{"id":1276,"date":"2014-04-03T10:33:47","date_gmt":"2014-04-03T10:33:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1276"},"modified":"2015-05-03T17:41:58","modified_gmt":"2015-05-03T17:41:58","slug":"wein-ende-bruecke","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=1276","title":{"rendered":"Wein Ende Br\u00fccke"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1276&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts1276&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Hin und wieder muss man nach Wien. Nach Paris, London oder New York \u2013 Seoul nicht zu vergessen \u2013 nat\u00fcrlich auch. Aber nicht so oft wie nach Wien und Wels oder Passau. Durch Ert\u00fcchtigungsma\u00dfnahmen entlang der Trassenf\u00fchrung der Westbahn, insbesondere dank des Wienerwaldtunnels zwischen Chorherrn und Hadersdorf-Weidlingau, hat sich die Distanz zwischen Linz und Wien auf kommode f\u00fcnfundsiebzig Minuten Zugfahrzeit verringert. Man verfrachtet sich beispielsweise des Morgens in den sogenannten <em>Railjet<\/em> nach Budapest Keleti p\u00e1lyaudvar und steigt nach einem unn\u00f6tigen Zwischenhalt in St. P\u00f6lten am Wiener Westbahnhof wieder aus. Erlebt den Bahnhof zur wuseligen Einkaufsmeile umgestaltet, verschafft sich in einer der Trafiken eine Tageskarte der Wiener Linien und entschwindet in die Rolltreppenr\u00f6hre in den Untergrund, die einen auf die Ebene oberhalb der U3 bef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Man muss nicht bis zur Haltestelle Gasometer in Simmering mit dieser U-Bahn-Linie mitfahren, aber wenn man doch dort aussteigt und sich \u00fcber die leerger\u00e4umte Gesch\u00e4ftswelt auf dem Verbindungsniveau der Gasometerrondelle wundert, durchquere man diesen Ort der Trostlosigkeit, dem eine Neubelebung nicht und nicht zu gelingen scheint, unbedingt in der Absicht, das Wiener Stadt- und Landesarchiv zu besuchen. Aufmerksamkeit verdienen die jeweiligen Kleinausstellungen im Foyer; als vorbildlich sauber gehalten erweisen sich die Toiletten. Die in das Backsteingew\u00e4nde eingeschnittenen Schmalfenster verdeutlichen an der Fase zwischen Fensterkante und Wandschluss die M\u00e4chtigkeit des ehemaligen Industriegem\u00e4uers. Daran k\u00f6nnte sich der Gedanke kn\u00fcpfen, dass sich Maximilian d\u2019Estes allererster Probeturm seines ambitionierten Fortifikationsvorhabens in der Simmeringer Heide befand, ehe ein Pendant am Linzer Freinberg errichtet wurde.<\/p>\n<p>Man kann aber auch gleich wieder die U3 zur\u00fcck nehmen und, sagen wir, am Stubentor einen Kordon Kontrollorgane passieren, die das Mitf\u00fchren eines Fahrausweises zwischen Perron und Ausgang \u00fcberpr\u00fcfen und nach solcher Perlustrierung den Weg in die Wollzeile nehmen. Dort w\u00e4lzt man sich von einer Buchhandlungsauslage zur n\u00e4chsten, ehe man in eine der Handlungen eintritt und eine sch\u00f6ne Weile damit zubringt, B\u00fccher in die H\u00e4nde zu nehmen, in ihnen zu bl\u00e4ttern, die Inhaltsangaben zu studieren und den einen oder anderen Erwerb zu erw\u00e4gen. Schlie\u00dflich kommt man mit einem Lehrwerk der japanischen Sprache der Autoren Okutsu Keiichiro und Tanaka Akio wieder auf die Stra\u00dfe, bemerkt die nahende Mittagszeit und den Umstand, dass man hungrig geworden ist. Daran kn\u00fcpft sich die \u00dcberlegung, wohin essen gehen und, des Weiteren, daf\u00fcr den Bezirk zu wechseln oder doch im ersten zu verbleiben.