{"id":12768,"date":"2021-05-12T16:00:20","date_gmt":"2021-05-12T16:00:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12768"},"modified":"2021-05-15T08:11:20","modified_gmt":"2021-05-15T08:11:20","slug":"lichtschalter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12768","title":{"rendered":"Lichtschalter"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12768&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12768&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p style=\"text-align: right;\">[F\u00fcr Carmen]\n<p>Endlich schien sich der d\u00e4mmrige Winter seinem Ende anzun\u00e4hern. Gef\u00fchlt ein halbes Jahr war er ihr bereits l\u00e4hmend in den Knochen gelegen, hatte sie in Dunkelheit gebannt und ihre Geisteskr\u00e4fte abged\u00e4mmt. Sie hatte von ihm und dem finsteren Tunnel in ihr unb\u00e4ndig genug, sie ben\u00f6tigte weites Licht.<\/p>\n<p>Doch wof\u00fcr bisher stets Gott*G\u00f6ttin sich h\u00f6chstpers\u00f6nlich ans Werk machen oder sich zumindest die Erde einen m\u00fchseligen Tag lang umdrehen musste, schaffte ein neu auf der nebligen Lebensbildfl\u00e4che auftauchendes \u201epotentielles Gegenst\u00fcck\u201c. F\u00fcnf k\u00fcmmerliche, aus dem noch gefrorenen Boden entwachsene, G\u00e4nsebl\u00fcmchen hatte er f\u00fcr sie gepfl\u00fcckt und mit einem sechsten zu einem kleinen Strau\u00df gewunden. Unbeholfen und scheu l\u00e4chelnd stand er damit vor ihr und brachte unerwartete, aber angenehm belebende Helligkeitswolken in die ersten diesigen Fr\u00fchlingstage des Jahres.<br \/>\nSie und er verabredeten sich zu einem gemeinsamen Waldspaziergang, andere Vergn\u00fcgungen waren zu jener Zeit nicht gestattet. Sie war froh dar\u00fcber, denn beim blicklosen Nebeneinandergehen konnte sie, wie es so ihre Art war, allf\u00e4llige dunkle Schatten auf der Seele des ahnungslosen Begleiters erkunden. Doch obwohl sie die h\u00f6chste Sorgfalt auf diese Analyse verwendete und definitiv keine sich anbietende Gelegenheit zur herausfordernden Provokation auslie\u00df, konnte sie erstaunlicherweise keine \u2013 allzu \u2013 menschlichen beziehungsweise m\u00e4nnlichen Untiefen in ihm entdecken.<br \/>\nIm Gegenteil, sie machte im Laufe der sich nun sporadisch wiederholenden Spazierg\u00e4nge durch die aufbl\u00fchende Natur eine au\u00dfergew\u00f6hnlich erhellende Entdeckung an ihm: Seine durchschnittliche Existenz in Kombination mit den aufblitzenden Augen, dem ungetr\u00fcbten Herzen, der sonnigen F\u00fcrsorglichkeit und seiner alles \u00fcberstrahlenden Lebensfreude zog sogar Schmetterlinge an. [Ernsthaft.]\nAuf all seinen Wegen kamen sie angeflogen. Sie umkreisten ihn freudig, zeigten ihm ihre sch\u00f6nsten Fl\u00fcgelmuster, flogen ihm ein St\u00fcck der Strecke voraus, nur um dann wieder die Richtung zu wechseln und ihm entgegenfliegen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nEr nahm das v\u00f6llig gelassen und kommentarlos hin, da es sein ganzes Leben schon so bei ihm gewesen war. Aber in ihr und rund um sie wurde es immer flimmernder, summender, knisternder und bunter.<\/p>\n<p>Als der Fr\u00fchling schlie\u00dflich am Zenit seiner Strahlkraft angelangt war, sa\u00dfen sie gemeinsam am Waldesrand und waren zufrieden mit sich und der Welt. Er hatte, wie immer, Leckereien dabei und sie genossen Kaffee und Kuchen sowie die pittoreske Aussicht auf die lichtdurchflutete Landschaft des Unteren M\u00fchlviertels. Zu ihren F\u00fc\u00dfen hockten geduldig ein Schwalbenschwanz, ein Kohlwei\u00dfling-Paar und mehrere Zitronenfalter \u2013 wie \u00fcblich.<br \/>\nEine schimmernde Zeit lag bevor, endlich ein Neubeginn. Sie befand sich in Erwartung eines malerischen Fr\u00fchlingsausklangs, eines \u00dcbergleitens in sinnliche Sommermonate und danach \u2026 unersch\u00f6pflicher Zeiten behaglicher Bequemlichkeit, aber immerhin.<br \/>\nDer n\u00e4chste Winter w\u00fcrde keine Macht mehr \u00fcber sie gewinnen.<br \/>\nGlei\u00dfendes Licht.<\/p>\n<p><em>OFF\/AUS.<\/em><br \/>\nDer Schalter wurde ausgeknipst. \u00dcber Nacht, einfach so.<br \/>\n[Von wem und wer hat das eigentlich bestellt?]\n<p>Sie \u00f6ffnete die Augen, obwohl sie schon wusste, was sie erwartete. Der d\u00fcstere Tunnel war wieder da, in ihr und \u00fcberall. Die dumpfen W\u00e4nde davon lagen genau links und rechts neben ihren Augen, weiter konnte sie nicht sehen. Unter den modrigen Bodenplatten steckten ihre Gef\u00fchle fest, taub und stumm. Drau\u00dfen hatte sich der Fr\u00fchling verabschiedet, das passierte immer wieder.<\/p>\n<p>Der gutherzige Schmetterlingsfl\u00fcsterer schrieb ihr lange Zeit sehns\u00fcchtige Nachrichten und schickte Tulpen in allen Farben, doch bedauerlicherweise hatte Churchills \u201eSchwarzer Hund\u201c die rosaroten Schmetterlinge verschluckt.<\/p>\n[Wieder Winter.]\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Mai 2021<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Anita Winkler<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> |Inventarnummer: 21075<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[F\u00fcr Carmen] Endlich schien sich der d\u00e4mmrige Winter seinem Ende anzun\u00e4hern. Gef\u00fchlt ein halbes Jahr war er ihr bereits l\u00e4hmend in den Knochen gelegen, hatte sie in Dunkelheit gebannt und ihre Geisteskr\u00e4fte abged\u00e4mmt. 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