gefunden. Sp\u00e4ter lachte ich dar\u00fcber, dann wunderte ich mich: Warum gerade Frischobst? Und was hatte Frau Apfel, denn nur sie konnte es gewesen sein, dabei gedacht? Und hatte sie tats\u00e4chlich alle B\u00e4nde von <em>Raumschiff Orion<\/em> zensuriert? Und welche der vielen einschl\u00e4gigen Reihen der Jugendabteilung noch? Hatte sie sich dazu tats\u00e4chlich die M\u00fche gemacht, jeden Band zu zerlegen und neu zu binden? Nur so h\u00e4tte sie in die Buchseiten tippen k\u00f6nnen. Oder hatte sie eine besondere Schreibmaschine? Wie war das m\u00f6glich?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Das erfahren Sie (vielleicht) in\u00a0<u><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12920\">Teil 2<\/a><\/u>?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Bernd Remsing<br \/>\n<a href=\"http:\/\/fm4.orf.at\/stories\/1704846\/\" target=\"_blank\">http:\/\/fm4.orf.at\/stories\/1704846\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 21087<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte es schlie\u00dflich in der Hand. S\u00e4mtliche 43 Umzugskartons, die ge\u00f6ffneten und die immer noch nicht ge\u00f6ffneten, hatte ich durchw\u00fchlt, um es zu finden. Schlie\u00dflich entdeckte ich es unter dem Bett. Dort, wo ich als Kind immer die B\u00fccher versteckt hatte, die an mich gerichtet waren, wie Briefe von geheimnisvollen Absendern direkt an mich. 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