<\/p>\n<p>Man entscheidet sich f\u00fcrs Verbleiben, weil man ja den \u201eReinthaler\u201c in der Gluckgasse kennt. Dort isst man dann im Souterrain Leberkn\u00f6delsuppe und ger\u00f6stete Kn\u00f6del, w\u00e4hrend andere G\u00e4ste ebenso \u00e0 la carte speisen oder eines der Tagesgerichte w\u00e4hlen. Man begeistert sich am herben Charme der 1970er-Jahre-Einrichtung: Resopalvert\u00e4felung, herrlich unbequeme Uraltb\u00fcrost\u00fchle und eine ganggenaue W\u00fcrfeluhr. Drei Herren treten an einen f\u00fcr sie reservierten Tisch. Einer gleicht dem Kurt Sowinetz aufs Haar, ein anderer dem ebenso verstorbenen Fritz Imhoff in seiner Korpulenz, schlie\u00dflich der dritte \u2013 als w\u00e4re J\u00f6rg Mauthe vom Totsein beurlaubt. F\u00fcr einen vierten, einen <em>Floridsdorfer<\/em>, wie sie ihn rufen, wird ein Getr\u00e4nk bereitgestellt. Der zieht es dann aber vor, sich den dreien nicht beizugesellen. \u00dcber die Tische entwickelt sich ein launiger Heckmeck. Man erkennt den Schm\u00e4h als Schmiermittel der Geselligkeit. Freundschaften erfahren ihre Belastungsproben in anz\u00fcglichen Witzen. Ein Blick auf die W\u00fcrfeluhr \u00fcber dem Raumteiler zwischen Schankzimmer und Extrast\u00fcberl: Im Nu sind zwei Halbe Bier vergangen. Die verflossene Zeit ist an den aus den Gef\u00e4\u00dfen entwichenen Fl\u00fcssigkeiten ablesbar. Im franz\u00f6sischen Arrondissement Cognac spricht man vom \u201eLa part des anges\u201c, vom Anteil der Engel, wenn man die Verdunstungsverluste des reifenden Weinbrands bemisst, k\u00f6nnte einem einfallen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich geht man vom \u201eReinthaler\u201c wieder weg und \u00fcberlegt einen Besuch des \u201eWien Museums\u201c am Karlsplatz, um Katalogrestposten und sonstiges Schrifttum zu sichten und <em>in eventu<\/em> nach dem Verbleib des quadratmetergro\u00dfen, sandsteinernen r\u00f6mischen Kanaldeckels in der Schausammlung zu fragen [Man erf\u00fchre dortselbst am Kassapoint von einem freundlichen Studiosi mit bundesrepublikanischer Sprachf\u00e4rbung, diesen verwahre seit geraumem das R\u00f6mermuseum am Hohen Markt.], kommt aber davon ab und schlendert stattdessen durch die Innenstadt, bevor man sich am Stephansplatz in die U1 stellt, um nach Transdanubien \u00fcberzusetzen, unterl\u00e4sst es jedoch, zuvor am Praterstern in die U2 zu wechseln, um endlich die in Bau befindliche sogenannte Seestadt in Aspern in Augenschein zu nehmen und f\u00e4hrt, in der sich allm\u00e4hlich leerenden Garnitur der U1 verbleibend, bis zur Endhaltestelle Leopoldau. Dort glaubt man sich nicht blo\u00df an die Peripherie versetzt, man bemerkt, dass man sich genau dort nun auch tats\u00e4chlich befindet, verschlagen zwischen den Bezirken Floridsdorf (21.) und Donaustadt (22.) und den an Wien angrenzenden nieder\u00f6sterreichischen Gemeinden Gerasdorf und Hagenbrunn.