{"id":12762,"date":"2021-05-12T15:53:21","date_gmt":"2021-05-12T15:53:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12762"},"modified":"2021-05-15T08:07:01","modified_gmt":"2021-05-15T08:07:01","slug":"ein-notizblock-in-meiner-jeansjacke","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12762","title":{"rendered":"Ein Notizblock in meiner Jeansjacke"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12762&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12762&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><strong>Hier<\/strong><br \/>\nEs sind Erfahrungen, die man nur in der Silvesternacht hat: Im Fernsehen laufen alte Kom\u00f6dien und du findest das reichlich am\u00fcsant. Auch wenn du dir im Rest des Jahres diese Filme nicht anschauen w\u00fcrdest, jedenfalls nicht mit Genuss, erheitern dich solche Filme am Jahreswechsel ungemein. Genauso die Unmengen an Chips, Erdn\u00fcssen und Bier, die du in dich hineinbef\u00f6rderst. An manche Filme erinnerst du dich noch. So zum Beispiel \u201eFour Rooms\u201c oder \u201eWas gibt\u2019s Neues, Pussy?\u201c An letzteren erinnere ich mich noch. Ich war gerade siebzehn, als ich ihn sah. Was mich damals beeindruckte? Die unglaublich l\u00e4ssige Art von Woody Allen. \u201eIm K\u00fchlschrank ist noch Fischsalat. Ist schon am Stinken, aber mit etwas Pfeffer schmeckt der noch\u201c, war mir damals so etwas wie ein Vorbild. So wollte ich werden, wenn ich erwachsen war. Und die Architektur der Villa. Aus heutiger Sicht ist \u201eWas gibt\u2019s Neues, Pussy?\u201c Ein alberner Klamaukfilm; bei weitem nicht der beste Film von Woody Allen und alles in allem noch relativ verkrampft.<br \/>\nDu siehst den Film: \u201eHannah und ihre Schwestern\u201c von Woody Allen. Und denkst, dass er sich weiterentwickelt hat. Du liest, dass er 1978 seinen ersten ernsten Film gedreht hat und bist bass erstaunt, dass es das gibt: ernste Filme von Woody Allen. Auch \u00fcberrascht es dich, dass er fast vierzig Filme geschaffen hat.<\/p>\n<p><strong>Andernorts<\/strong><br \/>\nSie hatte damals die ersten Wochen an der Universit\u00e4t hinter sich. Ihre Vorstellungen, Erwartungen konnten mit der Realit\u00e4t nicht schritthalten. Sie tr\u00e4umte vom Orient, von der T\u00fcrkei, von Persien. Das Studium war ihr zu trocken, zu weltfremd und zu theorielastig. Und doch hatte sie die Hoffnung auf ein besseres Leben in der malerischen Universit\u00e4tsstadt nicht aufgegeben. Nach einiger Zeit hatte sie schon ihre Lieblingscaf\u00e9s und Lieblingsl\u00e4den gefunden. Bald wurde es f\u00fcr sie zum Ritual, dass sie sich manchmal mehrere Stunden darin aufhielt.<\/p>\n<p><strong>Hier<\/strong><br \/>\nEr musste jeden Tag l\u00e4nger an der Universit\u00e4t bleiben, um abends den Bus zu erwischen, der ihn in seinen Vorort, ungef\u00e4hr 30 Kilometer entfernt, brachte. Um sich die Zeit zu vertreiben, verbrachte er oft lange Zeit in der Bibliothek und schaute sich viele B\u00fccher und Zeitschriften an. Auch solche, die mit seinem Studium nicht das mindeste zu tun hatten. Zum Beispiel las er viele Zeitschriften aus dem Jahre 1992 und musste sich an diese Zeit zur\u00fcckerinnern. Als er seine Recherche abgeschlossen hatte, fuhr er mit dem Stadtbus hinunter zum Hauptgeb\u00e4ude der Universit\u00e4t, wo er im Treppenhaus des Hintergeb\u00e4udes ein kurzes Abendessen einnahm. Trotz dieser Unannehmlichkeiten f\u00fchlte er damals eine gro\u00dfe Aufbruchstimmung. Diese entsch\u00e4digte ihn auch f\u00fcr die entstandenen Strapazen.