<\/p>\n<p>In Sichtweite eines k\u00fcnstlichen Berges, einer Deponiehalde mit fuhrwerkendem Raupenfahrzeug, quert man der \u00dcberf\u00fchrung der Seyringer Stra\u00dfe folgend Bahngeleise und geht von der Pinkagasse Richtung Lafnitzgasse durch eine Welt der Klein- wie Vorstadth\u00e4usler und findet sich endlich in einer parzellierten Schrebergartenidylle mit Hinweistafeln zu Schutzh\u00e4usern, Verhaltensreglements (\u201eRadfahren verboten!\u201c) und Schlie\u00dfzeitenusancen (\u201eDie Haupteing\u00e4nge sind in der Zeit vom _ bis _ , sowie vom _ bis \u00ad\u00ad_ jeweils eine Stunde vor Einbruch der Dunkelheit zu versperren!\u201c). Man muss an Karl Weidingers lapidaren Schund, der im Untertitel \u201eDie Verhaftung der Dunkelheit wegen Einbruchs\u201c lautet, denken. In der Thayagasse folgt man dem Verlauf der Schnellbahntrasse, deren Viaduktb\u00f6gen, Konstruktionen aus Stahlbeton, parallel zur Hochbahngasse einem seltsam anmuten. Unter- wie Oberbau scheinen verschiedenen Bauepochen zu entstammen, der \u00e4ltere Unterbau eindeutig einer Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Man wei\u00df nicht, dass man es mit der Hinterlassenschaft der sogenannten <em>Floridsdorfer Hochbahn<\/em> zu tun hat, die als Kriegswichtiges ab 1916 von \u00fcberwiegend italienischen Kriegsgefangenen errichtet worden war, jedoch ihre Vollendung nicht vor dem Zweiten Weltkrieg erlebte. Tats\u00e4chlich erfolgte eine Revitalisierung der Trasse erst zum Ende des S\u00e4kulums, was man aber <em>en d\u00e9tail<\/em> nicht vermutet, wenn man es nicht nachliest. Zwischen den Viaduktb\u00f6gen finden sich in den Tragepfeilern raumgro\u00dfe Aussparungen, die auch wirklich von einigen der Schrebergartenp\u00e4chter an der Hochbahngasse als Unterst\u00e4nde beansprucht werden, gleichwohl der Einstieg jeweils \u00fcber Kopfh\u00f6he ansetzt. Mehr oder weniger geschickt eingepasste Barackenw\u00e4nde bezeugen eine solche, der Neugierde der Passanten verstellte Nutzung.<\/p>\n<p>An der Endhaltestelle Siemensstra\u00dfe verpasst man den Bus nach Stammersdorf und verbringt die Wartezeit bis zum Eintreffen des n\u00e4chsten damit, die wenig beschauliche Gegend zu erkunden: Ein verkehrsreicher Stra\u00dfenknoten und ein Schienenstranggeflecht fallen auf. An der Bahnbr\u00fccke \u00fcber den Siemensplatz bemerkt man eine Skulptur, deren Sch\u00f6pfer auf der daneben affichierten Tafel genannt wird: Prof. Wander Bertoni. Die ebenso affichierte Bezeichnung \u201eWeinende Br\u00fccke\u201c irritiert das Verst\u00e4ndnis derart, dass man nicht <em>Weinen<\/em>, sondern <em>Wein<\/em> assoziiert und \u201eWein-Ende\u201c als Flurnamen fehldeutet. Zwei Bogensegmente aus Edelstahl formen die Plastik im \u00f6ffentlichen Raum, ihr Ineinandergreifen bleibt unterbrochen. Von Wander Bertoni hat man freilich schon geh\u00f6rt, von seinem omin\u00f6sen <em>Eiermuseum<\/em> gelesen. In einem Anfall von Konfusion mutma\u00dft man eine polnische Abkunft. In der Tat entstammt Wander Bertoni der Reggio Emilia, geriet 1943 als Zwangsarbeiter nach Wien und studierte nach dem Krieg an der Akademie der Bildenden K\u00fcnste bei Fritz Wotruba. Das Werk \u201eWeinende Br\u00fccke\u201c erinnert an den Beitrag der italienischen Kriegsgefangenen am Bau der Floridsdorfer Hochbahn. Man wei\u00df sich dieser Umst\u00e4nde eingedenk erst nach dem sp\u00e4teren Nachlesen der historischen Fakten.