<\/p>\n<p><strong>Andernorts<\/strong><br \/>\nSie hatte schnell Freunde an der Universit\u00e4t gefunden und einen muttersprachlichen Tandempartner. Einen f\u00fcr T\u00fcrkisch und einen f\u00fcr Persisch. Die Gespr\u00e4che waren meistens sehr interessant, sie lernte vieles \u00fcber deren Heimat und wurde sogar einmal bei einem zum Essen eingeladen. Sie liebte orientalische K\u00fcche. Obwohl sie sich im Studium meistens langweilte, arrangierte sie sich mit der Situation. Sie gab sich ganz dem Lernen der Sprachen hin. Zudem interessierte sie sich sehr f\u00fcr orientalischen Tanz und Musik. Das gab ihrem Leben Halt. Abends vergn\u00fcgte sie sich hin und wieder in einer der vielen Kneipen der Stadt. Abgesehen von einigen Unp\u00e4sslichkeiten ging es ihr meistens recht gut. Sie versp\u00fcrte immer noch eine gewisse innere Leere, die sie aber ganz gut ausf\u00fcllen konnte, zumindest meistens. Aber ihr Leben bewegte sich auf etwas hin. Auf ein Ziel. Oder so etwas \u00c4hnliches. Und sie kannte dieses Ziel noch nicht. Dass sie dieses Ziel nicht kannte, machte ihr auch manchmal Angst. Sie hatte eine gewisse Vorahnung, dass etwas in ihr Leben eintreten k\u00f6nnte, das sie aus der Bahn werfen w\u00fcrde. Zum Beispiel eine Lernblockade. Oder dass sie die Lust an ihrem Freund verlieren k\u00f6nnte und sie auch beim besten Willen und unter gr\u00f6\u00dfter Anstrengung nicht in der Lage w\u00e4ret, wieder das selbe f\u00fcr ihn zu empfinden wie am Anfang ihrer Beziehung, als sie sich das erste Mal getroffen hatten, zum Beispiel.<\/p>\n<p><strong>Hier<\/strong><br \/>\nObwohl er sich f\u00fcr den Film interessierte oder jedenfalls zugab, sich f\u00fcr den Film zu interessieren, kannte er jedoch erschreckend wenige anspruchsvolle Filme. Und die, die er kannte, kannte er auch gr\u00f6\u00dftenteils nur vom Titel her. Ihn bewegten Titel wie beispielsweise \u201eDer erste Tag der Freiheit\u201c, wie ihn \u00fcberhaupt Pathos seltsam ergriff. Er hatte noch keine Vorstellung, dass man ihm, einige Bildung vorausgesetzt, meistens aus dem Weg gehen sollte, jedenfalls dann, wenn der Anlass zu gering f\u00fcr solche hehren Worte war. Er hatte gro\u00dfe Pl\u00e4ne f\u00fcr sein Studium und war auch sehr interessiert. Doch die Umstellung von der Schule zur Universit\u00e4t und die wissenschaftliche Ausdrucksweise schienen ihn trotzdem ein wenig zu \u00fcberfordern. Und er wollte sich Geld f\u00fcr einen Urlaub, f\u00fcr seinen ersten l\u00e4ngeren Aufenthalt in einem anderen Land, verdienen. Nachdem er diese Reise abgeschlossen h\u00e4tte und wieder zuhause angekommen w\u00e4re, wollte er ein gro\u00dfes Poster in seiner Wohnung aufh\u00e4ngen.<\/p>\n<p><strong>Andernorts<\/strong><br \/>\nKlar war sie in Ahmet, ihren Freund, verliebt. Sie glaubte, dass dies Liebe auf den ersten Blick sei. Kennengelernt hatten sie sich im T\u00fcrkischkurs, f\u00fcr den er das Tutorium gab. Schnell merkte er, dass ihr Interesse f\u00fcr den Orient tiefgr\u00fcndiger war als das der anderen Studierenden. Auf welche Art und Weise ihr Interesse profunder war, konnte er nicht sagen. Auch sie fand rasch an ihm Gefallen, an der Art wie er W\u00f6rter wie <em>merhamet <\/em>oder <em>\u00f6zg\u00fcrl\u00fck<\/em> aussprach. Der sehnsuchtsvolle Blick seiner blauen Augen oder die melancholische Art, wie er an seiner Zigarette zog. All das rief in ihr ein Bild wach, wie es wohl schon seit ihrer fr\u00fchen Jugend als Traumbild in ihrem Ged\u00e4chtnis gespeichert war. So und nicht anders sollte ein Mann sein, alle anderen Schw\u00e4chen k\u00f6nne man ihm dann nachsehen. Doch je l\u00e4nger sich ihre Freundschaft hinzog, desto klarer wurde es f\u00fcr sie, dass etwas