<\/p>\n<p>Mit dem Bus nach Stammersdorf f\u00e4hrt man bis zur Haltestelle Br\u00fcnner Stra\u00dfe und wechselt dort in die Stra\u00dfenbahn der Linie 31 Richtung Schottenring. Vorbei am Augarten gew\u00e4rtigt man die beklemmenden Hochbauten der Flakt\u00fcrme, die dank nicht-abgedeckter \u00d6ffnungen in den Seiten ihrer verwandelten Bestimmung als Tauben(kot)gr\u00fcfte gerecht werden. In der Meldemannstra\u00dfe \u00fcberkommen einen b\u00f6se Reminiszenzen. Am Gestade zum Donaukanal k\u00f6nnte man \u00fcber das Treiben um einen herum sinnieren oder ebenso die E\u00dflinggasse hochgehen und tut es auch. Am B\u00f6rseplatz beachtet man die Terrakottakacheln an der Fassade der B\u00f6rse und das Kinderjauchzen aus dem gegen\u00fcberliegenden Gmeinerpark mit den voller Ausgelassenheit in Beschlag genommenen Spielger\u00e4ten.<\/p>\n<p>Im <em>Iuridicum<\/em> nutzt man das Angebot der \u00f6ffentlichen Toiletten, klappert in der Schottengasse abermals Buchhandlungen ab, begibt sich durch die Herrengasse auf den Michaelerplatz und schwenkt von dort auf den Kohlmarkt ein. Bevor man den <em>Meinl am Graben<\/em> betritt, l\u00e4uft einem ein Hubert-Gorbach-Darsteller \u00fcber den Weg, eines der Reptilien der <em>Schwarzbraunen Koalition<\/em> und gleich bedauert man es, ihm einen Schlag ins Gesicht zu verpassen nicht den Anstand zu haben. Im Gesch\u00e4ft kauft man Kreuzk\u00fcmmel, Fruchtaufstrich von der Kornelkirsche und Apfel-Preiselbeere-Sprudel, begegnet auf der mit Samtl\u00e4ufern ausgeschlagenen, knarzenden Treppe zwischen den Stockwerken dem nieder\u00f6sterreichischen Landeshauptmann mit der Clownsglatze und erwehrt sich noch einmal des Anfallsgef\u00fchls des Zuschlagenm\u00fcssens, ehe man sich einer der umscharten Kassen n\u00e4hert, wo die angenehme Tunlichkeit herrscht, die eingekauften Waren eingepackt ausgeh\u00e4ndigt zu bekommen. In einer weiteren Buchhandlung am Graben erwirbt man die Taschenausgabe des Romans \u201eMittelreich\u201c von Josef Bierbichler als Mitbringsel f\u00fcr seine lesemanische Mutter sowie ein B\u00e4ndchen der Reihe Reclam Sachbuch \u00fcber die Indianer Nordamerikas, in dem man unter anderem vom Los der Oneida erf\u00e4hrt.<\/p>\n<p>In der Herrengasse verschwindet man abermals in den Schl\u00fcnden der U-Bahn, ist bet\u00f6rt von der Anmut japanischer wie koreanischer Frauen und steigt am Westbahnhof in den Zug nach Bregenz, f\u00e4hrt allerdings nur bis Linz mit. In Bregenz gibt es ein <em>Kunsthaus<\/em>. Das man bereits h\u00e4tte gesehen haben sollen, als dort vor Jahren die gro\u00dfe Louise Bourgeois-Retrospektive angesetzt war. Aber Barbara Kruger hat man ja auch verpasst.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Bernhard Hatmanstorfer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a title=\"spazierensehen\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2528\">spazierensehen<\/a> | Inventarnummer: 14036<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hin und wieder muss man nach Wien. Nach Paris, London oder New York \u2013 Seoul nicht zu vergessen \u2013 nat\u00fcrlich auch. Aber nicht so oft wie nach Wien und Wels oder Passau. 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