fehlte, dass diese Beziehung auf Dauer besiegeln konnte. Den ersten gemeinsamen Geschlechtsverkehr hatte sie noch vor sich, aber mehr und mehr kam jener besagte Schmerz, dass es irgendwann mit ihnen vorbei sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Hier<\/strong><br \/>\nAn Frauen zeigte er ein gewisses Interesse, aber gleichzeitig auch ein gewisses Desinteresse, so komisch das klingt. Es war eine Zeit, in der so vieles f\u00fcr ihn wichtiger war als eine Beziehung. Aber h\u00e4tte er auch die Chance gehabt, eine Beziehung eingehen zu k\u00f6nnen? Sein Interesse war sicherlich in der Vergangenheit stehengeblieben, und er trauerte manchmal den verpassten Chancen seiner Kindheit und Jugend nach. Was einen Partner ausmacht, wusste er nur im Groben. Er hatte keinen besonderen Geschmack oder Vorlieben, was er f\u00fcr eine Frau empfinden konnte. Oder doch, vielleicht waren es \u00e4ltere Vorlieben, die er noch nicht korrigiert und seinem Lebensalter angepasst hatte. In manchen besinnlichen Stunden erinnerte er sich an seine Jugendliebe, in die er leider sehr ungl\u00fccklich und einseitig verliebt gewesen war. Zu einem Gespr\u00e4ch war es damals nie gekommen. Aber die Sehnsucht blieb und sie kam erstaunlicherweise in den Wochen nach seinem Abitur zur\u00fcck, jedoch umso heftiger. Er hatte keine Adresse und wusste nicht, wo sich seine Jugendliebe aufhielt. Dennoch versuchte er ihr n\u00e4herzukommen. Gedanklich nat\u00fcrlich. H\u00e4tte es einen Menschen gegeben, mit dem er sich in diesem Jahr am meisten besch\u00e4ftigt hatte, dann w\u00e4re es sie gewesen. Chancenlosigkeit blieb jedoch Chancenlosigkeit.<\/p>\n<p><strong>Andernorts<\/strong><br \/>\nAhmets Z\u00e4rtlichkeit war schier grenzenlos. Als er sie wieder einmal zu einem gemeinsamen t\u00fcrkischen Abendessen, das er selbstverst\u00e4ndlich selbst f\u00fcr sie in seiner Wohnung zubereitet hatte, bei sich einlud, sp\u00fcrte sie die Hingabe, mit der er den Fisch gebraten und passend dazu den t\u00fcrkischen Salat abgeschmeckt hatte. Ahmet hatte sogar andere Gl\u00fchbirnen in die Lampe eingesetzt, um so f\u00fcr ein sanfteres Licht zu sorgen. Nach dem gemeinsamen Essen und einigen Wortwechseln bot er ihr an, sie zu massieren, denn er hatte dies in der T\u00fcrkei einmal gelernt. Sie machte ihren K\u00f6rper frei und legte sich auf Ahmets Bett. Er erw\u00e4rmte ein Sch\u00e4lchen mit Oliven\u00f6l und begann, mit sanft kreisenden Bewegungen zuerst ihre Schultern zu massieren, sp\u00e4ter arbeitete er sich zu ihrem R\u00fccken und schlie\u00dflich zu ihren Beinen vor. Sie empfand das alles als sehr angenehm. Nat\u00fcrlich war er dar\u00fcber erstaunt, wie leicht er sie dazu bewegen konnte, sich f\u00fcr ihn auszuziehen und er war von ihrer Zutraulichkeit auch ein bisschen eingesch\u00fcchtert. Ahmet fragte, ob er nun, da die Massage abgeschlossen sei, mit ihr Sex haben k\u00f6nnte, und sie bejahte diese Frage.<\/p>\n<p><strong>Hier<\/strong><br \/>\nNachdem er einige Wochen an seiner Universit\u00e4t relativ sparsam gelebt hat, hatte er genug Geld gespart, um seinen Wunsch, in eine andere Stadt zu fahren, wahr zu machen. Er wusste nat\u00fcrlich, dass dies kein Ersatz f\u00fcr eine Auslandsreise sein k\u00f6nnte, aber immerhin gab es einen Ortswechsel, was ihn erfreute. Er hatte mit Bekannten telefoniert, und sie hatten ihn zu einer Party in ihrer Stadt eingeladen. Am Bahnhof kaufte er sich ein Ticket und wusste, dass er am n\u00e4chsten Tag schon sehr fr\u00fch aufstehen musste, um den ersten Zug nicht zu verpassen. Dies w\u00fcrde noch vor Anbruch des Tages stattfinden, sodass es bei der Abfahrt des Zuges noch dunkel sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Andernorts<\/strong><br \/>\nNach ihrem ersten Mal mit Ahmet, ergab sich ein weiterer Termin in ihrem Kalender: Ein Bekannter hatte sie zu einer Party eingeladen, zu der Freunde aus verschiedenen anderen St\u00e4dten kommen w\u00fcrden. Unter ihnen auch ein Soziologiestudent, Studienanf\u00e4nger wie sie.<\/p>\n<p><strong>Hier &amp; Andernorts<\/strong><br \/>\nEr wurde am Bahnhof in der anderen Stadt von seinem Freund abgeholt. Sie war auch dabei. Sie stellte sich vor und erkl\u00e4rte, dass sie sich auf die Party freute, wie er sicherlich auch. Er bejahte.<br \/>\nW\u00e4hrend des Festes konnte er seinen Blick nicht von ihr lassen. Obwohl sie an dem Abend nur noch wenig mit ihm sprach, war etwas mit ihm geschehen. Auf der Party wurde ein Foto geknipst, das sie und ihn in einem Raum zeigte. Das Foto lie\u00df er sich sp\u00e4ter einrahmen. Trotzdem geriet es wenig sp\u00e4ter schon in Vergessenheit.<\/p>\n<p><strong>Hier<\/strong><br \/>\nUnd ich kramte aus meiner Jeansjacke einen Notizblock und einen Stift hervor. Ich zeichne etwas. Ein Bild, auf dem sie zu sehen ist. Ihren Namen habe ich schon lange vergessen. Dabei fiel mir auf, dass ich sie anders in Erinnerung behalten hatte. Heute w\u00fcrde ihr Anblick keine so starken Emotionen mehr hervorbringen. Es ist schon 14 Jahre her. Und ich sehe sie noch vor mir vor dem Tisch mit den Chipspackungen, Saftflaschen. Kaum kann ich mich daran erinnern, was damals gesprochen worden ist, jedoch, dass ich mich heute hier unwohl f\u00fchlte. Und du siehst diese Halskette und denkst: \u201e Das war ein Fleck in deiner Erinnerung, der, obwohl verdr\u00e4ngt, doch immer pr\u00e4sent war. Seltsam, dass du damals so angetan warst, aber keinen Gedanken mehr an sie verschwendetest.\u201c<br \/>\nWas drau\u00dfen noch passiert: Nebel vor dem Fenster, es ziehen graue Wolken auf, bald kommt ein Gewitter, es beginnt zu regnen. Erst tr\u00f6pfelt der erste Regen an deine Scheibe, dann wird er immer heftiger. Du knipst das Licht an und klappst deinen Laptop auf, \u00f6ffnest die Datei und beginnst zu schreiben. Wo beginnst du wieder? Bei der Zeichnung, die du erstellen wolltest, als du aus deiner Jeansjacke einen Notizblock und einen Bleistift zogst und begannst, das Foto abzuzeichnen. Hat etwas inzwischen deinen Geist erhellt? Wahrscheinlich nicht. Und was du noch tun k\u00f6nntest, um wenigstens ein Andenken zu haben. Hast du eine Idee?<\/p>\n<p><strong>Andernorts<\/strong><br \/>\nDie besagte Silvesternacht geriet schon kurz danach in Vergessenheit. In diesem Jahr stand die erste Exkursion in den Orient bevor, auf die sie sich schon Monate vorher riesig freute. Am Ende des Jahres ging die Beziehung zu Ahmet in die Br\u00fcche. Irgendwann, so viel ist sicher, wird sie das Foto aus der damaligen Silvesternacht wieder ansehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Bauer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie:\u00a0<a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\"><span style=\"color: #0066cc;\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/span><\/a> | Inventarnummer: 21074<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier Es sind Erfahrungen, die man nur in der Silvesternacht hat: Im Fernsehen laufen alte Kom\u00f6dien und du findest das reichlich am\u00fcsant. Auch wenn du dir im Rest des Jahres diese Filme nicht anschauen w\u00fcrdest, jedenfalls nicht mit Genuss, erheitern dich solche Filme am Jahreswechsel ungemein. 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